Andreas Lugauer: Dreifuß-Joe der Vierhänder

Wenn ich nachts nicht einschlafen kann, stelle ich mir vor, ich sei ein Schlagzeuger und säße an einem mordsgroßen Drum-Kit mit einem Haufen Tom-Toms, Stücker 30 Becken schillerndster Bauformen und freilich zwei Bassdrums für Doublebass (denn eine Doppelfußmaschine an nur einer Bassdrum klingt selbst im Halbschlaftraum saftlos). Dann spiele ich die verrücktesten und vertraktesten Takte und Fills und Loops, sauschnell und jazzprofessormäßig, so dass kein Mensch weiß, wo hinten und vorne ist. Zwischendurch prügle ich unvermittelt heftige Brutalo-Blastbeats ein, dass es den BPM-Zähler überschlägt (natürlich ein analoger, wegen der trveness), während die Temperatur spontan in nordpolare Eisgefilde absinkt und die Leute denken: »So schnell kann das doch keiner, das ist doch alles Beschiss und Computer!« Ist es aber nicht!, sondern ehrliches Hand- und Fußwerk. Ebenso unvermittelt wechsle ich dann in den 70s-Prog-Rock-Modus und öffne mit psychedelischer Polyrhythmik ein Dimensionstor bzw. eins in sonst nur erdrogbare Bewusstseinsebenen.

In der halbschlafweltlichen Fachwelt nennt man mich dann Dreifuß-Joe der Vierhänder.

Andreas Lugauer: Intercity-Expreß

Der folgende Witz fiel mir (kein Witz) heute Nacht im Traum ein:

Die Nürnberger U-Bahnlinie U1 verbindet die Städte Nürnberg und Fürth miteinander. Fachleute bezeichnen sie auch als Intercity-Express.

In einem Folgetraum, ich weiß nicht, ob ich zwischendurch wach war, gab ich sogar damit an, was mir im Traum (!) für ein guter Witz eingefallen sei, was von irgendwelchen Traumgestalten ausgiebig beschulterklopft wurde.

Jetzt hingegen, nach der ganzen Träumerei, schäme ich mich für diesen »Witz« eher, als dass ich Grund zum Angeben sähe. Denn dieser »Witz« könnte ebensogut von einem fränkischen Bierdimpfl stammen, einem Greuther-Fürth-Fan etwa, der zu seinen Grattlerfreunden nach abgeleistetem Fußballderbybesuch beim sogenannten »Dreggs-Glubb« in der «Maggs-Morlogg-Arena» (zu dt.: «Club» in der Max-Morlock-Arena) sagt: »Etzadla gemma, na fah ma mim Inderciddy-Exbress widda hamm nach Född, wal in dem Dreggs-Nämberch halddsdas ja net länger aus wie nöödich!« Woraufhin die Gruppe einen einzelnen »Glubb«-Ultra mit »Anti Fü«-Mütze auf dem Kopf erblickt (dem notabene erbärmlichsten Kleidungsstück, dass es in der hiesigen Metropolregion Nürnberg gibt) –, was in beiderseits ausgeschlagenen Zähnen und Hämatomen über Hämatomen resultiert.

Denn der »Glubb«-Fan »hadde fraalich an Deleskoobbschlachstogg in da Hosndaschn«, wie er anderntags im »Glubb«-Ultraheim prahlt, was mit Kommentaren beschulterklopft wird wie »Und daham hasd da na aach glei fümf Weiwa af aamal baggd, oder, du Bersägga du, hehe 😀 😀 😀 Saggramendd, !fümf! Fädda af aamal, du! Fast wei ’s dabbfere glanne Schneiderla, du! – Haddmuud, bringsd ma no a Seidla!«

Die Fürther freilich reden sich mit etwas raus, was sie als »Sagger Bannsch« bezeichnen (dt., bzw.: engl. sucker punch), einem unfairen Schlag des Gegners, der für Momente kampfunfähig macht, »awwer du kennsdd ja de Nämbercha – ohne Unfairidääddn kenna’s dey ja net, de Dreggsaaschlecha, de! – Haddmuud, bringsd ma no a Seidla!«

Jetzadla bin ich doch eddwas endddäuschd von meim Unbewussddseinsschdand, Pardon: Jetzt bin ich, angesichts der hier skizzierten Implikationen, doch etwas enttäuscht von meinem Unbewusstseinsstand, den dieser geträumte »Witz« anzeigt.

Margit Heumann: Märzträume, japanisch angehaucht

Am Morgen das Reh.
Es schüttelt die Winternacht
als Reif aus dem Fell.

Frühjahrssonne zeigt:
Mehr als erstarrtes Wasser
sind Eis und Schnee nicht.

Die Hüllen fallen
zu lassen. Das träumt im März
der Palmkätzchenbaum

Martin Knepper: Der Traum, ein Witz

Traum vom 18. Oktober 2003: Ich bin deutlich jünger, etwa Oberstufe oder Erstsemester, und besuche mit einer Delegation von Gleichaltrigen (Schülerzeitung o.ä.) Otto Schily. Sein Amtssitz sieht von innen aus wie das Anwesen Christoph Martin Wielands in Oßmannstedt, am Fenster steht ein Rokokosekretär. Endlich kommt Schily. Er sieht aus wie immer, schmallippig, etwas verkniffen, hat aber seinen anthroposophischen Haarschnitt silbern gefärbt und aufgeföhnt, er erinnert mich an Gotthilf Fischer. Das einzige, was mich und die anderen aber wirklich überrascht: Schily ist winzig, nicht bloß etwas mickrig wie Gerhard Schröder, sondern nicht größer als ein Kind oder Wee Man aus der Serie Jackass. Er begrüßt uns freundlich, aber distanziert, und bemerkt wohl mein unverhohlenes Erstaunen über seine Größe. Er sagt: »Sie wundern sich sicher, dass ich so klein bin?« Verlegen bestätige ich das, und er sagt darauf: »Sehen Sie: Ich mich auch!«

Der Traum, ein Schaum? Gewiss. Dieser Schaum aber ist das Resultat eines fortgesetzten Rührens im Teeglas unseres Schlafgehirns in dafür vorbestimmten Phasen. Ein Rühren, das die Eindrücke und Erinnerungen, die Routinen und Überraschungsmomente unserer Tagesexistenz in buntem Wirbel durcheinandermischt. Oft kommt der Traum in der Gestalt, die das Wesen des Schlafenden bestimmt: Ein ängstlicher Mensch läuft sicher eher Gefahr, von Alpträumen geplagt zu werden; visuelle Menschen träumen bilderreich, wo den Wortmenschen oft Sprachspiele oder verbildlichte Gedanken unterkommen. Der Traum des Kindes ist anders beschaffen als der des alten Menschen, für alle jedoch gilt: Wir können nichts Undenkbares denken und somit auch nicht erträumen, denn einmal gedacht, ist es ja zumindest als Möglichkeitsform in der Welt. Und der Traum zieht wie ein ADHS-kranker Archivar sprunghaft Zettel um Zettel aus den Karteikästen unserer Verstandes – mag zu Beginn ein aktueller Vorgang seine Aufmerksamkeit fesseln, so gerät er schon bald in die Tiefen seiner Sammlung, häuft und mischt Querverweis auf Querverweis, erschafft in seiner Routine eine geheime innere Ordnung, doch die Anmerkungen und Fußnoten sind mit Zaubertinte geschrieben. Wollen wir hinterher sein Werk betrachten, stehen wir oft ratlos vor dem Resultat.

Am 9. März 2020 nachmittags geträumt, eine „Cousine zweiten Grades oder so“ von Astrid Lindgren hätte mich zu einer „Bitumen-Party“ eingeladen. So sind sie, die Träume: Wahllos Zusammenhänge schaffen, und wenn man wieder den Kopf dafür hat, zu fragen, was das solle, haben sie sich davongemacht. Sehr poetische Arbeitsweise.

Der Traum hat keinen Autor, nur uns selbst als staunend ausgelieferte Zuschauer. Er ist Film ohne Regisseur, absichtsloser Gesang, ein Bild, das sich selbst malt nach Art des Gesellschaftsspiels vom ‚Cadavre exquis‘, bei dem die Teilnehmer an einem verborgenen Bild weitermalen, von dem sie nur die Ansatzstelle kennen. Das Schlafhirn spielt dies mit sich selbst und greift zu staunenswerten Tricks, um die Übergänge sanft und beinahe zwingend erscheinen zu lassen. Verdichtung und Verschiebung, Verbindung und Parallelführung von Unzusammenhängendem sind gleichermaßen Merkmal des Witzes wie des Traums. Sigmund Freud hat auf diesen Umstand aufmerksam gemacht – seine Schrift ‚Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten‘ liest sich über weite Strecken als Verteidigung seiner damals noch neuen Theorie der Traumdeutung. Unter anderem macht er auch auf das Phänomen aufmerksam, dass ein falsch erzählter Witz, oder ein unglücklich paraphrasierter, für seine Zuhörer wie ein missratenes Soufflé in sich zusammenfällt. Und so gibt es auch viele Menschen, die den erzählten Träumen Fremder nichts abgewinnen können, so wenig, wie andere ein Theaterstück von Ionesco oder Beckett zu schätzen wissen. Das ist einerseits eine Frage des poetischen Appetits des Zuhörers, aber auch des vermittelnden Geschicks des Träumers. Der aber steht vor einer heiklen Aufgabe: Er muss den Traum fixieren, solange er noch frisch, gewissermaßen backwarm aus dem Ofen seines Bettes kommt, und doch ist er oft noch selber überwältigt oder verstört von dem, was sich gerade noch in ihm ereignet hat. Versucht er aber, diesen Traum verspätet zu literarisieren, schleicht sich schnell ein falscher Ton ein, wird das Dokument ureigenster entfesselter Hirnarbeit zu einer behäbigen Groteske, eine Tatsache, die der Zuhörer wahrnimmt, oft mehr fühlt als begreift. Deshalb bleibt der Traum in seiner Rohfassung zumeist ein Glasperlenspiel der Wenigen, die seine poetische wie auch humoristische Kraft zu schätzen wissen. Und es steht zu vermuten, dass diesen Traumarbeitern über der Beschäftigung mit dem Stoff sich auch dieser verfeinert, mit der Zeit Gänge und Kanäle sich im nächtlichen Dunkel des Schlafs formatieren und die Träumer immer öfter des Morgens mit einem wunderlichen Fang aus dem Schleppnetz ihres Schlummers dastehen. Hören wir ihnen zu. Hören wir unseren Träumen zu. Die Zukunft können wir aus ihnen nicht erfahren, aber viel über das Wesen der Heiterkeit und der Poesie.

Traum vom 29. Dezember 2010: Ich habe die seit Jahrzehnten stillgelegten unterirdischen Toilettenanlagen am Rheinpark auf eigene Kosten restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die erstaunten Gesichter des Publikums, als es die enthüllten Schilder am zweigeteilten Treppenabgang liest – Rechts: ‚Herren‘, links: ‚Männer‘.

Daphne Elfenbein: Der Tierfreie Nichtraucherhaushalt

Der Tierfreie Nichtraucherhaushalt ist derzeit das entscheidende Qualitätsmerkmal im virtuellen Kaufhaus der Gebrauchtwaren für Minimalisten und Hartz-IV Empfänger: ………..Ebay-Kleinanzeigen. Im Tierfreien Nichtraucherhaushalt kriegen Sie alles, was Sie nicht brauchen. Und das gebraucht: Die Wasserfilterkanne, das Vintage Puzzle mit dem zerdrückten Karton, das Fitness – Gummiband und den verschlissenen Kniestuhl. Sowohl beim Verkäufer als auch bei Ihnen wird das Ding ungenutzt herumstehen. Doch es ist billig! Der Tierfreie Nichtraucherhaushalt garantiert Ihnen aber, dass weder Hundehaare, Spucke oder Katzenkotze dran kleben. 

Allein das Kauferlebnis ist schon ein Abenteuer und toppt jede Shopping-Tour durch die Galeries Lafayette. Sie sitzen also an einem langweiligen Sonntag in der leeren kalten Straßenbahn und fahren in den äußersten Osten der Stadt. Sie haben über 6 Stunden hinweg Textnachrichten mit dem Verkäufer ausgetauscht, jedoch hat er Ihnen bislang weder seinen Namen noch die Adresse verraten. Das macht die Sache spannend. Sie wissen lediglich, bei welchem Einkaufszentrum Sie aussteigen müssen. Dort in der Nähe muss es sein. „Kontaktieren Sie mich nochmal, wenn Sie vor dem Lindencenter stehen“ war die letzte Anweisung des geheimnisvollen Anbieters. Sie steigen aus und betreten Neuland. Lindencenter. Reno, Takko, Rewe. Noch nie hier gewesen. Dann gehen Sie online und bitten den Verkäufer, jetzt doch mal allmählich mit Namen und Adresse rauszurücken. 

Exkurs: Wir leben in einer gefährlichen Gesellschaft. Man muss vorsichtig sein und darf niemand trauen. Anonymität und Unpersönlichkeit ist in allen Lebenslagen zu wahren. Sollten Sie unsicher sein, empfehlen wir einen Volkshochschulkurs zur Umsetzung der neuen Datenschutzverordnung. Ende des Exkurses.

Sie stehen also am Sonntagmittag in einer leeren Straße in einem entfernten Vorort und starren ratlos auf Ihr Smartphone. Ihre Aufgabe ist es jetzt, online zu gehen und den Verkäufer mit einer Textnachricht um Namen und Adresse zu bitten, wenn nötig verschlüsselt. Quälende Minuten vergehen. Irgendwann lassen Sie sich dann von Ihrem Smartphone zur Ahorngasse 14 navigieren, stoßen dabei an einen Laternenmasten und haben keine Lust mehr, weil das alles so lang dauert. Sie stehen vor einem Wohnblock und ahnen, irgendwo hinter einem dieser 100 identischen Fenster liegt in einer staubigen Ecke Ihr ersehntes Vintage-Puzzle mit dem zerdrückten Karton. „Ich steh jetzt vor dem Haus, wo soll ich klingeln?“ texten Sie. 

Kurz darauf schallen Ihre Schritte im Treppenhaus. Noch kürzer darauf geschieht der Handel. Er dauert 3 Sekunden und benötigt 5-6 genuschelte Worte, den Austausch von ein paar Münzen und die Wohnungstür schließt sich wieder. Käufer und Verkäufer versinken wieder in der Anonymität der Datenschutzgesellschaft. Sie Klemmen das Ding unter den Arm und machen sich auf die Heimreise. Der Kick, den Sie sich davon versprochen haben, bleibt an diesem Sonntag aus. In der Straßenbahn betrachten Sie zweifelnd ihren zerdrückten Puzzlekarton. Ein Fahrgast schaut interessiert. Sie sagen: „das hab ich aus einem tierfreien Nichtraucherhaushalt!“ 

Eva Schwindsackel: Von der Linde und dem Nadelwald oder Alles Glück dieser Welt

I
Schlau, listig, durchtrieben heißt es, ist der junge Fuchs Reinecke mit seinem blass gewordenen orangefarbenen Pelz. Seine einst glänzende Silberbrust wirkt schon seit Langem etwas matt und ergraut. Nach außen hin zeigt er sich aber weiterhin stolz und trägt den buschigen Schwanz beinah zwanghaft hoch zum Himmel empor. Die Ohren gespitzt, die Augen bemüht wach. Niemals müde, sondern stets gefeit – vor Gefahren, Verpflichtungen und unliebsamen Aufgaben. Raffiniert wie er so ist, kostet ihn das nicht mal sonderlich Anstrengung. Seine einst so leichten und flinken Pfoten sind ihm aber auf dieser Reise schwer geworden. Dennoch durchwandert er immer weiter, wenn auch träge sein Leben. Dabei stets auf der Hut und von Fernweh getrieben. Zahlreiche holperige Pfade hat er genommen, viele Begegnungen und Erlebnisse sind ihm auf seinen Reisen widerfahren.  Gänzlich alles meint er schon zu kennen und dabei alles und jeden zu durchschauen. Der Weg ist sein Ziel, glaubt er zu wissen.
Und plötzlich im tiefsten und erfülltesten Grün ändert sich alles.

II
Man sagt, störrisch und faul ist der kleine Esel Boldeqyn – nicht schlau, nicht listig und bestimmt nicht durchtrieben. Sein strubblig silbergraues Haar ist vom Wind zerzaust und von der Sonne verblichen. Etwas dünn ist sein Haar über die Jahre geworden, in denen er gelernt hat, sich in seinen Tagträumen gekonnt zu verlieren. Und trotzdem scheint das Silber seines Fells von Tag zu Tag mehr zu glänzen, das Leuchten in seinen Augen zuzunehmen. In seinen Gedanken frei – nämlich manchmal in einer ganz anderen Welt, in entfernten Ländern oder anderen Köpfen – liegt er doch am selben Fleck, in seiner Kuhle unter der alten Linde. Denn genau dort lässt er sich die Sonne auf den Bauch scheinen und ist dennoch zeitgleich unterwegs auf den gefährlichsten und schönsten innerlichen Reisen. Nah und fern, alles in
Einem.

Eines Tages also, als Boldeqyn gerade seit bald sieben vollen Tagen vom höchsten aller Berge durch wilde Schneestürme hinabbrauste, erreichte er ihn endlich: den lang ersehnten Sandstrand und die warme, smaragdgrüne See. Er fand dort unzählige Muscheln und leuchtende Edelsteine, sodass er sehr froh war, mit großem Schlitten angereist zu sein. Aber nicht das sollte den Ort so einzigartig machen. Denn das riesige Sandschloss, das er an jenem Ort bewohnte, hatte in seinem Innenhof den wohl prächtigsten Nadelwald, den die Welt je gesehen hatte. Und dort mitten im Dickicht, im sattesten Grün, erblickte er ihn. Die Sonne verriet ihn. Denn in dem grünen Nadelmeer erstrahlte ein schlafender Fuchs mit einem so glänzend leuchtorangefarbenen Fell, wie es Boldeqyn noch nicht mal aus seinen wildesten Träumen kannte.

III
Tief und fest und völlig frei von seinen sonst stetig kreisenden Gedanken schlief Reinecke und bemerkte weder den Esel, noch den Schlitten voller unzähliger Muscheln und leuchtender Edelsteine. Verblüfft über die Reinheit des Grüns in den Millionen Nadeln fand er dort ganz unerwartet in sich und bei sich selbst das Gefühl tiefster, echter Zufriedenheit. Ein Gefühl, das ihm völlig neu war. Sein ganzes Wesen schien hier aufzugehen und die vielen Pfade, die er genommen hatte, die sich bisher scheinbar völlig willkürlich an einander reihten, ergaben nun Sinn. Hier will er sein, hier will er bleiben. Niemals spürte er das mehr. Erst in diesem Grün angekommen, fühlte er die Müdigkeit in seinen Augen und er spürte die Strapazen seiner lebenslangen Reise. Denn nicht listig und getrieben wollte Reinecke einst sein, sondern lustig und dabei durch keinen, auch nicht durch sich selbst getrieben. Mit wahrlich stolzer Silberbrust erfährt er hier den wahren Wert von Freiheit, den er bisher glaubte, nur durch stetiges Reisen zu finden. Erst jetzt, wo er erstmals nicht mehr weiterziehen will, merkt er, dass es die gedankliche Weite ist, die ihm den Einlass zu allen schönen und fernen Orten gewährt. Schlau ist der Reinecke, merkt er doch gleich, dass dieser Ort etwas Besonderes ist: Ganz nah und gleichzeitig fern.

IV
Der Wind weht durch die Blätter der großen Linde. Boldeqyn spürt die warme Sonne auf seinem silbern glänzenden Bauch. Er öffnet die Augen und weiß, dass er nur geträumt hat. Noch ganz müde und bisschen faul, kommt ihm der so friedlich schlafende Fuchs in den Sinn. Doch von der späten Abendsonne geblendet, reißt es ihn plötzlich schroff aus seinen Gedanken. Störrisch geht er vor der blendenden Sonne in Deckung und wird plötzlich Zeuge eines sonderbaren Farbspiels auf seinem strubbeligen Fell. So schimmert es doch im warmen Abendlicht in einem feuerroten Leuchtorange, wie er es gerade noch inmitten des tiefen Nadelwalds gesehen hatte. Ganz erschrocken schließt er die Augen für einen Moment und erinnert sich an etwas, das lange her ist. Der Wind bläst ihm kräftig ins Gesicht, Bilder von Wäldern, Feldern, Städten, Gesichtern, schöne und schlechte Begegnungen fliegen an ihm vorüber.

Ganz außer Puste, mit Rastlosigkeit im Herzen und dem Gefühl einer schon viel zu lang andauernden Reise lässt er sich erschöpft in seine Kuhle sinken und wird sich bewusst: Glücklich ist er hier, ganz reich und wach fühlt er sich. Reich an Erfahrungen durch die Vielzahl seiner zurückgelegten Pfade, die vielen Begegnungen und Erlebnisse. Wach durch die farbenfrohen Bilder, die das Leben gezeichnet hat. Lustig, denkt er noch, als er zufrieden in die Baumkrone unter dem Himmelszelt blickt und plötzlich weiß, dass er Reinecke und auch den sattgrünen Nadelwald schon lange kennt. Seine Augen strahlen, als ihm klar wird, dass ihm aus allen Erinnerungen, ob durch sein innerlich oder äußerlich erlebtes Reisen, am Ende das gleiche Gefühl bleibt. Nämlich das Gefühl, genau an dieser Stelle den Sinn von Nähe und Weite, von Freiheit und Geborgenheit, alles in Einem gefunden zu haben. Und ein Lächeln tritt in Boldeyqns Gesicht und er ist glücklich, dass auch Reinecke endlich den Platz unter seiner Linde gefunden hat. Denn nicht immer bleibt der Weg das Ziel. Manchmal ist es die Rast, die einen an genau jenen Ort führt, hinter dem sich ganz unerwartet aller Sinn verbirgt und der sich wie aus Zauberhand in alles Glück dieser Welt verwandelt.

Lily Schuster: Traum

Stefan: „Was liegt dir denn auf dem Herzen, was du mir mitten in der Nacht erzählen musst?“

Sie: „Ich gebe in diese hochmoderne Suchmaschine namens „Google“ die Buchstaben -T-r-a-m- Definition ein.

-Enter-… Straßenbahn, hä? Straßenbahn?

Achsooo, vertippt!

-Löschtaste- u- m- Definition-Enter-. Na also.. hammas jetzt?

Erstens: im Schlaf auftretende Abfolge von Vorstellungen, Bildern, Ereignissen, Erlebnissen.

Beispiel: „ein schöner, seltsamer Traum“

Zweite Definition ist unterteilt in zweitens a und zweitens b.

Zweitens a: sehnlicher, unerfüllter Wunsch.

Beispiel: „Der Traum vom Glück“

Zweitens b: etwas traumhaft schönes, Person; Sache, die wie die Erfüllung geheimer Wünsche erscheint.

Beispiel: „Das ist ja ein Traum von einem Haus.“

Sie: „Als ob ich nicht wüsste was ein Traum ist, Stefan . Ich träume jede Nacht und jeden Tag.

Stefan: „Hattest du schonwieder einen deiner Albträume?“

Sie: „Zum Beispiel träume ich in meinem Traum von einem Traum in dem ich träume, Träume wahrwerden zu lassen.“

Stefan: „Ist alles gut bei dir?“

Sie: „Träume wie… mir den roséfarbenen, von kleinen Diamanten, umgebenen Ring zu kaufen, den ich so oft in diesem Schaufenster um die Ecke liegen sehe.

Stefan: „Sag doch einfach, dass du heiraten willst.“

Sie, genervt von allem: „Oder wie… einfach mal mein Hinterteil von der Couch heben, mich Richtung Zimmer bewegen, den Schrank öffnen, die Matte rausholen, auf den Boden legen, Musik am Handy anmachen und einfach Sport treiben, damit ich mich wohl fühle in meiner Haut und gesund sowie fit bleibe.“

Stefan, genervt von ihr: „Gleich so theatralisch.“

Sie, kurz vorm Nervenzusammenbruch: „Oder… es auch mal zu schaffen PÜNKTLICH aus dem Haus zugehen, ohne vorher fünf Wecker gestellt zu haben. Der eine klingelt, wenn ich aufstehen muss. Der zweite, wann ich aus dem Bad raus sein muss, der dritte gibt mir dann an, dass ich jetzt fertig mit Frühstücken sein sollte und auch schon mit dem Hund Gassi gewesen sein sollte. Dann gibt es da desWeiteren den vierten Wecker, welcher so nett ist und mir sagt, wann der richtige Zeitpunkt zum Anziehen ist. Der fünfte ist dann logischerweise jener, der mich zur Tür bittet.“

Stefan: „Du hast ja Probleme!“

Sie, wieder etwas beruhigt und traurig: „Ganz abgesehen von den Träumen nach Zärtlichkeit. Nach Liebe und abends nicht alleine den Film anzuschauen. Der auch mal kocht, den Haushalt macht und gemeinsam mit mir weint und lacht. Also so was wie „Der Traum vom Mann“

Stefan schweigt

Sie: „Ach ja! Selbstverständlich ist die Welt in meinen Träumen glücklich und DAS ÜBERALL auf diesem Planeten. Sie ist bunt und harmonisch, nicht einfarbig und kalt. Sie wird bewohnt und belebt von Wesen, die es schätzen dort zu sein und alles dafür tun, dass es noch lange ein solch wertvolles Etwas gibt. Wo jeder und jede die Chance hat zu träumen und die Träume erfüllen zu können. Zumindest die meisten.

Stefan, indem er sie Finger auf den Tisch klopft: „Mmmh.“

Sie: „Erfolg spielt auch eine große Rolle in meiner Utopie*. Ich will es schaffen selbstständig zu sein, in dem was ich tue um erfolgreich zu sein. Mich ins Zeug legen und anstrengen. Nicht ständig mein Glück vor mich herschieben und darauf warten, dass es mir aus dem Nichts in die Arme fällt. Glück haben mit den richtigen Menschen am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein. Oder eben den richtigen Zeitpunkt für sich an seinem richtigen Ort erschaffen. In der Realität und nicht im Traum!“

Stefan flüstert fragend vor sich hin: „ Mit den richtigen Menschen am richtigen Zeitpunkt zur richtigen… was?!“

Sie: „In meiner -mehr als nur- Kopfgeburt* gehe ich selbstbewusst durchs Leben, mache mir keine Gedanken darüber, was andere über mich und mein Outfit denken. Ich tanze in der Disco für mich und nicht für die, die sich dort aufhaltenden eventuell in Frage kommenden, zukünftigen Traummänner. Ich esse nur so viel bis ich keinen Hunger mehr habe und nicht noch sieben Portionen mehr, weil es halt wieder so lecker schmeckt. Ich bin konzentriert auf mein Wohl und vergesse dabei nicht das Wohlbefinden meiner Freunde und das, der Familie. Mit denen ich übrigens nie Streit habe und wenn, ich mich sehr schnell wieder versöhne. Denen es allen gut geht und auch niemals schlecht.Die auf keinen Fall krank werden im Alter und unter Schmerzen sterben. Zwischen jenen und mir stetig ein großartiger Kontakt besteht, der für immer bleibt. Wunderschöne Haare an dem Tag meines ersten Dates. Schöne Nägel, stressfreies pünktliches Losgehen OHNE meine klingelnden fünf Schätze. Wohlfühlen in meiner eigenen Haut.“

Stefan, versucht sie ernst zu nehmen: „Und was machst du, damit sich deine Träume erfüllen?“

Sie: „Den Mund mache ich auf und sage „NEIN“. Wenn ich das nicht will. Wenn ich nicht will, dass mirder eventuell in Frage kommende zukünftige Traummann, mit dem ich mein erstes langersehntes Date unter einer leuchtenden Lichterkette im leicht schwenkendem Boot auf dem Meer habe, mir unter den Rock fassen möchte. Nein! Zu mir selbst, wenn ich mal wieder auf der Couch hocke, Frust in mich rein fresse, anstatt meinen verf..„Piiiip“..rsch anzuheben und sportlich zu sein. Nein zu all dem, was mir in der Realität aufgeschwatzt wird und mir nicht gut tut.“, sagt sie voller Elan und zugleich aufbrausend. [immer energischer werdend:] Und JA. Ja, den Mut zu haben, mir den Ring aus dem Schaufenster um die Ecke zu kaufen. Mir zuzutrauen, dass ich rechtzeitig aus dem Haus komme. Ja zu mir, wenn ich vor dem Spiegel stehe und mir in die Augen schau. Ja zu denen, die mein Nein nicht kapiert haben: JA, du hast recht, ich habe gerade NEIN gesagt. Und „DOCH“ zu allen, die behaupten, dass Träume nicht wahrwerden können. Denn das sind verträumte, die ihren Träumen nicht einmal die Chance geben, geträumt zu werden.“

Stefan schaut sie verwirrt an und fragt: „Aber was ist, wenn sich alle meine Träume erfüllt haben?“

Sie: „Dann TRÄUM WEITER!“

Stefan ängstlich: „Wann, hast du nochmal gesagt, ist dein Psychologe vom Urlaub wieder zurück?“

Malva: Traum

Flirrende Sommerhitze, ein altes Bauernhaus, hohes Gras und Mondblumen.

Der kleine Bach im August 1969.

Augen schließen sich, Leben erzähl mir von dir!

Kindheit, Konformität, alles ist möglich, ich betrete mein Haus, sehe eine alte Holztreppe, geschlossene Türen, kalte Fliesen, Stille.

Neugierde führt in Raum Eins, Leichtigkeit, Experimentierfreude, Lieben, Tiefschlaf.

Größtes Glück, in Raum Zwei sind sie, sechs Kinder, meine Kinder- und dann, ungläubiges Staunen, meine fünf Enkel.

Rückblick in Raum Drei.

Steile Stufen führen hinauf, Kälte, Anstrengung, Angst, Schuld, Hoffnung, ich gehe nach Jahren schnell hinaus und nie wieder zurück.

Ich spüre die Sonne, noch eine Tür, Raum Vier. Ist verschlossen.

Zaghaft öffne ich sie und sehe die Menschen und Tiere, die immer Bedeutung hatten, die bedingungslos liebten, die meinem Haus Leben gaben und die mich in schlafloser Nacht zum Traum einladen.

Tiefer Frieden ist hier. Zuhause.

Die helle Sommersonne blendet.
Augen öffnen sich.

Traum, erzähl mir mehr vom Leben!

Philip Saß: Traum

Ich stand, wie Menschen meistens stehn, doch sah nichts:
Das war mir neu (man kann ja häufig sehn,
wie alle Dinge rundherum geschehn).
Nur, wenn mein Blick nicht täuschte, dann geschah nichts.

Da stand ich nun und sah nicht viel, na ja: nichts.
Das soll, wer das verstehen kann, verstehn!
Ich sorgte mich schon um mein Wohlergehn,
und rang und sprang und sang la la la la: nichts!

Ich stand – das sagte ich schon oben einmal –
und wusste keinen Rat, weil nichts geschah.
ich stand und stand und war den Tränen nah.

Ich stand und nahm mir hilflos vor: Ich wein mal,
obwohl ich das im Grunde gar nicht mag.
Ich weinte. Und ich wachte auf. Und lag.

Robert Segel: Der Abendwind

Der Abendwind hat viele Stimmen.
Ein Röcheln,
ein Flüstern,
ein Flehen,
ein Drohen,
ein Rufen,
ein Schreien.

Schlaflos auf dem Bett, über dem aufgeworfenen Laken, darunter du, mein Gesicht begraben in den Händen.
Der Abendwind und seine vielen Stimmen, mit mir, aber gegen meinen Schlaf.
Auch gegen deinen Schlaf, doch nun: deine Stärke stärker.
Meistens, wenn er mich besucht: meine Schwäche stärker, so auch heute.
Der Abendwind, ohne Einladung und doch bei mir, bei dir.
Ohne Vorankündigung, ohne Anklopfen und doch bei uns.

Unser Haus in der Dunkelheit, in der Einsamkeit, ich als einziges Lebenszeichen an diesem Ort – doch: kein Leben, keine Zeichen, keine Lebenszeichen für ihn, nicht in dieser Nacht.
Kein Schlaf möglich, der so etwas erschaffen könnte.
Unser Haus in der Dunkelheit, ich in der Einsamkeit, du in der Sicherheit, zwei von dreien umgeben von Wind.
Die Stimmen des Abendwindes.

So zahlreich, so kalt, so bedrängend. Stimmen.
So alleingelassene Ohren, so alleingelassene Fingerspitzen, ohne Unterstützung anderer Sinne,
die Augen in Händen.

Ein Röcheln,
ein Flüstern,
ein Flehen,
ein Drohen,
ein Rufen,
ein Schreien.

Das Bett leer und aufgewühlt, auf meiner Seite, die letzte Wärme hinfort ins ferne Exil.
Meine Fingerspitzen an der Stelle, an der noch Wärme, an einem Teil von dir,
an dem Teil von dir.
Hellhörige Fingerspitzen.
Noch immer verborgene Augen, genau wie dein Rest.
Der Rest, den ich ansprechen kann.

Hörst du mich?
Hörst du ihn?“

Meine Fragen unbeantwortet.
Kein Rest, kein ansprechbarer Rest.
Meine Fingerspitzen zurück in die Kälte, zu einem Teil von mir,
auffindbar, selbst mit vergrabenen Augen.

Hörst du ihn?“

Unter meinen Füßen nun der Untergrund.
Nackte Haut auf abgelaufener Baumwolle.
Die Augen nun aus den Händen,
offen, wachsam,
vor dem vorhanglosen Fenster,
damals: deine Schwäche stärker.
Und hinter dem gesprungenem Glas, kraftvoll, unsichtbar, unüberhörbar

Wie kannst du nur schlafen?“,

Abendwind, der Abendwind, die Stimmen des Abendwindes.

Deren Wunsch so nah.
Deren Wunsch schon immer ein Befehl.

Das Fenster offen und störrisch, kurzzeitig lauter noch als alle Stimmen, die Nacht nun innen.
Die Dunkelheit als Wärmeräuber, als Windgastgeber, als Stimmenbringer.
Der Abendwind auf meinen Fingerspitzen, eine willkommene Kühle.
Der Abendwind um meine Ohren, eine willkommene Hitze.
Doch: das Fenster nicht groß genug für ein Röcheln,
ein Flüstern,
ein Flehen,
ein Drohen,
ein Rufen,
ein Schreien.

Heiße Ohren in ausgekühlten Händen, keine Ruhe.
Aber ich, umschmeichelt vom Abendwind, seinen Stimmen, und er von mir.
Die Fingerspitzen also am Türknauf,
nackte Haut also auf feuchtem Gras,
nutzlose Augen also unter sternenlosem Himmel,
ruhelose Ohren also inmitten des Abendwindes.
Ich kann ihn besser hören.
Und es gefällt mir nicht, was er sagt.
Wie er es sagt.
Warum er es sagt.
Unser Haus in der Dunkelheit, ich in der Einsamkeit.
Der Abendwind keine gewollte Begleitung – der Abendwind kein Leben, kein Zeichen, kein Lebenszeichen für mich, nicht in dieser Nacht.
Mr McCarthys alte Worte:

Wo keine Menschen leben können, ergeht es den Göttern nicht besser.“

Deshalb die Flucht. Deshalb ihr Exil.
Deshalb ich noch hier.

Nackte Haut noch immer auf feuchtem Gras,
nun in richtigfalscher Richtung,
die Fingerspitzen erneut am Türknauf.
Ich nun innen.
Er außen – es gefällt mir nicht, was er sagt, wie er es sagt, warum er es sagt.

Also zurück im Raum, einst Hort unerschöpflichen Schlafes.
Das Bett leer und aufgewühlt, auf meiner Seite, die Wärme hinfort. Ins Exil?
Meine Fingerspitzen an der Stelle, an der noch Wärme, vor wenigen Augenblicken
oder Nächten,
an einem Teil von dir,
schließlich,
wie vorherbestimmt,
an dem Teil von dir.
Dort, damals: meine Stärke stärker.

Und nun – unklar, wo die Decke.
Die letzte Wärme: wohin?,
bereits auf jeder Seite, ins Exil.

Wie kannst du nur?“

Ich zurück in der Kälte.

Hörst du mich?“

Augen verborgen, ohne Hilfe der Hände,
um den Abendwind, um seine Stimmen zu verstehen.
Besser.
Endlich.
Endlich Schlaf.
Dieser verdient.

Der endliche Schlaf schließlich verdient.

Where men can’t live gods fare no better.”
(Cormac McCarthy)