Margit Heumann – Grünes Freud und Leid

Mit dem Umzug aufs Land hatte ich plötzlich einen Garten, der bisher von der Mitbewohnerin akkurat bebaut worden war. Sie war froh, nur noch die Hälfte zu haben, und ich freute mich darauf, ökologisch wertvolles Gemüse und ein paar Blumen selbst zu züchten.

Im März konnte ich es kaum erwarten, mit dem Pflanzen zu beginnen. Ich teilte die Beete ein, ziemlich provisorisch, aber darauf kam es nicht an, dann zog ich eine Furche mit dem Hackenstiel und säte oder pflanzte in diese Rinne. Als ich fertig war, betrachtete ich zufrieden mein Werk. Keine Frage, alles war wohl gelungen. Nur im Vergleich mit Frau Langs Hälfte sah es ziemlich laienhaft aus. Ihre Beete waren genau rechtwinkelig, die Setzlinge in einer schnurgeraden Reihe mit genau gleichem Abstand. Später fand ich heraus, wie sie das machte: Sie hatte einen Meterstab für die Anlage dabei, sie spannte Schnüre für gerade Rinnen, sie hatte ein Stöckchen als Abstandsmaß zwischen den Pflanzen. Damit konnte ich nicht konkurrieren.

Mit dem Frühling begann auch die Saison in meinem Reitbetrieb. Zäune waren zu reparieren, Stuten kamen zum Decken, die Reitschüler wollten Unterricht und die Berittpferde Ausbildung. Der Garten geriet ins Hintertreffen. Oft saß ich bis spät abends auf dem Pferd, vergaß das Gießen oder hatte einfach keine Lust mehr. Zum Ausgleich stand ich dann mal wieder eine halbe Stunde mit dem Gartenschlauch da und ertränkte alles. Zum Jäten kam ich nur alle heiligen Zeiten, und wenn noch ein mehrtägiges Turnier oder eine Reitwoche auswärts dazu kam, schoss das Unkraut in die Höhe, dass es über den Nutzpflanzen zusammenschlug. Der Unterschied zu Frau Langs Hälfte wurde noch offensichtlicher: Bei ihr wurde kein Unkräutchen höher als zwei Zentimeter, bei ihr wurde zur richtigen Tageszeit und ganz gezielt mit der Gießkanne jedes einzelne Pflänzchen befeuchtet. Der Anblick ihres gepflegten Gartens deprimierte mich schrecklich.

Manche Pflanzen waren so robust, dass sie meine Pflegeattacken ziemlich unbeschadet überstanden. Die Zeit der Ernte kam. Über Wochen ernährten wir uns von verlaustem Salat, wurmigen Radieschen und winzigen Erdbeeren. Erntezeit schien nicht kompatibel mit Reitbetrieb, die Bohnen waren reif, als ich das Vereinsturnier vorbereitete, die Tomaten während einer dreiwöchigen Fortbildung, und ehe ich es bemerkte, war der Blumenkohl von Raupen zerfressen. Frau Lang dagegen ging jeden zweiten Tag ihr Gemüse durch und erntete die reifen Früchte, und der Blumenkohl wurde mit großen Blättern abgedeckt, sobald die ersten Kohlweißlinge auftauchten.

Ich war richtig erleichtert, als ich im Herbst den Garten leer räumen konnte. Nächstes Jahr, das nahm ich mir fest vor, sollte es anders laufen. Tat es natürlich nicht, und nach ein paar erfolglosen Versuchsreihen stellte ich den Gemüseanbau ganz ein und säte Grassamen aus. Ein Rasen war pflegeleichter, vor allem deswegen, weil ich meinem Mann das Mähen aufs Auge drücken konnte.

Margit Heumann: Der Fern-Seher

Alleinstehende, Kranke, Fußlahme, Einsame, Schüchterne haben es oft nicht leicht, mit ihren Mitmenschen in Kontakt zu kommen. Die einen müssen das Bett hüten, die anderen können sich nur unter Schmerzen, mit Krücken und hinkend vorwärts mühen, manche haben Phobien oder sind ohnehin Analphabeten im zwischenmenschlichen Bereich. Sehr gern benützen sie stattdessen ein Fenster zu Welt, das sich öffnen lässt, durch das sie vom Wohnzimmer, vom Esstisch, vom Krankenlager aus auf die Anderen blicken können: den Fernseher. Aus sicherer Entfernung informiert er sie über gesellschaftliche Zu-, Um- und Missstände und über aktuelle Tagesereignisse, fremde Länder und Kulturen, aber auch menschliches Glück und zwischenmenschliche Katastrophen. 

Aber großes Aber: Der Fernseher ist kein Fenster zur wirklichen Welt. Sobald man ihn einschaltet, wird einem die Welt der Anderen übergestülpt, die von wieder Anderen ausgewählt wird, für die Geld und Einschaltquoten die bestimmenden Faktoren sind. Und was für eine Welt! Nicht die reale, die normale, nicht Menschen wie du und ich. Die TV-Anbieter weltweit kippen das ab, was ihrer Meinung nach lukrativ ist. Allen voran präsentieren sie Mord und Totschlag in mehr oder weniger blutrünstigen Varianten in den unzähligen Krimis. Dancing Star serviert Adabeis aus Politik und Seitenblicke-Gesellschaft. Rosamunde Pilcher liefert die Welt der Reichen und Schönen inklusive Intrigen und Happy End ins Wohnzimmer. Das Dschungelcamp langweilt mit C- und D-Promis und Ekelprüfungen. Historische Schinken in Schwarz-Weiß sollen Nostalgie-Bedürfnisse befriedigen. Talkshows diskutieren nach inszenierten Skripten. Nichts ist irrealer als das sogenannte Reality-TV, das Fälle von Familiendramen, Liebesproblemen, Krankheiten und ihre wundersame Heilung, Berichte von Restauranttestern, Auswanderern und Schuldenberatern als wahre Geschichten verkaufen. Die Liste wäre beliebig fortzusetzen. Kurz: Was von einem Fernsehabend bleibt, ist ein Haufen Müll, unter dem die eine oder andere sehenswerte Doku oder ein vergnüglicher Film verschüttgegangen ist. 

Dem Fern-Seher wird via Fernseher eine Scheinwelt präsentiert. Das wahre Leben spielt sich live ab. Also nichts wie aktiv werden und die Nähe zu realen Menschen suchen!

Margit Heumann: Mehr oder weniger zusammen

Unser blauer Planet ist ins Trudeln geraten und gondelt richtungslos durch das All wie ein besoffenes Segelschiff bei Windstärke 12. Eine Welle jagt die nächste noch höhere und droht die Erde in den Abgrund zu reißen. Die ganze Welt sitzt im selben Boot, das Gefahrenpotential steigt mit dem Wasser im lecken Schiff. Doch der Mensch wäre nicht Mensch, ergäbe er sich ideen- und kampflos. Schon greifen die ersten nach Eimern und beginnen zu schöpfen. Ob Eimer die Rettung sind, ist ungewiss, aber alles ist besser als mit Nichtstun mit hundertprozentiger Gewissheit  abzusaufen. Eine Welle der Solidarität erfasst die Menschheit, Allianzen werden geschmiedet, Pakte geschlossen und Teams gebildet, Alt und Jung, Groß und Klein, Reich und Arm helfen zusammen, mit Gefäßen aller Art, vom Kanister bis zum Fingerhut, schöpfen alle Mann/Frau, was das Zeug hält. 

Alle Mann/Frau? 

Nicht alle! 

Einige stehen mit verschränkten Armen da und tun nichts. Sie halten Schöpfen für überflüssig, das Wasser ist von allein hereingeschwappt, es wird auch von allein wieder abfließen. Sie weigern sich, einen Eimer auch nur in die Hand zu nehmen, damit ja kein Härchen ihrer gestylten Frisur gekrümmt wird oder einer der vom Naildesigner dekorierten Fingernägel abbricht. Dabei belächeln sie die schwer Schuftenden und bezeichnen sie als manipulierte Schafe, zum Tragen von Maulkörben verdammt und sogar zum Blöken zu dumm.

Solchen Verweigerern ist der Gemeinsinn (oder nenne es Mitverantwortung oder Nächstenliebe oder Solidarität) abhanden gekommen und ihr Mangel an Loyalität behindert und verschleppt den kollektiven Rettungserfolg – aber davon profitieren, das wollen sie schon, am liebsten erste Reihe fußfrei!

Da geht selbst den Tolerantesten, die da im Schweiße ihres Angesichtes schöpfen und schöpfen, das Messer in der Hosentasche auf und sie finden es nur recht und billig, wenn diese Verräter ein Formular unterschreiben müssen, dass sie im Falle von akuter Ertrinkungsgefahr freiwillig auf jede Art von Rettungsversuch verzichten. 

Margit Heumann: Freiheit im Wandel

Es war einmal ein kleines Mädchen, das lernte die Freiheit beim Zuhören kennen. Oma, erzähl mir eine Geschichte, und schon durfte es sich in Fantasiewelten tummeln. 

Es war einmal ein Schulkind, das holte sich die Freiheit aus Büchern. Mit einem Buch vor Augen entfernte es sich aus der engen Umgebung, weg von den Hausaufgaben, vom lästigen kleinen Bruder, von der fordernden Mutter, von allen Pflichten. 

Es war einmal ein Mädchen, das wollte nicht immer nur anziehen, was die Mutter nähte, was die anderen trugen. Schließlich hatte der Papa Erbarmen: sie bekam eine Hose, dunkelblau, dreiviertellang, mit roten Kordeln an den geschlitzten Aufschlägen. Diese Hose machte sie zum ersten hosentragenden Mädchen im Dorf – der Inbegriff der Freiheit. 

Es war ein mal ein Teenager, die sah ihre Freiheit darin mit Worten zu provozieren. Sie war gegen alles: Gegen frühe Schlafenszeiten, gegen regelmäßiges Essen, gegen die spießige Wohnungseinrichtung, gegen die Verwandtschaft, gegen die Erwartungen der Mutter, gegen die Ansichten des Vaters, gegen den sonntäglichen Kirchgang. Taten beschränkten sich auf die Mitgliedschaft in einem Europaclub und immer noch auf Hosen zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. 

Es war einmal eine Berufsanfängerin, für die es Freiheit bedeutete, die sichere Arbeitsstelle im Nachbardorf aufzugeben, den Freund zu verlassen und für ein Jahr nach England zu gehen. Der Preis war verdrängtes Heimweh, aber jeder Tag hatte sich gelohnt.

Es war einmal eine Zwanzigjährige, die nahm sich die Freiheit zweierlei Leben zu führen. Es gab das streng geregelte Tagleben im Büro von acht bis 17 Uhr, das ihr Wohnung, Auto und Plattenspieler finanzierte. Es gab das Nachtleben mit Studenten, Künstlern und Dichtern, die nach der Arbeit bei ihr aufschlugen zu gemeinsamem Kochen, Trinken, Rauchen und Diskutieren, was ihr chronischen Schlafmangel brachte.

Es war einmal eine Fünfundzwanzigjährige, der waren zweierlei Leben nicht genug. Sie verfolgte einen neuen Freiheitstraum und heuerte zwei Monaten beim Zirkus an  – und machte die Erfahrung eines anstrengenden und extrem reglementierten Alltags.

Es war einmal eine Familie, die hatten ihre Wunschtochter und wollte noch ein Kind. Um gleichzeitig einem Kind zu helfen, entschied sie sich für eine Adoption, ohne Not und freiwillig. So ganz nebenbei war die Mutter dadurch auch von der Mühsal einer zweiten Schwangerschaft befreit. 

Es war einmal eine selbständige Kleinunternehmerin, die entschloss sich nach dreißig Jahren das Landleben aufzugeben und das Kontrastprogramm Großstadt zu wählen. Dieser Schritt gab ihr die Freiheit einer bisher unterdrückten Leidenschaft zu frönen. 

Es war einmal eine Frau, die hatte wechselvolle Jahre hinter sich und wenn sie einmal gestorben ist, hat sie ihr ganzes Leben immer neue Freiheiten gesucht und gefunden. 

Margit Heumann: Nacht(un)ruhe

Tock-tock-tock. Was klopft mit dem Mitternachtsschlägen vom Kirchturm um die Wette? Pünktlich zur Geisterstunde ein Gespenst?

„Blödsinn“, denkt Alfred, „das ist mein überreiztes Gehirn.“

Tag und Nacht lassen den Waffenproduzenten seine Geschäfte nicht los. Irgendwo ist immer Krieg und es wird nicht einfacher, Exportverbote für Rüstungsgüter zu umgehen und sowohl Aggressoren als auch Verteidiger zu beliefern. Deswegen leidet er unter chronischer Schlaflosigkeit, schon seit Wochen, keine Nacht macht er ein Auge zu. Was Wunder, dass er an Halluzinationen leidet.
„Ich brauche dringend einen Arzt“, murmelt er vor sich hin.

Es klopft wieder. Diesmal an der Tür. Länger und lauter.
„Wer kann das sein?“ Seufzend wirft sich Alfred einen Mantel über und öffnet.

„Da bin ich!“ Draußen steht eine hagerer, fast durchscheinende Gestalt, Stethoskop um den Hals, OP-Maske, OP-Haube, Stirnlampe, Brille. Offensichtlich ein Arzt. In weißem Kittel mit goldenen Knöpfen, wohl ein Professor oder Primarius. „Sie haben mich gerufen?“

„Das ist … das ist ja wie Geisterbeschwörung“, stammelt Alfred. „Aber wenn Sie schon mal da sind: Ich schlafe schlecht, seit Wochen mache ich keine Nacht ein Auge zu. Ich höre und sehe schon überall Gespenster …“

„Ihnen kann geholfen werden“, antwortet der Arzt. „Schuld ist die Seele.“

„Zum Teufel mit der Seele! Ich glaube nicht an Esoterik.“

„Jeder Mensch ist von Natur aus beseelt“, erklärt der Arzt.

„Und Sie können Seelen kurieren?“

„Kurieren nicht, aber davon befreien.“

„Eine Operation?“ Der Gedanke gefällt Alfred nicht.

„So ähnlich, aber völlig schmerzfrei.“

„Ich kann es mir nicht leisten, lange auszufallen.“

„Keine Sorge! Ich verfüge über genügend Mittel, die ihre Geschäfte erst richtig anzukurbeln.“

Alfred bekommt glänzende Augen. „Solche Mittel gibt es? Her damit!“

„Moment. Sie müssen mir dafür Ihre Seele verkaufen.“

„Herzlich gern.“ Als Manager weiß er, dass es kein Geschäft ohne Gegengeschäft gibt. „Und was sind das für Mittel?“

„Kokain. Opium. Ecstasy. Speed. Sie erleichtern den Soldaten die Kriegsführung.“

Alfred begreift das Geschäftsmodell im Handumdrehen. „Genial. Je mehr Ihrer Rauschmittel ich umsetze, desto mehr Waffen werden gebraucht.“

„Und umgekehrt! Eine Win-win-Situation für uns beide. Und ohne Seele schlafen Sie trotzdem gut.“ Er hält ihm die Hand hin. „Deal?“

Alfred zögert keinen Augenblick. „Deal!“, bestätigt er und schlägt ein.
„Eine Frage noch, reine Neugier: Was wird aus meiner Seele?“

Im Weggehen macht der Mann eine gleichgültige Handbewegung. „Sie haben es ja selbst gesagt: Zum Teufel mit der Seele.“

Der Arztkittel weht hinter ihm her und das Klopfen eines Pferdehufs hallt durch die Nacht. Alfred schlottern die Knie. Er friert, als hätte ihm jemand die Kleider vom Leib gerissen.

„Da hol mich doch der Teufel“, stößt er zähneklappernd hervor und geht zurück ins Bett. „Aber das ist mir meine Nachtruhe wert.“

Das Ein-Uhr-Läuten der Kirchturmuhr hört er schon nicht mehr.

Margit Heumann: Märzträume, japanisch angehaucht

Am Morgen das Reh.
Es schüttelt die Winternacht
als Reif aus dem Fell.

Frühjahrssonne zeigt:
Mehr als erstarrtes Wasser
sind Eis und Schnee nicht.

Die Hüllen fallen
zu lassen. Das träumt im März
der Palmkätzchenbaum

Margit Heumann: Für den Wald ins Feld ziehen

Ich träum, ich steh im Wald. In meinem Sommerwald mit dem Duft nach Harz und Tannen und Hitze und Pilzen und Moos. Kindheitswälder voller Haselnüsse, Waldbeeren und Sauerklee. Wichtelgärten mit Buschwindröschen und Leberblümchen und Efeu. Kobolde unter Schneckenblättern. Zwergenhöhlen zwischen Baumwurzeln, ausgestattet mit Rindenmöbeln und Moosbetten, das Vieh sind Lärchen- und Föhrenzapfen hinter Steckenzäunen. Auf dem Rücken liegen im Moos und Händchen halten mit der ersten Liebe, hinter schräggestreiftem Sonnenvorhang, in dem die Stäublinge tanzen, die Blicke verloren in den Blättern und Nadeln, den Baumkronen, den Wolken und dem Himmelsblau zwischen den Wipfeln. Solcher Wald ist nicht mehr. Nun brennt der Baum.

Fakt ist: Wald ist überall. Ich war schon im Bayerischen Wald, im Wiener Wald und im Waldviertel, dem mystischen. Es gibt den Böhmer-, Oden- und Grunewald. Der Teutoburger Wald ist historisch bedeutsam. Den Nürnberger Reichswald nennt man auch Steckerleswald. Der Schwarzwald heißt in der Schweiz Bois Noir und sonst Black Forest. Filme habe ich gesehen über die Paradieswälder Papua-Neuguineas und den radioaktiv ermordeten Red Forest und über Forrest Gump, aber der ist kein Wald. Der Waldmeister auch nicht, gehört jedoch hierher wie das Reh, der Specht, der Eichelhäher, das Eichhörnchen, das Wildschwein. Ein Waldschwein gibt es nicht, aber eine Waldkatze, zumindest eine norwegische, und einen Waldkauz, wo Fuchs und Hase nicht mehr lange Gute Nacht sagen.

Fakt ist: Vor lauter Bäumen sieht man den Wald nicht. Tannen, Fichten, Föhren, Lärchen, der Nadelwald. Eichen, Buchen, Birken, der Laubwald. Monokulturen haben sich nicht bewährt, der Mischwald, das Unterholz. Der Bannwald gegen Lawinen, Felsstürze, Muren. Der Nutzwald zur Holzgewinnung. Die boreale Nadelwaldzone, besser bekannt als Taiga. Palmen, Mammutbäume, Mangroven, Affenbrotbäume, Olivenhaine. Der Dschungel. Der Tropische Regenwald. Die Urwälder, bedrohte Heimat der Berggorillas ebenso wie der letzten indigenen Völker. Überall ist die Axt am Baum.

Fakt ist: Vor lauter Bäumen sieht man den Wald nicht in Gefahr. Der Regenwald ausgebeutet und abgeholzt für Teak und Mahagoni, brandgerodet für Plantagen. Vor Augen das heimische Waldsterben. Durch sauren Regen. Borkenkäfer. Ozonloch. Skipisten. Erdrutsche und Muren. Dürren. Waldbrände. Wildverbiss durch Überpopulation. Schneelast. Lawinen. Abgase und Schadstoffausstoß. Die maschinelle Abholzung per Harvester. Wibke und Lothar und Kyrill knicken die Bäume wie Streichhölzer. Und als Krönung des Ganzen dauerhaft verstrahlter Waldboden, radioaktive Pilze, becquerel-verseuchte Wildschweine auch noch dreißig Jahre nach Tschernobyl. Auf vielfältige Weise wird der Wald zu Asche gemacht.

Fakt ist: Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Für den Wald ins Feld ziehen. Es braucht Baumschulen für den Nachwuchs. Die Aufforstung und die Wiederaufforstung. Die Waldpflege. Die Waldarbeiter, die Jäger und Heger. Forstämter, den Staatsforst und die nachhaltige Nutzung samt Schadholzaufarbeitung und Holzrücken mit Pferden. Die Ausweisung von Naturschutzgebieten, Nationalparks, Reservaten. Es braucht Brandreden und Protestaktionen, das Kyoto-Protokoll, Kampagnen und Goodwill-Maßnahmen wie den symbolischen Regenwaldkauf, urkundlich bestätigt. Es gibt die Verantwortung. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

Margit Heumann: jahreszeitenmagie

abralenzabra

zitronenfalter auf schlittschuhen sausen in spiralen um die letzten eiszapfen. sonne tropft von den dachrinnen. der föhn jagt stadtansichten über den himmel. aus den landschaftsausblicken quillt frische erde. der gärtner vertikutiert das gehirn und macht den blick mehltaufrei. die oma hat neue gartenstühle gestrickt. auf der vogeltränke steht ein alter schlager kopf. socken und sandalen übernehmen das kommando, die strumpfhose geht ins exil. zwei liegen paaren sich auf der terrasse, wohl wissend, dass der vorhanghinter der gardine spechtet. mitten hinein in diese idylle schneien yetis und derwinter feiert fröhliche urständ. ohne ansehen der person frieren die eismänner sämtliche lenzattribute in handliche blöcke, zitronenfalter und gartenstühle, omas und gärtner, schlager und socken, sandalen und sich paarende liegen. die kalte sophie macht auf erlöser und ertränkt alles mit whiskey on the rocks bis zum bitteren ende aller eiswürfel im sommerloch.

sesamsonnwendich

die letzte wolke stürzt über den weltenrand, im sonnenwagen jagt phaethon über den himmel, zikaden zirpen griechische nächte an den nördlichen wendekreis, wind verkommt zum gluthauch und hausmauern speichern backofenhitze, nur wer von winter und arktis träumt, findet ruhe in orpheus armen. schwüle lässt alle hüllen fallen, bikini und fkk haben hochkonjunktur, im wahn verschlingen einander sonnenanbeter, klimaanlagen surren sich ohne kühlungseffekt zu tode, die arbeitende bevölkerung schwitzt oder transpiriert, je nach etage, schnappt nach sauerstoff wie fische an land, kreisläufe kollabieren, ärztlich verordnet werden wasserhähne, mineralwasserflaschen leergesaugt. Zwischen vertrockneten saaten bricht die erde auf, zur unzeit öffnet der himmel seine schleusen, mit blitz und donner und sturm und fluten bestätigt die ausnahme die regel, während, wehe, die polkappen unter dem ozonloch schmelzen.

simsaladember

reifezeit ist. der urlaub lang vorbei. der himmel sattelt sich türkis, und auf den fluren lässt rainer maria die winde von der kette und auf baumkronen los. die frucht ihrer leiber hängt in stachelmontur im geäst, fallen die hüllen, nehmen sie kullernd reißaus, enden in kinderfäusten oder herbstgestecken oder eines gewaltsamen todes auf asphalt. ein paar stiefel rascheln durchs laub, wo gras seine sommerfrische längst eingebüßt hat. windhosen bitten blätterseelen zum tanz. vogelgezwitscher verwelkt über leeren bänken. niemands blick ruht auf dem tümpel, ungehindert entsteigen ihm trübsinn und modergeruch. wind riffelt das trugbild der uferbäume. ein blatt fällt darauf, zeitigt nicht die leiseste spur, kein wasserfilm reißt und keine ringe laufen auseinander, so bar jeden nachtritts möchte man gegangen sein, wenn der hufschlag des schnitters verklingt. durch dünne jacken beißt der wind eine ahnung von winter.

hokusjulpokus

schneehimmel verspricht das blaue vom firmament, wolken entleiben sich, ihre seelen rieseln in flocken und eisigen nadeln. schneekristalle bitten zum mummenschanztanz und kahle erde erlebt ihr weißes wunderland unter.
stahlblauer wintertag, blendgranaten im auge zündend, stellt sonne in den schatten. am schneesaum weißbärtige gestalten in schwerem hermelin habenfichtenseelen, unter ächzen und stöhnen bewegen sie ihre flügel, filigrane kristalle stieben regenbogenschillernd. Es irrlichtert die kompassnadel über die rose und findet kein norden, oben und unten kommen dem weltenlenker abhanden, wellen ohne wasser, dünen ohne sand, nordwärts transzendierte sahara, huf um huf steppt das kamel eine naht in die jungfräulichkeit. fata morgana.
schneebälle schlachten sich, türmen sich zu männern, drehen dir eine lange karottennase und kehren dich von der bildfläche. lifte schleppen die erodiertenhänge zu tode und skifahrer gipfelwärts, der olymp wartet auf mit kachelofen und jagertee, es lagern matratzen dicht an dicht, anonymes knie im rücken, unbekannte füße in jeweils fremdem revier, einer atmet den geruch des anderen, schneewehen tauen wie nichts, gletscherspalten sind nie gewesen, alle miteinander vertraut und schlafen, jeder topf findet seinen deckel, neun monate später erntet der herbst die früchte, entzaubert.
natur sorgt auf vielerlei weise für den fortbestand der art.