Michael Schmidt: Wuiser und die Legenden

„Also, ich weiß nicht. Diese Heiligen, das sind schon lauter seltsame Leut. Kennen Sie einen Heiligen? Ich meine, persönlich? Nein? Dumme Frage auch von mir. Weil Heilige, denen sieht man’s zu Lebzeiten auch gar nicht an, dass sie welche sind. Die werden ja erst dann heiliggesprochen, wenn sie schon lang tot sind. Trotzdem denk ich mir, kann’s ja sein, dass man schon mal einem begegnet ist, hier im Bus herinnen oder in der Sauna oder im Wirtshaus und so weiter. Anmerken tut man es ihnen halt nicht unmittelbar. Und einen Heiligenschein, den kriegen sie auch erst nachher. Als Voraussetzung, dass man ein Heiliger werden kann, muss man ja erst einmal ein paar Wunder gewirkt haben. Nachweislich! So wie der Herr Hämmlein zum Beispiel. Der studiert mittlerweile schon seit 26 Semester, und trotzdem studiert er allweil noch und kommt darum auch immer wieder dem Arbeitsamt aus. Dass der das überhaupt schafft, ist für uns alle ein Rätsel. Und dass er in seinem Alter dann auch noch fünf Nächte pro Woche durchmachen kann, grenzt schon an ein Wunder. Dass der das überhaupt so aushält, mein ich! Ist ja nicht normal. Schon fast übermenschlich! Nach 23 Semester allweil noch studieren, das ist ja schon extrem, aber nach 26! Also, wenn dem das nicht mal als ein Wunder ausgelegt wird, würd mich das tatsächlich wundern. Ein anderes Wunder, von dem auch eine Legende umgeht, ist das von dem einen Vorfahr da vom Professor Wuiser. Dem ist eines Tags einmal ein Zweig aus dem Hirn gewachsen. Wie von einem Zwetschgenbaum so einer. Ja! Tatsache! Kommt in der Früh so auf und denkt sich: Mensch, was hab ich denn da am Hirn oben! Hab ich mich da gestern im Rausch etwa noch wo angerannt? Nein, weil wie er da dann so abtastet, stellt sich heraus, dass da ein Zwetschgenzweig aus seinem Hirn rauskommt. Der hat dann natürlich gleich die volle Panik gekriegt, aber mit der Zeit kann man sich ja bekanntlich an alles gewöhnen. Noch dazu, weil ihm der Pfarrer gesagt hat, dass das halt ein Wunder ist und für Wunder nichts Seltenes, dass einem da oder dort wo was rauswächst, mit dem man gar nicht gerechnet hat. Und der Vorfahr vom Herrn Wuiser hat dann halt damit gelebt. Hat recht bald sogar die Vorteile da gesehen und von den Leuten Geld bekommen, damit sie ihn sehen und dieses Wunder anbeten dürfen. Und wie der Zwetschgenzweig auch noch getragen hat, hat er daraus einen Schnaps gemacht und auch den verkauft. Ist reich geworden damit! Und darum geht noch heut die Legende vom Wunder-Wuiser um. Nur der Professor Wuiser selbst, der winkt nur immer wieder ab, wenn wir drauf zu sprechen kommen. Der glaubt nicht an das Zeug, sagt er immer wieder. Außerdem glaubt der eh gar nichts. Der glaubt ja nicht einmal, dass der Herrgott damals barfuß übers Wasser gegangen ist.“

Margit Heumann: Vom Sautreiben

Pass auf, wenn du eine Sau im Stall hast. Sie braucht ein weiches Bett aus Stroh, will gefüttert, gestriegelt und gestreichelt sein. Und halte sie von fremden Sauen fern, sie könnten sie mit Krankheitserregern infizieren. Du sieht, Ihr Wachsen und Gedeihen erfordert deine ganze Aufmerksamkeit und jede Menge Lernbereitschaft, denn deine Nachbarn werden dich mit guten Ratschlägen über Futterqualität, Antibiotika, Wachstumshormone überhäufen, die Nachbarn haben das alles schon hinter sich und angeblich beste Erfolge damit erzielt. Am Ende hast du alles ausprobiert und weißt nicht mehr, was deiner Sau gut getan und was ihr geschadet hat und fürchtest schon, dass sie eines viel zu frühen Todes stirbt.

Sei vorsichtig, wenn du Sauen anderer Züchter bewertest. Studiere zuerst die gängigen Zuchtziele, lerne alles über Ertrag und Fleischqualität, bevor du über Fruchtbarkeit, Krankheitsresistenz, Stresstoleranz und Magerfleischanteil schwadronierst. Wundere dich nicht, wenn deine Ansichten belächelt, ja als unqualifiziert abgetan werden, weil Einigkeit darüber herrscht, dass es dir nicht ansteht, das Maul soweit aufzureißen.  

Gib acht, wenn du deine Sau auf den Markt treibst. Du musst damit rechnen, dass man dir deine schöne Sau neidet, den Erfolg missgönnt, dass es ein Spießrutenlaufen wird, es hagelt Hiebe von allen Seiten und du kannst noch von Glück sagen, wenn es nur Ruten sind und keine Schwerter, die deine Sau in Stücke hacken, bis sie faschiert im Dreck der öffentlichen Missgunst liegt. Da kannst du nur den Kopf einziehen, dich ducken und so schnell wie möglich in den Stall zurückrudern.

Und du hast wieder etwas gelernt: Wenn nächstes Mal eine Sau durchs Dorf getrieben wird, wirst du unbedingt zu denen gehören, die Spalier stehen und Ruten haben.

Sabrina Marzell: Legenden

Ihre Nase blutet schon wieder. Vergiss nicht zu spucken und schau dir die Wolken an. Ich wühle so lange im roten Sand nach deinem Zahn.  Der Boden zieht mich an 


Die Fliegengittertüre schnalzt. Jemand zerhackt Kreide. Als ich in die Chipstüte greife, klatscht Steffi´s Hand in mein Gesicht. Sie wird mit dem Schimmelreiter untergehen 


Im Schatten der Reben. Der größte Idiot im ganzen Viertel zündet gerade die Parkbank an. Seitdem teilen wir uns zweieinhalb Quadratmeter Balkon 


Mein erster Bezug zur Form ergab sich aus dem formen von Matschfiguren. Meine Brust pochte und ich schüttelte den Kopf, als ich die übrig gebliebenen Körperteile (kleine Zweige) in der Pfütze liegen sah 

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Ungläubig verließ ich den Ort

Blumenleere: wie fremde federn schmuecken

mit der urbanisierung verlagerte sich das diffuse feld der legendenbildung, irgendwann, zusehends gen metropole – &, selbstverstaendlich, auch kleinere konglomerationen anthropogener siedlungseinheiten. setting, im weitesten sinne, dennoch: der ambivalente groszstadtdschungel – eine virtuelle welt fuer sich, ein layer ueber der per se neutralen – eventuell gar ein wenig fade anmutenden – realitaet scheinbar rational durcheinandergewuerfelter baukomplexe. indes, keine einsamen held:inn:en, die umherstreifen & sich mit dubiosen abenteuern herumschlagen – naja, eigentlich durchaus, allerdings ruhe der schwerpunkt mittlerweile eher auf dem absurden, dem eindringen eines vornehmlich dem aberwitz huldigenden mythos in die allzu kalkulierten architekturen unseres auf engstem raum zusammengepressten miteinander lebens – &, leben muessens, weil viele kaum vor einer wahlmoeglichkeit stehen oder es anders nie kennengelernt haben. & da uns nahezu alles, was uns blosz tendenziell an klassische gut-boese-konflike erinnert, ein unangenehmes gefuehl erzeugt – pfui, pathos, pfui! –, laben wir uns nun lieber an vermeintlich seltsamen begebenheiten, die zwar irgendwie stattfinden haetten koennen, doch unser empfinden fuer plausibilitaet auf eine schwierige probe – das selbige dadurch neukalibrierende – probe stellen: die obskuren initiationsriten der zivilisierten wilden, stattfindend im rahmen heimeliger – eine melange aus heimlichkeit & vertrauen? – schwafelrunden, wo voellig an den haaren herbeigezogene beziehungsgeflechte erichtet werden: habt ihr schon gehoert, der/die/das, meiner/meines/meines, deren/dessen/dessen, die/der/das, wiederum …?

Margit Heumann: Mahlzeit!

Der Wirt der Stadtschenke am Tiergärtner Tor stellt den Kupferkessel mit der fränkischen Bierbowle zwischen die bauchigen Glastassen auf der Theke.

„So! Alles fertig für die Firmenfeier des Frankenfernsehens.“ Noch ein kritischer Blick über die gedeckte Tafel, die Reihe hochglanzpolierter Speisenwärmer mit dem warmen Buffet und den Desserttisch am Ende. „Fehlt nur noch das Personal“, murmelt er und verlässt den Saal, um seine Angestellten auf Trab zu bringen.

Ein abgrundtiefer Seufzer durchbricht die Stille.

„In was für Zeiten leben wir eigentlich?“, jammert der Kloß und rotiert empört um seine eigene Achse. „Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke, wie man mich aus dem Tiefkühlschrank direkt ins kochende Wasser geworfen hat. Ein Schock! Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht.“

„Die Köche sind nicht mehr das, was sie mal waren“, pflichtet ihm das Schnitzel bei. „Früher wurde ich in Butterschmalz in der Pfanne herausgebacken, jetzt lässt man mich einfach in die Fritteuse fallen und im Öl ertrinken. Und wenn ich noch lange hier herumliege, ist es mit meiner Knusprigkeit auch vorbei.“

„Wem sagen Sie das?“, stöhnt der Kartoffelstopfer. „Die Kochkultur ist ausgestorben. Ich werde aus dem Päckchen zusammengerührt und bin nur noch ein geschmackloser Einheitsbrei.“

„Geht mir auch nicht viel besser“, blubbert die Hochzeitssuppe und blinzelt ärgerlich über den Rand des Suppentopfs. „Sieben verschiedene Einlagen, die es braucht um Glück zu bringen, habe ich schon lange nicht mehr und meine Fettaugen werden auch immer weniger.“

„An mir ist das gottseidank so ziemlich vorbeigegangen. Ich bin nach wie vor konkurrenzlos die Nummer Eins“, brüstet sich das Schäufele. „Allerdings wird meine Herkunft weniger fett gemästet als früher. Und das Beste an mir, meine knusprig gebratene Oberhaut, bleibt so und so oft auf dem Teller liegen.“

„Wenn’s nur das wäre!“, beschwert sich der Gurkensalat. „Mit dem Schlankheitswahn ist mir der Sauerrahm fast komplett abhanden gekommen, seit neuestem muss ich mich mit Magerjoghurt zufriedengeben. Magerjoghurt, ich bitte Sie! Da muss das Aroma ja auf der Strecke bleiben, wo doch jeder weiß, dass Fett der beste Geschmacksträger ist.“

„Kalorien sparen um jeden Preis, das ist leider der Zeitgeschmack“, erklärt der Karpfen. „Was glauben Sie, gegen wie viele Nebenbuhler ich heutzutage anstinken muss? Aber ich behaupte meinen Platz, das schwöre ich.“ Er reckt die frittierten Flossen so weit wie möglich über den Plattenrand.

„Rücken Sie mir bloß nicht auf die Pelle“, ärgert sich die Rostbratwurst. „Ich unterliege einem strengen Reinheitsgebot und Fischgeruch verdirbt meinen Charakter.“ Angeekelt wendet sie sich ab.

„Wie kann man nur so eingebildet sein“, näselt der Wirsing daneben. „So wie Sie riechen, weiß doch keiner, mit wie vielen chemischen Zusatzstoffen Sie versetzt sind.“

„Das sagt der richtige“, gibt die Wurst erbost zurück. „Sie duften auch nicht gerade nach Veilchen!“

„Aber ich bin pürierte Natur pur“, prahlt das fränkische Gemüse selbstbewusst. „In dieser Hinsicht habe ich mir nichts vorzuwerfen.“

„Das mag ja sein“, tönt es aus der Kristallschüssel am Ende des Buffets, „aber Ihre Konsistenz ist sogar für Blinde und Zahnlose eine Zumutung, graugrün und matschig, wie Sie daherkommen. Ich dagegen …“ Der Obstsalat präsentiert sich in seiner ganzen knackigen Buntheit und setzt noch eins drauf: „Und Ihre Vitamine sind auch im Eimer, so lange wie Sie vor sich hin köcheln.“

„Das ist nicht meine Schuld“, rechtfertigt sich der Wirsing, „sondern …“

„Psst!“, zischt die Bierbowle und unterdrückt einen Hickser. „Sie kommen!“

Die Tür geht auf und das Personal nimmt Aufstellung, gefolgt von den Gästen. Mit „Ah“ und „Oh!“ und „Mmmh!“ wird das Buffet gestürmt.

(aus Margit Heumann: Ein schräger Blick auf Nürnberg)

Michael Schmidt: Prof. Wüirzer und das Kochen

Aus der Chronik „Gesta Professorum Wuiser“.

Anatol Xerophil Wüirzer

*1656 in Haderfleck, + 1723 in Canterbury, England.

Frühe Beschäftigung mit den Schwarzen Kochkünsten. Lehre zum Rübenschäler und Fledermausrupfer in der Garküche des berüchtigten Topfpressers Alphonso Calceusbeckus.
Anschließend unstetes Leben als Feldkoch im Gefolge von Eugen Franz Prinz von Savoyen-Carignan im Rang eines Untergulaschkanoniers.

Von Wüirzers Wirken zu dieser Zeit zeugt das Volkslied „Prinz Eugen, der arme Ritter“. Nach einer offenen Feldküchenschlacht mit sieben Verwundeten und fünfzehn Toten Degradierung und unehrenhafte Entlassung.

1699: Flucht nach England. Dort erwarb sich Wüirzer innerhalb kürzester Zeit den Ruf eines raffinierten Gaumenkünstlers, was ihm ein Engagement am Hof Wilhelms III. einbrachte.
1704: Ernennung zum Coctor honoris causa.
1711: Professor horroris cucinae. Gilt heute als inoffizieller Begründer der modernen britischen Küche.
1720: Erfinder des Invertebraten-Bratens in pochieter Brechwurz. Davon der landläufige Beiname: „Wüirzer, der Brechwürzer“.
1722: Ritterschlag.
1723: Tod auf dem Scheiterhaufen wegen gotteslästerlicher Zubereitung einer königlichen Pastete. Bestattet in Schrantzenloch, Bayern [abgegangen]. Vom Volksmund überliefert ist die Epitaph-Inschrift:

„Katzenkraut und Sauerampfer,
Kren, Rhabarber, Hafenöl,
Saturon, Marrubium,
Kochte Wüirzer Anatöl.
Urtica diocia

Und dazu drei Schüsschen Essig,
Die er schoß aus der Pistol,
Garantierten ihm die Treffer
Zu Verderben und Unwohl.

Molche, Katzen, Fledermäuschen,
Nattern, Fliegen, fette Protzen
In den Kessel mit Filzläuschen.
Mancher Magen musste ko[nzis verzichten].

Wüirzer, jetzt ist’s ausgustiert!
Von ihm blieben bloß Gerüche.
Mit viel Schwefel mariniert
Kocht er nun in Teufels Küche.“

Michael Schmidt: Wuiser und Wohnen

So ein Philosoph hat mal gesagt: „Ich denke, also bin ich.“ Und das hat auch gestimmt, weil wie wir heute wissen, hat’s ihn tatsächlich gegeben, diesen Philosophen. Allerdings müsst man heut viel eher sagen: „Ich wohne, also bin ich.“ Weil ohne das Wohnen ist alles nichts. Zumindest nichts Gescheites. Und damit man heut überhaupt noch wohnen kann oder zum Wohnen kommt, gehört sich schon was dazu. Die Frau Drangsaler von drüben zum Beispiel, die hat aus ihrer Wohnung raus müssen, weil die einen Eigenbedarf gehabt haben. Der Bub von denen hat nämlich endlich sein Jura-Examen bestanden gehabt, ausgerechnet im Mietrecht, und hat deswegen unbedingt eine erste Kanzlei gebraucht, dort, wo die Drangsalerin drin gewohnt hat. Da hat sie wegziehen müssen. Wo sie hin ist, das weiß ich nicht. Wahrscheinlich haben sie sie eh gleich ins Altenheim rein. Dass sich die das Wohnen anderweitig nicht mehr anfängt, hat sich eh ein jeder denken können. 

Ein anderer Spruch, der geht so: „My Home is my Castle.“ „Mein Heim ist meine Burg“. Und auch das stimmt! Weil eine Burg muss man verteidigen, sonst wär sie ja keine, sondern bloß ein Haus oder eine Wohnung, je nachdem. Das gilt nicht bloß bei Leuten, die Eigenbedarf anmelden wie Hauseigentümer oder ihre Buben mit Staatsexamen. Wahrhaftig nicht! Derzeit kann man‘s ja wieder laufend in der Zeitung lesen, dass sie da eingebrochen haben oder dort. Und bei uns ja auch! Beim Professor Wuiser zum Beispiel waren schon mehrfach die Einbrecher drin. Letztes Mal auch wieder! In seine Zwölfquadratmeterwohnung, im sechsten Stock oben! Und haben – natürlich – schon wieder nichts Brauchbares gefunden. Nicht einmal im Kühlschrank! Da haben sie den halt einfach ausgestreckt und durch‘s Stiegenhaus runter. Das restliche Zeug haben sie ihm drin gelassen. Weil die Sperrmüllabfuhr sind sie halt auch wieder nicht, hat einer von ihnen noch gesagt. Haben sonst nichts brauchen können. Haben den Kühlschrank dann auf einen alten Peugeot rauf und sind davon. Die waren ganz schön fertig von der Schlepperei. Der eine hat zum anderen Einbrecher sogar noch gesagt, dass er glaubt, dass er sich dabei einen Bruch gehoben hat. Warum ich das nicht gemeldet hab? Ja, denken Sie vielleicht, ich interessiere mich für so was? Außerdem haben sie bei der Frau Nolpinger im Parterre auch noch geläutet, bevor sie wieder weg sind. Haben sogar mit ihr geredet und gesagt: „Also, wir waren ja schon in vielen Wohnungen! Aber das bei dem Professor Wuiser da oben schlägt doch glatt dem Fass den Boden aus! Ihr solltet einmal für den sammeln gehen! Auf Wiederschaun!“ Also, echt! Da könnt die Frau Nolpinger doch auch mal ein Wörtechn sagen, oder? Mich zumindest geht das nichts an. Mich geht überhaupt gar nichts was an! Oder wollen Sie, dass man mir nachsagt, ich spionier? Der Herr Wuiser hat doch eh nichts in dem Kühlschrank drin gehabt. Bis auf eine abgelaufene Packung Milch, eine H-Vollmilch. Und die war noch von 2011.“

Hanne Mausfeld: mit weitblick

wegbeamen 
unnötig
in wärme lüfteln und
in wilden wolkenwelten
voller kumulus 
wann immer wellen schlagen
liebend auf schaumkronen tanzen
auf himmelspferden gallopieren
im eigenen Kämmerchen
wohlwollend 
auch zum selbst 
das geistige lotterbett 
nicht besudeln oder
maßstab
sein lassen 
für blaue Stunden
wer weiß wo

Margit Heumann: „Therapie: Keine“

Mit dem Fahrrad durch die Stadt und alles wie immer. Eine Sekunde später alles anders: Aufgestoßene Autotür, keine Chance zu reagieren, kopfüber auf die Gegenfahrbahn, ein harter Aufschlag, Auto über mir, Bewusstlosigkeit. Notoperation, künstliches Koma, Krankenhauswochen, Reha-Monate, Therapien.

Am Ende: Körperlich wieder hergestellt, chronische Apperzeptionsstörung im Bereich Lesefähigkeit, therapieresistent.

Die Liebe meines Lebens verloren: das Lesen. Für immer. Mit brennenden Augen starre ich auf die Zeilen, zermartere mir das Gehirn. Ich sehe die Zeichen, das müssen Buchstaben sein, aber sie sind mir fremd geworden, lassen sich nicht mehr definieren, nicht zu Wörtern und Sätzen zusammenfügen. Bitter für mich Vielleser und Wortklauber. So bitter, doch nichts gegen das, was mir droht, wenn sich die Buchstaben nach und nach auf jeder Ebene verweigern.

Schon ist es soweit, dass sich meine Handschrift verabschiedet. Hat sie oder hat sie nicht? Noch gehorcht mir der Stift, malt Zeichen auf Papier, gehören sie zum Alphabet? Ich kann nicht kontrollieren, ob das Gekritzel Buchstaben sind, Sinn ergeben. Die Krakel bleiben bedeutungslos, buchstäblich nichts sagend. Wie kann ich schreiben, wo meine eigene Schrift für mich unlesbar ist?

Das Gehör kann mich nicht entschädigen. Hören ist Sprache, und Sprache sind Laut gewordene Buchstaben. Wem sie ihre Bedeutung nicht mehr erschließen, dem übermitteln sie keine Inhalte. Taubheit ergreift mich, und Stillschweigen rundherum, denn wozu, bitteschön, soll jemand mit einem Gehörlosen reden?

In Windeseile verliere ich folglich meine Sprache. Laute und Buchstaben kommen mir abhanden, lassen sich nicht mehr formen, geschweige denn mit Bedeutung versehen. Das Ende vom Lied ist Sprachlosigkeit, weil ich weder lesend noch schreibend noch hörend auftanken kann.

Mit dem Verlust der Sprache schwindet mein Denkvermögen. Keine Überlegung, keine Erkenntnis ohne Worte, alle Kopfarbeit basiert auf Buchstaben. Vielleicht, mit Glück, kann ich mich noch eine Weile in den alten, längst zu Ende gedachten Denkstrukturen tummeln. Neue Gedankengänge lassen sich nicht mehr bilden. Nur eine Frage der Zeit, wann ich das Nachdenken, das Vergleichen, das Kombinieren, das Hinterfragen und das Zweifeln verlerne. Nur eine Frage der Zeit, bis ich ohne Verstand bin.

Bleibt das Gefühl. Fühlen ist buchstabenfrei, sollte man meinen. Falsch gedacht: Nur in Worte gefasste Gefühle sind echte Gefühle. Reflexion unterscheidet den Menschen vom Tier. Ohne Reflexion vegetiere ich rein triebgesteuert dahin, nicht wissend, bin ich oder bin ich nicht. Schrecklicher Gedanke. Und doch: Wie ein Tier sein – welche Gnade wäre das! Denn mir schwant Fürchterliches: Eine dumpfe Ahnung von Denken, Sprechen, Hören, Schreiben, Lesen wird bleiben, und diese dumpfe Ahnung von ehemaligem Menschsein wird mich in den Wahnsinn treiben. Therapie: Keine.