Untot in Gostenhof: (2) "Hochzeitsvorbereitungen im Wald"

Der Schnee fiel in dicken Flocken vom nächtlichen Himmel über der Stadt, als ein silbernes Auto langsam um die Ecke einer verwaisten Straße bog und vor einem uralten Wohnhaus stehen blieb, über dessen Hauseingang zwei fauchende Fratzen, die kunstvoll in den Sandstein geschlagen waren, die Besucher willkommen hießen. Wie aufquellender Hefeteig wälzte sich Dunkelheit zwischen den spärlich gesetzten Straßenlaternen, in deren blass-gelben Lichtkegeln die Schneeflocken wie Schmetterlinge tanzten. Die junge Frau am Steuer des Wagens trug trotz der Finsternis, die sie umgab, eine Sonnenbrille.
Sie zündete sich eine Zigarette an, deren Glut ihrem bleichen Gesicht einen orangefarbenen Schimmer verlieh. Sie blies den Rauch gegen das beschlagene Seitenfenster und drückte zwei mal hintereinander scharf auf die Hupe. Kurz darauf öffnete sich die Tür des Hauses, in dessen Fenstern nirgendwo Licht brannte. Zwei dunkle Gestalten traten heraus, beide waren in dicke schwarze Mäntel gehüllt und barhäuptig, das Haar stand ihnen in wilden Büscheln vom Kopf, dem kleineren der beiden wie ein Reisigbesen steil nach oben, dem anderen in alle Richtungen wie ein weißer Flammenkranz.
»Hallo, Ida«, sagte der kleinere der beiden Männer.
»Hallo Schattenloser. Hallo Onkel Serban«, begrüßte Ida ihre beiden Fahrgäste.
Ida gab behutsam Gas und lenkte das Fahrzeug vorsichtig durch die frische Schneedecke um die nächste Kurve. Die Spur der Räder erinnerte Passanten, die wenig später über die Kreuzung stapften, an eine große Schlange, die sich um eine Frauengestalt windet, aber natürlich waren die Sichtverhältnisse miserabel und die Leute betrunken. Der Schattenlose saß in der Mitte der Rückbank und beugte sich so weit vor, dass er Ida seitlich ins Gesicht sehen konnte.
»Bei allen heulenden Höllenhunden«, sagte er, »ich bin Dir unendlich dankbar, Ida, dass Du uns bei diesem Sauwetter in den Wald fährst.«
»Keine Ursache, Alter«, sagte Ida und ließ den Wagen mit Hilfe der Handbremse um eine scharfe Kurve schlittern. »Die Angelegenheit fängt bereits an, mir Spaß zu machen.«
»Weißt Du schon, was Du morgen Nacht auf der Hochzeit anziehen wirst?« fragte Onkel Serban seine Nichte und zündete sich einen Zigarillo an.
»Wärst Du so nett und würdest mir auch eine Kippe anzünden?« erwiderte Ida, »Ehrlich gesagt, weiß ich es noch nicht. Ich schwanke noch zwischen einem rückenfreien schwarzen Kleid mit langen Ärmeln und dem schwarzen Kleid mit dem tiefen Ausschnitt, das ich bei Tante Mathildas zweihundertstem Geburtstag anhatte.«
»Du siehst sowieso immer umwerfend aus«, schmeichelte der Schattenlose. Ida zog missbilligend den linken Mundwinkel empor und entblößte einen langen, kalkweißen und nadelspitzen Eckzahn. »Spar dir deine leblosen Komplimente! Wie bist Du eigentlich mit dem Bräutigam verwandt, Schattenloser?« fragte sie den Schattenlosen.
»Das ist ein wenig kompliziert. Sein Urgroßvater und der Großonkel meiner Mutter sind Halbgeschwister. Degenerierter Landadel, sie stammen aus der Gegend um Schäßburg.«
»Ha« quittierte Ida diese Erklärung. »Im Vergleich zu unserer Sippe in Transsylvanien sind das ja geregelte Verhältnisse!«
Inzwischen hatten sie die letzten bewohnten Vororte hinter sich gelassen und Ida steuerte den Wagen sicher über Feld- und Forststraßen tief in den Wald, der sich rings umher schwarz über das hügelige Gelände ausbreitete.
»Wo genau müssen wir lang, Onkel Serban?« fragte Ida.
»Noch ein wenig geradeaus, die Anhöhe dort vorne hoch und danach bis zu einer Wegkreuzung. Dort halten wir uns links und sind dann auch schon da.«
Bald hielt Ida auf ein Zeichen Serbans hin den Wagen an und stellte den Motor ab.
»Ich warte hier auf euch«, sagte Ida, nachdem im und um den Wagen eine Weile absolute Stille geherrscht hatte.
»Wir werden uns beeilen«, versicherte Serban, »Und es macht dir wirklich nichts aus, im Auto auf uns zu warten?«
»Nein, gewiss nicht. Göring wird mir Gesellschaft leisten, stimmt’s Göring?«
Eine fette schwarze Spinne seilte sich vom Dachhimmel des Wagens herab. Sie blieb auf Höhe des Rückspiegels, der ein menschenleeres Wageninneres zeigte, hängen und signalisierte Zustimmung, indem sie leicht am Faden wippte.
Serban und der Schattenlose stiegen aus, und Serban schulterte seine antike Schaufel. Die beiden verschwanden zwischen den dicht wachsenden Fichten.
»Wie weit ab vom Weg liegt er?« fragte der Schattenlose, dessen kantige, breite Schultern wie ein Pflug durchs Unterholz brachen. Klebriger Schnee platschte von den Ästen und tote Zweige knackten unter dem festen Tritt der Männer.
»Sechsundsechzig Schritte von der verdorrten Birke aus«, erklärte Serban. Er wirkte gegenüber seinem Begleiter sehr groß und elastisch, und zwischen seinen Lippen, die er stumm bewegte, während er zählte, dampfte der kurze Rest des Zigarillos. Nach genau sechsundsechzig Schritten blieb er stehen und rammte die Schaufel in den Boden.
»Hier ist es«, verkündete er, indes er keinen Zweifel an der Richtigkeit seiner Angabe ließ. Sie begannen abwechselnd zu graben und hoben in kürzester Zeit ein rechteckiges Loch aus, das genauso breit und so lang war wie ein Grab.
»Oh weh, mein Kreuz«, stöhnte Serban einige Male, wenn er sich gerade aufrichtete. »In meinem Alter sollte man einfach nicht mehr nachts im Wald Löcher graben.«
Dann stießen sie schließlich auf die vermoderten Reste eines Bretts, das sie behutsam aus der Grube zogen, so dass das Skelett eines darunter begrabenen Toten offen vor ihnen lag. Serban machte seinen Arm ganz lang und griff routiniert nach dem Brustbein des Toten, dessen Knochen von ledrigen Resten der Sehnen zusammen gehalten wurden. Serban zog den Knochenmann aus der Grube und streckte ihn auf der frisch ausgehobenen Erde daneben aus.
»Und – hast Du ihn?« fragte der Schattenlose und beugte sich über Serban, der sich in der Hocke an den knöchernen Händen zu schaffen machte. Um die Halswirbelsäule des Toten baumelte eine abgeschnittene Schlinge, das Seil war ausgefasert und verschimmelt, aber der Knoten hatte der Verwesung standgehalten.
»Hier! Wie ich es sagte, er trägt ihn noch am Finger«, frohlockte Serban.
Er richtete sich auf und hielt einen kleinen Gegenstand zwischen Daumen und Zeigefinger dicht vor sein Gesicht. Nachdem er den Ehering mit ein paar Tropfen Spucke an seiner Hose sauber gerieben hatte, glänzte das Gold im diffusen Widerschein, der zwischen den schneebedeckten Ästen hindurch sickerte.
»Danke, dass Du mir aus der Patsche geholfen hast, Serban. Als ich heute Morgen mit nur einem Ring da stand, war ich am Rande der Verzweiflung.«
»Kein Problem, Schattenloser«, winkte Serban ab und tätschelte die Schulter des Anderen. »Wir sollten jetzt zum Auto zurückgehen und zuvor möglichst rasch den Kollegen hier wieder in seine Grube schaffen. Ich bin ebenso bis aufs Gebein durchgefroren wie er hier.«
»Geht mir genauso. Ich habe mir schon gestern geschworen, dass ich mich zum letzten Mal freiwillig um Hochzeitsringe für die junge Anverwandtschaft gekümmert habe.«


 

Erzähler: Carsten Striepe
Ida: Julia Gruber
Onkel Serban: Moses Wolff
Der Schattenlose: Philipp Abel

Regie/Schnitt:
Lukas Münich
Titelmusik:
Andreas V. Weber

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.