Lea Schlenker: Im Internet

Du hast etwas gesagt
im Internet
was ich dir nicht glaube
das wäre ja der Wahnsinn
würde das stimmen
Ich werde jetzt also kommen
um dich zu jagen

Ich möchte einen Stempel
für die Wahrheit erfinden
und ich möchte
dass eine Lüge ein bisschen was kostet
dass jedes Mal, wenn jemand etwas
zweideutiges sagt
irgendwo am Straßenrand
eine reife Melone platzt

Du hast etwas gesagt
im Internet
Ich akzeptiere deine Meinung
aber du liegst falsch
es stimmt gar nicht
dass im Winter
Aprikosensaison ist
und Tintenfische das doppelte
wie ein Mensch wiegen
das Meer ist salzig
und die Erde ebenso

Überall auf der Welt
sickerte in den Böden der Straßen der Städte
schon Blut durch
dass nun vertrocknet unter den Tramlinien steckt
Blut von Menschen wie du und ich
die die Zeitungen studieren
aber den Worten nicht glauben

Wir können jetzt dieses Gedicht lesen
und anfangen die Wahrheit zu glauben
anfangen die Wahrheit zu verstehen
oder zumindest die Lügen zu erkennen

Janika Wehmann: Unglück

Warum heißt Unglück „kein Glück“, Unschlitt aber nicht „kein Schlitt“, sondern Talg/Tierfett? Könnte man das Bedeutungsprinzip nicht tauschen? Ich benenne dich, Unschlitt, um in „nicht vegan“ und dafür gibst du mir mein Glück zurück? Nein, ein unzumutbares Angebot? Na gut.

Das Unglück kann man auch anders umschreiben: Strafe, Pech, Chaos. Das klingt leider immer noch leidvoll, negativ und unglücklich.

Wie wäre es hiermit: das Unglück im Sinne von besonderen Umständen, Kraft der Natur, Leben im Moment.

Dann ist ein Unglück, wenn es lebensweltbezogenen Unterricht auf der Straße gibt (weil das Klassenzimmer wegen eines Wasserschadens nicht betreten werden darf).

Dann sind majestätische und glitzernde Wellen ein Unglück (weil sie von einem Tsunami ausgelöst wurden).

Dann ist das aufmerksame Betrachten des Löwenzahns, der sich aus dem Asphalt bahnt, ein Unglück (weil man zu spät merkt, dass einem gerade ein abgeschossenes Raketenteil auf den Kopf fällt).

Alles halb so schlimm also? Mit der Macht der Worte das Unheil unsichtbar machen? Wir wissen ja, was es in der Sprache nicht gibt, das gibt es auch im echten Leben nicht.

Ach herrje, vor lauter Sinnieren habe ich das Glas umgeworfen und das Wasser hat sich über meinen Unglückstext ergossen. So ein Malheur. Das kam ungeheuer unerwartet. Denn die (ungelungene) Pointe bleibt nun ungelesen. So ein Glück

Bastian Kienitz: SOL

im Augenblick zählt das Licht, die Sekunden
verlangsamen sich auf dem Flächenquadrat
in einem Raum zu dem Raum voller Größe
den deine Augen schlussendlich erfassen

hier rückt das Bild von dir selbst in das nächste
gekritzelte Stück deiner Schaffenskraft
wo deine Sonne kein Licht mehr benötigt
bist du bereits bei dir selbst und ganz nackt

für das gefrorene Meer, das von außen
setzt du den Fluss in Natté weiter ab
und mischst den Malstift zum Grau dieser Wüste

die uns umringt, jetzt wirkst du sentimental
und klopfst an die Tür, der Tür deines Herzens
mit dem du fliegst, wenn du losgelöst bist