Janika Wehmann: Unglück

Warum heißt Unglück „kein Glück“, Unschlitt aber nicht „kein Schlitt“, sondern Talg/Tierfett? Könnte man das Bedeutungsprinzip nicht tauschen? Ich benenne dich, Unschlitt, um in „nicht vegan“ und dafür gibst du mir mein Glück zurück? Nein, ein unzumutbares Angebot? Na gut.

Das Unglück kann man auch anders umschreiben: Strafe, Pech, Chaos. Das klingt leider immer noch leidvoll, negativ und unglücklich.

Wie wäre es hiermit: das Unglück im Sinne von besonderen Umständen, Kraft der Natur, Leben im Moment.

Dann ist ein Unglück, wenn es lebensweltbezogenen Unterricht auf der Straße gibt (weil das Klassenzimmer wegen eines Wasserschadens nicht betreten werden darf).

Dann sind majestätische und glitzernde Wellen ein Unglück (weil sie von einem Tsunami ausgelöst wurden).

Dann ist das aufmerksame Betrachten des Löwenzahns, der sich aus dem Asphalt bahnt, ein Unglück (weil man zu spät merkt, dass einem gerade ein abgeschossenes Raketenteil auf den Kopf fällt).

Alles halb so schlimm also? Mit der Macht der Worte das Unheil unsichtbar machen? Wir wissen ja, was es in der Sprache nicht gibt, das gibt es auch im echten Leben nicht.

Ach herrje, vor lauter Sinnieren habe ich das Glas umgeworfen und das Wasser hat sich über meinen Unglückstext ergossen. So ein Malheur. Das kam ungeheuer unerwartet. Denn die (ungelungene) Pointe bleibt nun ungelesen. So ein Glück

Bastian Kienitz: SOL

im Augenblick zählt das Licht, die Sekunden
verlangsamen sich auf dem Flächenquadrat
in einem Raum zu dem Raum voller Größe
den deine Augen schlussendlich erfassen

hier rückt das Bild von dir selbst in das nächste
gekritzelte Stück deiner Schaffenskraft
wo deine Sonne kein Licht mehr benötigt
bist du bereits bei dir selbst und ganz nackt

für das gefrorene Meer, das von außen
setzt du den Fluss in Natté weiter ab
und mischst den Malstift zum Grau dieser Wüste

die uns umringt, jetzt wirkst du sentimental
und klopfst an die Tür, der Tür deines Herzens
mit dem du fliegst, wenn du losgelöst bist

Bastian Kienitz: Zimmer in New York

er liest, sie klimpert lautlos Farben, sieht
die leisen Töne auf der Tastatur
es fühlt sich fast gelangweilt an und nur
ihr Herz schwingt nah am Flügel, denn es fliegt

soweit das Auge reichen kann. er liest
gebannt im Sonntagsblatt, schaut auf die Uhr
und sagt beiläufig, sicher, yes and sure
wenn er die Grafiken der Börse sieht

sie träumt sich seufz, er soll mich hier und jetzt
auf diesem Stuhl oder dem Tisch, zerfetzt
entweder schnell das Kleid, das Zeitungsblatt

ich bin es leid, ich habe ihn so satt
wenn er nicht gleich auf meinen Tasten spielt
zumindest aufblickt und mein Kleid ansieht…