M.S. Bakausky: Familienspiel

Ein Abend im Kreis der Familie. Stell dir vor kurz nach Weihnachten oder so. Alle kommen zusammen. Papa Michael, Mutter Hilde. Die erwachsenen Kinder Robert und Julia. Vielleicht sind auch noch Großeltern dabei. Sagen wir Großvater Helmut. Der letzte seines Stands, der alle überlebt hat, vielleicht alle überleben wird mit seinen 103 Jahren auf dem Buckel. Sie sitzen da rum, haben gegessen und ihnen ist langweilig. Sie haben schon die üblichen Themen abgearbeitet:

Sohn Robert, was macht die Arbeit?

Tochter Julia, hast du endlich jemanden kennengelernt? Jemand festen?

Mutter Hilde, was macht deine Arthritis?

Vater Michael, was macht der Hobbykeller?

Großvater Helmut, wann müssen wir dich spätestens zurück ins Altenheim bringen?

Alles war gefragt und beantwortet worden. Wie bei jedem dieser Zusammentreffen.

Also saß man da und wusste nicht was zu tun ist. Da kam Robert auf eine Idee: »Wollen wir nicht ein Brettspiel spielen?«

Papa Michael schaut kritisch zu Mama Hilde, sie sieht so aus als würde sie sich schämen. Sie atmet tief ein und aus und lässt dann kleinlaut den Satz heraus: »Ich habe die Spiele verschenkt, an die Nachbarskinder.«

»Das waren unsere Spiele!«,jammert Robert.

Dann ist das Thema irgendwann vom Tisch und man weiß immer noch nicht was zu tun ist.

Jeder ist dankbar als Julia mit einem Vorschlag kommt: »Lasst uns ″Lügen″ spielen, dazu braucht man nichts.« Großvater Helmut beginnt eine Erzählung von seinem Urlaub auf Rügen im Alter von zwölf Jahren. Die erwachsenen Kinder schauen sich an und können sich das lachen kaum verkneifen. »Ach Opa«, sagt Julia, »Nicht Rügen, LÜGEN!« – »WAS?«, fragt er und greift sich ans Ohr. »LÜGEN!«, schreit Julia jetzt. »Ach so«, sagt der Großvater und schiebt sein Gebiss zurecht. »Und wie soll das gehen, Schwester?«, fragt Robert interessiert. »Die Regel ist einfach«, erzählt Julia, »Jeder darf so viel Lügen wie er will.«

»Und das soll Spaß machen?«, fragt Mama Hilde skeptisch. »Ich bin dabei!«, ruft Papa Michael begeistert. »Ich bin ein Papagei und lebe im Regenwald!«, sagt er. »Das ist doch albern!«, sagt Mutter Hilde. »Komm, gebt Julia eine Chance«, fordert Robert. »Ich habe euch alle sehr gerne«, sagt Opa Helmut. »Papa, du verstehst das Spiel nicht, wir sollen lügen«, stellt Vater Michael fest. »Ja und?«, fragt Opa. Die Kinder lachen. »Ich habe einen Mann kennengelernt, wir werden bald heiraten«, sagt Julia. »Das ist schön, wie sieht es mit Urenkeln aus?«, fragt Opa. »Ich bin schwanger. Bald werde ich meine Leidenschaft für die Innenarchitektur aufgeben und mich nur noch um den Haushalt kümmern«. Die Eltern schauen böse. »Das ist ein blödes Spiel«, sagt Mama Hilde. »Im Altenheim ist es schrecklich, ich will da nicht mehr hin. In der Tat werde ich euch alle enterben, falls ihr mich dahin zurückschickt«, sagt Opa Helmut. Die Kinder lachen nicht mehr. »Mir wurde gekündigt«, sagt Robert. »Das ist fantastisch, dann kannst du endlich deinen Roman schreiben«, sagt Julia. »Nein, mir wurde wirklich gekündigt«, sagt Robert. »Ich war schwanger und habe abgetrieben«, sagt Julia. Mutter und Vater schauen entsetzt. Vater sagt »Ich bin nicht euer Vater«. Mutter sagt: »Ich will die Scheidung«.

Keiner sagt mehr was.

Mutter Hilde starrt auf den Tisch.

Papa Michael verlässt den Raum.

Julia schluchzt leise in sich hinein.

Robert schaut bedrückt.

Opa lacht.

Opa sagt: »Tolles Spiel. Lügen. Das sollten wir öfters spielen. Jedoch müsst ihr mich langsam zurückbringen, es ist viertel zehn. Bald ist die Nachtschwester nicht mehr da.«

M.S. Bakausky: Sie haben Geschichte geschrieben

Manchmal gibt es einen Musik-Act, der einfach den Nerv der Zeit trifft. Leute wie Elvis Presley,  die Beatles, Falco oder Madonna. Doch in den frühen neunziger Jahren gab es nur eine Band, die überhaupt etwas zu sagen hatte: Scooter.
Mit dem äußerst genialen Frontmann H.P. Baxxter.
Im Jahre 1994 gab es nur ein Lied, dass man hörte, wenn man auf sich etwas hielt: „Hyper Hyper“ wurde international, weltweit auf allen Sendefrequenzen und in jedem angesagten Club auf und ab gespielt.
Natürlich hatte auch ich die Single auf CD gekauft. Ich war damals acht Jahre alt und konnte den Refrain auswendig. Ganz zum Missfallen meiner Eltern. Während andere Kinder noch Flöte spielten, bettelte ich um Synthesizer-Unterricht. Doch den gab es in meiner Stadt zu der Zeit einfach nicht. Ich schrieb einen Brief an den Hans Peter Baxxter.

„Sie sind mein Idol. Ich bin so aufgeregt. Ich kann es gar nicht glauben, dass Sie diesen Text lesen werden. Scooter ist die beste Band. Hyper hyper ist ein Meilenstein. Ich könnte platzen vor Freude. Also ich würde gerne Synthesizer-Unterricht nehmen. Können Sie mir einen Tipp geben? Hochachtungsvoll, …“

Jeden Tag nach der Schule ging ich in das Büro meines Vaters und fragte, ob ich Post bekommen hätte. Ich ließ mich auch nach Tagen nicht entmutigen, baute mich wieder auf, indem ich „Hyper Hyper“ in meinem Zimmer herauf und herunterspielen ließ. Meine Mutter war langsam genervt davon. Stellte einmal sogar den Strom am Sicherungskasten ab. Sie schien meine Liebe zur elektronischen Tanzmusik nicht zu teilen.

Nach drei Wochen war es so weit. Ich kam von der Schule, ging in Vaters Büro und fragte nach der Post. Er sagte erst, ich muss dich leider enttäuschen, wieder nichts! Kurz bevor ich das Zimmer verlassen hatte, sagte er dann noch: „Warte, doch da ist etwas!“ und übergab mir den Umschlag.
Ich rannte in mein Zimmer und öffnete behutsam den Briefumschlag. Ich fingerte eine Autogrammkarte und ein gedruckter Brief heraus. „Hallo … vielen Dank für deinen Brief. – wir sind per du, dachte ich. Er hat mich sehr inspiriert. Als kleines Dankeschön schicke ich dir anbei eine Autogrammkarte. Beste Grüße H.P. Baxxter“

Ich war außer Rand und Band. Ich platzte fast vor Freude. Bis ich merkte, dass Hans Peter gar nicht meine Frage nach dem Synthesizer-Unterricht beantwortet hatte. Es stand als Absenderadresse ein Postfach in Hamburg. Da war mir klar – ich muss nach Hamburg! Hier in Nürnberg geht nichts. Doch meine Eltern waren nicht erfreut über meine Umzugspläne. Ich hatte es mit Quengelei probiert, mit Argumenten und mit Dauerspielen von „Hyper Hyper“. Bis mein Vater in mein Zimmer kam, mich anschrie was ich eigentlich mir dabei denken würde, dass er Ruhe brauche um zu Arbeiten, dass er mit dem Kopf arbeitet. Er nahm die Stereoanlage und die CD mit. Er kam zurück mit leeren Händen und nahm die Autogrammkarte von der Wand. Ich schrie: Nein, nicht die! Und wollte sie ihm aus der Hand reißen, doch er hielt sie stärker, sodass er und ich jeweils eine Hälfte in der Hand hatten.

Meine Mutter kam kurz darauf und tröstete mich. Zeigte mir eine Broschüre vom Klavierunterricht. Sagte, dass wenn ich erst einmal Klavier spielen könnte, klassische Musik, würde es mir besser gehen. Von nun an musste ich täglich vier Stunden Klavier spielen. Meine Eltern waren auch sonst strenger geworden. Ich durfte nicht mehr meine Freunde sehen. Nach der Schule hieß es Hausaufgaben machen. Dann Klavier spielen. Zweimal die Woche kam ein Klavierlehrer zu mir.

Die Jahre schritten voran. Ich vergaß Scooter völlig.Kurz nach meinem 18. Geburtstag packte ich meine Siebensachen ein und zog aus. Ich hatte schon länger kein Wort mehr mit meinem Vater gewechselt. Jetzt nahm er mich kurz zur Seite und reichte mir einen braunen Umschlag. „Das hier gehört dir“, sagte er. Ich steckte den Umschlag mit zu den anderen Sachen in einen Karton. Als ich ihn ein paar Tage später öffnete, kamen zum Vorschein:

Die Single „Hyper Hyper“ und eine fein säuberlich geklebte Autogrammkarte.

Ich war sofort wieder angefixt.
Tage, Nächte, lang hieß es bei mir nur noch „Hyper Hyper“.
Doch es war nicht mehr dasselbe, es wurde einfach nicht mehr wie 1994.
Vielleicht passte Scooter einfach gut in die Neunziger Jahre, vielleicht waren die jetzt vorbei.

Als ich das begriff, stellte ich den CD-Spieler aus, legte ich mich aufs Bett und weinte, weinte und weinte.

Matt S. Bakausky: Aus dem Traum erwachen

Schreibe niemals über Träume, hat er geschrieben. Mein Idol. Träume interessieren niemanden. Das schlimmste was du machen kannst ist eine Geschichte zu schreiben, die mit „Und dann wachte ich auf“ endet.

Das las ich in seinem neuen Buch über das Leben als Schriftsteller und das Schreiben.

Auf dem Weg zur Arbeit. Die Straßenbahn hielt, es waren wenige Autos unterwegs. Es gab wohl einen Unfall. Ich traf auf alle meine Freunde und unterhielt mich mit ihnen, darüber dass heute irgendwie wenig los wäre. Sie waren alle sehr nett zu mir und gut gelaunt. Arbeit fiel heute aus. Ich mache mich auf den Weg zurück. Treffe einen guten Freund, der zufällig mein Lieblingsessen dabei hat. Ich esse während ich weiter laufe. In einem Bürogebäude wundere ich mich, ob hier überhaupt alles stimmt. Draußen am Fenster fliegen meine Lieblingsbands vorbei und spielen ihre Hits.

Die Frau von der Zentrale ist bei mir. Ich realisiere, dass etwas überhaupt nicht stimmt und frage sie ob ich gestorben bin. Sie sagt: „Du bist nicht tot, du warst zu gut für diese Welt.“ Sie fragt mich, ob ich bereit wäre zu gehen. Ich sage ihr, dass ich gerne mehr Erfolg bei den Frauen gehabt hätte. Sie antwortet, dass das alles ändert und beginnt zu telefonieren. Ich verstehe, dass das bedeutet, dass ich wieder zurück gehe. Ich ändere meine Meinung und teile es ihr mit. Ich verlasse den erdlichen Raum, die menschliche Form, es existiert nur noch ein Energiefeld. Ein See aus Liebe, wie in der Gebärmutter. Ich erinnere mich an einen Freund von mir. Will zurück, um ihn zu sehen.

Und dann wachte ich auf.

Überströmt mit Liebe liege ich um 3:30 Uhr früh im Bett. Mein Herz wird offen sein für ein paar Tage, dann wird es sich langsam wieder schließen. Mir ist klar was ich suche und wohin die Reise geht.

Matt S. Bakausky: Wirtschaft als Chance

Ich kaufe am Bahnhof einen Big Mac für die Fahrt. Wussten Sie, dass der Big Mac verwendet wird, um die Kaufkraft in verschiedenen Ländern zu vergleichen? Das habe ich von Herrn Huber gelernt. Ein letzter Bissen vom Burger und der Zug fährt ab. Weg von der Zivilisation, raus in den Wald. Für ein paar Tage werden sie Herrn Huber nicht finden. Ich habe einen Vorsprung.

Ich putze mir die Zähne morgens mit Elmex und abends mit Aronal. Mittags bin ich in der Schule und putze sie nicht. Noch acht mal Zähne putzen bis zum Referat in Wirtschaft. Ich stehe auf einer fünf in diesem Fach. Kombiniert mit der fünf in Französisch würde das eine Wiederholung der Stufe bedeuten.

Noch zwei mal Aronal und einmal Elmex, dann muss ich das Referat halten. Ich habe mir ein wenig Ritalin rein gefahren. Ich habe zwar kein ADHS, jedoch hilft es mir wach zu bleiben. Dazu trinke ich Coca Cola und esse Pringles. Ich hoffe, dass ich mit dem Referat diese Nacht durchkomme.

Herr Huber betritt den Raum. Er stellt seine braune Ledertasche ab. Meine Mitschüler hören auf zu reden. Ich hole die gekritzelten Notizen auf Leitz Karteikarten aus meinem Eastpack-Rucksack. Mein Kopf hämmert leicht, außerdem bin ich übermüdet. Die zwei Aspirin-Tabletten wirken noch nicht. Nach den tagesaktuellen Themen zum Leitzins und der Eurokrise, wendet sich der Wirtschaftslehrer mir zu und fragt ob ich bereit sei. Ja, sage ich wie von selbst.

Herr Huber sitzt an einem Stuhl gefesselt in einem geräumigen Keller. In seinem Mund steckt ein Knebel. Das war nicht Teil seines Studiums gewesen. Nicht Teil seines bisherigen Lebens. Bisher schaute er nur gerne RTL-Krimiserien auf seinem Samsung-Fernseher. Jetzt war er selbst Teil eines Krimis. Er dachte sich, dass das gar nicht mal so schlecht sei.

„Das Referat heute, das war nicht so toll.“, sagte Herr Huber. Das war übertrieben positiv, denn ich verhaspelte mich die meiste Zeit und hatte das Thema kaum verstanden. Außerdem hatte ich die Karteikarten durcheinander gebracht. Ich fragte nach der Note. Eine Vier. Ich fragte ob sich nicht was machen ließe. Leider nicht. Mein H&M-Shirt fühlt sich auf einmal zu eng an. Diese Schuljahr war damit für mich gelaufen.

Ich betrat den Raum. Sagte: „Nicht schreien“. Herr Huber nickte. Ich entfernte den Knebel. „Bitte tu mir nichts, Matt“ sagte der Lehrer, „Lass mich gehen, ich sage niemanden was und du kannst das Jahr wiederholen.“ Das Wort Wiederholen ließ aufgestaute Wut in mir hochkommen, ich griff in die Seitentasche meiner Goretex-Jacke und holte einen spitzen Gegenstand hervor.

Irgendwo in der Pampa in der Nähe von Freiburg im Breisgau, laufe ich durch den Wald. Hexenwald steht auf einem Schild. Die Zähne habe ich seit gestern Abend nicht geputzt. Mein Ziel ist ungewiss, jedoch weiß ich, dass sie mich nicht finden werden. Das meine Schulpflicht getan ist.

Aus der anderen Jackentasche holte ich die Karteikarten mit meinen Notizen. „Lieber Herr Huber ich halte heute ein Referat über die Bilanzanalyse.“ Ich startete den Liesegang-Overhead-Projektor und zeigte mit dem spitzen Teleskopzeigestab auf die an die Wand  geworfenen Diagramme. Ich war komplett in Form. Herr Huber saß nur da und versuchte seine Hände frei zu bekommen, doch der Kabelbinder hielt ihn davon ab. Er kerbte sich in seine Haut.

Noch vierzehn Mal Zähneputzen, dann steht mein Wirtschaftsreferat an. Ich habe mega Schiss vor Referaten. Dieser Druck. Ich komme damit nicht klar. Und dann bereite ich mich auch noch schlecht vor, weil ich schon vorher Angst vor der Angst habe. Ein Valium half anfangs, mittlerweile nicht mehr.

„Und wie war mein Referat?“, fragte ich gespannt. „Du hast… das Thema… nicht verstanden.“, keuchte Herr Huber. „Du hast.. es.. wirklich nicht verstanden.“ „Das hier.. war… schlechter als dein vorheriges Referat! Du hast Fachbegriffe falsch verwendet, der Aufbau war einfach verwirrend und auch rein sprachlich warst du dem Thema nicht gewachsen. Du hast deinem Publikum nicht in die Augen geschaut… Alles was wir besprochen hatten, was ein gutes Referat ausmacht hast du missachtet. Nicht mal meine Fragen konntest du zusammenhängend beantworten. Das war eindeutig… eine sechs“ … Ich kann Herrn Huber nicht in die Augen blicken, sehe nur das kleine Krokodil auf seinem Hemd von Lacoste. Ich nicke, schalte den Overhead-Projektor ab und verlasse den Raum.

Im Wald außerhalb der Zivilisation fühle ich mich wie in einer anderen Zeit. Die Bäume überragen mich, passen auf das mir nichts passiert. An einer Quelle forme ich mit meinen Händen eine Schale und trinke etwas. Ich laufe über die gefallenen Blätter. Es weht ein heftiger Wind. Ich beobachte einen Ast, wie er sich erst biegt, bis er sich nicht mehr biegen lässt und bricht und zu Boden fällt. Ich nehme den Ast als Spazierstock und setze meine Reise fort.

Matt S. Bakausky: Nichtszuverlieren, außer

Im Psychiaterwartezimmer eine Art Stuhlkreis, nur dass die Stühle direkt an den Wänden stehen. Menschenbepackter Raum, ich fühle mich beobachtet. Schweiß, Herzrasen, Zitttern. Gedanken, was die Patienten über mich denken.

Herr Meier wird aufgerufen.

Herr Thomas wird aufgerufen.

Ein neuer Patient kommt hinzu. Draußen die Sprechstundenhilfen am Tippen und Telefonieren. Eine Patientin betritt den Raum. Und noch eine. Schreckliche Augen von überall auf mich gerichtet.

Frau Mühlen wird aufgerufen.

Zwei weitere Patienten betreten den Raum. Circa ein dutzen aufgerufener Patienten und zwanzig neuer Patienten später wird die Stimme in meinem Kopf kurz leiser.

„Herr Bakausky“ tönt es durch den Lautsprecher. Der Arzt zu gut gelaunt, ich vermute er kokst. Ich bekomme Beta-Blocker verschrieben. Der heiße Scheiß gegen soziale Ängste. Vielleicht. Eigentlich zur Senkung des Blutdrucks, können sie auch entspannend wirken. Off-Label, also anders als auf dem Beipackzetttel verschrieben, heißt das.

Große Erleichterung als ich die Tür der Praxis hinter mir schließe. Das ist der beste Moment, das beste an den Arztbesuchen. Nach dem größer und kleiner werdenden Stuhlkreis, kurze Pause vom Stress.

Der nächste Stuhlkreis in der Straßenbahn. Ich fühle mich im Mittelpunkt, denke dass es jedem auffällt, wie ich schwitze, zittere und schaue auf den Boden. Selbsthilfegruppe – der finale Endboss der Stuhlkreise für heute. Ich gehe nicht hin, lieber nach Hause. Vermeiden ist gut. Führt zwar zur Verschlechterung der Symptome, ist aber gut.

Am Abendessentisch fragt mich meine Oma, warum ich sowenig rede. Scheinwerferlicht auf mich. Der ganze Stuhlkreis wendet seine Augen auf mein schwitzendes Gesicht. „Äh, ich weiß nicht“ sage ich kleinlaut. Und schon ist das Thema gegessen und meine Mutter kommt mit dem Nachtisch rein. Warum habe ich solche Angst vor Fremden? Wahrscheinlich habe ich nicht vergessen, dass ich einst von zwei solchen groß gezogen worden bin.

In meinem Zimmer schalte ich den Monitor an und gehe in den Chat. Entspannt auf meinem Stuhl, ohne Kreis, ohne Augen die auf mich schauen. Ich bin der Boss, ich bin es der den Chat lenkt. Kein Zittern, kein Schwitzen, sanft gleiten meine Finger über die Tastatur. Menschen sind gleichzeitig Freund und Feind, hier bin ich jedoch pseudonym, hier kann ich sein.

Zerocool verlässte den Raum.

Hexe verlässt den Raum.

Wursthans betritt den Raum.

Der Bot kickt und bannt Wursthans, weil er spamt.

SevenEleven verlässt den Raum.

EvilSanta, Hackbert und Tiny sind afk.

Zeit herunterzufahren.

Matt S. Bakausky: Das sechste Ei

Peinlich wäre es mir einen Bekannten zu fragen.

Nur noch wenige Tage bis Ostern. Ich hatte bereits ein Sechserpack Ü-Eier gekauft. Sie schauten mich vom Tisch aus an und es kam mir so vor als würden sie meine Lage belustigend finden. „Der ist 33 und will noch Ostereier suchen!“ … „Der kennt niemanden der uns für ihn verstecken will!“…“Voll der Versager!“

Ich steckte mir Kopfhörer in meine Ohren und stellte die Geräuschunterdrückung an. Dämliche Eier, kennen mich doch gar nicht. Ich wollte nur Ostereier suchen, wie ich es als Kind getan hatte.

Karfreitag war ich so frustriert, dass ich im Supermarkt neben einer Dose Bratheringe zwei Flaschen Wodka aufs Band legte. Die Kassiererin wünschte mir frohe Ostern. „Für Sie vielleicht!“, dachte ich mir, sagte jedoch nichts und packte die Waren schnell ein. Eine schöne Scheiße.

Zu Hause verhöhnten mich die Überraschungseier wieder. „Versager, Versager, Versager“. Ich nahm die Packung und steckte sie in den Schrank. Elendige Dreckseier, ihr habt doch keine Ahnung, dachte ich mir während ich das erste Glas mit Wodka füllte.

Dann startete ich die Passion Christi auf Netflix. Eine Wodkaflasche leistete mir Gesellschaft vor dem Schirm, die andere wartete im Kühlschrank auf mich.
Nach dem dritten Glas fühlte ich mich besser und hatte Lust raus zugehen. Ich schrieb einen Bekannten an und verabredete mich mit ihm in einer Bar. Während ich auf ihn wartete, trank ich schon mal ein Bier. Die Stimmung musste aufrecht gehalten werden.

Als ich am nächsten Tag  voll bekleidet inklusive Schuhen auf dem Boden liegend in meiner Wohnung aufwachte, wusste ich nicht mehr wie ich nach Hause kam oder was sonst in der letzten Nacht passiert war. Ich fühlte mich grauenhaft.

Nach drei bis vier Gläsern Wasser war es Zeit für ein Katerfrühstück. Ich hatte doch noch Brathering von gestern! Auf der Suche nach der Dose, fand ich die Ü-Eier-Schachtel. Sie war leer. Hatte ich sie gegessen? Ich schaute mich um, fand den Fisch und zwei leere Wodkaflaschen. Keine Spur von diesen gelben Plastikbehältern oder diesen Plastikfiguren und so weiter. Die Ü-Eier waren einfach verschwunden. Ich machte mich über den Hering her.

Den Rest des Tages verbrachte ich Abschnittsweise im Bett, in der Küche beim Wasserhahn und auf dem Klo.

Nach einer schlecht geschlafenen Nacht kam der Ostersonntag. Frisch aus der Dusche griff ich in den Kleiderschrank und wühlte nach einer Unterhose. Dabei fühlte ich plötzlich etwas ovales. Ich zog es heraus und siehe da: Ein Überraschungsei. Ein Flashback im Gehirn: Ich, wie ich im Vollrausch auf die geniale Idee komme Ostereier zu verstecken. Gute Arbeit, betrunkenes Selbst.

Eins von sechs habe ich schon. Was für ein Spaß. Nach und nach fand ich die anderen und sammelte meine Trophäen auf dem Tisch. Eins in der Abstellkammer hinter den Staubsaugerbeuteln, eins im Nescafé-Glas, eins in den Winterstiefeln im Flur. „Na, was sagt ihr jetzt, Eier?“ Sie jubelten mir zu. „Du bist der Größte!“, „Echt stark!“, „Was für ein geiler Typ!“

Das fünfte fand ich unter dem Bett. Dann vergingen Minuten, die zu Stunden wurden. Das sechste Ei wollte nicht auftauchen. Die anderen fünf fingen an immer mehr zu kichern, desto mehr Zeit verging.

In meiner Bude sah es aus wie nach einer Hausdurchsuchung. Irgendwann brach ich erschöpft zusammen in Mitten von den auf dem Boden verteilen Gegenständen.  
Das war das schönste Ostern seit langem! Seit meiner frühen Kindheit wahrscheinlich!

Die Überraschungen aus den Eiern stellte ich auf das leergefegte Bücherregal über dem Bett. Jede Nacht ruft von da oben der kleine Plastikzwerg herunter: „Na, wo ist das sechste Ei?“ Und das zusammengebastelte Auto hupt daraufhin schallend. Spätestens wenn dann der Plastikhelikopter hämisch den Propeller rotieren lässt, steige ich wieder aus dem Bett und setze meine Suche fort.

Jeder Mensch braucht eine Aufgabe im Leben. Viele suchen ihr Leben lang nach ihr. Ich hatte meine gefunden.

Matt S. Bakausky: Die Person, die beim Spiel des Lebens schummelte

Die meiste Zeit verbringt man also in diesen Casinos und spielt darum am großen Rennen teilzunehmen. Doch man muss auch Zeit im Becken verbringen, um Schwimmen zu üben. Und mit viel Glück gewinnt man dann das goldene Ticket und darf an einem Rennen teilnehmen.
Jaja, das Licht am Ende des Tunnels – das sind die Glühlampen der großen Casinos. Wissen nur die wenigstens, aber ich weiß es, denn ich erinnere mich noch genau daran, als wäre es gestern gewesen.
Die Zeit vergisst man dabei, dafür sorgen die großen Casinobetreiber schon. Nirgendwo gibt es eine Uhr oder einen Hinweis darauf, ob es gerade Tag oder Nacht ist.
Wenn man dann am Rennen teilnimmt ist das was ganz großes. Aber wie gesagt, man muss auch das Schwimmen trainieren. Denn die Chance beim Rennen zu gewinnen ist gering. Zu viele Teilnehmer – manchmal gar über 100 Millionen. Man muss also eventuell tricksen.
Also ich hatte nach all der Zeit im Casino und im Schwimmbecken keinen Bock mehr darauf das Rennen zu verlieren und machte einen Deal. Ja ich weiß, nicht ganz die feine englische Art, doch wer würde sich nicht einen Vorteil verschaffen, um aus diesem öden Alltag herauszukommen? Vor allem gibt es viele Rennen bei denen man gar nicht gewinnt, wenn man der Beste ist. Da gewinnt keiner – der große Preis bleibt aus.Ich lernte einen Hacker kennen, der mir das ideale Rennen heraussuchen sollte. Ich schloss einen Pakt mit ihm. Alles Beginner außer mir und so schaffte ich es auf den ersten Platz.
Nach wie vielen Rennen? Tausenden? Nach wie vielen Stunden im Casino? Milliarden? Doch ich war noch nicht bereit ein Rennen zu gewinnen, das merkte ich erst später.
Man kann nicht wirklich betrügen. Klar ich hatte das große Rennen gewonnen, jedoch fehlt mir nun jeglicher Ehrgeiz. Hätte ich mir den im Schwimmbad erarbeitet, wäre ich in dieser Welt vielleicht erfolgreich.
Hätte mich nur jemand gewarnt, wäre ich im Schwimmbad geblieben. Ich bin einer von Milliarden Siegern und sehne mich zurück in die Stadt mit den hellen Lichtern. Doch diesmal würde ich es anders machen. Keine Rennen mehr, keine Casinos und im Schwimmbad lieber Pommes essen.

Matt S. Bakausky: Techno, Sauerstoff und Softpornos

Ja irgendwann ist man mitten drin in der Ekstase. Wie das eine Mal als ich im Stadtpark chillte, leicht hypomanisch drauf. Hypomanie ist die Vorstufe der Manie. Sehr verbreitet in den USA, da viele der ersten Einwanderer verrückt genug waren, um eine lange, risikovolle Reise auf sich zu nehmen. In der Hypomanie ist man sehr selbstbewusst, gut gelaunt, risikobereit, kann aber noch klarer denken als in einer voll ausgewachsenen Manie. Auf jeden Fall war ich da auf einer der blauen Liegen aus Metall am Stadtparksee gelegen und lauschte der Musik vom Parkcafe. Ich trug eine Sonnenbrille obwohl Nacht war. Irgendwann bekam ich Lust ins Parkcafe zu gehen. Da war irgend so eine Softporno meets Techno Veranstaltung. Ich ging also selbst bewusst auf die Türsteher zu und der Alpha meinte, dass ich ihm zu cool wäre mit der Sonnenbrille. Da nahm ich die Brille ab, schaute ihm in die Augen. Er meinte: Schon besser. Ich fragte ob es keine Möglichkeit gäbe, dass ich heute reinkomme. Ich trug eine Lederjacke und ein T-Shirt names Kleberuniversum, dessen Abbildung wie Spermaflecken aussah. Dazu eine enge schwarze Jeans. Er schaute mich an und meinte: Pack die Sonnenbrille in die Hosentasche und du kannst rein. Und so kam ich auf diese Party namens Club Bizzarre. Innen schaute ich mich erstmal um. Geil aussehende Menschen überall und ich war mitten drin. Ich ging auf Toilette und machte erstmal Atemübungen – eigentlich zum Relaxen – doch irgendwann geriet ich in Ekstase. High vom Sauerstoff. Ich ging raus, strahlend und die Leute wichen mir aus. Der Barkeeper kam sofort zu mir und nahm die Bestellung eines Red Bulls auf. Das Portmonee hielt ich zitternd in der Hand und der Barmann musste die Münzen selbst rausnehmen. Ich stand unter Strom. Ich ging in den leereren Bereich mit vielen Sitzgelegenheiten und auf dem Weg dahin fasste mir jemand an den Hintern. So eine Party war das. Auf einem sehr bequemen Sofa setzte ich die Atemübungen fort, weiterhin weit weit oben. Über mir gegenüber waren Fernseher mit Softpornos. Die betrachtete ich ein wenig zum reinhauenden Technobeat. Während ich da so offen in Ekstase grinsend da saß beobachtete mich eine hübsche Frau. Ich hatte kein Interesse sie anzusprechen, war mein Zustand doch schon hoch genug. Sie beobachtete mich weiter, traute sich wohl nicht. Da kam eine Frau mit Cowboyhut und setzte sich zu mir. Sie sah gut aus, sagte Hallo und ich fragte sie was sie sucht. Sie sagte wie Frauen nun mal sind: Ich suche meine Freunde. Ich lachte. Irgendwann am nächsten Morgen genoß ich weiterhin die Ekstase und fragte mich wie lange sie anhalten würde. Für ein paar Tage blieb sie, die Hypomanie blieb noch einige Wochen und schwenkte dann um. Was bleibt sind schöne Erinnerungen und eine Geschichte, die ich dir erzählen kann.

Matt S. Bakausky: Fetzen

Gut, nun sitze ich also in diesem dunklen Kasten fest.
Der Duft nach verbrannten Papier ist gar nicht mal so unangenehm, nur die stickige Luft ist störend.
Leise höre ich draußen die abgemagerten Ratten durch die Dunkelheit huschen.
Als kleines Kind ekelte ich mich immer, wenn ich diese dreckigen Viecher sah.
Mittlerweile weiß ich, dass sie zwar massenhaft Krankheiten übertragen, aber nicht die
widerlichste Spezies auf diesem Planeten sind.
Gegen diese Plage gibt es genauso kein Mittel wie gegen die Ratten.
Die Nagetiere sollen mit vergifteten Futter angelockt werden, doch sozial niedrig stehende Männchen werden als Vorkoster eingesetzt und somit die anderen Ratten gewarnt.
Der Tod eines Einzelnen ist gleichgültig. Wie bei der anderen Plage auch. Es gibt nun einmal so viele davon.
Aber hier gibt es nicht mal mehr jemanden, der versucht sie zu vergiften.
Hier gibt es niemanden, der überhaupt etwas versucht.
Die Ratten selbst finden nicht genug zum Fressen und ernähren sich größtenteils von den hier verbotenerweise abgelagerten Abfällen einer dieser Billig-Schönheitskliniken. Nasen. Haut.
Und vor allem Fett. Doch diese Schuppen locken mittlerweile so gut wie keine Touristen mehr in diese Gegend.
Also werden die Ratten zu knochigen Kriechern. Sie haben keine andere Wahl. Vielleicht haben sie auch nur die Seele dieser Plastikpuppenfabriken aufgefressen und leben ihren eigenen Schönheitswahn aus. Warum sollten sie sonst gerade hier leben?
Langsam beginne ich etwas zu frieren. Die Metallwände meiner Einzimmerluxusvilla sind komplett ausgekühlt.
Luft gibt es sicher noch genug für ein paar Tage. Redet man sich zumindest ein. Ein Retter unvorstellbar. Keine Menschenseele traut sich hier her. Zumindest nicht mehr. Es ist zu gefährlich.
Nicht so gefährlich wie draußen, eigentlich. Aber das merkt anscheinend niemand.
Mittlerweile durfte der Geruch nach verbrannten Büchern dem Geruch nach meinem Eigenurin weichen. Kein angenehmer Duft, aber angenehmer als der Duft der Leute, die früher als Touristen zu den Gesichtsmetzgern kamen. Eine Geruchs-Kakophonie aus Rosen-, Lavendel, Vanille und sonstigen Parfums. Widerlich.
Aber die stickige Luft hier riecht nach Wahrheit, Aufrichtigkeit und Bahnhofstoilette.
Plötzlich höre ich ein lautes Geräusch, welches dem einer Sirene gleicht. Langsam spüre ich wie ich diesen Ort verlasse. Die Dunkelheit, der Gestank, die Luft, meine Gedanken – alles verschwindet. Ich bin frei.

Matt S. Bakausky: Weiß

Sie trug immer schwarze Kleidung.
Sie kletterte gut.
Sie meldete sich bei mir über Facebook und fragte ob meine Schwester auch da wäre.
Meine Schwester hat kein Internet.
Dann meldete sie sich wieder ab.
Ein paar Monate später die gleiche Nummer.
Wir waren zusammen im Urlaub mit dem Betreuten Wohnen für seelisch Kranke Menschen.
Im bayerischen Wald.
Klettern, Lagerfeuer, Abenteuer.
Sie war in einem Einzelzimmer, nicht weit von mir entfernt.
Sie war still und sehr intelligent, wenn man sie traf.
„Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag.“
Dietrich Bonhoeffer
Geboren 21.09.1985. Gestorben 16.04.2017.
Sie trug immer schwarze Kleidung.
Sie kletterte gut.
Sie fragte nach meiner Schwester bei Facebook.
Wir waren zusammen im Bayerischen Wald.
Einzelzimmer.
Still.
Intelligent.
Der Pfarrer im Betreuten Wohnen redete nicht hilfreiche Sachen.
Die Familie trauerte auf ihre Weise.
Wir zündeten Kerzen für sie an.
Bei der kirchlichen Trauerfeier wurde „I follow you“ von Lykke Li gespielt.
Am Werktag danach lief das Lied bei mir in der Arbeit im Radio.
Ich sah eine schwarze Krähe, als ich zum Rauchen runter ging.
Sie trug immer schwarze Kleidung.
Sie kletterte gut.
Still.
Intelligent.
Jung.
Jedes Mal wenn ich „I follow you“ im Radio höre, denke ich an sie.
Weiß, dass es ihr nun besser geht.
Dass sie das weiße Licht gefunden hat.