Untot in Gostenhof: (6) Ida im Büro

Ida überragte die füllige Sekretärin, die am Kopierer stand, um eineinhalb Kopflängen. Die Dame kopierte mühsam Seiten aus einem Buch und stellte sich dabei so ungeschickt an, dass die Kopien zur Hälfte komplett schwarz waren. 

»Hübsch sieht das aus«, sagte Ida, »aber brauchen Sie noch lange?« 

»Ich wollte eigentlich erst Mittag machen und danach dann fertig …« 

Ida hatte keine Eile. Sie schlenderte zurück in ihr Büro. Die Sekretärin setzte sich an ihren Tisch und begann ein Butterbrot zu kauen, wobei ihr Brösel aus dem Mundwinkel rieselten. 

Etwa zwei Stunden später machte Ida einen weiteren Anlauf. Diesmal war der Kopierer frei, aber der Papiereinzug war hoffnungslos verstopft, weil der letzte Benutzer der Maschine, anstatt den Papierstau zu beseitigen, hemmungslos immer wieder versucht hatte, eine weitere Kopie anzufertigen. Ida telefonierte mit dem Haustechniker. Sie wählte die Nummer aus dem Gedächtnis, denn die Nummer, die am Gerät angeschrieben stand, war, wie sie aus eigener Erfahrung wusste, falsch. 

»Sie wissen, weshalb ich anrufen?« sagte Ida, als am anderen Ende der Leitung jemand abhob. Damit war das Gespräch dann auch schon wieder vorbei. 

Ida ging in ihr Büro und begann zu warten. Sie kramte aus der Seitentasche ihres schwarzen Kleides eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug. Sie rauchte ungestört, denn sie war noch am selben Tag, als das runde Kästchen montiert worden war, auf den Schreibtisch gestiegen und hatte dem Feuermelder an der Decke eigenhändig die Drähte abgezwickt. 

Ida war lange genug bei der Firma, um aus den Geräuschen, die vom Flur her zu ihr drangen, schließen zu können, dass der Haustechniker kam, einen ellenlangen Fluch ausstieß, als er die Schweinerei im Kopierer erblickte, und dann das Problem innerhalb von zwei Minuten behob. Leider hörte Ida auch, wie sofort, kaum dass sich die Tür hinter dem Haustechniker geschlossen hatte, der Sachbearbeiter, der ein Büro schräg über den Gang bewohnte, zum Kopierer eilte. Sie würde noch ein wenig warten müssen. Ida langweilte sich noch einen Tacken mehr und griff zum Telefon, um ihre Tante Mathilda anzurufen. 

»Hallo, Tante Mathilda«, sagte sie. »Ich kann leider noch nichts Genaueres berichten, mir sind hier ein paar Dinge dazwischen gekommen.« 

»Ach Ida, bin ich froh, dass du anrufst! Dein Onkel Serban ist heute mal wieder kaum zu ertragen! Er will seinen schattenlosen Doppelgänger zu den Leuten ins Vorderhaus schicken, weil die gestern Nacht wieder bis drei Uhr früh gefeiert haben …«, begann Tante Mathilda zu lamentieren. 

»Aber was ist daran verwerflich? Serban will nun mal nachts in Ruhe seine Zeitung lesen, und der schattenlose Doppelgänger hat sich doch bewährt?«, fragte Ida und bemühte sich um Sachlichkeit. 

»Bei den Russen – ja, aber die von gestern sind sicher keine orthodoxen, ich fürchte, es sind sogar Italiener!« rief Mathilda in äußerster Verzweiflung. 

»Beruhige dich, Tantchen!«, sagte Ida knapp. »Ich schaue heute nach der Arbeit bei euch auf einen Sprung vorbei, und wir überlegen in Ruhe, wie wir die Leute im Vorderhaus quälen können, o.k.? Ich muss jetzt weitermachen, sonst läuft mir die Zeit davon – bis später!« 

Ida legte auf, atmete tief durch und machte sich zum dritten Mal an diesem Tag auf zum Kopiergerät. Aber auch sonst hätte sie nichts zu tun gehabt. Der Fotokopierer stand diesmal verlassen da, als ob er sich schon den ganzen Tag genauso wie Ida langweilen würde. Ida klappte den Deckel, der die Mechanik des automatischen Einzugs in sich birgt, nach hinten weg. Auf der Glasplatte für die Vorlagen lag ein Brief, den ihr Kollege von schräg gegenüber offensichtlich vorhin vergessen hatte. Er hatte es wohl eilig gehabt, dachte Ida, denn der Brief war an ihn adressiert und stammte von einem Inkassobüro, das ausstehende Spielschulden anmahnte, die er in einem Spielautomaten-Center gemacht hatte. Ida überflog das Schreiben und lächelte, als sie das Wort »Pfändungsbefehl« las. 

Sie legte den Brief auf das nebenan stehende Faxgerät, damit noch viele weitere Kollegen ihn lesen konnten, griff tief in ihr schwarzes Kleid und zog vorsichtig ihre Hand wieder heraus, die sie um etwas Kleines, Empfindliches geschlossen hatte. Behutsam setzte sie eine zerzauste Fledermaus auf die Glasplatte und breitete mit ihren dünnen, weißen Fingern die Flügel des Tieres aus. Sie klappte den Deckel der Maschine wieder herab, achtete jedoch darauf, dass zwischen diesem und der Glasplatte ausreichend Raum für das kleine Lebewesen blieb. 

Zehn Minuten später saß Ida wieder an ihrem Schreibtisch. Aus dem Aschenbecher stieg ein dünner Rauchfaden fast senkrecht nach oben, doch Ida war so vertieft in die Fotokopien der kleinen Fledermaus, die sie wieder sicher unter ihrem Kleid verstaut hatte, dass sie gerade nicht an ihre Zigarette denken konnte. 

»Da haben wir es ja schon«, murmelte sie. »Den tausend heulenden Höllenhunden sei es gepriesen!« 

Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer ihrer Tante Mathilda. 

»Ich weiß jetzt, was dem kleinen Hermann fehlt«, berichtete Ida. »Er muss einen Zahn gefressen haben, der ihm im Magen liegen geblieben ist. Wie ich es mir erhofft hatte, hat die Lampe des Kopierers deinen kleinen Schatz wunderbar durchleuchtet. Ich konnte das Ding in der Fotokopie ganz deutlich erkennen, es ist ein menschlicher Backenzahn.« 

»Das sind wenigstens einmal gute Nachrichten«, sagte Mathilda am anderen Ende der Leitung, und Ida konnte die Erleichterung in ihrer Stimme hören. »Zwei Tage Diät werden genügen, und schon ist er wieder auf dem Damm. Bei deinem Onkel hat das bisher auch jedes Mal funktioniert, wenn er sich überfressen hat.« 

Ida verließ ihr Büro kurz nach fünf. Draußen war es schon dunkel, aber sie behielt ihre Sonnenbrille, die sie schon den ganzen Tag getragen hatte, auf der Nase. Sie fischte ihren Schlüsselbund aus der Tasche, an dem die Knochen erlegter und erlegener Geschöpfe baumelten. Dann stieg sie in ihr silbernes Auto und startete den Motor. Als sie den Rückwärtsgang einlegte, seilte sich vom Dachhimmel eine kleine schwarze Spinne ab und blieb direkt vor ihrer Nase hängen. 

»Na, Göring? War dir langweilig?«, fragte Ida. »Mir auch, aber jetzt geht’s nach Hause!«

Die Spinne wippte an ihrem Faden, als ob sie nicken wollte, und Ida fuhr los.


Erzähler: Carsten Striepe
Ida: Julia Gruber

Mathilda: Verena Schmidt
Sekretärin: Viktoria Solner

Buch:
Theobald O.J. Fuchs
Regie/Schnitt:
Lukas Münich
Titelmusik:
Andreas V. Weber


Untot in Gostenhof: (5) Kindervergrämer

»Du musst auch einmal raus aus deinem Kellerverlies«, sagte Tante Mathilda nachdrücklich. Großonkel Vladimir, dem dieser Ratschlag galt, knurrte einen vergeblichen Protest.

»Ich sehe keine Veranlassung dazu, irgendwohin zu gehen …«, schimpfte er.

Doch Mathilda schob ihn mit sanfter Gewalt auf den Beifahrersitz von Idas silbernen Auto, während Ida sich ans Steuer setzte. Im hellen Licht des Tages tanzten Milliarden Staubkörnchen um Vladimirs kahlen Schädel. Sein Gesicht hatte eine wachsgelbe Farbe und sein Anzug war über und über bedeckt mit Spinnweben und Staubflusen. 

»Wenn Mathilda sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist Widerstand zwecklos, Vladimir, das solltest du am besten wissen«, sagte Ida und zündete sich eine Zigarette an. »Wir machen jetzt zusammen eine kleine Einkaufstour für Onkel Serban, trinken noch ein Bierchen in einem Café und schon sind wir wieder zu Hause.« 

»Kauf nicht zu viele von diesen Dingern, mein Schatz«, sagte Mathilda flehentlich. »Du weißt, dass dein Onkel Serban dazu neigt, maßlos zu übertreiben, insbesondere, wenn er die ganze Nacht durch Schnaps getrunken hat.« 

»Verlass dich auf mich, Tante!« Ida startete den Motor und fuhr los. 

»Wie … krchkchkch«, begann Vladimir, doch seine Worte blieben in einem heiseren Husten stecken, das klang, als kratzten eiserne Sohlen über Kopfsteinpflaster. »Wie kommt der kleine Serban darauf«, fuhr er mühsam fort, als er wieder ein wenig mehr Luft bekam, »sich einen Vorrat dieser idiotischen … Kchkchkchrrch …« 

»Du scheinst wirklich ein bisschen frische Luft brauchen zu können«, sagte Ida, »Der Schimmel im Keller ist auf Dauer nicht gesund …« 

»Unsinn!« maulte Vladimir und kurbelte das Fenster herunter. »Dieser Serban – wie kommt er nur immer auf diese Schnapsideen?« 

Ida seufzte, warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel und riss das Steuer hart nach links, so dass das Auto mit quietschenden Reifen um eine Ecke schlitterte. Hinter ihnen blökte ein Rudel wütender Hupen. 

»Serban hat doch diese Spekulationsmaschine erfunden«, erklärte Ida. »Der Koffer aus rotem Leder im Gästezimmer, mit den schwarzen Beschlägen, fast so groß wie ein Schrank und drei mal so schwer.« 

»Stimmt – den habe ich schon mal gesehen. Habe mir überlegt, wer wohl da drin wohnt.« 

»Niemand wohnt da drin. Es ist ein komplizierter Mechanismus. Auf der einen Seite befindet sich eine Klappe, wenn man einen Gegenstand über Nacht hinein stellt und am anderen Morgen wieder heraus holt, kann man erkennen, ob der Gegenstand in nächster Zukunft an Wert gewinnt oder verliert: Ist der Gegenstand größer – wird er teurer, und umgekehrt. Die Maschine ist Serbans Meisterwerk!« 

»Dieser Narr«, meckerte Vladimir, während Ida den Wagen parkte und sich eine weitere Zigarette ansteckte. 

»Ich bin sofort wieder da, o.k.? Verhalte dich unauffällig!« sagte sie und tätschelte liebevoll Vladimirs mageres Knie.

Eine Staubwolke stieg auf. Ida schnappte sich ihre Handtasche und entfernte sich entschlossenen Schritts in Richtung der nächsten Querstraße. Als sie eine knappe Viertelstunde später aus einem Ramsch- und Allerlei-Geschäft trat, trug sie einen großen braunen Pappkarton, in dem sich schwarze Vögel türmten – Plastik-Raben, die als Taubenvergrämer dienten. Ida hatte alle Vogel-Imitate, die im Laden vorrätig gewesen waren, aufgekauft, da Serbans Maschine in der nächsten Balkon-Saison ein großes Geschäft prognostizierte. Als sie um die Ecke bog, sah sie schon von Weitem eine Gruppe Jugendlicher neben ihrem Auto stehen. Sie schienen sich um das Beifahrerfenster zu drängen. 

Plötzlich begannen die jungen Leute zu schreien, das schrille Kreischen der beiden Mädchen hob sich deutlich von dem übrigen Gebrüll ab. Unmittelbar danach begannen die Jugendlichen zu rennen. Als ob der Leibhaftige persönlich hinter ihnen her wäre, hetzten sie den Bürgersteig herunter in Idas Richtung. 

»Nichts wie weg!« brüllte der Junge, der an der Spitze rannte. Fast wäre er mit Ida und der überquellenden Kiste zusammengestoßen.

Er bemerkte sie im letzten Moment und prallte mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen zurück. Der Anblick der bleichen Frau mit der großen dunklen Brille im Gesicht, die einen Berg schwarzen Vögel vor sich her schleppte, gab der Schar den Rest – in heillosem Schrecken stoben die Jugendlichen auseinander und waren im Handumdrehen in irgendwelchen Nebengassen verschwunden. 

»Was ist passiert?« fragte Ida, als sie beim Wagen angekommen war, Vladimir, der seelenruhig auf seinem Platz saß. Die Scheibe der Beifahrertür war herunter gekurbelt und Vladimir steckte seinen Ellenbogen ganz lässig aus dem Fenster. 

»Nichts.« 

»Irgendetwas muss passiert sein! Diese Kinder sind davon gerannt, als gälte es ihr Leben!« 

»Ich bin wohl eingeschlafen. Die Hitze ist heute auch drückend wie der Bleideckel auf einem Sarg. Auf einmal hörte ich Stimmen neben meinem Ohr, aber ich dachte, sie gehörten in meinen Traum. ›Hey, guck mal, da sitzt ein Toter‹, sagte jemand. – ›Quatsch, da schläft einer!‹ sagte eine zweite Stimme. ›Schau dir das mal an! Der Anzug total verstaubt, das Gesicht ist ganz gelb und die Augen stehen halb offen – das ist eine Schaufensterpuppe.‹« 

»Hast du wieder mit offenen Augen geschlafen?« sagte Ida in einem vorwurfsvollen Tonfall. 

»Kann sein«, erwiderte Vladimir unwirsch, »aber das geht wohl niemanden etwas an!« 

»Was geschah dann?« 

»Zwei oder drei sagten: ›Total cool! Eine Schaufensterpuppe im Auto!‹ und ein anderer meinte: ›Wisst ihr was? Der drücke ich eine Dose Bier in die Hand!‹« Vladimir verstummte und machte keine Anstalten, in seiner Erzählung fortzufahren. 

»Das war alles?« fragte Ida schließlich. 

»Ja. Dann bin ich aufgewacht und hab mir die Typen mal genauer angesehen.« 

Ida schnalzte mit der Zunge. »Das kann ich mir lebhaft vorstellen … aber sei’s drum. Unser Auftrag ist erledigt, wir können heim fahren.« 

Sie wuchtete die Kiste mit den Plastik-Raben auf den Rücksitz und nahm hinter dem Steuer Platz. »Es ist in der Tat verdammt heiß heute«, stöhnte sie. 

»Willst du einen Schluck Bier?« fragte Vladimir und streckte ihr seine dürre wachsgelbe Hand entgegen, in der er eine Dose hielt. »Ist sogar noch kalt.«


Erzähler: Carsten Striepe
Ida: Julia Gruber
Großonkel Vladimir: Arthur Roscher

Regie/Schnitt:
Lukas Münich
Titelmusik:
Andreas V. Weber



Theobald O.J. Fuchs: Frühstück

Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Die Zeitung ist ein wichtiger Bestandteil des Frühstücks. Nicht der wichtigste, aber schon sehr wichtig. Aber die Zeitung kommt heute sehr spät. Durchs Küchenfenster sehe ich die Zeitungsfrau auf ihr Rad steigen und weiter fahren. Ich gehe hinaus, ziehe die Zeitung aus der grünen Plastikröhre, die außen an unserem Jägerzaun befestigt ist. Ich will schnell zurück ins Haus, weil das Frühstück wartet. Im Gehen werfe ich einen Blick auf die Schlagzeilen und bleibe überrascht stehen. Da steht: »Verdacht bestätigt – erster Todesfall seit 143 Jahren!«

Drinnen stehen für mich auf dem Küchentisch dreizehn Sorten Marmelade und elf Sorten Wurst bereit. Ich habe noch nicht einmal angefangen und will doch von allem essen. Von jeder Marmelade einen Löffel. Himbeere, Schlehe, Erdbeere, Zwetschge, Kirsche, Orange, Apfel, Rhabarber, Pfirsich, Johannisbeere, Quitte, Mandarine und Radieschen. Von jeder Wurst eine Scheibe: Bierschinken, Stadtwurst, Gelbwurst, Mettwurst, grobe Leberwurst, feine Leberwurst, kalte Bratwurst, Pfefferbeißer, Bauernseufzer, Räucherschinken und kalte Frikadelle. Immer nur diese Sorten, keine anderen. Und das jeden Tag.

Die Meldung in der Zeitung bringt mich aus dem Tritt, meine Routine ist unterbrochen, ich bin verwirrt. Seit einhundertdreiundvierzig Jahren ist das Rezept für die Unsterblichkeit bekannt. Sofort, nachdem die Formel für ein ewiges Leben bekannt wurde, begannen alle Menschen so zu leben wie die Wissenschaftler es rieten. Im Grunde war es ganz einfach, die Zutaten waren alle längst bekannt, jeder konnte sich einfach und billig mit dem notwendigen Zeug eindecken: Dreizehn Sorten Marmelade und elf Sorten Wurst. Jeden Morgen von jeder Sorte Marmelade einen Löffel, von jeder Wurst eine Scheibe. Dazu Kaffee oder Tee, was man eben bevorzugt, und ein Brötchen, kein Problem. Auch ein Ei oder ein Stückchen Käse – da gibt es keine Vorgaben. Hauptsache Marmelade und Wurst, in der richtigen Menge, die richtigen Sorten. Das Resultat: Unsterblichkeit.

Und nun das: Ein Todesfall, irgendwo in Kanada, in einem kleinen Dorf. Dort ist zum ersten Mal seit einhundertdreiundvierzig Jahren wieder ein Mensch gestorben. Schnell gehe ich ins Haus, setze mich an den Frühstückstisch, beginne Wurst und Marmelade zu essen. Immer abwechselnd, ein Löffel hiervon, eine Scheibe davon, dazu Kaffee und ein Bissen von der Semmel. Wie immer, wie jeden Tag. Wie gestern, vorgestern, vorvorgestern. Wie seit einhundertdreiundvierzig Jahren, jeden Tag. Immer dieselben dreizehn Sorten Marmelade und elf Sorten Wurst.

In der Zeitung steht, der Mann in Kanada ist gestorben, weil er keine Wurst mehr sehen konnte. Weil ihm die Marmelade zum Halse hinaushing. Weil er es nicht mehr ertragen hatte, jeden Tag dasselbe zu frühstücken. Seine letzten Worte hätten gelautet: »Ehe ich noch ein einziges Mal Gelbwurst und Rhabarbermarmelade auch nur anschaue, will ich lieber sterben.«

Das hat er nun davon, denke ich. Hätte sich halt nicht so anstellen brauchen. Selber schuld. Mir schmeckt’s jedenfalls. Mir schmeckt’s sehr gut, jeden Tag, immer dasselbe.
Weil: Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.

Untot in Gostenhof: (4) Serban zockt

Ida saß auf dem Sattel ihres schwarzen Damenrades und stützte sich mit einem Fuß an der wuchtigen Türschwelle des Gründerzeit-Wohnhauses ab. Es war Herbst, der Himmel hing graugelb wie Haferschleim über der Stadt, ein eisiger Wind blies durch die Straße und schleuderte eine Handvoll Regentropfen nach der anderen waagrecht gegen Passanten und Fensterscheiben. Auf dem Gepäckständer des Fahrrades war eine Banane festgeklemmt. Ida machte keine Anstalten, abzusteigen oder loszufahren. Stattdessen rauchte sie eine lange, dünne Zigarette in einer silbernen Zigarettenspitze. Ein kleiner Junge mit einem bunten Schulranzen auf dem Rücken bog um die Ecke und hüpfte auf die Türschwelle. 

»Hey, Alfons!« begrüßte Ida den Buben, der mit seiner Mutter und seiner Schwester im zweiten Stock wohnte. 

»Hey, Ida! Was machst du denn mit der Banane auf dem Fahrrad?« fragte der Junge. 

»Spezialdienstleistung: Lebensmittel ausliefern. Neuer Job. Ich halte gerade die Ruhezeit ein.« 

Sie blies einen Rauchring in die Luft. »Magst du schon mal hoch? Onkel Serban ist zu Hause. Er spielt bestimmt was mit dir, bis deine Mama nach Hause kommt.« 

In diesem Moment ertönte ein gedämpfter Klingelton. Ida begann, ihren rechten Arm zu schütteln. Rasch tauchte ein schwarzer Gegenstand im Bündchen ihrer schwarzen Lederjacke auf, und es dauerte nicht lange, da baumelte ein klobiger Telefonhörer an einem Spiralkabel aus dem Ärmel. 

»Lieferdienst Hotz & Partner … ja? … o.k., ich komme sofort!« 

»Muss du schon fort?« fragte Alfons. 

»Ich bin gleich bei euch! Ich muss nur schnell in die Südstadt, da braucht jemand in der Humboldtstraße dringend ein frisches Ei.« 

Ida streckte erneut ihren Arm aus und wackelte kurz mit dem Ellenbogen, woraufhin ein schneeweißes Hühnerei aus dem Ärmel in ihre Hand rutschte. 

»Ui!« sagte Alfons und machte große Augen. »Wie machst du das?«

»Übung, reine Übung!« grinste Ida und entblößte ein Paar nadelspitzer langer und schneeweißer Eckzähne. 

Sie klemmte das Ei vorsichtig neben die Banane unter den Metallbügel des altmodischen Gepäckträgers. Dann drückte sie die große schwarze Sonnenbrille fest auf ihre Nase und radelte los, während Alfons im Haus verschwand. 
Keine fünf Minuten später tauchte Ida wieder im Wohnzimmer ihrer Tante Mathilda und ihres Onkels Serban auf. Serban und die Nachbarkinder saßen auf dem Sofa und  starrten angestrengt nach oben zur Decke. Alle drei hatten eine messingfarbene Pfeife  im Mund stecken, in die sie mit aller Kraft hineinbliesen, aber kein Ton war zu hören. Oben, dicht unter der Stuckverzierung kreisten mit einem Affentempo drei Fledermäuse, die um die Wette flogen. 

»Na, ihr beiden! Spielt ihr wieder Fledermaus-Olympiade?« 

Onkel Serban spuckte die Ultraschall-Pfeife aus und schnappte geräuschvoll nach Luft. Sein großer runder Kopf glühte rot, wodurch seine weiße, in alle Richtungen abstehende Mähne besonders gut zur Geltung kam. 

»Genau! Diese kleinen Räuber hier haben mich zuvor schon beim Kirschkern-Spucken, bei ›Knochenmühle‹, Grabstein-Memory und beim ›Zombie, ärgere dich nicht!‹ besiegt!« 

»Und zwar zu Null!« jubelte Alfons‘ Schwester Emilie. 

In diesem Moment klingelte erneut das Telefon. Ida holte den Hörer aus dem Ärmel und nahm das Gespräch an: »Zwei Scheiben Salami? Scharf? Pferd – kein Problem! Ich bin in zwei Minuten bei Ihnen.« 

Sie sprang auf die Beine und schlang ein weites Tuch mit aufgedruckten Totenköpfen um ihren Kopf. 

»Lass mal Kind, ich mach das«, bestimmte Onkel Serban. »Leg du mal die Beine hoch!« 

»Aber Onkelchen! Ich bin noch gar nicht erschöpft! Den Lieferdienst habe ich doch erst heute morgen erfunden – « 

»Nichts da!« widersprach Serban energisch. »Ich bin quasi schon unterwegs!«

Er griff sich mit links und rechts hinter beide Ohren und zog jeweils eine Scheibe Salami hervor. Dann rief er »Tschü-üüs!« und machte einen Salto aus dem Fenster. 

»Na gut«, sagte Ida, »dann zock eben ich mit euch weiter. Der liebe Serban hofft doch nur darauf, dass ihm der Kunde einen Schnaps ausgibt. Was haltet ihr von einer Runde Phantom-Poker mit den Spinnen auf dem Dachboden?«


Erzähler: Carsten Striepe
Ida: Julia Gruber
Onkel Serban: Moses Wolff
Alfons: Benedikt
Emilie: Emma

Regie/Schnitt:
Lukas Münich
Titelmusik:
Andreas V. Weber

Theobald O.J. Fuchs: Haarflugzeug

Es war einer jener Träume, die sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis einprägten. Der Traum war so eindrücklich und gefühlsdurchsaftet, dass ich heute noch, zwanzig Jahre später, das Bild verlustfrei vor meinem inneren Auge dekomprimieren kann. Das Bild vom Haarflugzeug. Die beiden Flügel dieser Maschine sind komplett von Haaren bedeckt. Dickes, weiches, ungefähr schulterlanges Haar, das als Antrieb dient. Der Pilot kann das Fell in eine wellig-windende Bewegung versetzen, ähnlich wie das Wogen eines Kornfeldes oder einer jener Wiesen, wie es sie früher gab, als seltener gemäht wurde und das Gras höher wachsen durfte als erlaubt war, wenn der Wind mit dicken Backen darüber pustete. Nur dass in meinem Traum die wiegende Bewegung aus dem Inneren der Haare kommt und den Wind erzeugt, der das Flugzeug vorwärts treibt.

Der Rest des Flugzeugs ist unwahrscheinlich filigran gebaut, aus unsäglich dünnen Röhrchen, wie Getreidehalme aus Molybdänstahl, Niob oder einem vergleichbaren Zaubermetall. Der Pilot kauert in einer Glaskugel, die zwischen den Flügeln hängt, er trägt eine altmodische Ledermontur mit Lederhelm und monströser Fliegerbrille, aus deren Gläsern man Suppe löffeln könnte.

Irgendwo müsste ich noch eine Zeichnung von dem Flugzeug haben, die ich damals anfertigte, unmittelbar nachdem ich erwacht war. Erst wollte ich danach suchen, doch dann änderte ich meine Meinung. Bis ich mich durch die Stapel von losen Papieren, Notizbüchern und Kladden gewühlt und die Zeichnung mit viel Glück gefunden hätte, würden Wochen vergehen. Es ist eine der schönsten Seiten des Schreibens, dass man sich nicht an die Regeln der Wirklichkeit halten muss. Ich muss die Zeichnung nicht finden, um behaupten zu können, dass es sie gibt. Vielleicht lüge ich auch und habe sogar nach dem Fetzen Papier gesucht und ihn gefunden, aber nichts zwingt mich, das hier hinzuschreiben.

Ich frage mich natürlich, warum das Flugzeug so filigran war, und warum ich dachte, ein Büschel Haare auf dem Flügel genügte, um sich leichtenst in die Luft zu erheben. Dabei war es kein Kindertraum, keine Kindheitsidee. Als ich noch klein war, sah die Welt ganz anders aus, voller riesiger Dinge. Riesige Möbel, riesige Menschen, riesige Häuser, riesige Flugzeuge. Und alle Menschen hatten schrecklich lange Haare, so lange, dass man sich aus einem einzelnen Haar und den vier Beinen des Küchentisches eine Flechthütte basteln konnte.

Doch dann wuchs ich und wurde selbst größer, während die Dinge kleiner wurden. Irgendwann musste ich nicht mehr aufs Sofa klettern, sondern ließ mich einfach darauf nieder. Irgendwann schwebte die Türklinke nicht mehr hoch über meinem Kopf, sondern ließ sich mit der lässig ausgestreckten Hand hinunterdrücken. Sogar das Auto war irgendwann ein Ding, das auch ich steuern durfte, weil ich übers Lenkrad schauen konnte.

Nicht lange danach jedoch wurden die Dinge wieder größer, und zwar in Wirklichkeit. Die Häuser, die Flugzeuge, die Möbel – alles wurde immer größer und wird auch heute noch jeden Tag größer. Die Teller und Tassen im Gasthaus sind jetzt größer, die Jacken und Hosen sind größer, die Menschen selbst werden immer dicker und größer. So wie die Autos, die Fernsehapparate, die Katzen, die Turnschuhe, die Brillengestelle. Das ist der Kapitalismus, der muss ständig wachsen, sonst geht es ihm schlecht.

Für mich ist der Kapitalismus wie ein kleiner Hund, den du in dein Haus aufnimmst. Du fütterst den keinen süßen Kerl sorgfältig und liebevoll und er wächst und gedeiht, aber dann will er nicht mehr aufhören zu wachsen. Er wird größer und größer bis er das ganze Haus vom Keller bis unters Dach ausfüllt. So fest ist er da hinein gequetscht, dass da in keiner Spalte mehr Luft ist, kein leerer Winkel, kein heimlicher Hohlraum mehr übrig bleibt. Die Augen des Hundes drückt es aus den beiden Fenstern im ersten Stock, sie quellen aus den Fenstern und aus dem Kopf hinaus, dann explodiert der Hund. So ist der Kapitalismus. Er kann nicht aufhören zu wachsen, bis er explodiert. Das Haus ist danach natürlich kaputt.

Nur Haare, die müssten irgendwann aufhören zu wachsen. Weil sie nicht explodieren können. Sie sterben einfach und schweben ganz sanft auf die Erde.

Theobald O.J. Fuchs: Magie

Wir fahren alle Schritt, Kinder winken freundlichen Fahrern zu, freundliche Fahrer lächeln, die Sonne scheint, alle haben Lust auf ein Eis.
Zauberhafte Raststättenwelt. Vier Euro für einen Espresso sind nicht zu viel verlangt, in der Kapelle kann man so herrlich zur Ruhe kommen. Gymnastik ist wichtig, keine Minute davon ist vergeudete Zeit.
Die schöne Plastikrutsche, voll bunt, toll für die Kinder. Schade dass sie nicht ins Auto passt.
Niemand ist zu laut, niemand zu schnell, wir stehen gerne an, hier ist auch kein Bargeld notwendig. Hier macht das Leben eine Pause, legt sogar die Hektik die Füße hoch. Wir alle machen jetzt eine schöne Pause.
Ein schwarzer Opa macht die Klos sauber, er hat das große Los gezogen, global gesehen. Ich krieg einen exklusiven Sanifair-Bon, mit dem ich tolle Angebote kaufen kann. Die gibt’s nur hier, exklusiv für uns, die Pisser, die beim Pissen Werbung auf einem kleinen Monitor über der Pissmuschel schauen dürfen, alles wohlverdient. Nur 70 Cent fürs Pissen, davon bekomme ich sogar 50 wieder zurück, geil!
Ein Teller Nudeln, ein kleines Bier für die Großen, für das Kind ein Deutschlandtier aus Stoff.
Alle sind glücklich, auch die Menschen, die hier arbeiten dürfen, weil strukturschwache Gegend. Nur Windräder außen ringsherum, und als extra Plus dürfen die Angestellten auf einem Waldweg zur Raststätte fahren. Einfach rein, Unbefugte verboten. Was für ein Privileg!
Deswegen lächeln sie alle und sind hellwach beim Bedienen, beim Mich-bedienen, früh um halb vier neben der Autobahn. Davon haben sie früher alle geträumt und jetzt ist es wahr geworden.
So wie wenn die Fee wem einen Wunsch erfüllt. Irgendwie magisch und so.

Theobald O.J. Fuchs: Ekstase

Wir standen unter dem großen Thermometer, das einer Siegessäule gleichend wie in jeder anderen Stadt auf der Erde mitten auf dem Marktplatz errichtet war.
Ein Raunen ging durch die Menge, als der Bürgermeister endlich anfing, rückwärts zu
zählen. Die Menschen hatten stundenlang, tagelang geduldig in der schattenlosen Hitze ausgeharrt, splitternackt, schweißüberströmt, Tücher und Schirme über die Köpfe haltend.
»Zehn, neun, acht«, klirrte die Stimme aus dem blechernen Trichter.
Die Spannung wurde unerträglich, der Menschengestank gerann zu Flocken wie Milch wenn du Zitronensaft hinein tropfst. Sogar die Mücken, die wie eine graue Wolke über dem Platz schwebten, schienen den Atem anzuhalten.
»Drei, zwei, eins…«
Dann war es soweit. Die rote Flüssigkeit, die in dem gläsernen Zylinder mehrere
Stockwerke hoch stand, fing an zu flimmern.
Die obere Kante, die auf der Skala bis zur 55-Gradmarke reichte, wackelte. Dann sank zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Temperatur.
Der Trick, den sich die Wissenschaftler in letzter Sekunde ausgedacht hatten, funktionierte: die Welt war gerettet.
Wir brüllen und tanzten, schrien, lachten, sprangen und weinten.
Freude grenzenlos, Ekstase total.
Nach einer Viertelstunde sagte dann der erste: »Mir wird’s langsam zu kalt.«

Theobald O.J. Fuchs: Waldlagebericht

Während die Lage bei den Räubern seit Jahren stabil ist, stellen die Jäger für Anlieger wie Forstwirte unvermindert ein ernstes Problem dar. Insbesondere zur Balzzeit im Frühjahr durchbrechen immer wieder einzelne Exemplare den Jägerschutzzaun und durchwühlen Schuppen, Garagen und Altglascontainer nach Schnapsresten und Baumaterialien für den rituellen Hochstand. Eine vertrauliche Studie des Ministeriums für Bildungsbürger, Illusionisten und Märchen prognostiziert, dass alleine in Süddeutschland jährlich ein Schaden von neun Festmillimetern entsteht. Eine beachtliche Menge Unterholz also.
Die Dunkelziffern sind hoch wie nie, weil sich viele Geschädigte aus Scham oder auf Grund von tödlichen Verletzungen weigern, bei der Polizei Meldung zu erstatten. Die Waldforschung steckt tiefer denn je in der demoskopischen Krise, so dass allen Anstrengungen zum Trotz bis heute nicht zuverlässig ermittelt wurde, wie viele Jäger genau sich in deutschen Forsten versteckt halten. Mehr als ein Drittel aller bayerischen Wälder sind schlechter erforscht als die Rückseite des Mondes, wie der Städte- und Gebrüder-Grimm-Tag alljährlich anprangert.
Die Population der Frauenmörder scheint sich hingegen auf einem niedrigen Niveau eingependelt zu haben. Stand vor 20 Jahren noch hinter jedem zweiten Baum ein Sexualstraftäter, der nach Einbruch der Dunkelheit auf alleine im Wald spazierende Frauen wartete, so dürfte es heute schätzungsweise nur hinter einem von zehn sein. Experten sind sich weitestgehend darin einig, dass sich die meisten  Sittlichkeitsverbrecher schlicht gegenseitig umbrachten. Irrtümlich freilich, wie das in überbevölkerten Habitaten des Öfteren vorkommt.
Als angespannt, wenn nicht kritisch gilt nach wie vor die Situation bei den Werwölfen. Zahlreiche Berichte über Schwarzschlachtungen wurden zwar bisher in keinem einzigen Fall offiziell bestätigt. Andererseits liegen die Zeugenaussagen verschiedener Rehe und Wildschweine vor, die nur knapp dem Angriff eines verwilderten Werwolfs entkommen konnten. Hierbei kann die Beurteilung der Lage nicht unabhängig vom Hexen-Vorkommen geschehen. Als natürliche Kulturfolger sind Untote, Wiedergänger und andere Teufelsbündprinzipiell im Umfeld von Hexen-Populationen zu finden, die wiederum schon vor Jahren von der UNESCO auf die rote Liste des aussterbenden Schauermärchenpersonals gesetzt wurden.
Doch es gibt auch gute Nachrichten: unabhängig voneinander ist es den Schutzverbänden im Sächsischen Ostzaubererzgebirge als auch im tiefen, tiefen Bayerischen Wald gelungen, Zigeuner-Sippen erfolgreich auszuwildern. Gerade bei den Sommertouristen ist die Beobachtung eines Lagers des »fahrenden Volkes« tief im Wald während der frühen Abendstunden, das sogenannte »gypsy watching« zur beliebten Attraktion avanciert. So gibt es mittlerweile diverse Anbieter, die mit Dämmertouren und garantierter Sichtung eines Stammeshäuptlings werben. Prospekte zeigen unscharfe, mit Restlichtverstärker geschossene Aufnahmen, auf denen jüngere Männchen und Weibchen in scheinbar grünlichen, vermutlich aber farbenfrohen Kostümen um ein Lagerfeuer tanzen. Vereinzelt werde selbst Wahrsagerei wieder in der freien Wildbahn beobachtet. Der sächsische Landesverband für Mittelalterpflege erklärte, dieser Erfolg sei ein ermutigendes Zeichen für die in nächster Zeit geplante Wiederansiedlung des gemeinen Gauklers, des trügerischen Quacksalbers, des Landsknechts sowie des nostalgischen Zonengrenzsoldaten.
Doch abgesehen von diesen sicherlich beachtlichen Fortschritten, herrscht insgesamt die Besorgnis vor, dass spätestens unsere Enkel keine Chance mehr haben werden, im Deutschen Wald ordentlich ausgeraubt, verhext oder erschossen zu werden. Es fehle, so der Sprecher des Landesverbandes, nach wie vor der politische Wille, ausreichend Kinder im finsteren Wald auszusetzen. Dies würde, wie auch in ähnlich gearteten Fällen, stets mit begrenzten personellen Ressourcen begründet. Alleine im Landesbezirk Oberpfalz, der für den bayerischen Wald diesseits der tschechischen Grenze verantwortlich ist, sind seit Jahren gut ein Dutzend Planstellen für böse Schwiegermütter unbesetzt, lediglich ein buckliger Eremit, ein Däumling und zwei Gnome sind für das gesamte Gebiet zuständig. Der Dämon »Nachwuchsmangel« schlägt auch hier gnadenlos zu. Die alte Weisheit, dass, was das Teufelchen nicht lernt, auch der Satan nimmermehr lernt, ist unverändert gültig. Als weitere Ursache nennen die Experten einstimmig den besorgniserregenden Rückgang verarmter Holzfällerfamilien mit Stiefmutterhintergrund.
Eine Stellungnahme des Bundesverbandes der Gehenkten zum Thema nachhaltiger Ansiedlung von Gespenstern lag bis Redaktionsschluss leider nicht vor. Die Geschäftsstelle des BdG ist derzeit wegen eines Trauerfalls vorübergehend nicht besetzt. Eventuell aber auch bis in alle Ewigkeit.

Theobald O.J. Fuchs: Noisette

Noisette mochte ich ehrlich gesagt noch nie. Wozu man Schokolade mit Nüssen streckt leuchtet mir überhaupt nicht ein. Das muss so ein Nachkriegseffekt sein, als man Sägespäne ins Brot und Eicheln in den Kaffee mischte. Als ob es heute noch bei der Hofpfisterei ein Brot namens »Dreispan-Gesundheits-Holzbrot« gäbe. Oder beim ebl »Kaffichel – die Köstlichkeit aus dem Thüringer Wald nach Großmutters Original-Rezept«. Nutella geht ja schon gar nicht, wegen Anbaugebieten und Regenwaldabholzung. Dann maximal Nusspli, aber echt nur in höchster Not, wenn man kurz vorm Koma im Unter-Kakao steckt. Aber auch das nicht wirklich. Ausnahme: Nougat-Schokolade. Die mag ich manchmal sogar. Besser freilich in Form von Pralinés, da würde ich die nicht von der Tischkante schubsen. Aber Noisette – ne, das ist einfach nur doof. Das ist wie Bier ohne Alkohol, das ist Früchtetee und Ersatzkäse, das ist eklig. In echter Schokolade, in einer mit Brusthaaren, da sind keine Nüsse drin, da ist Kakao drin, so viel Kakao wie möglich, am besten 100% Kakao und sonst nix, und die Tafel ist schwarz wie die Nacht. Sonst würden die Cieneasten ja auch von »Film-Noisette« sprechen und nicht von … o, scheiße. Noir. Noir war das Thema gewesen und nicht Noisette. Mist. Verwechsel ich ständig: Noisette, Noir. Zu spät jetzt, oder …?