Kristof Künssler-McIlwain: LoversRock

Ich kam aus einem Land das nicht mehr existierte, und ich wollte an einen Ort, der nie existieren würde. Ein paar Jahre nach der Wende – ich muss zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein – war meine Mutter über Nacht mit mir und meinen drei Schwestern aus der Ostzone ins benachbarte Nordbayern gezogen. Von der Provinz, wo niemand etwas besaß in die Provinz, wo alle sehr viel besaßen, außer uns. Den Eltern der anderen, knorrigen Dialekt würgenden Kinder gehörten nicht nur die Häuser in denen sie wohnten, sondern auch das in dem wir wohnten, und auch das Autohaus daneben, und die Arztpraxis im Nachbarort.

Meine Mutter hatte sich zum zweiten Mal scheiden lassen, und nun spielte auch der zweite Vater keine Rolle mehr in meinem Alltag. Ihrem gelernten Beruf konnte sie der rigorosen Gesetzeslage im Freistaat wegen nicht mehr nachgehen, sodass sie – alleinerziehend mit vier Kindern – auf Jahre auf mehrere parallel zu absolvierende Shit Jobs angewiesen war, die mich bis heute fragen lassen, wie sie daran nicht zerbrochen ist. Woran denkt man, wenn man nach acht Stunden aus dem Sekretariat einer Baufirma zu einem weiteren Halbtag in der Küche beim „Griechen“ fährt.

Selbstredend war ich Außenseiter by design, wie jedes Ostkind, das nicht gerade von Westlern adoptiert, schnellstens neu eingekleidet und zum Logopäden geschickt worden war. Bei Exkursionen kam es vor, dass nur ich nicht mitfahren konnte, weil meine Familie die einzige war, die sich die Frage stellen musste, ob das bezahlbar war. Nach ein paar Jahren war ich alt genug, dieser Rolle etwas abzugewinnen, so wie jeder verlorene Teenie, der sich die eigene Verkorkstheit als Alleinstellungsmerkmal hindreht, um nicht den schlimmsten aller Wege gehen zu müssen, über Leistung anerkannt zu werden. Mit fortschreitender Zeit entwarf ich mir eine diffuse Punk-Identität, sah aber enorm scheiße aus, und wollte auch kein Nihilist sein, dafür fand ich zu viele Dinge eigentlich gut. Meine Punker-Gehversuche hatten mich jedoch in Kontakt gebracht mit einer Spezies, die mich faszinierte aufgrund ihrer ausdefinierten Widersprüche. Mein Sehnsuchtsort war eine Subkultur, ausgerechnet die der Skinheads.

Es gibt viele Typen die die Rollenanforderungen eines Skinheads erfüllen, mein fünfzehnjähriges Ich gehört nicht dazu. Man denke an eine dieser flockigen Rollentauschkomödien: Wie mache ich aus Cameron Diaz einen Schwergewichtsboxweltmeister. Ich trank – von wenigen Winterapfel-Exzessen als 13Jähriger gebrandmarkt – grundsätzlich keinen Alkohol, war noch dazu Vegetarier; ich hatte Respekt vor der entsprechenden Klasse, aber nicht das geringste Interesse an oder gar Wertschätzung für Arbeit übrig; ich war der Meinung, dass Frauen weder begrapscht noch bejohlt gehörten; ich war ein nachdenklicher, halb leptosomer Schatten, der vom ersten Kuss ein halbes Jahrzehnt entfernt war. Ich war Mrs. Doubtfire mit Buzzcut und Stahlkappenstiefeln.

Gerade in den mittleren Neunzigern tatsächlich schwer vermittelbar war, wie groß das Missverständnis ist, dass Skinheads und Neonazis das selbe seien. Skinheads entstanden Ende der 60er Jahre als britische Jugendkultur aus den Mods, anfangs gar teilweise einfach nur kurzhaarig, mit verbeulten Pullundern, Arbeitsstiefeln und Jeansjacken, und genauso kommunistisch, rassistisch oder realitätsverweigernd wie ihre schuftenden Verlierereltern. Traditionell war der urbane Teil stark durchsetzt mit schwarzen Jungs und deren Liebe zu karibischer Rowdy-Musik, sodass Ska und die frühen Spielarten des Reggae wie Rocksteady und Lovers Rock essentieller Bestandteil der Skinheadkultur wurden. Wir reden von einer Zeit, als Arschritzenschweiß-beseelter Oi!-Punk noch über zehn Jahre auf sich warten ließ. Erst in den Achtzigern schaffte es die National Front erfolgreich, Skinheads gezielt für sich zu gewinnen, das gesellschaftliche Klima half nach, die Glatzen wurden kürzer, der Stil martialischer, und so wurden aus schicken Skins unansehnliche Naziskins mit Stiefeln bis zum Kinn. Nur wenige Jahre später war dieser Trend dann auch im restlichen Europa und den USA angekommen, der Rest ist Geschichte. Dieses Referat hat jeder antifaschistische Skinhead (je nach Radikalisierungsgrad „Skinhead Against Racial Prejudice“ oder Redskin) in den Neunzigern circa wöchentlich gehalten, und jedes mal Eltern/Lehrer/Großeltern/… hinterlassen, die ratlos den Kopf schüttelten ob der komplizierten Identitätswahl, wenn es doch auch einfach Bumstechnobiene oder Bauer hätte sein können, wie bei den meisten anderen Provinzteens. Sich von verpickelten männlichen Jungfrauen ohne Schambehaarung „Lovers Rock“ erklären zu lassen würde auch mir viel Geduld abfordern.

Aus mir wurde ein etwas verdrießlich wirkender Teenager, der erfolgreich etwas performte, das die anderen nicht waren, nie sein könnten, und ich war auf meine Weise einzigartig, für mich. Meiner Wahrnehmung zufolge gab es im kompletten Landkreis ungefähr zwei weitere Skins, die aber intellektuell in niedrigeren Ligen spielten. Mein Style entsprach der nerdigen, verkopften Interpretation eines Phänomens, welches weiter entfernt nicht sein könnte. Das Internet gab es noch nicht, das Identitätspuzzle in meine Kopf speiste sich aus Konzertbesuchen, mit der Post bestellten Fanzines und Plattencovern. Es gab keine Skinhead-Gang oder gar Szene deren Teil ich war, aber das war Teil meiner Performance, ich wollte ja auch deren Feedback lieber nicht haben.

Genaugenommen waren Kontakte zu „echten“ Skinheads, wenn sie denn stattfanden, eher unangenehm. Schwer atmend würden sie in meine Richtung kriechen, witternd dass ich keiner von ihnen war. Ich bevorzugte meine eigene Subkultur, mit mir als einzigem Protagonisten.

Als ich mittels Wochenendticket – damals dem Gegenwert eines Schnitzels mit Salat entsprechend – allein dreizehn Stunden und zehn Umstiege zu einem Ska-Festival nach Potsdam auf mich genommen hatte, sprach ich ca. 48 Stunden am Stück kein Wort außer „Ein Spezi bitte“.

Niemanden kannte ich, niemanden wollte ich kennenlernen. Ich inhalierte die Musik. Die schon weit über 50jährige Phyllis Dillon live zu sehen war eine Messe, und ihre Stimme eine bis heute andauernde Liebe geblieben. Als ungelenk wackelnder bebrillter Skinhead-Darsteller im viel zu großen Button-Down-Hemd wurde ich von älteren Typen ausgelacht, im Einmannzelt las ich John Irving, während um mich herum gebumst wurde, in jede zweite Frau verliebte ich mich wegen des Styles. Mein Horizont war näher an dem der nicht wenigen mitgebrachten Kinder in Lonsdale-Babyshirts als an dem ihrer Eltern. Dennoch lag mir meine Rolle, ich blieb in jeder Hinsicht eine Besonderheit, und hatte etwas gefunden, das nur mir gehörte. Ich war anders als meine Altersgenossen, und anders als meine Eltern. Das ging ein paar Jahre so weiter, bis ich Freunde fand, die mich merken ließen, dass es auch in anderen talgigen Nischen meine jeweilige Entsprechung gab. Wie umgekehrte Superhelden mit eigener Witzidentität und spezifischem Nerd-Skillset. Analog zu Schulhoffreaks wurden wir eine Schicksalsgemeinschaft, die sich gegenseitig Dinge zeigt, auf Konzerte fährt, nicht trinkt und nicht feiert, und so unschuldig in die Volljährigkeit schwebt, möglichst ohne auf die Fresse zu bekommen.

Irgendwann realisiert man, dass das Ich sich häutet, immer wieder. Manchmal erahnt man noch den Madenkörper der da mal war, mal bleiben wenige klebrige Fäden haften, aber eigentlich entschuppt man sich permanent, und man hat zum Glück Menschen gefunden, die einem dabei helfen. Jahre, Jahrzehnte später merkt man dann, dass jener erträumte Sehnsuchtsort natürlich eine Illusion war, aber auch, dass man als suchender Teenie nichts besseres hätte imaginieren können. Wer mit vierzehn nicht scheiße aussah, hat etwas falsch gemacht. Man entdeckt neue Liebe zu den kleinen Details von damals, die Rocksteady-Balladen schmecken mit Gin viel besser.

Man merkt noch mehr, wie sehr die Herkunft eine Rolle spielt, im Rückblick. Dass andere sich nie häuten konnten, weil manche Haut, manches Milieu nicht abgelegt werden kann vorm Blick der anderen. Man merkt, wer einfach mit austauschbaren Accessoires kokettierte, weil er/sie es sich leisten konnte, den Zeh kurz in die Subversion zu dippen; und wer wirklich eintauchen musste in

einen Fluss, der einen Hauptsache nur weg schwemmt.

Man sieht auch – vielleicht zum ersten Mal – die Stromschnellen, die andere absaufen haben

lassen, und die man selbst nicht mal bemerkt hat. Weil man ein weißer Hetero-Typ war, kein

Objekt, kein Körper mit nur Brüsten, weil man doch ein wenig freiwilliger das ist was man ist. Man ist erschrocken, wie wenig über das Absaufen geredet wurde, weil es doch ziemlich häufig vorkam, mit dem heutigen Blick. Und man wünscht, man hätte nicht nur seinen Schwestern zugehört, sondern auch anderen Frauen, und denen die sich den albernen Sehnsuchtsort nicht aussuchen können; denen, die trieben im Fluss, ohne Schutz.

Das freiwillige Eintauchen in eine „alternative“ Identität ist eine Self-fulfilling Prophecy, nie wirklich dazuzugehören. Verlorenheit als – auch unbewusster – Weg ist anfangs ein Thrill, weil er die Suche beinhaltet, die Versprechung. Irgendwann weicht alles einem Arrangieren mit der Tatsache, dass Suche nicht automatisch mit dem Konzept Ziel verknüpft ist. Dass die Verlorenheit keiner Verpackung mehr bedarf, die sie als solche erkennbar macht. Man performt nicht mehr die Verlorenheit, sondern ihre vermeintliche Abwesenheit. Man ahnt, dass man schon als Teenager keine andere Wahl hatte, als in den Fluss zu springen. Man bildet sich ein, man hätte seichte Uferböschungen gefunden, wo einem die Strömung nichts anhaben kann. Weil um einen herum so viele einen festen Boden unter den Füßen haben, schon immer hatten. Dabei musste man nicht einmal tatsächlich ins Wasser springen, man war schon lange mitten im Strom gewesen. Weil schon die Eltern darin trieben, und nie richtig Halt am Ufer gefunden hatten.

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