Raphael Stratz: Geschichte einer Selbstbefreiung

Eigentlich hatte P. es nicht tun wollen. Viel zu lange hatte er sich gesträubt, sich dem Gedanken widersetzt. Was hatte er nicht alles getan, um ihn aus seinem Kopf zu bekommen? Er hatte sich selbst verboten ihn zu denken, hatte sich seinem unveränderbar scheinenden Schicksal gefügt. Er hatte alles über sich ergehen lassen, all die Demütigungen hingenommen und sich nebenbei selbst verboten, den Gedanken der Befreiung und des echten Lebens in seinen Kopf hineinzulassen.

Nächtelang war P. wachgelegen. Nicht im Stande zu schlafen, da ihm seine Träume nicht gehorchen wollten und immer wieder dasselbe nach oben spülten. Wenn er dann schweißgebadet aufwachte, oft schreiend, und keinen Ausweg erkennen konnte, wusste er im Grunde seines Herzens, dass er es irgendwann würde tun müssen. 

Und doch hatte er es so lange geschafft, sich zu widersetzen.

Zu behaupten, er hätte ihn töten wollen, wäre nicht nur eine Lüge, es wäre eine Kränkung ohnegleichen gegenüber P. gewesen. Er hatte diesen Mann geliebt. Er war alles, was seinem Leben einen Sinn gegeben hatte. Er war abhängig von ihm gewesen. Und genau diese Abhängigkeit war das Problem. Er hatte ihn entmenschlicht. Hatte ihn von allen anderen abgeschirmt und nicht zugelassen, dass sie ihn sahen. Wenn er nicht gehorchte, hatte er ihn eingesperrt, bis er wieder handzahm war.

Es war kein Leben gewesen, das er mit ihm gehabt hatte. Es war schlicht und ergreifend die Hölle und das war ihnen eigentlich beiden klar gewesen, darüber war P. sich sicher. Auch wenn andere das vielleicht nicht erkannten, aber der Meister der Hölle war ein sympathischer älterer Herr mit Schnauzbart und runder Brille.

Seinen Plan, ihn umzubringen, hatte er gefasst, als er ihn wieder einmal in der viel zu engen Kiste eingeschlossen hatte, die sich nur von außen öffnen ließ. Wie jedes Mal hatte er panisch um sich geschlagen, hatte versucht, irgendwie zu entkommen und der allumfassenden, kompakten Dunkelheit zu entrinnen. Genützt hatte es wie immer gar nichts, aber dieses Mal war plötzlich alles anders. 

Als er sich hin und her warf, entgegen jeglicher Vernunft versuchte, sein Gefängnis aufzubekommen, obwohl sein Mechanismus das gar nicht zuließ, stieß er sich den Musikantenknochen an. Dieser Schmerz, der ihn daraufhin durchzuckte, ließ ihn sich zusammenkrümmen. Er hielt sich den schmerzenden Ellenbogen und atmete tief durch. Das war es, was ihn zur Besinnung kommen ließ. 

Er lag zusammengekrümmt auf der Seite und machte sich seine Situation zum ersten Mal seit Jahren überhaupt bewusst. Warum tat er sich das an? Warum ließ er zu, dass dieser Mann ihn behandelte, als wäre er sein Eigentum? Warum wehrte er sich nicht, wenn andere ihn wie Luft behandelten? Und überhaupt: Warum griff niemand ein? 

In diesem Moment hatte er erkannt, dass nur er selbst sich aus dieser Lage befreien konnte, für alle anderen war er unsichtbar. Er hatte ganz still in der Kiste gelegen und nachgedacht.

Ihn umzubringen war ihm selbstverständlich in den Sinn gekommen, alles andere wäre eine Lüge.

Doch hatte er sich diesen Gedanken nicht zu denken getraut. Wegzulaufen war auch keine Option. Wo sollte er denn hin? Erstens würde er keinen anderen Ort finden, an den er konnte und zweitens würde ihm niemand glauben, das wusste er.

Die einzige Möglichkeit, die er hatte, schien die zu sein, sich selbst das Leben zu nehmen. Doch das kam für ihn nicht in Frage. Er hing am Leben als solchem. Also blieb ihm nur, seinen Peiniger zu töten.

Wie er es anstellen würde wusste er nicht genau. Zumindest am Anfang nicht. Doch er tüftelte sich einen Ablauf aus. Zuerst musste er ihn bewegungsunfähig machen. Besser noch: Bewusstlos. Wenn er das schaffte, wäre es ein Leichtes, den Rest zu erledigen. Wer sich nicht wehren konnte, war ein leichtes Opfer. Er überlegte sich verschiedene Wege, wie er ihn würde ausschalten können. Ihm mit irgendeinem harten Gegenstand eins überzuziehen, sodass er die Besinnung verlor, war zwar verlockend, jedoch konnte er sich selbst gut genug einschätzen, um zu wissen, dass ihm dafür schlicht die Kraft fehlte. Und ihm eins aufzubraten und damit nicht den gewünschten Effekt zu erzielen würde sich mit Sicherheit noch negativer auf sein Leben auswirken als gar nichts zu tun.

Er dachte auch über anderes nach. Er könnte dafür sorgen, dass er die Treppe hinunterfiel. Allerdings war auch das mit Unwägbarkeiten verbunden, die ihm zu riskant erschienen. Wenn er blöd aufkam und direkt tot war, wäre er zwar frei, doch das Gefühl der Rache, nach dem er inzwischen ehrlicherweise immer mehr gierte, würde sich sicherlich nicht einstellen. 

So kam er schließlich zu dem Ergebnis, dass die beste Variante wohl die wäre, die er für sich selbst als erste im Kopf gehabt hatte, bevor er diesen Gedanken verwarf. Gift war zumindest als Anfang eine gute Option. Er tüftelte verschiedene Möglichkeiten aus, wie er ihm dieses zuführen konnte. Eine Möglichkeit wäre gewesen, es ihm in sein Bier zu mischen. Das trank er regelmäßig und viel zu viel. Es hätte auch kein Problem dargestellt, es unbemerkt hineinzubekommen, da er oft angetrunkene Flaschen offen in den Kühlschrank stellte, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu leeren. Das Problem bestand vielmehr darin, dass er keinen Zugang zu einem Stoff hatte, der sich dabei adäquat einsetzen ließ. Zwar gab es in der Werkstatt immer mehr als genug Stoffe, die eine giftige oder zumindest sedierende Wirkung hatten, doch diese hätte er alle herausgeschmeckt. Vermutlich hätte er den Geschmack nicht zuordnen können und das Bier für verdorben gehalten, aber die gewünschte Wirkung wäre auf diesem Weg eben nicht erzielt worden. Ihm kam auch der Gedanke, einfach Schnaps unter das Bier zu mischen, aber hier wäre der Effekt wohl entweder derselbe gewesen oder er hätte es zwar nicht bemerkt, aber dann wohl auch nicht ausreichend getrunken, um ordentlich weg zu sein.

Als ihm eine Lösung einfiel, war diese zwar nicht besonders elegant, aber so einfach, dass er sich selbst darüber wunderte, weshalb ihm dieser Einfall nicht schon viel früher gekommen war. Er musste ihn nur erwischen, wenn er eingeschlafen war. Ein gewisser Rausch konnte dabei nicht schaden, aber zwingend notwendig war er auch nicht.

Trotzdem wartete er einen Abend ab, an dem er noch etwas mehr trank als gewöhnlich.

Geduld war eine Tugend, die er sich mit den Jahren zwangsläufig hatte aneignen müssen. Wenn er in der Kiste eingeschlossen war, war sie seine einzige Rettung. Wenn er nichts zu essen bekam, war Geduld das einzige, das ihn aufrecht hielt. Und wenn wieder einmal andere Menschen bei ihnen waren, die ihn gar nicht erst wahrnahmen, oder die vielmehr so taten, übte er sich ebenfalls in Geduld, bis sie wieder fort waren. 

Der Abend, an dem er schließlich zur Tat schreiten konnte, kam früher als gedacht, doch wäre er auch jahrelang zu warten im Stande gewesen. Es war ein Sommerabend im August. Er war den Tag über alleine gewesen, zwar nicht in der Kiste, aber dennoch eingesperrt im Haus. Beinahe wäre er schon im Staub liegend eingeschlafen, als er ihn hereinkommen hörte. Er war wohl mit seinen Freunden beim Kegeln oder Kartenspielen gewesen, auf alle Fälle hatte er getrunken. Auf der Treppe hielt er zweimal inne, um tief durchzuatmen, einmal stolperte er an den Stufen. Dass er in dieser Verfassung war, erleichterte die Sache ungemein. P. fasste den Entschluss, es jetzt zu tun, sofort und ohne sich weiter große Gedanken darüber zu machen. 

Er würde es jetzt versuchen und sollte es misslingen, war die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass er sich am nächsten Morgen entweder gar nicht mehr daran erinnerte oder es schlicht für einen bösen Traum hielt. 

Er setzte sich auf und wartete ab, bis das Gepolter oben verstummt war. Als Ruhe einkehrte, schlich er sich so leise er konnte in sein Schlafzimmer, um die Lage zu überprüfen. Tatsächlich hatte er sich einfach ausgezogen und war auf sein Bett gefallen. Die Zähne hatte er sich zuvor offenkundig ebenso wenig geputzt, wie er irgendeine andere Form der Hygiene betrieben hatte. Das war widerlich, doch passte es in diesem Moment zu ihm und P. sollte es egal sein. Ein sauberer Toter war so viel wert wie ein ungewaschener, es kam darauf an, dass er am Ende nicht mehr leben würde. 

Er schlich sich wieder aus dem Zimmer und nach unten, wo er den Lumpen hervorholte. Er hatte ihn bereits vor einiger Zeit aus dem Abfalleimer gezogen und gut versteckt, sodass er ihn griffbereit hatte, sobald sich eine Gelegenheit bot. Wie er ihn präparieren würde, hatte er sich ebenfalls im Voraus überlegt. Da er nicht genau wusste, welche der Substanzen, die ihm zur Verfügung standen, am wirksamsten wären, um ihn wirksam auszuschalten, hatte er sich entschlossen, eine gute Mischung herzustellen und einfach alles zu verwenden. Damit hatte er einigermaßene Sicherheit, dass das richtige dabei war.

Er tunkte den Lappen in Leim, Lack, Alkohol, Farbe und andere Gefäße, deren Inhalt er nicht benennen konnte, die aber nicht rochen, als seien sie sonderlich gesund. Dabei achtete er stets darauf, dass die verschiedenen Stoffe nur die untere Hälfte des Lumpens bedeckten, sodass er ihn noch immer ordentlich halten konnte, ohne etwas davon an die Finger zu bekommen.

Damit ausgerüstet schlich sich P. zurück in das Schlafzimmer, wo sein Peiniger sich unruhig in seinem Bett herumwälzte. Er legte ihm den Lappen ohne Umschweife auf das Gesicht und stahl sich wieder hinaus. Was jetzt kam, war der schwierigste Teil. Er begab sich in die Werkstatt, wo er das Rollbrett, auf dem schwere Gegenstände durch die Gegend geschoben werden konnten, an sich nahm. Er schleppte es zurück in das Schlafzimmer, wo er ihn betrachtete.

Er war nur einige Minuten fortgewesen, doch das Herumwälzen hatte sich inzwischen gänzlich eingestellt. Nun lag der Mann, der ihn seit Jahren als seinen Gefangenen hielt, der ihn wie sein Eigentum behandelte und ihm sein Leben diktierte, reglos da. 

P. war erstaunt darüber, mit welcher Gleichgültigkeit ihn dieser Anblick erfüllte. Er hatte im Voraus befürchtet, dass ihn große Traurigkeit überfallen würde, wenn es auf das Ende zuging, war allerdings davon ausgegangen, dass er viel wahrscheinlicher von Erleichterung beflügelt wäre. Doch in diesem Moment war da einfach nur eine große Leere. 

Er atmete tief durch und kam zu der Einsicht, dass dies damit zu tun haben mochte, dass er noch nicht fertig war. Es gab noch einiges zu tun und außerdem konnte er sich auch noch nicht sicher sein, dass es wirklich schon vorbei war.

Noch einmal ging er zurück in die Werkstatt. Von der Werkbank nahm er sich die akkubetriebene Stichsäge und schleppte sie an das Bett. Was nun kam, war nicht schön, doch es musste sein. So, wie dieser Mann sein Leben zerlegt hatte, würde er nun ihn zerlegen.

Diesen Vorgang zu beschreiben, würde niemandem helfen, allenfalls wirre Geister könnten sich daran erfreuen. Wir springen daher zu dem Zeitpunkt, an dem P. diese Arbeit abgeschlossen hatte.

Tatsächlich ging die Sonne bereits wieder auf, als er alles vollendet hatte. Ohne Pause hatte er gearbeitet und Knochen für Knochen zersägt und die abgetrennten Teile im Anschluss auf das Rollbrett geladen. Immer, wenn dieses voll war, hatte er es zur Treppe geschoben und hinunterpoltern lassen. Das war zwar laut, jedoch befand sich niemand in der Nähe, dem es hätte auffallen können. Als er mit allem fertig war, hatte er die Einzelteile in der Kiste verstaut, in die selbst immer gesperrt worden war.

Nun war er frei und mit dem Sonnenaufgang kam auch die Erleichterung, die er sich so sehr erhofft hatte. Er war wieder richtiggehend fröhlich. 

Zum ersten Mal seit vielen Jahren hüpfte P. ausgelassen durch die Gegend und schmetterte einen selbsterdachten Reim: 

„Die Kommode ist schon ein Gewinn
Meister E., der liegt zerteilt darin!“

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