Lisa Neher: Venus

Das ist Nadja. Gerade sitzt sie an der Nummer drei von sechsundzwanzig. Die Arbeit an der Kasse mag sie sehr, das Fließband ist ihr Laufsteg, die Kassenbucht ihre Bühne. Pro Stunde rauschen rund zweihundert Kunden an ihr vorbei und allen schenkt sie ihr
spiegelgeprüftes Supermarktlächeln, gratis zum Einkauf obendrauf. Die glossy
geschminkten Lippen formt sie – nur leicht – zu einem rosa schillernden Halbmond,
gerade so, dass die Faltenbildung sich auf ein Minimum beschränkt. Würde sie lächeln
und es bei jedem dahergelaufenen Kunden auch wirklich so meinen, das ergäbe um die achthundert mal am Tag, würde die Muskelgruppe rund um ihre verlängerten Wimpern eine wichtige Hautpartie in Falten legen und das würde ihre Jugend, naja sagen wir ihr jugendliches Aussehen, versauen. Sie würde dann aussehen wie eine vierzig, aber sie ist neununddreißig. Und sie ist heiß, so heiß. Das weiß sie, weil die Blicke der richtigen Männer lüstern und die der richtigen Frauen beißend sind – wie saurer Regen sind. Doch eigentlich wird sich daran, selbst wenn sie bald vierzig ist, auch nichts ändern – spätestens dann wird sie genug Geld für notwendige Maßnahmen haben. Letztes Jahr um diese Zeit aber hat Nadja all ihr Geld und all ihre Urlaubstage auf einmal genommen.

Einfach den Winter ausblenden und dorthin fahren, wo es warm ist, davon träumen sie, die Leute in Mitteleuropa. Im Internet gab es tolle Angebote für Fernflüge in die ganze Welt. Mit Schnäppchen kennt Nadja sich aus, also hat sie die Sparangebote
durchforstet, geduldig wie die Göttin, die sie ist. Und so ließ sie sich nach Südamerika fliegen, wo sie in einem schicken Ferienresort residierte, um dort Muscheln zu essen,
Gincocktails mit Beeren zu trinken und mindestens zweihundertfünfundzwanzig Tage zu bleiben. Am Ende waren es vierundzwanzig.

„Wir öffnen Kasse vierundzwanzig für Sie.“ Endlich. Der Startschuss für den
Feuerameisenhaufen am Marktende. Nervös analysieren die Kundenköpfe die Lage der Konsumation: Lohnt es sich stehen zu bleiben, oder soll ich noch wechseln? Wie viel hat der Typ da hinter mir? Wie groß ist der Einkaufswagen der Mutti, die sich ihren Weg zum Zahlen bahnt? Ob ich wirklich richtig steh? Eins, zwei oder drei. Die Schlange an der Nummer drei, an der Nadja sitzt, war viel zu lang geworden und der Druck hoch. Egal wie schnell man das Zeug über den Scanner zieht, die Kunden haben die Kontrolle. Sie trödeln, trödeln, trödeln und schmeißen damit Nadjas Kassenproduktivität über den Haufen, der sich am Ende des Pults in Form von Wildlachsimitat und Haarspray – zum Beispiel – stapelt. Jenga, Tetris, Mikado – alles ein Witz dagegen, denn die Arbeit an der Kasse ist kein Spiel. Sie ist ein sich ständig wiederholender Zweikampf, Dienstleister gegen Käufer und am Ende muss doch immer der Kunde König bleiben. Letztes Jahr um diese Zeit war Nadja die Königin. La Reina. So wurde sie immer von den Animateuren im Hotel genannt. Die haben Bikram Hot Yoga gemacht und Komplimente und die besten Drinks im – naja, im Land kann sie nicht sagen, denn sie hat das Resort eigentlich nie verlassen – wozu auch? Auf jeden Fall besser als alles, was sie zuhause je gekostet hatte.

Erdbeeren im Dezember, denn im Supermarkt gibt es schon lange keine Jahreszeiten
mehr. Sprühsahne aus der Dose, Kuh egal. Bananen. Ein Damenrasierer. Pinkes
Markenprodukt, und für Marke muss man zahlen, für pink sowieso. Schön blöd, wo es
doch Heißwachs gibt. Das schmerzt zwar, doch sitzengelassen werden nach einem
perfekt vorbereiteten Date auch – denkt Nadja, während sie die Waren abkassiert, und
Viel Glück. Dass Erdbeeren mit Schlagsahne ein gutes Sexleben und somit den Erhalt
der Beziehung prophezeien ist ein Mythos, der schneller geschmolzen ist als ein
Eiswürfel auf nackter Haut. Aber Nadja sagt: „Vierundzwanzig, fünfundsechzig, bitte.“
Die Kundin hört das nicht, denn sie hat Kopfhörer im Ohr und glotzt auf die Preisanzeige.

Sehr höflich. Wahrscheinlich hört sie George Michael oder irgendeinen Kuschelrock-Klassiker, um sich schonmal auf Erotik zu polen.
Letztes Jahr um diese Zeit saß Nadja am Tresen des Club Tropicana. Die Himbeeren
am Boden der Martinigläser waren schnapsgetränkt und einer der Animateure hatte
Schichtende. Während sie da so gemeinsam allein unter den palmenförmigen
Neonlichtern schwitzten, fragte er nach ihrem Leben in Deutschland und nach ihrem
Mann. Er fragte nach Kindern und Nadja sagte „da ist keiner“. Aber sie erzählte ihm alles andere, vor allem von der Arbeit und er antwortete was von the stars … the moon … you… wow.

Bananen, Olivenöl, Kleenex-Box, Kondome. Was hast du vor, du widerliches Arschloch, denkt Nadja und sagt „Neun, siebenundachtzig, bitte.“ Der Kunde streckt ihr seine geballte Faust entgegen, ignoriert die Kleingeldablage am Kassenband und lässt Münzen mit Körpertemperatur in Nadjas notgedrungen offene Hand fallen. Dass der Betrag, wie er mit süffisantem Lächeln beteuert, passen sollte, glaubt sie sofort und schmeißt das Geld ohne zu zählen in die Schublade. So ambitioniert wie er diesen
Einkauf getätigt hat, muss er bereits zuhause zusammengerechnet haben, wie viel seine Anschaffung kosten wird. Dann hat er die Münzen aus seinem Sparschwein gekippt und sie in seiner schwitzigen Pranke durch die halbe Stadt getragen, durch die Straßen, durch die Gänge, durch die Schlange, um sie nun wie flüssiges Gold in die
wohlgecremte Hand der Kassiererin träufeln zu lassen. „Die Nummer drei schließt, bitte legen sie keine Waren mehr aufs Band.“ Nadja greift zum Desinfektionsmittel.

Letztes Jahr um diese Zeit wollte der Animateur vögeln, aber Nadja sagte „Ne ne,
Amigo“. Immer wieder hat sie seine Hand von ihrem Oberschenkel genommen und mit ihren falschen Fingernägeln einen Kreis in die Luft um ihren Körper gezeichnet, um ihre Zone klarzumachen. Dann streckte sie ihre Handflächen in seine Richtung, um seine Zone zu definieren. My place, your place. Der Animateur nickte, Nadja kicherte, er griff neckisch nach ihren Fingern und wurde nicht müde.

Pepsi Cola, Club Mate, Apfelschorle, Mineralwasser – still und spritzig. Stapelchips,
Brezen vom Backshop, Trauben – rot und grün. Die Waren der Anarchie. Die Anarchie
der Supermarktkunden. Sie nehmen sich ein Getränk aus dem Kühlschrank und trinken drauf los. Sie sprühen sich ein mit Testern und verlassen das Geschäft, in dem sie eine dicke Wolkenschicht aus Parfum hinterlassen. Sie pflücken sich Trauben – man muss ja schließlich sicher gehen, dass das, wofür man gleich sein Geld ausgeben wird, auch schmeckt – und stopfen sie sich in den Mund. Dabei fühlen sie sich wie die letzten
Revoluzzer. Oder irgendwie erhaben. „Ich darf das, ich werde das ja gleich bezahlen.“
Letztes Jahr um diese Zeit hatte Nadja plötzlich Panik. Ihr wurde mal wieder klar, dass
ihre Schönheit vergänglich ist, da würden ihr auch keine Spas und Schönheitsfarmen im All-Inclusive-Programm weiterhelfen. Dass vielleicht schon in einem Jahr kein gut
gebräunter Hotel-Animateur mehr ihre Hand am fackelumsäumten Bambustresen halten würde, machte sie traurig – war ihre Attraktivität doch alles, worauf sie sich ihr ganzes Leben lang verlassen hatte. Sie hatte weder finanzielle noch zwischenmenschliche Sicherheit zu bieten und da begann der Gin salzig durch ihre Tränenkanäle zu fließen.
Auf ihre Wangen und auf das Polohemd des Animateurs.

Hackfleisch, Joghurt, Fischstäbchen, Bourbonvanille Eiscreme. Kurz vor Feierabend
geht Nadja durch die Gänge und schmeißt weg, was nicht mehr an seinem gekühlten
Platz liegt. Den ganzen Tag über nehmen unentschlossene Einkäufer Produkte aus der
Kälte, denken dann fünf Meter weiter Nein doch nicht und legen es zu den
Herrenhemden. Oder zu den Eiern aus Bodenhaltung oder zu den Schnittblumen.
Kühlschränke, die eigentlich Kühlregale sind, weil sie keine Türen haben, kühlen ja sowieso den ganzen Raum, oder? Die Sachen schmelzen trotzdem, erst im Markt, dannim Container. Nadja und ihre Kollegen diagnostizieren eine unterbrochene Kühlkette und gehen nach Hause.

Letztes Jahr um diese Zeit war Nadja immer noch wach. Es war schon spät und sie
konnte den Sekundenzeiger der Armbanduhr hören, die ganz nah an ihrem Ohr tickte.
Der Animateur streichelte über ihre Stirn und ihr sonnengebleichtes Haar. In seinem
Schoß. Die metallischen Kettenglieder um sein Handgelenk funkelten teuer. Moment
mal. Sie hob den Kopf und musterte den Mann vor sich noch einmal genau, sein
makelloser Teint, seine starke Brust, das gestickte Logo darauf. Das waren Luxusartikel, die mit Sicherheit nicht allein vom Trinkgeld eines Hotelangestellten finanziert waren.
Was war seine Masche?

Bananen, Kokosnüsse, Granatäpfel, Mangos. Die Leute glauben immer, das
Warenangebot im Supermarkt sei ein Beweis für den Fortschritt der Welt. Aber eigentlich dreht sich das alles in die falsche Richtung. Es gibt kein richtiges Leben im Supermarkt.
Avocados wachsen in Mexico, Tomaten in Spanien. Flaschensammler geben Pfand
zurück. Salatgurken sind bio unter der Plastikfolie. Achtzehnjährige bezahlen die
Zigaretten und geben sie an irgendjemandes kleine Geschwister weiter. Die LKW-Fahrer lassen sich auf den süßen Geschmack von Automatencappuccino einladen und
schimpfen über den Stau auf der A9, wenn Nadja um fünf Uhr früh die Ware annimmt.
Sie schiebt die Pappkartons über die Edelstahlrampe und biegt an diesem Morgen
rechts ab statt links. Im Schatten eines Leerpalettenstapels öffnet sie die Bananenkisten, reißt das Plastik auf und räumt die halbreifen Früchte zur Seite. Am Boden der Schachtel liegen zehn vakuumierte Päckchen und Nadja lächelt. Sie lässt ihre Ringe über das einfolierte weiße Pulver streifen und muss richtig lachen. Die Partie um ihre braunen Augen legt sich in Falten. Jetzt wird es Geld regnen. Jetzt wird sie reich sein und für immer schön.

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