Zeha Schmidtke: 1.10. Gärtnervater

Der Gemüsehändler fegt den Boden. Die Türglocke klingelt.

Händler
Oh, die Türglocke.

Kunde
Guten Tag. Folgendes: Ich will heute Abend richtig lecker kochen. Wir sind zu fünft. Da hätte ich gerne frischen Rosenkohl, möglichst kleine Köpfchen, und für die Vorspeise sechs mittelgroße Artischocken. 

Händler
Es tut mir leid. 

Kunde
Keine Artischocken? 

Händler
Es tut mir leid: So ein Laden, wie Sie ihn suchen, ist das hier nicht.

Kunde
Wieso? Draußen steht doch „Gemüsehandlung“. Und ich will Gemüse.

Händler
Nein. Sie wollen arrogantes Modegrünzeug. Und das gibt es hier nicht.

Kunde
Das ist ein Scherz.

Händler
Ein Scherz ist es, wie sich Ihre Artischocke benimmt, seitdem sie zur Arzneipflanze des Jahres gewählt wurde.

Kunde
Ja, Mensch. Dieses bedeutende gesellschaftliche Ereignis ist komplett an mir vorbeigerauscht.

Händler
Wie sich die Artischocke seitdem zum floristischen Dekorationselement aufbläst! Sich als Diätmittel und Wellness-Tee den Snobs und Neureichen an den Hals wirft! Dabei ist sie im Grunde ihres Artischockenherzens nichts anderes als ein Distelgewächs! 

Kunde
Aber Rosenkohl werden Sie doch haben.

Händler
Warum nicht gleich Königin-Der-Nacht-Kohl? Wie dekadent muss eine Pflanze sein, um einen zyklischen Blütenaufbau auszubilden!? 

Kunde
Das fragen Sie am besten den Rosenkohl selbst.

Händler
Ich frage aber Sie! Der Rosenkohl wächst bedecktsamig. Er schämt sich seiner Samen! Meinen Sie auch, man müsse sich seiner Natur schämen? 

Kunde
Nee, da gehen der Rosenkohl und ich getrennte Wege. Apropos gehen.

Händler
Dann ist ja alles klar. Hier, bitte. 

Er präsentiert dem Kunden ein paar welke Blätter schmutziges Grün. 

Kunde
Was ist das jetzt?

Händler
Ehrlicher, nahrhafter Baumspinat. Er hat sich nie in den Vordergrund gedrängt. Ein Model in diesen Schicki-Micki-Kochzeitschriften wollte er nie werden. Er bleibt bescheiden und tut seine Arbeit.

Kunde
Sieht ja schon auch aus wie Unkraut.

Händler
Kommt es denn heute wirklich nur auf das Aussehen an? Sagen Sie mir: Zählen die inneren Werte noch etwas?

Kunde
Doch, natürlich! Wie ist er denn so von innen, der Kollege Baumspinat?

Händler
Er hat ein violettes Herz. Violett ist die Farbe der Frömmigkeit und der Kunst! Wegen diesem kleinen Kerl mache ich das Ganze hier überhaupt nur. Ich bin froh, dass er in Ihre Hände kommt. Für 12,70. 

Kunde
Ja, ich bin auch froh. Dass ich jetzt nach Hause geh. Mit ihm.

Der Kunde zahlt und verlässt den Laden.

Händler
Hörst Du mich, Vater? Hast Du mir nicht immer gesagt, ich würde nie zum Gemüsehändler taugen? Ich kann sogar Unkraut verkaufen, Vater! 12,70 für Unkraut! Und morgen, Vater, verkaufe ich einen Baumstrunk!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.