Katja Schraml: schlupf

„Und ist doch so, dass du die Tür aufreißen möchtst
und soviel Verlangen hast in dir drin,
dass dir die Flügel herauswachsen müssten aus dem,
was die anderen anschaun für deinen Buckel,
wenn eins bloß Augen dafür hätt und hätt an dich noch einen Glauben.
Aber das gibts ja nicht auf der beschissenen Welt.
Was dich beißt, sind nicht deine Flügel,
wo herausstoßen mit aller Gewalt,
das bleibt ewig dein Buckel.“

Marieluise Fleißer, Der starke Stamm

dem kaschpar wirds schlupfloch <gömställen1> unterm first zugemauert, weil er zu oft gegens fenster geflogen, zu viele brüche im glas verursacht, als dass ichs noch vertragen möcht. ihm nachtragen tu ichs nicht, doch die scheibe glas will keine*r mehr her|richten reparieren.

wo soll er jetzt hin? sucht er sich 1 neues versteck? in ritzen+schlitzen hinterm mörtel versteckt, in büschen+hecken vom gestrüpp verdeckt? <kriechen krabbeln + krauchen?> seit das navi keine großbuchstaben mehr kennt, folgt er täglich „dem weg“. (keine ahnung, wos endet.)

wohin er auch schaut, überall nisten sie schon, ziehen die brut hoch, stopfen die schnäbel, verteidigen lauthals ihr revier. was soll er noch hier? scharrfüße machen?

wandert er aus?
wohin könnt er gehen?
welche wege liegen ihm?

er hat keine heirat heimat mehr.

seit wochen siehst du ihn <epitheton ornans> unschlüssig umherirren <trödeln bis treideln>, verwirrt ackert er deine blumenbeettröge dir durch. doch da liegt längst kein korn mehr, die ratten habens dir jahrumjahr leergefressen, du pflanzt nichts mehr an.

seit dir der kaschpar gegens fenster geknallt – er weiß, dass dus beschriebst, bevor ers tat, das hat nichts geholfen (wie der stein für dein herzblut nicht das virus verhindert, das sich stets wie im richtigen leben <klandestin> nur unter der nachweisgrenze in deine texte geschrieben) – seit er dir <un|gelogen> gegen die scheiben geflogen, auf dass sie gesprungen geklirrt, sorgst du dich, er möcht dir was sagen, was nicht dein ohr erreicht, weil du lange schon taub für sein geschrei <krakeel krawall klamauk>.

und auf 1 leben <verb|leib+verderb> wirft er sich in deine ruhe hinein, schneidet die kabel des rads dir entzwei, dass du nicht mehr entfliehen kannst. ja, du machst ihn verantwortlich, auch für all die muskeln+sehnen, die du dir auf der flucht <überspannt> verrissen, auf dass du gelähmt in deinem zimmer hockst + zum fenster rausstierst wie der NARR (am liebsten würdest duS ausreisSen.)

du willst ihn nicht hören. <qui vive?> was könnt er dir sagen? die zeit (hier) sei vorbei, swär not_wendig weiterzuziehen? weil wir alles erreicht, was wir einst wollten, nämlich frei sein. warum lässt du ihn nicht mehr ein? <what is your way? hospitality or hostility?>

die stangen des käfigs kannst du ergreifen, mit deinen schritten an seinen rändern entlang die größe ermessen, die dir hinter gittern verblieben, dagegen anrennen <einschlagen zersägen aufdehnen> … so viel kraft hast du gesammelt, so viel schwung geholt, dass du die lücke geschaffen, die breit genug, dich durchzuzwängen, und kein gewicht, das sich an dich gehangen, um dich aufm boden zu halten, konntes verhindern, dass du entschwunden, ausgeflogen und nicht mehr zurückgekehrt. bravo, mein mädchen, das hast du gut gemacht, dazu braucht eine*r sch|neid. (1 leben lang das schicksal der geburt verarbeiten …)

aber da draußen das land, die welt, die ferne ist weit. an was orientierst du dich auf deinem flug? wohin solls gehen? du bist juNg_endlich <flügGe>, es spielt keine rolle, wenn du dich verausgabst, du erholst dich schnell und kein ausflug erschöpft dich, dass du nicht schnell wieder regenerierst. du tust alles, was geht, austesten probieren versuchen, einfach mal schauen, kurzer halt stopp <1 pause> und schon gehts wieder weiter voran. 

du baust dir 1 nest, jetzt weißt du, wies funktioniert. du findest zweidrei komische vögel, denens ebenso geht, ihr zieht um die häuser <sensationslust>, ihr lassts euch gut gehen, du suchst dir 1 bleibe <dach über hals über kopf>, und brennt 1 ab/stürzt 1 ein, sfindet sich stets 1 neue, weil deine flügel so stark, dass sie dich immer weitertragen. du suchst nicht mehr aufm boden nach all den resten, die andre übriggelassen, du mischst dich unter sie, willst vom frischgebackenen 1 stück abzwacken. entwickelst das schreiBen, um selbstSTändig zu werden, baust dir im nebelnichtsweiß 1 festhaltegrund auf buchstabenschwarz. errichtest 1 haus, das 1 schatten wirft auf deinem/deinen weg und wunderst dich, warums so dunkel um dich herum. schaust dich im spiegel an, deine silhouette sieht gut aus, und wenn nicht, brichts aus dir raus/brichst du zusammen, und du stehst wieder auf, denn aufgeben gibts nicht, das ist verboten. du gehst nicht mehr nah ran, hältst deinen abstand, beobachtest nur aus distanz.

du merkst, wie die regeln dich tragen, die hast du <regelGEhörig> mitgenommen, sie sind dir eingebrannt, 1 narbenkennzeichen=brandmal <stigma>, das trägst du herum, und nur 1x im früh_jahr, wenn die federn vom frühling dir glänzen, fällts nicht auf, im winter aber musst du dein kleid verstecken, dass jeden tag älter+g|rau|er (gegen) die reinheit schneewittchens <ballett+pferdemädchen> absticht, jetzt schimmerts schon nicht mehr, die ausflüge|l werden kürzer, du brauchst immer länger, dich auszuruhen, liegst tage+wochen herum und weißt nicht, obs kopf körper seele <knopp kropp + själ|v²>, womit du zuerst zu tun. bist du mehr müßig oder nur müde?

zwischen der angst des eingesperrt+ausgeschlossenseins bist du beschäftigt: ständige wiederherstellung des alleinseins. noch pfeifst du 1 lied, nicht immer 1 neues, singst alte weisen, auf dass sich die töne im winde verlieren – wenn die luft sie auf/mitnimmt, hoffst du, werden sie nicht wiederkehren. du kannst dich befreien, denkst du, wenn du sie weiterträgst → aufgibst, und tatsächlich verirren sich halbe melodien im wind, der <grundgütIGer> dir gütig+güNStig, doch bleibst du zurück mit zweidrei tönen, die ihren halt+zusammenhang verloren, du traust dich nicht suchen und sie verknüpfen – was, wenn wieder die alte klage nur <superfötation> deinen lippen entströmt? das immergleiche lied … alles wäre vergeben|s. und du verstimmst→verstummst.

trankst du den brunnen leer oder suchte das wasser sich 1 neuen weg? nur du bliebst hängen auf trockenem grund. unfähig, dich zu bewegen.

selbst_autonomie/_veränderung/_suche: ich möchte 1 andere*r werden/defizite beheben/mein leben ändern.

was davon wolltest du/willst du noch? das alte hast du ab/aufgegeben, das neue lässt sich nicht greifen, der schmerz nur schreibt sich tief in die haut, die muss gefärbt+gegerbt werden, auf dass man sieht, was innen verkehrt, das innere nach außen gezerrt.

und draußen zieht mit dir der kaschpar <radiKal> seine runden, wartet darauf, dass du die fenster öffnest. kommt er herein? oder möchte er, dass du hinaus? du weißt schon, dass dus selbst warst, die dafür sorgte, dass ihm das nest versperrt wird? dass er jetzt häufiger noch als zu vor, weil verWirrt, gegen scheiben+mauern klirrt – er|innert den schlupf, den du ihm verwehrst.

wie willst du leben ohne ihn?
wie soll er singen ohne dich?

du möchtest dich trösten <exkulpieren>, dass es noch 2 lücken gibt, auf der anderen seite, die noch keine*r gesehen/keinen schaden an|gerichtet, doch du hast sie ja längst verraten vor lauter furcht, er möchte dorthin ziehen, die nächsten scheiben zerstören. und jetzt sind sie alle zu.

aus kaputt + vorbei.

merkst du nicht, wie er flIeht? er lässt dir keine ruh. aber vertraue nicht drauf, dass er nicht ohne dich kann, dass du dir aussuchen könntest, ob du ihn hörst oder nicht, dass du ihn hin|halten/holen kannst, wenn du ihn brauchst, und aussperren, wenn dir sein klagewehweckruf zu viel.

der kaschpar ist eigen, ich weiß nicht, ob er sich in 1 tiefe stürzt, wenn du ihn nicht er|hörst, keinen neuen schutz gewährst. er wird doch immer die flügel breiten …

doch wie lange werden sie noch zum ab/über/weg/aus_flug taugen? vielleicht möchte er in den käfig zurück, weil er alt+müde des un|gewissens sich ausruhen möcht? seine stimme wird heiser, und wenn auch das lied nicht neu, wirds doch leiser. ihr könntet so schön gemeinsam kräChZen …

was also wirst du tun?

ihn die letzten geschichten erzählen lassen, die ihn noch quälen, auf dass sie hinaus in der welt vom wind vertragen wie deine oH_töne?

du weißt, dass kein*e andere*r kommen wird. kein neuer vogel mit lustigen mel|o|die|n.

wenn der ursprung des schreibens das gefühl des gefängnisses ist, des eingesperrtseins + der not des zwanghaften entfliehens: brauchst dus, um 1 grund zum schreiben zu haben? fliehst du den käfig, machst du dich frei oder entziehst du dir den boden? was, wenn du aufhörtest? was, wenn alles weggeschrieben? bleibt dann nur leere hülle? oder wirst du 1 neuer mensch? 1 unbeschriebenes blatt …

warum hat robert walser aufgehört zu schreiben?wie oft muss man sich häuten, bis man die letzte feste haut in fetzen haut, die keine*r mehr durchdringt?

machmal, wenn ich dich draußen seh, wie du dem wasser übers antlitz blickst, wie du ausschau hältst <epiphanie> nach der frau am meer, ob nicht ihr schiff endlich käme, das dich mitnähme, auf dass 1 andere voranginge, die des weges gewiss, dass du aufgeben könntest, dich abzumühLen, wie du seEhnsuchtsvoll nach 1 steuer schielst, das dein ruder obsolesziert, flieg ich gern auf + ziehe 1 runde, lenke deinen blick auf mich, auf dass du dich erinnerst, dass du am boden, schrittfürschritt, dass sie im wasser, zugumzug, und ich in der luft, schlagumschlag. dass du dort unten <schwerkraft>, dass sie da drinnen <schwerlicht>, und ich hier oben <schwerElos>. dass jede*r sein element, und wir nicht ohne einander auskommen können, nicht voneinander los. auch wenn sie immer nur schweigt, wenn ich schreie, und du versuchst, uns wegzuschreiben; auch wenn wir nicht wissen, wer von uns (mehr) fühlt denkt oder m/weint. wir sind alle dabei. wir sind die 3 grundsünden: gier torheit + zorn. wir sind uns einander existenzberechtigung. wir sind alle 3 → 1.

hab ich dir schon gesagt, dass nicht der kaschpar damals die sichtgläser fliegend zerschlug, sondern 1 unbekannte*r auf der suche nach 1 ventil für den inneren druck? oder aus welchem grund sonst … mit uns hatte das gar nichts zu tun – oder wer schießt (schon) auf den kaschpar?

und doch hat deine angst sofort alle angriffsflächen verbaut. hat die sprünge im glas dem kaschpar in die flügel geschoben. wärs nicht an der zeit nun, wo dus weißt+bereust, dass du ihm die tür öffnest + entgegenkommst?

sein geist sucht dich heim. du siehst ihn draußen im baume sitzen, aus zweigen hat er sich 1 form gebaut. 1 sTilLhouette sitzt er da und schaut zu dir herein. vem här vill bli gLömd nu!?³

wir müssen hinaus aufs offene meer, dort harrt unser* 1 dame. lass sie nicht länger warten. es gibt nur 1 schicksal, dem kommst du nicht aus, du kannst dich nicht ducken dauernd im dunkel, du kannst nicht zurück, zum lösCHen ists nun zu spät, das feuer hat um sich gegriffen, und keine flucht hilft. kämpfen musst du selbst. nimm deine regeln+grenzen + begehre auf – ewige jugend, die erwachsen werden will, und sich nicht traut. rebelliere gegen die eigenen schranken. krall krampf krank dich nicht fest mehr. wie oft muss ichs sagen? let|s go! sei 1x nur, statt dauernd zu werden. sei einfach da. als ob du schon fertig, und jeder tag mehr wär 1 geschenk.

fasse dich!

und setze <framing> den rahmen im einklang mit dir. erfülle den auftrag, beende das werk. vertraue aufs wort, auf seinen sinn. wer wie warum wozus gut. vertraue drauf, dass sichs erfüllt.
und dann: geh auf in der welt ihrem geräusch. 

sich mit dem tod aussöhnen = mit dem ungelebten leben.

1 schwedisch: schlupfloch
² schwedisch: knopp = umgangssprachlich birne/kopf, kropp = körper, själ = seele, själv = selbst
³ schwedisch: „wer will jetzt hier versteckt (gömd)/vergessen (glömd) werden?“

Hörstückfassung: Senta Hirscheider, Christopher Mau

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