Untot in Gostenhof: (3) "Die große Angst"

Obwohl draußen finstere Nacht herrschte und die schweren schwarzen Vorhänge vor den beiden Fenstern sorgfältig zugezogen waren, tröpfelte von irgendwo her milchiges Zwielicht in das Schlafzimmer. Im Bett, das an der Wand stand, lagen Onkel Serban und der Schattenlose und hatten die dicken Daunendecken bis an die Nasenspitzen hochgezogen. Auch von Ida und Tante Mathilda, die sich im großen Ehebett gegenüber der einzigen Tür eng aneinander schmiegten, waren nur die Köpfe zu sehen. Alle vier schwiegen sie und starrten gebannt auf den Ziegenschädel, der über dem Türbalken an die Wand genagelt war; eine angstvolle Anspannung schwebte fast greifbar im Raum. Plötzlich ließen drei harte Schläge an der Tür die Liegenden heftig zusammen zucken. Onkel Serban riss sich zusammen und fragte mit belegter Stimme:
»Wer da?«
»Ich bin’s, Vladimir. Lasst mich hinein!« lautete die Antwort.
»Es ist offen«, rief Serban.
Ein schwarz gekleideter Mann, um dessen dürren Schädel sich ein verfilzter Haarkranz wand, trat hastig ein. Von seinem Rock rieselte leise Staub, ein intensiver Geruch nach Moder breitete sich rasch aus.
»Wo warst du so lange?« zischte Ida. »Wir haben uns bereits Sorgen gemacht!«
»Tut mir leid«, krächzte Großonkel Vladimir, »ich bin noch einmal eingeschlafen.«
»Wir haben keinen Platz mehr in den Betten«, jammerte Tante Mathilda. »Wo soll Vladimir bloß hin?«
»Ich setze mich einfach in den Schrank«, sagte Vladimir gelassen und verschwand lautlos in Mathildas wuchtigem Kleiderschrank.
Wieder wurde es vollkommen still im Raum, und vier Augenpaare starrten auf die gehörnte Schädelplatte über der Tür. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis Mathilda es nicht mehr aushielt.
»Jedes Jahr das gleiche!« brach es aus ihr heraus. »Irgendwann ertrage ich das nicht mehr!«
»Immer mit der Ruhe«, sagte Serban und bemühte sich, seine Worte ruhig und fest klingen zu lassen. »Wir haben es bisher noch jedes Mal überlebt, und auch dieses Jahr werden wir es wieder schaffen.«
»Und wie war das damals, als ihr euch drei Tage lang in dem Sarkophag des Bischofs verstecken musstet?« fragte Ida, und in ihrer Stimme mischten sich Angst und Vorwürfe. »Als alle Einwohner des Dorfes nach euch suchten, und sie mit Fackeln in jeden Keller stiegen?«
»Weißt du, wie lange das her ist?« verteidigte sich Serban.
»Mir kommt es so vor, als wäre es gestern gewesen«, wimmerte Mathilda und zog die Decke endgültig über den Kopf.
»Und als die jungen Burschen mit Hammer und Eichenpflock über den Berg kamen, weil sie meinten, ihren Mut beweisen zu müssen?« ergänzte der Schattenlose. »Onkel Drago hatte damals unverschämtes Glück, dass sie ihm nur ein Loch in den Wams bohrten!«
In diesem Moment näherte sich auf der Straße, von den Vorhängen kaum gedämpft, das Geräusch eines Dieselmotors. Ein Auto hielt direkt vor dem Haus, zwei Türen wurden geöffnet und wieder in Schloss geworfen. Alle hielten den Atem an. Schritte waren zu hören, eine Stimme rief etwas unverständliches. Erst, als sich das Motorengeräusch längst wieder entfernt hatte und die Welt draußen wieder in tiefes Schweigen gefallen war, atmeten die vier eingemummten Gestalten vorsichtig auf.
Diesmal bracht der Schattenlose, der bisher mucksmäuschenstill seinen roten Haarschopf ins Kissen gedrückt hatte, das Schweigen.
»Verdammt! Verflixt und zugenäht«, schimpfte er.
»Das macht mich echt fertig! Da!« flüsterte Ida mit erstickter Stimme. »Sie kommen wieder! Hört ihr?«
Tatsächlich hörten alle ein schnarrendes Geräusch, dessen Ursprung sich nicht ausmachen ließ.
»Ein Motor ist das nicht«, sagte Serban.
Alle lauschten gebannt auf das Brummen, das scheinbar immer lauter wurde, je länger sie angestrengt lauschten.
»Es ist Onkel Vladimir«, verkündete auf einmal Ida. »Er schnarcht.«
»Das ist doch zum Kotzen!« murrte der Schattenlose.
»Man könnte sagen: eine einzige Speisal!« kicherte Ida.
Nach kurzer Zeit begann Mathilda, zunächst nur leise und dann immer lauter zu lachen und endlich stimmten auch Serban und der Schattenlose in den Heiterkeitsausbruch ein. Da erklang plötzlich ganz nah der Schlag einer großen Glocke. Gewaltig dröhnte die tiefe Schwingung in dem kleinen Zimmer wie in einem Resonanzboden, und abrupt verstummten die vier. Immer mehr Glocken begannen zu läuten, von überall her dröhnten die Schläge, bis die Luft förmlich Wellen schlug wie ein Blech, an dem ein Zirkushühne rüttelt. Ida und Mathilda, Serban und der Schattenlose zogen die Bettdecken über den Kopf und verharrten in angstvoller Starre. Dann, anfangs fast unmerklich, ebbte der Klang der Glocken wieder ab, nach und nach verstummten sie, bis es schließlich wieder vollkommen still in der Welt außerhalb des Zimmers war.
»Geschafft!« schrie da Ida und sprang aus dem Bett. Sie hatte komplett angekleidet unter der Decke gelegen. Aus einer der Taschen ihres schwarzen Kleides fischte sie hastig eine Zigarette und zündete sie sich an. »Wir haben es geschafft!« rief sie.
»Dem Teufel sei es gedankt!« seufzte Mathilda stand ächzend auf.
»Seht ihr«, sagte Onkel Serban und zog knirschend seine Stiefel an. »Wie ich es gesagt habe: der Ostersonntag kommt und geht, ohne dass uns jemand belästigt hätte…«
»Und Großonkel Vladimir?« fragte der Schattenlose.
»Der kann weiter im Schrank bleiben«, sagte Tante Mathilda. »Es reicht, wenn er sich morgen wieder in seinen Sarg im Keller verzieht. Wir trinken jetzt als erstes einen Likör, würde ich sagen, zur Feier des Tages den besten Blutbeerenlikör westlich der Karpaten.«


 

Erzähler: Carsten Striepe
Ida: Julia Gruber
Onkel Serban: Moses Wolff
Tante Mathilda: Verena Schmidt
Der Schattenlose: Philipp Abel
Onkel Vladimir: Arthur Roscher

Regie/Schnitt:
Andreas V. Weber
Titelmusik:
Andreas V. Weber

Andreas Vincent Weber: Yoko und John – Eine Liebe aus Kaltschaum

Irgendwann in Amsterdam. Ein sonniger Morgen erhellt eine Suite in einer Jugendherberge. YOKO und JOHN erwachen gerade in ihre Flitterwochen hinein. Auf dem Tagesplan stehen heute eine original Industriehafenrundfahrt und eine coole Käseverkostung. Der Wecker gibt
einen Urschrei von sich. YOKO klappt hoch und begrüßt den Tag.

Y, herzallerliebst: Hui, was für ein schöner Morgen! Da möchte ich doch mal meinen Lieben Mann aufwecken. JOOOOHN! AUFWACHÄN JETZT! WIR HABEN HEUTE VIEL VOR!

John stöhnt, schält sich aus den Federn und sieht nicht ganz so frisch aus. Sein Bocklevel ist sichtlich low.

J: Was ist denn los mein Hasenpfötchen? Wie spät ist es denn?

Y, gewaltig schreiend: HALB SIEBÄÄHN! IN NER HALBEN STUNDE GIBTS ESSEN UNTEN!

J: Ach Rohrspätzchen, können wir nicht noch ein bisschen liegen bleiben? Nur 5 Minuten? Ich kauf uns dann später ne Dose Fisch und Chips unten am Hafen, ok?

Y: JOHN! KEINE AUSREDÄN! WIR WOLLEN DOCH SIGHTSEEING MACHÄN!

J: Ja schon, aber wir können auch noch in fünf Minuten Sightseeing machen, Hurzelpurz!

Y: WIR SIND HIER IN DER SCHÖNSTEN STADT EVER UND DU WILLST PÄNNÄN? DA HAB ICH MIR JA EINEN TOLLEN MANN GEANGÄLT! AMSTERDAM HAT DEN SECHSTGRÖSSTEN INDUSTRIEHAFÄN VON DER GANZÄN WÄLT. WAS KANN DENN JETZT WICHTIGER SEIN ALS SO EINÄ. EINMALIGÄ. INDUSTRIEHAFÄNRUNDFAHRT?

J: Na, Der Weltfrieden.

Y: DER WAS?

J: Der Weltfrieden.

Y: DAS HAB ICH AKUSTISCH SCHON VERSTANDÄN! ABER WAS HAT DAS MIT DEM WELTFRIEDÄN ZU TUN, WENN DU DA RUMLIEGST?

J: Joghurtschnäuzchen, wenn überall auf der Welt jetzt gerade alle Menschen noch ein bisschen liegen bleiben würden, dann wäre immerhin schon mal fünf Minuten Weltfrieden, oder?

Y: HM DA HAST DU WOHL RÄCHT!

J, erstaunt: Ja, wirklich?

Y: JA! LEG DICH RUHIG HIN! SCHNÄLL, BEVOR SIE WIEDER BOMBEN IRGENDWO REINSCHMEISSEN! LOS, SCHLAFÄÄN!

John ist sichtlich verwundert und schüttelt den Kopf und Yoko sieht ihrem Mann dabei zu, wie ihn der Kaltschaum zufrieden schmatzend in sich aufnimmt.

[bliep]

Werbeunterbrechung: Hallo Kids! Mein Name ist Dr.Mabuse und ich bin Zahnarzt. Immer wieder werde ich gefragt, wie man seine Zähne am besten vor dem abfaulen schützt. Leider fragen das die meisten Menschen erst, wenn ihnen die – sie verzeihen mir den Ausdruck – gammeligen Stumpen schon auf halb 12 aus dem Fressbrett hängen. Tja, blöd gelaufen.
Dabei ist die Lösung so simpel wie genial: Einfach zweimal täglich Zähneputzen. Wichtige und wertvolle Gesundheitstipps wie diesen erhalten sie jede Woche in der Apothekerbeschau. Ein erhabenes Magazin, gedruckt auf echtem Papier zum anfassen und zum riechen.Apothekerbeschau: Das Magazin für die Ewigkeit. Jetzt in jeder Apotheke

[bliep]

JOHN wacht auf und muss sich schütteln. das Zimmer ist berstend voll von
Menschenmaterial. es handelt sich um ein Rudel Journalisten, die das junge Paar keck mit ihren Digitalkameras anpirschen, Immer auf der Suche nach heißen Neuigkeiten zum aktuellen Weltgeschen. Drollig!

J flüsternd zu Yoko: Wer sind diese Leute?

Y leise schreiend: DAS SIND JOURNALISTÄN, JOHN!

J: Um Himmels Willen, wieso das denn? Ist das nicht gefährlich? Sind die Stubenrein?

Y: WIR MACHÄN JÄTZT KUNST JOHN!

J: Bittewas?

Y: KUNST! JOHN!

J: Ja das hab ich akustisch schon verstanden, Schmusekätzchen. Aber was hat das alles zu
bedeuten?

Y: WIR MACHEN EIN BED IN! WIR SIND ALSO QUASI IN THE BED DRINNEN, JOHN. UM ZU PROTESTIERÄN!

John ahnt worauf das ganze hinausläuft, reibt sich die Stirn und startet sein Morgendliches Yogaprogramm. Es beginnt mit dem Sandwurm.

J: Für den Weltfrieden, stimmts?

Y GENAU! DU BIST SOOOOOOOOOO. KLUG.

Das Rudel wird immer unruhiger. Die Jungtiere lechzen nach frischem Informationen, da tritt der Alpharüde hervor und beginnt zu investigieren. Ein Verhalten, dass in dieser Jahreszeit für ältere Journalisten übrigens vollkommen natürlich ist.

Journalist: Wuff! Guten morgen die Herrschaften, Wolfram Eschenacher von der Züricher Zeitung. Sie protestieren hier also für den Frieden?

J: Ja, naja … also demonstrieren … das war mehr so ‘ne kindliche Trotzreaktion …

Journalist: sehr interessant WUFFWUFFWUFF!. Und was soll das bringen? ist das nicht ein bisschen – verzeihen sie mir den Ausdruck – arrogant von ihnen? Dass Sie denken, dass sie durch herumlümmeln WUFFWUFF wirklich etwas verändern können?

Y säuselnd: Das ist nicht arrogant, sondern antiautoritär. Wissen sie, wenn nämlich alle Menschen einfach mal länger liegen bleiben täten, dann wäre ja auch auf der ganzen welt …

Journalist: HAHAHAWUFFWUFFWUFF sind sie nicht putzig?

Das Rudel, das bisher still zugehört hat, kann sich vor Bellen nicht mehr halten. Zwei Jungtiere, die wohl Ihren Platz in der Gruppe behaupten müssen, brechen aus der Gruppe
aus.

Jungjournalist Tim: TIm von der Bento hier, wüff. Wann wird endlich gebumst bei euch?

Jungjournalist Tom: Tom von Vice, kläffkläff. Genau! Wir brauchen Content!

Ein wilder Tumult bricht los. John und Yoko verschränken ihre Arme und bleiben regungslos sitzen. Den Journalisten wird klar, dass hier nichts weiter passieren wird und sie traben aus dem Zimmer.

J: Endlich sind die weg. Naja, dann können wir jetzt ja runter zum Früh…

Y: BIST DU DOOF? DU MACHST NOCH UNSER KUNSTWERK KAPUTT! DU BLEIBST SCHÖN LIEGEN!

J: Aber ich hab Hunger

Y: NICHTS GIBTS, DIE KUNST GEHT VOR. MEINST DU, JOSEPH BEUYS HÄTTE SICH AUS SEINEN KUNSTWERKEN ERST EINMAL EIN SCHMALZBROT GEMACHT, NUR, WEIL ER EIN BISSCHEN HUNGER HATTE? NEIN HÄTTE ER NICHT! ER HAT GETAN
WAS GETAN WERDEN MUSSTE! NÄMLICH KUNST. SO!

J: Is’ ja gut mein Zitronenfalter. Dann warte ich eben noch bis … wie lange soll dieses

Kunstwerk denn überhaupt stehen?

Y: EINE WOCHÄ. UND TAGSÜBÄR KANN MAN VORBEIKOMMEN UND SICHS
ANSCHAUÄN!

J. Eine Woche? Tagsüber anschauen? Ach Rattenpups, das halte ich aber für gar keine gute …

Es klopft zurückhaltend an der Tür. Ein älterer Mann mit verschmierter Hornbrille steht im Türrahmen. Er heißt Mammut und hat einen Strauß Blumen dabei. Außerdem weint er ein bisschen, aber das tut er würdevoll.

Mammut: Ich hoffe ich störe nicht. Ich weiß, wie schwer das gerade für euch ist.

Yoko und John schweigen. Sie wüssten sowieso nicht, was sie jetzt sagen sollten. Der Mann hat offenbar seelische Schmerzen. Mammut schreitet auf das Bett zu und legt die Blumen und die Pralinen daneben.

Mammut: Ich wünsche euch, auch im Namen der Gewerkschaft, ganz ganz viel Kraft. Ihr schafft das!

Mammut nickt kurz und verschwindet möglichst schnell. Ihm war dieser Besuch offensichtlich etwas peinlich

J: Aha, und so sehen jetzt also unsere Flitterwochen aus oder was?

Da erschallen Schalmeien und ein kleiner Junge mit lustiger Frisur tritt in den Raum. Er stampft mit jedem Schritt fest auf und hat ein zusammengekniffenes Gesicht. Er denkt wohl, dass ihn diese Gesichtsartistik wütender aussehen lässt, aber unsere beiden
Friedensaktivisten deuten das als unschuldige Niedlichkeit.

J: Oh schön, ein Kind! Kinder sind unsere Zukunft! Komm doch her, kleiner Fratz!

Der Junge stapft entschlossen auf das Bett zu

Junge: So ihr beiden Spinner, jetzt steht schon auf!

J: Nanu? Ein Kunstbanause?

Y: Wie heißt du denn, Junge?

Junge: Ich bin der Präsident von den US von A!

J, kichert: Na sowas

Y: JOHN!

Junge: Halt die Fresse, du Hippiepenner! Nimm gefälligst deinen Präsidenten ernst!

J: Ich bin aber Engländer!

Junge: Mir reichts! es ist fünf vor 12 und ihr lümmelt da rum. Und ganz Amerika mit euch.

J: Ganz Amerika?

Junge: Ja, ganz Amerika! Die Wirtschaft ist am Boden! Nichts geht mehr. So traurig!

J verwirrt: Also bist du jetzt traurig oder die Wirtschaft?

Junge: Ich bin nicht hier um über Wirtschaft zu diskutieren! Fakt ist, dass Alles stillsteht, bis ihr endlich aufsteht.

Y: Aber das war doch der Sinn, das ist antiautoritärer Protest …

J: Ein Scheiß ist das! Ihr hört sofort damit auf! Ich halt jetzt so lange die Luft an, bis ihr aufsteht!

J: Nein tu das nicht! Sowas endet böse!

Der Junge hält die Luft an. Yoko und John sitzen da und schauen ihm beim Blauwerden zu. Einige Minuten vergehen bis der Junge endlich bewusstlos umfällt. Poff.

J, vergnügt: Wow, das ganze hat ja echt was gebracht! Und ich konnte tatsächlich noch fünf Minuten schlafen. Und irgendwie hat es ja doch auch ein bisschen Spaß gemacht.

Y: DAS WAR EIN VOLLER ERFOLG! LASS UNS DAS BALD MAL WIEDER MACHEN,

JOHN!

J: Wie könnte ich da nein sagen, meine kleine Schreischnauze?