Michael Schmidt: Wirtschaft

„Frühers hat man’s ja leichter gehabt mit der Wirtschaft. Da hat man immer gewusst: Ich kauf was und das krieg ich. Heute ist das alles viel zu kompliziert geworden. Und Sachen, die man früher gut verkaufen konnt, auf denen bleibt man heute gerne sitzen. Da haben sich schon manche dumm im Spiegel angeschaut nachher. Sind einfach nicht mit der Zeit gegangen. Haben gedacht: Was schert mich die Zeit. Aber die Zeit hat sich – im Gegenteil – nichts um sie geschert. Gar nichts. So ist das gewesen. Und so geht es immer weiter, bis sich die Menschheit einmal verabschiedet.

Auch der Herr Professor Wuiser hat das schon mal mitgemacht, so wie man einfach alles mitmacht, wenn man ein Professor ist. Der hat damals noch gesagt, dass in der Kohle die große Zukunft liegt. Hat so viel Kohle bestellt, dass keiner sie nie verheizen hat können. Und ist dann darauf sitzengeblieben. Ein ganzer Berg Kohle. Sogar in seiner Zwölfquadratmeterwohnung hat er die gehabt, einen ganzen Haufen, weil er nicht gewusst hat, wo er mit der ganzen Kohle aus soll:
Pechkohle, Braunkohle, Eßkohle, Magerkohle, Glanzkohle. Alles mögliche an Kohle.

Und wie das mit der Kohle sich dann schließlich abgezeichnet hat, hat er sich einen Stuhl genommen, seinen Denkerstuhl, wie er dazu sagt, ist damit den Kohleberg rauf, hat sich ganz oben hingesetzt und hat überlegt. Einen Tag lang und eine Nacht.

‚Nein, Wuiser, du gibst nicht auf!‘, hat er sich am Ende gedacht: ‚Ein Professor und aufgeben! Das hat’s noch nie gegeben, und du ausgerechnet wirst jetzt nicht damit anfangen!‘

Dann ist er wieder runter von dem Berg und hat sich an die Arbeit gemacht. Was er dann getan hat? Ich weiß nicht, waren Sie schon mal im Darknet drin? In diesem Darknet? Müssen Sie unbedingt auch mal reingehen. Da ist der Herr Wuiser nämlich auch seither. Weil er sich gedacht hat, so ein Haufen Kohle, wie er einen hat, passt gut zum Darknet dazu. ‚Schnell zu Kohle kommen?‘, steht auf seiner Darkbook-Seite. Aber nicht, dass Sie jetzt denken, dass er dorten die ganze Kohle verschenkt. Ist bloß ein Werbespruch. Nein, der Herr Wuiser hat es viel schlauer angestellt und hat dort eine eigene Währung gegründet.

Kennen Sie dieses Bitcoin? Ja? Weil was das Bitcoin im Internet ist, ist das Kohlecoin jetzt im Darknet drin. Eine Währung, die an der Wuiser-Kohle hängt. Währungseinheit ist ein Kohlecoin oder ‚Koincoin‘, wie man bei uns in Bayern sagt. Und zehn Koincoin sind ein ‚Wuiser‘. Und zehn ‚Wuiser‘ sind dann ein ‚Professor Wuiser-Coin‘. Und wenn man zehn ‚Professor Wuiser-Coin‘ kauft, gibt’s dann schon einen Darknet-Artikel gratis. Eine Kalaschnikow. Oder ein Pfund Koks. Oder eine Waschmaschine, die sich um ihre eigene Trommel dreht.
Sie können sich’s aussuchen.“

Michael Schmidt: Magie

– Überall sieht man sie heut wieder, diese Zauberer. In der Zeitung lest man sie, im Fernseher tun sie Wunder. Sogar in den Kirchen wird gezaubert, wird gesagt, dass man sich Warzen wegbeten oder doch zurückschrumpeln kann. Dämonen werden ausgetrieben, Pferde kuriert, Kamine gesegnet, aufdass sie nicht abbrennen oder so gefährlich für die Umwelt sein mögen. Ja, beim amerikanischen Präsidenten sitzen die Wunderkönner und segnen und besprechen und schauen die Zukunft. Dabei steht es schon bei den Propheten in der Schrift: ‚Und will die Zauberer bei dir ausrotten, dass keine Zeichendeuter bei dir bleiben sollen.‘ Und trotzdem tun sie’s alle. Und alle laufen ihnen zu und recken die Hände zum Himmel und schreien und schlagen sich selber an die hohlen Köpf. Ja, es ist schon eine finstere Zeit, wo alle diese Zauberer und Magier und Zeichendeuter wieder auf und ab gehen weit und breit. Und auf der anderen Seite? Die Wissenschaft gilt eh nichts mehr, und wenn einer sagt, dass es das und das gibt und dass das und das nicht stimmt, wird er ein Ungläubiger genannt. […] Oder dass er zum Schluss noch in die Hölle kommen tät. Dass er dafür in die Hölle kommt, wegen seinem Glauben in die Wissenschaft. Als Ungläubiger. […] Der Professor Wuiser hat auch gesagt, dass er sich heutzutage deswegen fürchten muss. Und dass er genau aufpasst, wen er was von seiner Wissenschaft erzählt. Am Ende nämlich könnt es gar ein Zauberer sein.

– Was hat er denn dann für eine Wissenschaft?

– Wie bitte?

– Na, was für eine Wissenschaft? Der Professor Wuiser?

– Ah, jetzt! Ja, der Herr Wuiser, der ist Alchemist. Warum?

Michael Schmidt: Ekstase

„Es gibt Leute, die wissen gar nicht, was das ist, eine Ekstase. Eine Ekstase, oder wie sich das nennt, ist denen alkes andere als geläufig. Den Herrn Wuiser zum Beispiel, den kennen Sie ja, oder? Den einen Professor oben in der Zwölfquadratmeterwohnung direkt unterm Dach. Also, ekstatisch ist der nie gewesen. Auch nicht bei seinen Kriminalfällen. Dabei sind seine Kriminalfälle allweil derart spannend gewesen, dass es den normalen Menschen wundert, dass der Professor Wuiser dabei nie ekstatisch geworden ist. Kein einziges Mal. Sogar da nicht, wie er damals mit seiner Mauser den Hund von Baskerville erschossen hat.“

„Ach, erzählen S‘ doch keinen Schmarrn! Den Hund von Baskerville erschossen! Mit der Mauser! Also, da hört sich’s ja auf!“

„Nein wirklich! Hat ihm sogar eine ganze Stange Geld gekostet, der Hund von Baskerville, nachher beim Tierpräparator!“