Matt S. Bakausky: Das sechste Ei

Peinlich wäre es mir einen Bekannten zu fragen.

Nur noch wenige Tage bis Ostern. Ich hatte bereits ein Sechserpack Ü-Eier gekauft. Sie schauten mich vom Tisch aus an und es kam mir so vor als würden sie meine Lage belustigend finden. „Der ist 33 und will noch Ostereier suchen!“ … „Der kennt niemanden der uns für ihn verstecken will!“…“Voll der Versager!“

Ich steckte mir Kopfhörer in meine Ohren und stellte die Geräuschunterdrückung an. Dämliche Eier, kennen mich doch gar nicht. Ich wollte nur Ostereier suchen, wie ich es als Kind getan hatte.

Karfreitag war ich so frustriert, dass ich im Supermarkt neben einer Dose Bratheringe zwei Flaschen Wodka aufs Band legte. Die Kassiererin wünschte mir frohe Ostern. „Für Sie vielleicht!“, dachte ich mir, sagte jedoch nichts und packte die Waren schnell ein. Eine schöne Scheiße.

Zu Hause verhöhnten mich die Überraschungseier wieder. „Versager, Versager, Versager“. Ich nahm die Packung und steckte sie in den Schrank. Elendige Dreckseier, ihr habt doch keine Ahnung, dachte ich mir während ich das erste Glas mit Wodka füllte.

Dann startete ich die Passion Christi auf Netflix. Eine Wodkaflasche leistete mir Gesellschaft vor dem Schirm, die andere wartete im Kühlschrank auf mich.
Nach dem dritten Glas fühlte ich mich besser und hatte Lust raus zugehen. Ich schrieb einen Bekannten an und verabredete mich mit ihm in einer Bar. Während ich auf ihn wartete, trank ich schon mal ein Bier. Die Stimmung musste aufrecht gehalten werden.

Als ich am nächsten Tag  voll bekleidet inklusive Schuhen auf dem Boden liegend in meiner Wohnung aufwachte, wusste ich nicht mehr wie ich nach Hause kam oder was sonst in der letzten Nacht passiert war. Ich fühlte mich grauenhaft.

Nach drei bis vier Gläsern Wasser war es Zeit für ein Katerfrühstück. Ich hatte doch noch Brathering von gestern! Auf der Suche nach der Dose, fand ich die Ü-Eier-Schachtel. Sie war leer. Hatte ich sie gegessen? Ich schaute mich um, fand den Fisch und zwei leere Wodkaflaschen. Keine Spur von diesen gelben Plastikbehältern oder diesen Plastikfiguren und so weiter. Die Ü-Eier waren einfach verschwunden. Ich machte mich über den Hering her.

Den Rest des Tages verbrachte ich Abschnittsweise im Bett, in der Küche beim Wasserhahn und auf dem Klo.

Nach einer schlecht geschlafenen Nacht kam der Ostersonntag. Frisch aus der Dusche griff ich in den Kleiderschrank und wühlte nach einer Unterhose. Dabei fühlte ich plötzlich etwas ovales. Ich zog es heraus und siehe da: Ein Überraschungsei. Ein Flashback im Gehirn: Ich, wie ich im Vollrausch auf die geniale Idee komme Ostereier zu verstecken. Gute Arbeit, betrunkenes Selbst.

Eins von sechs habe ich schon. Was für ein Spaß. Nach und nach fand ich die anderen und sammelte meine Trophäen auf dem Tisch. Eins in der Abstellkammer hinter den Staubsaugerbeuteln, eins im Nescafé-Glas, eins in den Winterstiefeln im Flur. „Na, was sagt ihr jetzt, Eier?“ Sie jubelten mir zu. „Du bist der Größte!“, „Echt stark!“, „Was für ein geiler Typ!“

Das fünfte fand ich unter dem Bett. Dann vergingen Minuten, die zu Stunden wurden. Das sechste Ei wollte nicht auftauchen. Die anderen fünf fingen an immer mehr zu kichern, desto mehr Zeit verging.

In meiner Bude sah es aus wie nach einer Hausdurchsuchung. Irgendwann brach ich erschöpft zusammen in Mitten von den auf dem Boden verteilen Gegenständen.  
Das war das schönste Ostern seit langem! Seit meiner frühen Kindheit wahrscheinlich!

Die Überraschungen aus den Eiern stellte ich auf das leergefegte Bücherregal über dem Bett. Jede Nacht ruft von da oben der kleine Plastikzwerg herunter: „Na, wo ist das sechste Ei?“ Und das zusammengebastelte Auto hupt daraufhin schallend. Spätestens wenn dann der Plastikhelikopter hämisch den Propeller rotieren lässt, steige ich wieder aus dem Bett und setze meine Suche fort.

Jeder Mensch braucht eine Aufgabe im Leben. Viele suchen ihr Leben lang nach ihr. Ich hatte meine gefunden.

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