Matt S. Bakausky: Fetzen

Gut, nun sitze ich also in diesem dunklen Kasten fest.
Der Duft nach verbrannten Papier ist gar nicht mal so unangenehm, nur die stickige Luft ist störend.
Leise höre ich draußen die abgemagerten Ratten durch die Dunkelheit huschen.
Als kleines Kind ekelte ich mich immer, wenn ich diese dreckigen Viecher sah.
Mittlerweile weiß ich, dass sie zwar massenhaft Krankheiten übertragen, aber nicht die
widerlichste Spezies auf diesem Planeten sind.
Gegen diese Plage gibt es genauso kein Mittel wie gegen die Ratten.
Die Nagetiere sollen mit vergifteten Futter angelockt werden, doch sozial niedrig stehende Männchen werden als Vorkoster eingesetzt und somit die anderen Ratten gewarnt.
Der Tod eines Einzelnen ist gleichgültig. Wie bei der anderen Plage auch. Es gibt nun einmal so viele davon.
Aber hier gibt es nicht mal mehr jemanden, der versucht sie zu vergiften.
Hier gibt es niemanden, der überhaupt etwas versucht.
Die Ratten selbst finden nicht genug zum Fressen und ernähren sich größtenteils von den hier verbotenerweise abgelagerten Abfällen einer dieser Billig-Schönheitskliniken. Nasen. Haut.
Und vor allem Fett. Doch diese Schuppen locken mittlerweile so gut wie keine Touristen mehr in diese Gegend.
Also werden die Ratten zu knochigen Kriechern. Sie haben keine andere Wahl. Vielleicht haben sie auch nur die Seele dieser Plastikpuppenfabriken aufgefressen und leben ihren eigenen Schönheitswahn aus. Warum sollten sie sonst gerade hier leben?
Langsam beginne ich etwas zu frieren. Die Metallwände meiner Einzimmerluxusvilla sind komplett ausgekühlt.
Luft gibt es sicher noch genug für ein paar Tage. Redet man sich zumindest ein. Ein Retter unvorstellbar. Keine Menschenseele traut sich hier her. Zumindest nicht mehr. Es ist zu gefährlich.
Nicht so gefährlich wie draußen, eigentlich. Aber das merkt anscheinend niemand.
Mittlerweile durfte der Geruch nach verbrannten Büchern dem Geruch nach meinem Eigenurin weichen. Kein angenehmer Duft, aber angenehmer als der Duft der Leute, die früher als Touristen zu den Gesichtsmetzgern kamen. Eine Geruchs-Kakophonie aus Rosen-, Lavendel, Vanille und sonstigen Parfums. Widerlich.
Aber die stickige Luft hier riecht nach Wahrheit, Aufrichtigkeit und Bahnhofstoilette.
Plötzlich höre ich ein lautes Geräusch, welches dem einer Sirene gleicht. Langsam spüre ich wie ich diesen Ort verlasse. Die Dunkelheit, der Gestank, die Luft, meine Gedanken – alles verschwindet. Ich bin frei.

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