Felix Benjamin: Traum

„Angebot und Nachfrage, Angebot und Nachfrage“ murmle ich nervös vor mich hin, als der Wirtschaftslehrer das Klassenzimmer betritt. Doch ich habe Glück: Ich werde nicht abgefragt, sondern wir machen Klassenfahrt. In der Jugendherberge teile ich mir ein Zimmer mit Linus Volkmann und nenne ihn Wenzel. 

Wir sitzen auf dem Sofa, trinken Bier und rauchen. Wenzel unterhält sich mit Arne Zank, der uns gegenübersitzt. „Das ist ja Arne Zank!“, denke ich aufgeregt, will mich aber nicht als nerviger Fan zu erkennen geben und rauche still vor mich hin.

Auf einmal sind da aber auch alle anderen Tocos und da muss ich dann doch mal aufstehen und hingehen. Ihre Managerin lässt mich nicht zu ihnen durch und sagt, dass die jetzt leider keine Zeit haben, weil sie professionelle Pressefotos machen müssen. Sie sind alle ganz in schwarz gekleidet.

Jan Müller steht hinter der Managerin und nickt mir freundlich zu.

Cornelius W.M. Oettle: „Aktien für alle“ (Friedrich Merz)

Wir alle sollten Aktien haben
und uns an Kursgewinnen laben.
Sagt Friedrich Merz. Der hat‘s kapiert
und all sein Geld schon investiert.

Drum legt euch Aktien ins Depot!
Auf lange Sicht kaum Risiko!
Und Dividenden gibt‘s dazu!
Warum machst das denn nicht auch Du?

Ach stimmt, jetzt fällt‘s mir wieder ein:
Wer reich sein will, muss reich schon sein!
Und ihr habt leider nichts geerbt,
weshalb ihr ohne Aktien sterbt.

Christian Y. Schmidt: Lieblings-Spam 1

Abgeblätterter Lack? Verbessere ihn damit!

ERFRISCHUNG: dieses vielseitige Massagegerät lockert dich garantiert, probiere.

Wie kannst du dein Zuhause mit Festlicht bekleiden? Laser-Festlicht, mit mehreren Farben.


Vorsicht, die Mäuse dringen im Herbst ein – der wirkungsvolle Schreck ist da.

Verwickelst du ständig im Draht? Hier ist ein drahtloses Headset, bequem

Fährst du Auto und Rad, wanderst du? Mit drahtlosem Ohrhörer bekommst total Komfort


LEUGNE 10 Jahre mit dem Ergrauungs-Stopper AB

Traum des HAARES: stellt Farbe wieder her

BEKLEIDE deinen Garten festlich: Laser-Lichtspiel mit Erdspieß

Keine grauen Haare mehr: Da ist der die Haarfarbe wiedergebende Balsam!


Ich habe die Wunden meines beschädigten Autos damit ausgeheilt: Kratzerentferner Stift, Wahnsinn, 1+1 gratis.

Lauter Schlaf, Schnauf? Der tolle Schnarchenstopp ist da.

Andreas Lugauer: Abstellen, anlassen, schnurrt wieder

Wir sollten angesichts des schon vor langer Zeit wieder abgeebbten Diesel-Abgasskandals den Ingenieur*innen der Heiligen Automobilindustrie Deutscher Nation auch einfach mal Danke sagen für die Entwicklung der Start-Stop-Technologie von Pkw-Motoren!

Schließlich hat diese klandestine Umweltrettungseinrichtung an Ampeln und sonstigen Fahrspaß-Behinderungseinrichtungen bereits viele Sekunden für stillstehende Motoren von grotesken, virilen und – trotz Leichtbauweise – 2,5 Tonnen schweren 600-PS-Großstadtpanzern, die wie demilitarisierte Batmobile aussehen, gesorgt und den Fahrer*innen viel Nerven gespart, »weil da brauchst bloß leicht hintreten dann geht er gleich wieder an wenn grün is‘! Des merkst du fast gar nicht wie er ihn wieder anlässt! Oder du trittst gleich voll durch zum kickdown dann fährt er nicht bloß im 2. sondern im 1. gang an! Da drückt’s dich dann schon ein wenig rein in den sitz, mein lieber! Außer vor dir steht natürlich ein polo oder so eine von diesen plastikernen gehhilfen: denen sitzt du ja gleich im armaturenbrett wenn du gescheit losfährst weil die nicht vom Fleck kommen, nichtwahr…«

Daphne Elfenbein: Von der Mall of Shame zur kleckerfreien Fließbirne

Seit Daphne Elfenbein ihr lukratives Dasein als Büroratte hinter sich gelassen hat, wo sie nach Herzenslust Kolleginnen gebissen und Kabel durchgenagt hat, bis sie  – äh – befördert wurde, hat sie ein neues Hobby: Shopping! 

Berlin – die Schmuddelmetropole ihrer Träume – hat ja einen Mangel an Shopping-Centern. Das liegt daran, dass die Bauherren so gesetzestreu sind und niemals rumänische Arbeiter für 6 Euro die Stunde beschäftigen. Drum muss Daphne Elfenbein sehr weit fahren, um in das Shopping Center ihrer Träume zu gelangen, wo sie sich einen ganzen Tag lang austobt und immer wieder gern die weißen Handschuhe auszieht, um aus dem silbernen Beutelchen, das niemals leer wird, hübsche Scheinchen über den Ladentisch zu schieben und mit entzückendem Lächeln zuzusehen, wie sie auf Echtheit geprüft werden, um dann Produkte über Produkte einzusacken in diese schicken Einkaufstaschen mit den schicken Logos und den Tragekordeln, an denen jede kleine Hausfrau ablesen kann, in was für Luxusläden Frau Elfenbein ein und ausgeht. 

Dass die Sächelchen später gern bei DER Second Hand-Adresse in Berlin landen, sollte hier eigentlich nicht erwähnt werden, aber nun … der Vollständigkeit halber. 

Irgendwo müssen sie ja hin, die Millionen. Schließlich ist bald Berlinale. Und da braucht Frau was zum Anziehen. Schon bei der Feministischen Modenschau von Karl Lagerfeld ist das außerordentliche Model-Talent von Daphne Elfenbein Reportern von Vogue und Gala aufgefallen. Ein Model ist heutzutage kein feminines Dummchen mehr, dass grade mal zum Poppen taugt. Ein Model hat Betriebswirtschaft studiert, schaut klug und selbstsicher durch Brillengläser in die Kamera mit ihrer gerichteten Aristokratennase und lässt sich von keinem was erzählen. Der Mund kommt von Botox, die Frisur von L’Oreal und die Wimpern von – äh – Chanel. Und der rote Teppich kommt auch gleich angerollt. Aber heut wird nicht flaniert auf der Mall of fame, sondern demonstriert gegen die Mall of Shame. Jawohl. Für mehr Rechte und weniger Gewalt. Für mehr Geld und weniger Arbeit. Für große Lohntüten, die pünktlich ausgezahlt werden. Oder haben die die Rumänen etwa mit leeren Händen wieder heim geschickt, als die Mall fertig gebaut war? Oh je. 

Eine Million Friedenstauben für die Frauen dieser Welt, die zu viel gehauen werden, zu wenig verdienen. Eine Million Friedenstauben, damit die Rumänischen Bauarbeiter in beheizten Bauwagen schlafen dürfen. Frauen in der Politik kriegen allesamt eine Quote und kommen jetzt aus Hollywood in den Bundestag. Das macht Feminismus richtig sexy und auch für Männer angstfrei und potenzfreundlich.

Was ganz Anderes. Damit Daphne Elfenbein sich beim Berlinale-Presseball ihr neues Versace Kleid nicht ruiniert, hat sie sich einen Apfelschneider bei Rossmann-Ideenwelt gekauft. Eine halbe Stunde hat sie vor der strahlenden Auslage von Kurzzeit-Artikeln gestanden, der Lockenstab, die Toastbrotbox, die Knäckebrotbox, die Einweg Click-Box, das Trainings-Armband, die Kaffeepad-Dose, Puh…

Liebe Zuhörerinnen, wusstet ihr, dass Daphne Elfenbein eine Vorliebe für reife Birnen hat? Der 5. Gang beim Presseball-Dinner ist Daphne Elfenbeins glamouröser Höhepunkt. Da bringt ihr das griechische Personal traditionsgemäß eine riesengroße Williams-Birne, goldgelb, nebst einem Schälchen Frischkäse, drei Feigen und einem Messerchen und stellt es mit weißen Handschuhen auf die Tafel. Und da Daphne Elfenbein mit solch gewalttätigen Werkzeugen nicht umgehen kann und aus dem Alter raus ist, wo man sich ein Lätzchen umbindet, um nicht zu kleckern, hat sie sich für die Rossmann-Apfelschneider-Lösung entschieden. Diesen weiß-grünen Küchenhelfer ohne Migrationshintergrund wird sie um Mitternacht diskret aus dem Gucci Täschchen ziehen und damit ihre Fließbirne rituell in 6 gleich große Schnitze zerteilen, sodass der Saft üppig über den Tellerrand schwappt. Und während um sie herum die Größen aus Presse, Film und Fernsehen Name dropping betreiben, betreibt Frau Elfenbein Birnen-dripping. Na ja, sie sabbert noch ein bisschen bei der Obst-Attacke und ihre feministischen Fingernägel kriegen Säure-Flecken. Aber was soll‘ s – auch der liebe Gott hat nur geübt. Dem griechischen Kellner, der ihr eine zweite Serviette bringt, lässt sie später diskret 20 Cent in die Servierschürze gleiten.

Elmar Tannert: Anti-Fasching im Pik-As

Am Faschingssamstag findet im Pik-As der traditionelle Strohwitwerstammtisch statt. Die Damen nehmen sich ein verlängertes Wochenende auf dem Kölner Karneval, denn mit dem fränkischen Fasching können auch sie nichts anfangen; ihre Männer bleiben im Lande und deklarieren ihren Kneipenabend zur Anti-Faschings-Party, obwohl das gleiche Programm abläuft wie an den übrigen Samstagen: Trinken, Schafkopfen und die Zeit vergehen lassen.

So war es jedenfalls jahrelang, bis Walter, der Wirt, an Neujahr das Ziel ins Auge faßte, den Stammtisch der Faschingsboykotteure ein wenig aufzumöbeln. „Ich hab mir da was überlegt“, sagte er also Anfang Januar zur versammelten Runde. „Nämlich: Wir müssen an Fasching ein bißchen mehr Stimmung in die Bude bringen.“

„Stimmung?“ ächzte Weizen-Willi, der vor kurzem sein 25-jähriges Stammtischjubiläum feierte, „Stimmung!“ wiederholte er mit Verachtung, er sei ja gerade deswegen an Fasching im Pik-As, weil man hier seine Ruhe habe vor der sogenannten Stimmung, und so solle es auch bleiben.

Die Runde pflichtete ihm lautstark bei.

Aber Walter ließ nicht locker. Natürlich rede er nicht von der üblichen Faschingsstimmung, und – heiliges Versprechen! – er habe weißgott nicht vor, seine Gäste mit Fernsehübertragungen vom Karneval am Rhein zu martern. Seiner Ansicht nach müsse der Stammtisch vielmehr vom passiven Faschingswiderstand zum aktiven Faschingsboykott übergehen. Und er habe da schon einen Plan.

Das Wort „aktiv“ weckte Mißtrauen in der Runde.

„Auch noch aktiv werden!“ stöhnte Bauch-Peter. „Also, eigentlich komm ich ja her, weil man hier so schön entspannen kann.“

„Laß mal Walter seinen Plan erzählen“, warf der Kapitän ein. „Vielleicht wird‘s ja nicht ganz so schlimm.“

„Ich hör mir das nur an, wenn‘s eine Runde auf‘s Haus gibt!“ rief der Doktor.

Walter brachte eine Runde Hörnerwhisky alias Jägermeister auf Kosten des Hauses. Dann brachte er seinen Vorschlag zu Gehör. Und als er geendet hatte, hätte der Stammtisch am liebsten schon am nächsten Tag den aktiven Faschingsboykott à la Pik-As gefeiert.

Genau vier Wochen später versammelte sich nach und nach eine farbenfrohe Runde im Pik-As, und jeder Neuankömmling wurde mit großem Hallo begrüßt. Sie hatten sich auch wirklich Mühe gegeben, jeder einzelne von ihnen, und Walter stellte mit Genugtuung fest, daß er mit seiner Idee so etwas wie Kampfgeist in die Truppe gebracht hatte. Jeder mußte Keller- und Dachbodenabteile durchwühlt haben, um das auserlesene Stück zutage zu fördern, das er am Leibe trug; mancher hatte vielleicht sogar einen Trödelladen heimgesucht. Da saß der Kapitän in einem grellen Pop-Art-Hemd aus den Siebzigern. Da saß Weizen-Willi im verblichenen Hawaiihemd. Der Doktor kam herein in einem Hemd mit Prilblumen-Dekor. Den Vogel schoß allerdings Bauch-Peter ab, der sich bauchfrei in eine Rüschentrachtenbluse seiner Frau gezwängt hatte.

„Blusen gelten nicht!“ rief Weizen-Willi. „Der Wettbewerb hieß: ‚Wer trägt das scheußlichste Hemd‘ – nicht: ‚wer trägt die scheußlichste Bluse‘!“

„Du hast ja bloß Angst vor Konkurrenz!“ konterte Bauch-Peter. „Die Bluse gilt!“

Weizen-Willi gab nach – „aber nur unter einer Bedingung: Du gibst eine Runde aus!“

Bauch-Peter war friedfertig und läutete mit einer Runde Sechsämter den Stammtisch der Faschingsboykotteure ein.

Als zu vorgerückter Stunde ein äußerst korrekt gekleideter Fremder die Gaststube betrat, war die Stimmung auf dem Siedepunkt. Die Teilnehmer des von Walter ins Leben gerufenen „Scheußliche Hemden“-Wettbewerbs spielten gerade Modeschau. Zu den Klängen von „Fiesta Mexicana“ und unter den anfeuernden Rufen der Stammtischbrüder tänzelte der bauchfreie Bauch-Peter hüftwackelnd am Tresen entlang. Der Fremde blieb mit offenem Mund an der Tür stehen, als sei er inmitten der Zivilisation auf Ureinwohner gestoßen, die ein schockierendes Ritual zelebrieren.

Walter drehte das Radio leiser. Die Runde verstummte und starrte den Mann im dunkelgrauen Zweireiher und blütenweißen Hemd an.

„Entschuldigen Sie“, sagte der Fremde. „Kann mir einer der Herren sagen, wie ich zum Intercity-Hotel in der Eilgutstraße komme?“

„Zum Intercity-Hotel?“ wiederholte Walter und wollte eben zu einer Wegbeschreibung anheben, da stürzte sich Bauch-Peter auf den Fremden, umarmte ihn und rief: „Glückwunsch! Sie haben gewonnen!“

„Gewonnen?“ fragte der Mann und echote verständnislos die Runde.

„Mit dem läppischen weißen Hemd?“ fragte Weizen-Willi.

Bauch-Peter legte seine Pranke auf die Schulter des Fremden und schob ihn zum Tisch.

„Genau. Ich erkläre unseren Gast zum Gewinner des ‚Scheußliche-Hemden‘-Wettbewerbs 2008. Denn woran denken wir, wenn wir so ein Hemd sehen?“

„An Arbeit?“ schlug der Doktor vor.

„Vielleicht sogar an Chefs“, überlegte der Kapitän.

„Erraten!“ rief Bauch-Peter. „Und kennt einer von euch etwas Scheußlicheres als Chefs und Arbeit?“

„Nein!“ grölte die Runde begeistert.

„Walter, ein Herrengedeck für den glücklichen Gewinner!“

Der Fremde wand sich, er habe keine Zeit und trinke niemals Alkohol, aber das ließen die Anti-Faschings-Aktivisten nicht gelten, zumal der rheinländische Akzent des Mannes unverkennbar war. Mit vereinten Kräften drückten Weizen-Willi und der Kapitän den Gast auf einen Stuhl, und die Runde prostete ihm überschwenglich zu.

„Auf den fränkischen Fasching, tschulligung, Anti-Fasching!“ schmetterte der Kapitän, und Bauch-Peter rief: „Aloha-he!“

Als die Stammtischbrüder vom Pik-As gegen drei Uhr morgens aus dem Lokal taumelten, schwelgten sie schon in Vorfreude auf den Anti-Fasching 2021, „und den von 2020“, bemerkte Walter zum Abschied, „wird unser Gast aus dem Rheinland so schnell nicht vergessen.“

Matt S. Bakausky: Wirtschaft als Chance

Ich kaufe am Bahnhof einen Big Mac für die Fahrt. Wussten Sie, dass der Big Mac verwendet wird, um die Kaufkraft in verschiedenen Ländern zu vergleichen? Das habe ich von Herrn Huber gelernt. Ein letzter Bissen vom Burger und der Zug fährt ab. Weg von der Zivilisation, raus in den Wald. Für ein paar Tage werden sie Herrn Huber nicht finden. Ich habe einen Vorsprung.

Ich putze mir die Zähne morgens mit Elmex und abends mit Aronal. Mittags bin ich in der Schule und putze sie nicht. Noch acht mal Zähne putzen bis zum Referat in Wirtschaft. Ich stehe auf einer fünf in diesem Fach. Kombiniert mit der fünf in Französisch würde das eine Wiederholung der Stufe bedeuten.

Noch zwei mal Aronal und einmal Elmex, dann muss ich das Referat halten. Ich habe mir ein wenig Ritalin rein gefahren. Ich habe zwar kein ADHS, jedoch hilft es mir wach zu bleiben. Dazu trinke ich Coca Cola und esse Pringles. Ich hoffe, dass ich mit dem Referat diese Nacht durchkomme.

Herr Huber betritt den Raum. Er stellt seine braune Ledertasche ab. Meine Mitschüler hören auf zu reden. Ich hole die gekritzelten Notizen auf Leitz Karteikarten aus meinem Eastpack-Rucksack. Mein Kopf hämmert leicht, außerdem bin ich übermüdet. Die zwei Aspirin-Tabletten wirken noch nicht. Nach den tagesaktuellen Themen zum Leitzins und der Eurokrise, wendet sich der Wirtschaftslehrer mir zu und fragt ob ich bereit sei. Ja, sage ich wie von selbst.

Herr Huber sitzt an einem Stuhl gefesselt in einem geräumigen Keller. In seinem Mund steckt ein Knebel. Das war nicht Teil seines Studiums gewesen. Nicht Teil seines bisherigen Lebens. Bisher schaute er nur gerne RTL-Krimiserien auf seinem Samsung-Fernseher. Jetzt war er selbst Teil eines Krimis. Er dachte sich, dass das gar nicht mal so schlecht sei.

„Das Referat heute, das war nicht so toll.“, sagte Herr Huber. Das war übertrieben positiv, denn ich verhaspelte mich die meiste Zeit und hatte das Thema kaum verstanden. Außerdem hatte ich die Karteikarten durcheinander gebracht. Ich fragte nach der Note. Eine Vier. Ich fragte ob sich nicht was machen ließe. Leider nicht. Mein H&M-Shirt fühlt sich auf einmal zu eng an. Diese Schuljahr war damit für mich gelaufen.

Ich betrat den Raum. Sagte: „Nicht schreien“. Herr Huber nickte. Ich entfernte den Knebel. „Bitte tu mir nichts, Matt“ sagte der Lehrer, „Lass mich gehen, ich sage niemanden was und du kannst das Jahr wiederholen.“ Das Wort Wiederholen ließ aufgestaute Wut in mir hochkommen, ich griff in die Seitentasche meiner Goretex-Jacke und holte einen spitzen Gegenstand hervor.

Irgendwo in der Pampa in der Nähe von Freiburg im Breisgau, laufe ich durch den Wald. Hexenwald steht auf einem Schild. Die Zähne habe ich seit gestern Abend nicht geputzt. Mein Ziel ist ungewiss, jedoch weiß ich, dass sie mich nicht finden werden. Das meine Schulpflicht getan ist.

Aus der anderen Jackentasche holte ich die Karteikarten mit meinen Notizen. „Lieber Herr Huber ich halte heute ein Referat über die Bilanzanalyse.“ Ich startete den Liesegang-Overhead-Projektor und zeigte mit dem spitzen Teleskopzeigestab auf die an die Wand  geworfenen Diagramme. Ich war komplett in Form. Herr Huber saß nur da und versuchte seine Hände frei zu bekommen, doch der Kabelbinder hielt ihn davon ab. Er kerbte sich in seine Haut.

Noch vierzehn Mal Zähneputzen, dann steht mein Wirtschaftsreferat an. Ich habe mega Schiss vor Referaten. Dieser Druck. Ich komme damit nicht klar. Und dann bereite ich mich auch noch schlecht vor, weil ich schon vorher Angst vor der Angst habe. Ein Valium half anfangs, mittlerweile nicht mehr.

„Und wie war mein Referat?“, fragte ich gespannt. „Du hast… das Thema… nicht verstanden.“, keuchte Herr Huber. „Du hast.. es.. wirklich nicht verstanden.“ „Das hier.. war… schlechter als dein vorheriges Referat! Du hast Fachbegriffe falsch verwendet, der Aufbau war einfach verwirrend und auch rein sprachlich warst du dem Thema nicht gewachsen. Du hast deinem Publikum nicht in die Augen geschaut… Alles was wir besprochen hatten, was ein gutes Referat ausmacht hast du missachtet. Nicht mal meine Fragen konntest du zusammenhängend beantworten. Das war eindeutig… eine sechs“ … Ich kann Herrn Huber nicht in die Augen blicken, sehe nur das kleine Krokodil auf seinem Hemd von Lacoste. Ich nicke, schalte den Overhead-Projektor ab und verlasse den Raum.

Im Wald außerhalb der Zivilisation fühle ich mich wie in einer anderen Zeit. Die Bäume überragen mich, passen auf das mir nichts passiert. An einer Quelle forme ich mit meinen Händen eine Schale und trinke etwas. Ich laufe über die gefallenen Blätter. Es weht ein heftiger Wind. Ich beobachte einen Ast, wie er sich erst biegt, bis er sich nicht mehr biegen lässt und bricht und zu Boden fällt. Ich nehme den Ast als Spazierstock und setze meine Reise fort.

Marius Geitz: Wirtschaft

I

Wohlstandsgesellschaft
Wir sind so privilegiert 
Keinen Grund uns zu sorgen
Doch die Sorgen, die sind da

Wohlstandsgesellschaft
Wir sind so terminiert
Kein Grund uns zu beeilen 
Doch wer stillsteht ist bald weg

Wohlstandsgesellschaft
Als solche diagnostiziert
Eine große Gemeinschaft
Doch einsam in sich selbst

Wohlstandsgesellschaft
Wir schwimmen doch im Geld
Nur ein Großteil der Menschen
Kriegt nicht viel davon mit

II

Ein mitleidiger Blick
Stand im Raum
Er galt wohl mir
Wenn ich nicht irre

Andreas Lugauer: Krust und Schübel

Wir sehen einen Transporter mit einem Firmenlogo, auf dem steht: »Krust und Schübel | Putz + Stuck«. Wie es wohl zu dieser schönen Kombination aus Putz- und Stuckateurs-Firma einerseits und den so sehr dazu passenden, ja sprechenden Namen Krust und Schübel andererseits kam?

Es kam so:

»Ja, schön’n guten Tach hier aufm Gewerbeamt. Das ist Herr Schübel, ich bin Herr Krust und wir wollten gerne ein Gewerbe anmelden.«

»Was denn für eins?«

»Eine Buchhandlung wollen wir aufmachen nämlich.«

»Ja, na gut. Wie soll die denn heißen?«

»So wie wir: Krust und Schübel

»Buchhandlung Krust und Schübel, wie klingt das denn? Was glauben Sie, wer sich da drin ein Buch kaufen will? Das sach ich ihnen: keiner. Krust und Schübel – damit machen Sie am besten eine Bäckerei auf oder werden DJ-Duo oder reüssieren als Stuckateurs-Meister.«

»Hahaha, Sie sind ja gut! Bäcker, DJs, Stuckateure – wir wollen aber eine  B u c h h a n d l u n g aufmachen. Tss… Stuckateure – mein Opa war Stuckateur, das reicht doch. Außerdem braucht kein Mensch mehr Stuckateure, wo das doch eh alles Styroporprofile sind nurmehr.«

»Na, da ham wer’s doch: dann wird’s ein Stuckateur-Gewerbe. Das war zwar eher mehr nur ein Witz, aber wenn der Oppa schon Stuckateur war und ihr so einen passenden Partner-Geschäftsnamen habt, denn passt das doch wunderbar.«

»Hä, spinnen Sie? Wie sollen wir beide denn in Stuck machen? Wir sind  B u c h h ä n d l e r , keine so Putzbatzler!«

»Dann lernen Se’s halt, kann ja nich so schwer nich sein – bei d e m Namen wer’n Se sich vor Engagements nicht retten können.«

»Okay.«

Andreas Lugauer: In die Wirtschaft am zweiten Advent

»Ich gehe jetzt Bier trinken.

Meine Spezln, die Sauhund’, sind noch in der Kirche, aber wegen der Weihnachtsfeier gestern, es is’ ja zweiter Advent – ja Menschenskind, ham mir uns in der Boar die Rüscherln neipfiffn, ja do legst di nieder, Bluatsakrament! Dawei ham wir am Amfang, noch bevor d’ Wirtin ’s Weihnachtsschweinerne hergstellt hat, scho ein jeder vier Weißbier dringhabt – also wegen dieser Weihnachtsfeier – ›Wehrmachtsfeier‹, wie der Girgl im Spaß allweil sagt, ’haha! –, wegen dieser Weihnachtsfeier, die wie jedes Jahr sehr schön war, konnt’ ich da ums verrecken nicht aufstehn für die Kirchn, und jetz geh ich eimfach gleich zum Frühschoppen. Aber einmal geht das schon, wie’s bei uns gern heißt, mords einen Brand hab ich eh zum löschen. Außerdem ham wir uns ja gestern zur Weihnachtsfeier auch praktisch ad majorem Dei gloriam getroffen, zur größeren Ehre Gottes also, nicht wahr. Das kann man schon einmal als quasi vorgezogenen Gottesdienst betrachten, nicht wahr, schließlich hat’s auch Weihnachtsgebäck und einen Christbaum gegeben und die Grundschüler ham gesungen, und einen Weihnachtspunsch hat’s auch geben, aber von dem trinkst am besten bloß eine Tass’, weilst sonst a so Sodbrennen kriegst. Naa naa, der Herrgott hat, glaub ich, schon ein Verständnis dafür, daß wir auf ihn mit einem Weißbier anstoßen bzw. mit sechzehn. Die eine Tass Wehrmachts-…, zefix, jetz fang ich auch schon damit an, die eine Tass’ Weihnachtspunsch ist aber auch gar nicht verkehrt, weil dazu kann man dann auch ein paar Platzerl essen, weil des süße Zeug paßt ja zum Weißbier eimfach nicht dazu, weil es sich geschmacklich eimfach beißt. Aber jetz halten S’ mich nicht länger auf, weil ich einen solchernen Brand hab, und wenn ich jetzt nicht gleich meine Konterhalbe krieg, dann konst an Sanka ruaffn, weil ich’s dann nimmer daback. Oiso, schöna Sonntag Ihnen, gell!«

Liebe Hörer*innen und Hörer, weil dieser Bericht von mancher und manchem, die des Bayerischen nicht in zertifikatwürdiger Weise mächtig sind, womöglich nicht ganz verstanden worden ist, haben wir als kostenlosen Service den stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten, Hubert Aiwanger, zu uns ins Studio eingeladen. Er wird Ihnen den Text nun noch einmal im besten Hochdeutsch vortragen, zu dem er fähig ist:

»Ich gehe jetzt Bier trinken.Meine Freunde, die Sauhunde, sind noch in der Kirche, aber wegen der Weihnachtsfeier gestern, es ist ja zweiter Advent – ja Menschenskinder, haben wir uns in der Bar die Rüscherln hineingepfiffen, ja da legst du dich nieder, Blutsakrament! Dabei haben wir am Anfang, noch bevor die Bedieung das Weihnachtsschweinerne auf den Tisch gestellt hat, schon ein jeder vier Weißbier drinnen gehabt – also wegen dieser Weihnachtsfeier – ›Wehrmachtsfeier‹, wie der Georg im Spaß immer sagt, ’haha! –, wegen dieser Weihnachtsfeier, die wie jedes Jahr sehr schön war, konnte ich da ums Verrecken nicht aufstehen für die Kirche, und jetzt gehe ich einfach gleich zum Frühschoppen. Aber einmal geht das schon, wie es bei uns gerne heißt, einen sehr großen Brand habe ich eh zu Löschen. Außerdem haben wir uns ja gestern zur Weihnachtsfeier auch praktisch ad majorem Dei gloriam getroffen, zur größeren Ehre Gottes also, nicht wahr. Das kann man schon einmal als quasi vorgezogenen Gottesdienst betrachten, nicht wahr, schließlich hat es auch Weihnachtsgebäck und einen Christbaum gegeben und die Grundschüler haben gesungen, und einen Weihnachtspunsch hat es auch geben, aber von dem trinkst du am besten bloß eine Tasse, weil du sonst solches Sodbrennen kriegst. Nein nein, der Herrgott hat, glaube ich, schon ein Verständnis dafür, dass wir auf ihn mit einem Weißbier anstoßen bzw. mit sechzehn. Die eine Tasse Wehrmachts-…, zefix, jetzt fang ich auch schon damit an, die eine Tasse Weihnachtspunsch ist aber auch gar nicht verkehrt, weil dazu kann man dann auch ein paar Plätzchen essen, weil dieses süße Zeug passt ja zum Weißbier einfach nicht dazu, weil es sich geschmacklich einfach beißt. Aber jetzt halten Sie mich nicht länger auf, weil ich einen so großen Brand habe, und wenn ich jetzt nicht gleich meine Konterhalbe kriege, dann kannst du den Notarztwagen rufen, weil ich es dann nimmer derbacke. Also, schönen Sonntag Ihnen, gell!«