Margret Bernreuther: Fernsehen

Unser Wohnzimmer befand sich im obersten Stockwerk unseres riesigen Hauses und nahm dort beinahe die gesamte Fläche ein.
Ausgelegt war es mit einem rauen Teppich, der früher mal beige war, aber auf dem so oft etwas verschüttet worden war, das sich die eigentliche Farbe nicht mehr genau bestimmen ließ.

Wir hatten eine Leder Sofa Garnitur, bei der man die Sitzkissen abnehmen konnte, um dann auf den Lehnen sitzend Pferd zu spielen.
Auf der anderen Seite des Wohnzimmers stand ein Flügel.
Ein Klavier, aus hellem braunen Holz. Er passte gut zu uns.
Weil obwohl, es eben ein verdammter Flügel war, das Ding bestimmt unglaublich teuer gewesen ist, es doch einen irgendwie schäbigen Eindruck machte.

Einmal die Woche kam der Klavierlehrer, der es irgendwann aufgab, uns Klavier spielen beizubringen, weil wir sowieso nie übten und er es auch einfach nicht mehr hören konnten, wie wir uns immer noch bei der linken Hand bei „Für Elise“ abmühten.
Lieber brachte er uns ein selbstgebautes Schachspiel mit, das aus zwei Glasplatten bestand, zwischen die er die verschiedenen Felder in farbigen Quadraten eingelegt hatte.
Ich weiß nicht wie er annehmen konnte, dass dieses Schachspiel, nachdem er gegangen war auch nur einen Tag noch so aussehen würde.

Selbstverständlich lagen die Papierquadrate und die Glasplatten bei seinem nächsten Besuch, kreuz und quer im Wohnzimmer verteilt.
Also erstmal einsammeln und das Spielfeld wieder aufbauen.

Sieben Jahre lang kam der Klavierlehrer. Und ich weiß jetzt wie man Schach spielt.
Kann es aber nicht.

In unserem Wohnzimmer stand der Fernseher.
In den 80er Jahren gab es nur ein paar Dinge, die wir unbedingt anschauen mussten.
Und ich bin verblüfft, wenn ich mir es so überlege, wie zuverlässig wir die Zeiten von unseren Lieblingsserien wussten.
Colt Seavers – lief immer um 17:30 im ZDF mit Werbeunterbrechung, die gerne gesehen wurde, weil ja zwischendrin die lustigen Mainzelmännchen herumsprangen.
Dann gab es noch Spass am Dienstag – das war eigentlich leicht zu merken. Weil die Sendezeit ja quasi im Titel verankert war. Sonntag eigentlich auch die Sendung mit der Maus. Aber wir haben es meistens erst zum Löwenzahn geschafft. Was eine Stunde später dran war und wo der Peter Lustig dann immer gesagt hat, wir sollen jetzt abschalten.
Machten wir auch. Weil kam dann ja auch nichts. Fernsehgarten, oder langweilige Reisedokumentationen.

Ich erzähl meinen Kindern immer was das für eine Sache war. Mit dem Fernsehen und das es genau den einen Möglichkeitsraum gab, zur richtigen Zeit am Gerät zu sitzen, oder die Chance war vorbei.
Die Sendungen bauten aus diesem Grund auch nicht wirklich aufeinander auf. Es gab also selten, außer vielleicht bei der Schwarzwaldklinik, einen Cliffhänger.

Aber dann kam das Satelliten Fernsehen und das veränderte einfach alles.
So viele Sender, soviel Auswahl.
Wir bekamen erst spät einen Anschluss und da gab es dann RTL und Tele 5 und MTV, wo wirklich noch Musik lief.
Die Fernbedienung war nach ein paar Wochen schon kaputt oder einfach weg. Vielleicht hat unsere Mutter auch versucht unseren Konsum durch Verstecken etwas Einhalt zu gebieten.
Man konnte also nur noch direkt am Receiver umschalten.

Meine Geschwister und ich lagen abwechselnd, auf dem alten rauen, dreckigen Teppich und haben mit dem großen Zeh umgeschaltet.
26 Programme in die eine Richtung und dann, wenn dann nichts mehr kam, alles rückwärts.
Bis man auf etwas stieß, was man angucken wollte.

Wir hatten so gut wie nie eine Fernsehzeitung.
Manchmal zu Weihnachten um zu gucken wann Drei Haselnüsse für Aschenbrödel lief.
Es herrschte nur noch Willkür vor diesem Gerät.
Die festen Zeiten, die man vor dem Fernseher verbrachte komplett aufgelöst.
Auf dem Flügel sammelte sich der Staub.

Der Klavierlehrer kam eines Nachmittags nochmal. Um uns zu besuchen. Wir lagen auf dem Teppich und im Fernsehen lief gerade Danger Mouse.
Traurig stand er in der Tür, dann streichelte er sanft mit seinem Finger ein Muster in den Staub auf dem Flügel und verließ grußlos den Raum.

Margret Bernreuther: twist in my sobriety

Meine Oma ist gerade gestorben. Also, ich glaube sie ist schon ein paar Tage tot. Ich hatte keinen Kontakt mehr zu ihr. 100 Jahre alt ist sie geworden.
100 und einen Monat.
Geboren wurde sie in Madrid.
Und dann als dort der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, wurde sie von ihren deutschen Eltern, zuerst zurück ins Allgäu und dann ins karge Mittelfranken abgeschoben.

Das fleissige und sehr junge Mädchen wurde nach ihrer Zwangsarbeit auf Haus und Hof der Familie, dazu auserkoren, den fettleibigen und vor allem im Kern schon mit seinem Schicksal hadernden Gutsbesitzer vermählt.

Er hätte sich auch was schöneres Vorstellen können, denn eigentlich ein Dr. der Chemie und noch eigentlicher auch nicht für den Hof oder gar die Brauerei gemacht.

Mein Opa hat sein Schicksal dann aber doch angenommen und das Beste was ich zumindest über ihn weiß ist, das er kein Nazi war und es gibt eine hinter vorgehaltener Hand erzählte Geschichte über eine Tante die in denunziert hat und woraufhin er dann doch irgendwohin an die Front musste und dann da sofort in amerikanische Gefangenschaft kam, aber dann war der Krieg auch schon vorbei.
Die Tante, also eigentlich die Schwägerin wurde vom Hof gejagt, denn der Bruder, ist nicht zurück gekommen. Aus dem Krieg.

So, musste also der Hof und das Bier weiterhin in Schuss gehalten werden und da hat die alte Mutter, des Großvaters ihm also meine Oma ans Herz gelegt.
Bzw. alles so demnach eingefädelt, das auch niemand was hat sagen können oder sich hat trauen.

Das junge Mädchen die nun nach ihrem Zwangsdienst auf dem Hof nun gleitend hinüber wechselte. In den Zwangsdienst am Ehemann. Der hat ihr zum Geschenk dann auch gleich 5 Kinder in den Schoss gedrückt. Die alle in einer sagenhaften Lieblosigkeit herangezogen wurden. Wie man es sich schrecklicher nicht ausmalen mag. 

Nachdem die Kinder aus dem Haus, oder tot waren wurde der Großvater krank und hat sich bei einem Spaziergang nach langem Siechtum dann anständigerweise selbst das Leben genommen.

 Meine Oma hatte keine Liebe für uns. Sehr nutzlos und sinnfrei bewertete sie unsere Existenz.

Meine Mutter konnte sie schon überhaupt nicht leiden und der Vorwurf das meine Mutter sich mit ihrer reichen Kinderschar auch nur einen Platz in das gemachte Nest sichern wollte, war kein Geheimnis.

Das Wichtigste war ja das man fleißig ist und keinen Dreck macht und keinen Lärm und unsere gesamte Existenz war für unsere Großmutter eine einzige Zumutung.

An den wenigen Gelegenheiten an denen wir bei ihr sein durften oder besser gesagt sollten war meine Oma eher fassungslos. Nahezu angeekelt von unserer kindlichen Dummheit und das man uns zu nichts brauchen konnte.

Ich habe nur eine Erinnerung an sie, in der sie mir für einen kurzen Moment ihre Aufmerksamkeit geschenkt hat. 

An einen kleinen Moment an dem sie mir zugehört hat.

In ihrer Wohnung lief das Radio – Tanita Tikaram – Twist in my sobriety.

Ich liebte dieses Lied und hatte mir aus irgendwelchen Informationen folgende Geschichte zusammengedichtet.

Tanita Tikaram wollte nie ein Star werden, aber gemeine Plattenverkäufer haben sie gezwungen, als sie ihre schöne Stimme hörten und jetzt vermarkteten sie sie quasi gegen ihren Willen.

Kein Wort ist wahr von dem.

Aber ich erzählte es trotzdem meiner Oma.

Sie war ganz angetan. Ich glaube sogar das Lied hat ihr gefallen.

Und meine Großmutter beugte sich zu mir hinunter und sagte: Ja, das ist schlimm! Wenn man zu etwas gezwungen wird.

Margret Bernreuther: geist

Jeden Morgen wenn ich die Wohnung verlasse entdecke ich unten auf der Ablage bei den Briefkästen neue Figürchen oder andere Haushaltsgegenstände.
Oft sind es kitschige aber nicht besonders hochwertige Porzelanfiguren. Manchmal ein Gewürzglasrondell, gestern stand ein Kochbuch zur Anleitung für fettreduzierte Ernährung dort.

All diese Gegenstände sind sehr bunt zusammengewürfetlt. So war neulich auch mal ein aufwendig bestickter Fächer in einer mit Stoff bezogen Schachtel dort zu finden. Auf dem Fächer zwei Pandabären die unter einem blühenden Kirschbaum spielen. Die Kiste mit goldenen und roten Stoff besponnen. Auf den ersten Blick, insgesamt ein hübsches Ding, aber trotzdem konnte die Verpackung und Gestaltung dieses Fächers, dennoch nicht die mangelnde Wertigkeit der Sache verbergen.
Es wirkte bei genaueren hinschauen eher wie ein Gegenstand aus einem günstigen Souvenirladen der gar einem AsiaShop aus der Innenstadt, bei dem neben der Tütensuppe und den Gewürzsossen, das ein oder andere Handwerkszeug verscherbelt wird.

So wie all die Dinge die dort stehen keinen kostspieligen, aber im ganzen doch vielleicht ideellen Wert darstellen. 

Hinunterstellen tut sie unser Nachbar. Da bin ich mir sehr sicher. Ich habe ihn zwar noch nie direkt dabei erwischt. Aber da wir ansonsten ein sehr junges Haus haben, bin ich mir sicher, daß die Gegenstände aus seiner Wohnung stammen.
Herr Schag wohnt im Stock über uns. Er ist über 80 Jahre alt und ist derjenige der schon immer hier gewohnt hat. Unzählige WGs und junge Menschen hat er schon ein und ausziehen erlebt.
Die früher noch regelmäßigen Hoffeste hat er immer wohlwollend vom Balkon aus mit erlebt, konnte sich aber trotz mehrmaligen einladen, nie dazu aufraffen zu uns hinunter zu kommen.

Zusammen mit seiner Frau standen sie dann also manchmal für längere Zeit am Balkon und schauten sich an, was da so alles los war in unserem Hof.
Noch nie gab es auch eine Beschwerde wenn eine Feier länger dauerte, oder gar das aufräumen am nächsten Tag allen beteiligten sehr schwer fiel und es sich bis in die kommende Woche hineinzog, das alles wieder an Ort und Stelle war.

Mit der Zeit und mit den Jahren lies aber auch die Anteilnahme vom Balkon aus immer stärker nach.
Seiner Frau ging es nicht mehr so gut. Sie wurde dement und ihr gemeinsames Konstrukt fing an zu bröckeln. Wir im Haus hatten schon einiges an Erfahrung mit dementen Bewohnerinnen.
In der Wohnung nebenan wohnte eine italienische Nona, die trotz hochgradiger Demenz noch bis ins hohe Alter in Schlappen auf ihrer Vespa zum einkaufen gefahren ist. Manchmal hat sie sich verfahren und dann gab es wieder große Sorge und die Kinder haben sie mit uns zusammen gesucht.
Irgendwann wurde den Kindern klar, daß sie ihre Mutter nicht mehr in unserer Verantwortung lassen können. Und sie ist, vermutlich zum sterben nach Italien gebracht worden.

Frau Schag die freundliche Nachbarin, ereilte kein so schönes Schicksal. Ihr Mann versuchte es eine zeitlang damit, sie einzusperren. Aber nachdem sie auch in der Wohnung dann Dinge nicht mehr so hinterlassen hat, wie er es gewohnt war und man sich nicht mehr darauf verlassen konnte, dass sie das Essen richtig kocht und überhaupt die Dnige tut, wozu man doch so eine Frau hat, hat Herr Schag sie ins Altenheim gebracht. Ich verwende seine Worte.
Ich weiß nicht wieviel Liebe da jemals im Spiel war. Und auffällig fand ich es schon immer, das wir noch nie eines der 3. Kinder bei uns im Haus angetroffen haben.

Dieses alte Pärchen, deren Leben nach Erzählungen von Frau Schag nur aus Arbeit bestand. Ich kann nicht beurteilen, ob sie glücklich waren oder nicht. Und noch weniger kann ich die Dinge beurteilen die Herr Schaag nun langsam aus der Wohnung räumt.
Für ihn anscheinend wertlose Dinge, die seiner Frau gehören.
Sie wird nicht wieder zurück kommen und er hat keine Verwendung dafür. Aber direkt in die Mülltonne werfen möchte er sie auch nicht. Dafür hängt vielleicht der Geist seiner Frau zu sehr an diesen Dingen.
So machen sie vielleicht nochmal eine Zwischenstation. In einer der WG’s. Oder so wie bei uns. Der kleine Fächer mit den spielenden Pandabären.

Würde Herr Schaag in anstatt ihn zu verschenken, seiner Frau ins Altenheim mitbringen, würde sie sich vielleicht an die Reise nach China erinnern, die sie vermutlich nie gemacht haben.


 

Margret Bernreuther: Systemische Beratung

Du redest ohne Unterlass.

Ich höre dir zu. Ich hänge an deinen Lippen. Ich habe mich dir zu Füßen gesetzt und lausche deinen Worten. Du sprichst nicht mit mir. Du erwartest keine Antworten.

Du berichtest von deiner gescheiterten Beziehung und was dir angetan wurde.
Ich versuche das Verstandene mit Blicken und langezogenen Hmmms zu bestätigen.

Ab und zu stehe ich auf und wechsle die Schallplatte. Meine Musikauswahl lässt du unkommentiert. Darum geht es ja nicht und ich versuche auch hier möglichst unemotional zu bleiben.

Dass du überhaupt wieder hier sitzt, grenzt für mich an ein Wunder.

Vor Wochen hattest du dich von mir verabschiedet. Mir gesagt, dass aus uns nichts werden kann.
Dass es noch so viel zu bearbeiten gibt in deiner eigenen Welt.

Du bist auch noch verliebt. In eine andere Frau, die dich nicht will und wo du dich nur von mir hast trösten lassen.
Und wie gut ich das kann. Wie mir ständig etwas einfällt um dich auf andere Gedanken zu bringen.
Gedanken und auch Gefühle lassen sich doch steuern.

Immer wieder verfolge ich da einen verhaltenstherapeutischen Ansatz.
Was tut man wenn sich die Gedanken immer wieder um dieselbe Sache drehen?
Eine Sache die sich durchdenken aber nicht lösen lässt.

Ich muss also versuchen, anders über diese Sache zu denken, oder sogar versuchen überhaupt nicht mehr darüber nachzudenken.

Diese Sache also, mit der anderen Frau. Und wie du mir sogar erklärst, wie sich die Rollen getauscht haben. Du auf einmal der Gewollte bist und nicht mehr der Verschmähte.

Dieses Mal meinst Du mich.
Ich bringe dir Verständnis entgegen.

In meinem Kopf ist es genauso, dass das noch passieren wird.
Du hast nun schon so einen mutigen Schritt getan.
Mir geschrieben das du einen Fehler gemacht hast und das du sehr dumm warst und das mich vermisst.

Aber jetzt sitzt du bei mir und redest von der anderen Frau. Ich kann dir bestimmt helfen.
Ich kann es schaffen, dass du sie vergisst. Du musst nur auf mich hören.

Ich bin aber still. Ich sage dir nichts. Wohlwollend lasse ich dich verbal auf mir abwichsen.

Es ist wie in einem Porno, nur ohne Sex.

Es ist Abend und wird dunkel. Du hast dich leer geredet. Dich über mir zu ergießen hat dir aber keine Erleichterung verschafft. Du musst jetzt nach Hause. Gemeinsames Abendessen?

Vielleicht ein andermal.


Margret Bernreuther: Sucht

Mit dieser Art von Einsätzen hatte ich wirklich meine Probleme.
Aber sich drücken ging nicht. Sind wir doch mal ehrlich. Niemand aus unserer Truppe hat Lust auf so einen Einsatz.
Der Ablauf ist in der Regel immer der Gleiche.
Ein Nachbar ruft an und beschwert sich wegen eines schlimmen, bestialischen, alle Alarmsignale weckenden Geruchs aus der Nachbarwohnung.
Natürlich sind da auch manchmal so Scherzbolde dabei, die anrufen um sich über die Kochgerüche der arabischen Nachbarn aufzuregen.
In so einem Fall gibt’s dann gern mal eine Anzeige, wegen grundlosen Rufens der Polizei.
Im heutigen Fall zeichnete es sich aber schon ab, das wir es mit einer gerechtfertigten Anzeige zu tun hatten.
Die Wohnung war uns zumindest nicht unbekannt. Zumindest die vermeintlichen Bewohnerinnen.
Die beiden Schwestern hatten schon mehrere kleinere Anzeigen bei uns im Computer, wegen kleinerer Delikte. Kleinere Diebstähle, Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Die Nachbarn hatten uns informiert, dass aus der Wohnung ein furchtbarer Gestank zu vernehmen sei. Klingeln und Klopfen hätten nichts gebracht. Keine der beiden Damen öffnet die Tür.

Die Polizei kann eine Wohnung gegen den Willen des Inhabers nur betreten, wenn dies zum Schutz eines Einzelnen oder des Gemeinwesens gegen dringende Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung erforderlich ist.

Gefahr in Verzug. Umgangssprachlich.
In diesem konkreten Fall. Die Sorge der Anwohner, dass jemand in der Wohnung gestorben ist.
Ich bezweifle das. So schnell stirbt man nicht.
Trotzdem müssen wir hin und mein Kollege und ich werden zugeteilt.
Auf der Fahrt zu der Wohnung sprechen wir wenig. Mein Kollege spricht eigentlich generell wenig mit mir, aber er ist kein Arsch. Dem ist zum Glück auf eine gesunde Art alles wurst.

So eine Einstellung bewundere ich. Dienst nach Vorschrift, sich nichts zuschulden kommen lassen. Alles immer korrekt bei dem. Und noch dazu, sich deswegen nicht wichtig machen.
Hätte ich heute diesen Einsatz abgelehnt, wäre das sicher so rüber gekommen. Dass ich mich wichtig machen will. Ab und zu dürfen wir das.
Einsätze verweigern, ohne Angabe von Gründen.
Das ist ein kleiner Trick den unser Dienstleiter sicher aus irgendeinem Motivations-Seminar hat.

Lassen Sie in einfachen Dingen auch mal Fünfe gerade sein

Allzu oft brauchst du das aber nicht bringen. Und ich will auch nicht, dass jemand Verdacht schöpft, weil ich jedes Mal bei dieser Art von Einsätzen kneife.
Ich habe jetzt in meiner Dienstzeit schon echt ein paar heftige Sachen gesehen. Blut zum Beispiel macht mir überhaupt nichts aus.

Wir sind am Wohnhaus angekommen. Hier gibt es immer mal wieder Randale.
Das Viertel wird gerade von  Hipstern übernommen und die Häuser nach und nach saniert. Das Haus, wo wir heute sind, ist das letzte in dem Strassenzug, das noch nicht renoviert wurde.

Die Wohnung befindet sich im dritten Stock.
Das Eingangstor ist nicht verschlossen.

Der Vorgang ist klar: erstmal nach oben und klingeln und vehement klopfen.
Checken, ob etwas in der Wohnung zu hören ist.
Im zweiten Stock vernehme ich den Geruch schon. Es ist kein Verwesungsgeruch und ich weiß jetzt schon, was uns bevorsteht.
Der Geruch – eigentlich Gestank – ist eine Mischung aus Kompost und Zigarettenrauch.
Süß und herb. Und es reicht eine kleine Prise, um bei mir eine Erinnerungskette in meinem Gehirn freizuschalten. Schon verrückt wie stark das Gehirn auf Gerüche reagiert.
Wie gut man sie sich merken kann.

In meinem Kopf bin ich wieder 8 Jahre alt. Wir lebten damals in einem ähnlichen Mietshaus. Jeden Nachmittag, als ich von der Schule nach Hause kam, empfing mich dieser Geruch.

Meine Mutter war ein Messi.
Jemand der nichts wegschmeissen konnte.

Und da war es vollkommen egal, ob die Dinge, die sie anhäufte, einen Wert hatten.
Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter mir jemals etwas zu essen gekocht hat.

So schnell stirbt man nicht

Das Hämmern an der Tür ließ mich aus meinen Gedanken schrecken.
Die Nachbarin steckte mittlerweile ihre neugierige Nase zur Tür hinaus.
Ja, gut, dass die Polizei endlich da ist. Der Gestank ist ja wirklich nicht mehr auszuhalten.
Die zwei Frauen waren eh nicht mehr ganz sauber, sie wissen schon was ich meine.
Das war ja nur eine Frage der Zeit, bis die sich mal was antun.
„Haben sie mal die Nummer der Hausverwaltung für mich“
„Ja, Guten Tag, wir bräuchten Zugang zu einer ihrer Wohnungen“

„Ja, wir warten“

Ich habe mich immer gefragt, wo meine Mutter all das Zeug eigentlich her hatte.
Wir hatten kein Geld. Nahm ich zumindest an. Meine Mutter hat meines Wissens nach nie gearbeitet.
Ich war mit einem mir unbekannten Mann irgendwann gezeugt worden. Ich hatte noch zwei ältere Geschwister, die schon lange ausgezogen waren.

Mein Therapeut hat mir gesagt, ich muss das von mir loslösen. Meine Mutter war krank.

Der Begriff Messie-Syndrom (abgeleitet von englisch mess „Chaos, Durcheinander“) bezeichnet ein zwanghaftes Verhalten, bei dem das übermäßige Ansammeln von mehr oder weniger wertlosen Gegenständen in der eigenen Wohnung im Vordergrund steht, verbunden mit der Unfähigkeit, sich von den Gegenständen wieder zu trennen und Ordnung zu halten

Ich muss verstehen, dass das wie eine Sucht ist. Der Betroffene kann nicht damit aufhören.
Die Betroffene kann nicht mehr wichtig von unwichtig unterscheiden.
Die Betroffene kann nichts dafür, dass man vor lauter Zeug um sich herum vergisst, dass man ein Kind hat.

Der Hausbesitzer ist mittlerweile eingetroffen. Vorerst verzichten wir auf Verstärkung.
Reicht auch wenn wir die rufen, wenn wir eine oder zwei Tote in der Wohnung finden.
Der Hausbesitzer schließt die Wohnung auf. Die neugierige Nachbarin, die sich direkt hinter mir in Position gebracht hat, fängt unmittelbar das Würgen an.
Es ist genauso wie ich es geahnt habe. 

Ich betrete meine Wohnung. Verrückt, dass sich die Art von Messi-Wohnungen so wenig unterscheiden.
Damals als mich das Jugendamt zusammen mit der Polizei aus der Wohnung geholt hatte, mussten sie sich auch erstmal einen Weg zu mir freiräumen.
Ich war seit drei Tagen nicht mehr in der Schule gewesen und meine Lehrerin hatte Meldung beim Jugendamt gemacht.
Die Polizistin, die mich damals aus der Wohnung getragen hatte, roch ganz betörend gut nach Waschmittel. Manchmal denke ich mir, das ist auch der Grund warum ich Polizistin geworden bin.
Und wenn die Großwäscherei, die unsere Uniformen wäscht, irgendwann das Waschmittel ändert, kündige ich.

Mein wortkarger Kollege kann sich nicht mehr beherrschen. Er flucht, weint geradezu. Wir können die Wohnung nicht betreten.
Mit Tränen in den Augen rufe ich die Verstärkung. 
Ja, sie soll gleich der Entrümpelungsfirma bescheidgeben.

Zwei Tage lang haben die gebraucht um die Wohnung zugänglich zu machen.
Von den Frauen fehlte jede Spur.
Genau wie meine Mutter hatten sie sich in Luft aufgelöst.
Das Jugendamt konnte mir nie sagen wo sie abgeblieben war.

Margret Bernreuther: Lügen

Die Luft in den Kabinen, aus denen sie normalerweise aufs Spielfeld hinaus liefen, war zum Schneiden.
Sicherlich wird es heute noch regnen.
Auch nachdem sie die engen Gänge verlassen hatten und die Tribüne betreten hatten, veränderte das wenig an der vorhandenen Luftqualität.

Das Stadion war bis auf den letzten Platz gefüllt. Es war laut. Ich hatte sein Hemd und das Sakko bereits durchgeschwitzt und die Veranstaltung hatte noch nicht einmal begonnen.
Vier Stunden lang wird alleine der offizielle Teil der Veranstaltung dauern.
Mittlerweile ist etwas Wind aufgezogen.
Auf den Rängen sitzen tausende Menschen und singen und tanzen.
Es ist ein schöner Anblick.
Jahrelang habe ich ein bei der „University of Lecturers“ ein Fernstudium betrieben, um mich auf diesen Tag vorzubereiten. Ich bin der Beste, den sie kriegen konnten. Ich werde heute meinem Land Ehre erweisen. Auf dieser Veranstaltung, die im ganzen Land, ja in der ganzen Welt zu sehen sein wird.

Ich bin schon lange wach. Wenn ich ehrlich bin, habe ich überhaupt nicht geschlafen heute Nacht. Nachdem ich weiß, wie streng die Sicherheitsvorkehrungen sein werden, habe ich mich früh auf den Weg zum Stadion gemacht. Meine Frau und meine Kinder haben noch geschlafen. Sie werden die Übertragung später im Fernsehen ansehen.
Ich habe nicht gefrühstückt. Ich wollte niemanden wecken.
Ich kann mich nicht setzen. Die Stühle sind alle mit prominenten und wichtigen Namen versehen.
Immer wieder entdecke ich bekannte Gesichter. Schon oft habe ich bei wichtigen Anlässen gedolmetscht, aber das heute schlägt alles.
Vor 5 Tagen starb Nelson Mandela, heute wird sich die Welt von ihm verabschieden. Und ich werde derjenige sein, der die Nachricht in die Welt trägt.

Über die Stadionlautsprecher wird durchgesagt, dass Barack Obama im Stadion angekommen ist.
Die Menge rastet förmlich aus. Der schwarze amerikanische Präsident, ist für uns alle die große Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch irgendwas in unserer Welt verändern wird.
Das Geschrei und die Gesänge sind ohrenbetäubend. In diesem Moment wünschte ich mir selbst, ich wäre taub. Meine Kehle ist staubtrocken.
Ich verstehe nicht, warum ich nichts zu trinken bekomme. Nur weil ich nicht rede?

Und nun setzte der Regen ein. Eigentlich hatte es seit Tagen nicht aufgehört zu regnen. Ein Zeichen dafür, dass auch der Himmel trauert. Die Menschen in den Rängen spannen ihre Schirme auf.
Nun werden meine Schweißflecken sicherlich niemandem mehr auffallen.
So viele Menschen sind gekommen. Staatsmenschen aus der ganzen Welt.
In ganz Johannisburg gibt es kein einziges freies Hotelzimmer mehr.
Alles musste sehr schnell gehen. Ein Freund hat mir erzählt, dass er Gäste aus seinem Hotel hatte werfen müssen, damit er Platz für den deutschen Bundespräsidenten hatte. Ich habe mir seinen Namen nicht gemerkt.
Ich muss mich nun auf meine Aufgabe konzentrieren. Das, was von mir erwartet wird.
Ich werde heute alle Reden der wichtigsten Menschen der Welt und die der Angehörigen von Nelson Mandela in die Welt übersetzen.
Gebärdensprache ist, wenn man so will, die universellste Sprache die es gibt. 


Eine Sprache, die die Welt vereint. 

Allen gehörlosen Menschen auf der Welt ist es möglich, diese Sprache zu verstehen. Ich spreche zu allen von ihnen.
Das hat mich damals auch dazu bewogen, meinen Abschluss in Gebärdensprache zu machen.
Ich wollte eine Sprache, die alle verstehen können. Und lernte sie an der Komani Schule. Ich wurde schon auf viele Feste als Dolmetscher eingeladen.

Der Regen wird immer stärker und in die Blasinstrumente der Kapelle fließt das Wasser. Gar nicht so einfach, einen Schirm und eine Tuba gleichzeitig zu halten.
Die Nationalhymne verklingt und die Trauerfeier hat nun offiziell begonnen.
Obwohl noch längst nicht alle Gäste im Stadion angekommen sind. Aber Obama, Obama ist da.
Unser Präsident ergreift das Wort.
„Mandela hat sich Regen gewünscht. Denn Regen bedeutet, dass du im Himmel willkommen bist“
Der Jubel der Gäste ist dieses Mal so laut, das es mir beinahe schwarz vor Augen wird.
Ich versuche mich, auf die Worte unseres Präsidenten zu konzentrieren.
Aber es ist so laut. Ich verstehe ihn nicht richtig. Aber ich kenne die Sprache die ich spreche.
Ich habe schon so viel Erfahrung und ich werde das einzig Entscheidende in diesem Moment machen: ich werde den Menschen Mut machen mit meinen Worten. Mit meinen Zeichen. Die Zeichen, die mir der Engel in den oberen Rängen zu verstehen gibt.

Wir alle beten gemeinsam. Wir alle singen gemeinsam. Der Regen wird immer heftiger.
Und auf einmal ist das zuvor Geschehene, als wäre es nur eine Art Aufwärmtraining gewesen.
Barack Obama betritt die Bühne und ab diesem Moment bin ich taub.