Theobald O.J. Fuchs: Ekstase

Wir standen unter dem großen Thermometer, das einer Siegessäule gleichend wie in jeder anderen Stadt auf der Erde mitten auf dem Marktplatz errichtet war.
Ein Raunen ging durch die Menge, als der Bürgermeister endlich anfing, rückwärts zu
zählen. Die Menschen hatten stundenlang, tagelang geduldig in der schattenlosen Hitze ausgeharrt, splitternackt, schweißüberströmt, Tücher und Schirme über die Köpfe haltend.
»Zehn, neun, acht«, klirrte die Stimme aus dem blechernen Trichter.
Die Spannung wurde unerträglich, der Menschengestank gerann zu Flocken wie Milch wenn du Zitronensaft hinein tropfst. Sogar die Mücken, die wie eine graue Wolke über dem Platz schwebten, schienen den Atem anzuhalten.
»Drei, zwei, eins…«
Dann war es soweit. Die rote Flüssigkeit, die in dem gläsernen Zylinder mehrere
Stockwerke hoch stand, fing an zu flimmern.
Die obere Kante, die auf der Skala bis zur 55-Gradmarke reichte, wackelte. Dann sank zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Temperatur.
Der Trick, den sich die Wissenschaftler in letzter Sekunde ausgedacht hatten, funktionierte: die Welt war gerettet.
Wir brüllen und tanzten, schrien, lachten, sprangen und weinten.
Freude grenzenlos, Ekstase total.
Nach einer Viertelstunde sagte dann der erste: »Mir wird’s langsam zu kalt.«

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