Zeha Schmidtke: Wildnis

Ein milder Dienstagnachmittag. Auf der schmalen Straße vor dem berankten Ziergartenzaun pickt eine Elster an etwas frisch Überfahrenem.

Hinter dem Zaun ist der Kinderspielplatz heute kaum besucht. Zwei Eltern schaukeln ihr korpulentes Kind mit gemeinsamer Kraft. Eine weitere Mutter hat sich auf die Holzumrandung des Sandkastens gesetzt und beobachtet glücklich seinen Säugling, der im Sand liegt und mit den Ärmchen rudert. 

Zu ihr setzt sich ein drahtiger Fremder und beginnt mit leiser Stimme grußlos dieses Gespräch.  

– Ist das da Ihrer? 

– (zustimmend) Das ist Paul.

– Der kann ja gar nix.

– Wie bitte?

– Liegt im Sand und kann kaum den Kopf oben halten. Erbärmlich.

– Hallo? Er ist gerade mal fünf Monate alt!

– In der Wildnis wär er keine drei Tage alt geworden. 

– Aber sonst geht es Ihnen gut, ja? 

– Sie sollten sich lieber fragen, ob das gut ist, was Sie da tun. Sie erziehen Ihr Kind zu einer Beute!

– Ich pass schon auf, keine Sorge.

– Das Giraffenjunge wird bereits wenige Minuten nach seiner Geburt von seiner Mutter zum Laufen gezwungen. 

– Das kann man doch nicht vergleichen!

– Warum? Sind Sie dümmer als eine Giraffe?

– Werden Sie mal nicht pampig. Es reicht langsam!

– Sehen Sie sich die schwächliche Frucht Ihrer Lenden doch an! Wenn sich ein Raubtier mit offenem Rachen auf ihn stürzen würde, dann könnte er nicht einmal den Kopf heben, um seinen Henker zu betrachten!

– Wissen Sie: Raubtiere sind auf Kinderspielplätzen dann doch eher selten.

– Wie lang will Ihr Kind noch warten? Die Welt wartet nicht auf Ihr Kind! 

– Und Sie sind schon als Löwenbändiger auf die Welt gekommen, oder was?

– Ich war mal genau so wie Ihr kleiner Schwächling da. Aber widrige Umstände haben mich früh auf eigenen Beinen stehen lassen. 

– Tja. Wir haben halt alle unser Schicksal…

– Die Eltern von einem Lastwagen gerissen. Ich musste mich schnell allein behaupten. 

– Das ist traurig. Aber Paul ist trotzdem noch ein Baby! Wenn er in Ihrem Alter ist, dann wird er auch für sich sorgen können.

– So schnell soll aus diesem hilflosen Wurm ein überlebensfähiger Krieger werden? Sind Sie sich da sicher?

– Natürlich bin ich mir da sicher.

– Was glauben Sie: Wie alt bin ich?

– Ist mir doch egal. Mitte, Ende Dreißig. Die Ecke.

– Ich bin auf den Tag genau sieben Jahre und drei Wochen alt.

– Was?

– Ich sagte doch, dass mich die Umstände früh auf eigenen Beinen haben stehen lassen.

– Quatsch.

– Hier mein Geburtsarmbändchen mit dem Datum. Das Einzige, was mir blieb. Wenn Sie Ihrem Sohn einen Gefallen tun wollen, dann stehen Sie jetzt auf und lassen ihn hier zurück. Sonst lernt er es nie.

– Das ist doch gefälscht…

– Sehen Sie! Er isst Sand! Er beginnt bereits, für sich selber zu sorgen! Sie sind es, die ihn bremsen. Gehen Sie! GEHEN SIE!

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