Lea Schlenker: Tagesschau bleibt statisch

Zwei blaue Augen  
klar wie Gletscherwasser 
ich habe schon Messerstiche gefühlt  
während ich auf deinen Ruf wartete 
Die Sonne ist kostenlos 
Die daraus resultierenden Geschehnisse  
eher kostspielig  

Ich möchte nachts draussen sein  
Treffe dort alle Barkeeper und Dealer und Geschöpfe der Nacht 
Und höre dein Rufen nicht mehr  
Wenn ich dich nicht vergessen möchte 
und das werde ich  
eher früher als später 
dann kratze ich jeden Morgen alle Erinnerungen an dich zusammen 
was ich trug was ich sagte was du wolltest was ich nicht habe 
und dass ich nie wieder die Bücher lese die du mir empfohlen hast 
während ich Koffein auf schlechtem Magen trinke 

ich sehe mich selber 
den ganzen Tag im Pyjama und ohne Schokolade zuhause 
schreibe in mein Motivationsschreiben 
dass mich die Menschenrechtssituation in China ankotzt 
Heute soll angeblich der heisseste Tag des Sommers sein 
Ich mache die Augen zu und wenn ich wieder wach werde 
Dann ist der Sommer verschwunden 
Frank Zappa macht niemandem mehr Angst 
Ich schreibe ein Gedicht 
während im Hintergrund der Fernseher läuft  

Ich wurde zwar einmal von einem Auto angefahren 
aber was ich so aus den Nachrichten mitbekomme 
ist schlimmer als alles was ich jemals erleben werde

Lea Schlenker: Astronomische Denkweise

77 Gedichte
gelangweilt aneinandergereiht

sie gleichen sich wie falsche Freunde
und leiten eine Katastrophe ein
ein Autounfall auf einer Seitenstrasse im Verzascatal
77 Deutschschweizer Touristen
sterben dumm beim Einparken

Ich habe gemischte Gefühle
wenn es um meine Familie geht

sehe meine Grossmutter unter Rosen
schön aber auch giftig
sehe meine Mutter in meinem Spiegelbild
schön aber auch gefährlich

77 Gedichte
lieblos in die Tastatur gehauen
ich kann nicht mehr einschlafen
ohne sie und dich und dem Wissen
dass ein Sextape von mir im Umlauf ist

Ich schaue es mir an
Ich vermisse dich

Ich weiss nicht
Ob Gedichte wirklich helfen
Ich weiss nicht
Wo mein Kopf aufhört und mein Herz beginnt

Ich weiss nicht
ob das Aufschreiben nicht alles nur noch schlimmer macht
ich habe schon sehr viele Freunde an die Wörter verloren

ausserdem
spüre ich die Laken nicht mehr unter mir
oder auf mir
viele Decken mit denen du dich bettest
sind fettig und alt und dunkelrot

Jupiter Mars Saturn
auf dem Badezimmerteppich
ausgelegt wie auf dem Bügelbrett
wie meine 77 Gedichte
bevor ich sie 
aneinanderreihte

ich hole mal
das Telefon

Lea Schlenker: Der Kaiman

Ich habe die Nachricht aus der Zeitung erfahren. Sie hat es zwar nicht auf die Titelseite geschafft, allerdings war sie auch für Personen, die den Lokalteil lediglich überfliegen, leicht mitzubekommen. Fett gedruckt und neben einem anschaulichen Bild aus der Mediendatenbank las ich folgende Schlagzeile:  

Aargauer Polizei jagt in Hallwilersee Kaiman. 

Ich war gerade bei meinem morgendlichen Tee, einer herrlichen Mischung aus Alpenkräutern und frischer Kamille. Um diese Nachricht aufnehmen zu können, musste ich allerdings sicherheitshalber meine Tasse absetzen. Zum einen war das eine eher ungewöhnliche Nachricht. Ich lebe nur wenige Dörfer weit von diesem See und während meiner gesamten Kindheit schwamm ich jeden Sommer in diesen Gewässern. Der Gedanke also, gemeinsam mit einem kleinen Krokodil gebadet zu haben, wäre sicherlich für viele Leserinnen und Leser eher erschreckend. Zum anderen aber war dieses Thema für mich noch auf eine ganz andere, auf eine persönliche Art und Weise ungewöhnlich.  

Mir ist nämlich vor ungefähr zwei Tagen aufgefallen, dass mein eigener Kaiman spurlos verschwunden ist. Zuerst dachte ich, er hätte lediglich frische Luft schnappen wollen, weil ihm vielleicht die Decke auf den Kopf gefallen ist. Als dann aber Stunde um Stunde verstrich und von ihm nicht die geringste Spur zu sehen war, wurde ich misstrauisch. Etwas war passiert. Ich wusste zwar nicht wirklich genau, wie er hätte verschwinden können – habe ich ihm doch nie das Türe öffnen beibringen können. Auch von den Fenstern hielt er sich in der Regel eher fern. Nun hatte ich jedoch die Gewissheit, dass er abgehauen ist.  

Die Situation war etwas ungünstig, da der Besitz dieses Kaimans in einer rechtlichen Grauzone lag. Mir gefällt der Ausdruck illegaler Handel nicht besonders, aber es war mir leider nicht möglich, das Tier auf rechtmässige Art in meinen Besitz zu bringen. Ich habe viele Freunde verschiedenster Art. Manchen bin ich bis heute noch ein oder zwei Gefallen schuldig.  

Aber darum geht es nicht. Mein Haustier ist verschwunden, und ich möchte es wiederhaben. Nachdem ich alle möglichen Optionen abgewogen hatte, rief ich meinen Bruder an. Er war Journalist bei einer 

renommierten Wirtschaftszeitung, hatte also mit dieser Lokalsensation kaum was am Hut. Ich fragte ihn, ob er am Nachmittag Lust hätte, mit mir an den See zu fahren. Mit dem miefigen Brummen in den Hörer hatte ich in etwa gerechnet. Er mochte die Sonne nicht, auch das Baden lag ihm fern. Seine Definition von einem Traumurlaub bestand darin, jedes Jahr an denselben Ort in dasselbe Haus zu fahren, jenes dann nur zum Lebensmittel einkaufen zu verlassen und dann den ganzen Tag fern zu sehen. Wenn es dazu noch zwei Wochen lang regnete, umso besser. 

Ab und zu konnte ich ihn dann doch überreden, etwas zu unternehmen. Die Hitze machte ihm mehr zu schaffen als jedem anderen, den ich kenne. Vermutlich sah er ein, dass ein Sprung ins kalte Nass die einzige Möglichkeit war, um sich abzukühlen. 

Wir fuhren kurz nach drei Uhr nachmittags los. Im Auto war es heiss, trotz Klimaanlage. Wir fuhren zum Parkplatz vor dem Strandbad. Die anderen Autos glitzerten in der Sonne wie feurige Metallsärge. Hoffentlich hat auch wirklich niemand seinen Hund im Auto vergessen. Manchmal liest man zu dieser Zeit auch etwas von Kleinkindern, die in der Hitze auf dem Rücksitz explodieren. 

Nachdem wir den anscheinend letzten Parkplatz gefunden haben, stiegen wir aus und marschierten Richtung Parkuhr. Ich sah ein Mädchen, deren Erdbeereis so schnell südlich tropfte wie die Gletscher im 21. Jahrhundert. Zurück blieb bloss eine zuckergetränkte Waffel. 

Ich sah Lukas an. Er hatte noch nichts gesagt, seitdem wir losgefahren sind. Er verzog das Gesicht, vielleicht weil er seine Sonnenbrille vergessen hatte. Er warf Münzen in die Parkuhr und wischte sich dazwischen immer wieder den Schweiss von der Stirn. Ich lächelte ihn an, er kniff aber bloss die Augen zusammen und machte eine Handbewegung Richtung Strandbad. Wir trotteten träge in das Freibad, beim Eintritt wollte man noch einmal fünf Franken von uns haben. Die Kassiererin sah müde und abgekämpft aus. Ich war froh, wenn kein aufmerksames Personal herumschwirrte, wenn ich nach meinem Liebling sah. Wobei ich zugeben musste, dass ich mich noch nicht auf einen definitiven Plan festgelegt hatte. Wenn ich ihn sehen und nur kurz fünf Minuten mit ihm allein sein konnte, könnte ich ihn davon überzeugen, zurückzukommen. Aber Lukas sollte nichts davon erfahren. Der Kaiman mochte es ohnehin nicht so gern, wenn ich mit Begleitung kam. Ich habe sowieso bisher nur meiner Mutter von ihm erzählt, und sie toleriert die ganze Sache mehr oder weniger, weil ich ihr versprochen habe, dass sie ihn ab und zu mal ausleihen darf, um die Tauben auf ihrem Balkon zu jagen.  

Wir suchten uns ein halbschattiges Plätzchen irgendwo hinter den Bäumen aus. Lukas legte sich auf das ausgebreitete Badetuch und schloss die Augen. Ich griff in die Tasche, kramte nach Sonnencreme und verteilte einen Klecks nach dem anderen auf meiner Haut. Danach machte ich das gleiche bei ihm, wobei er weder zustimmte noch protestierte. Ich war ungeduldig und konnte nicht mehr warten. Hinter dem Vorwand, eine Abkühlung nehmen zu wollen, spazierte ich von den Sonnenanbetenden weg ins Ungewisse.  

Ich lief vom Strandbad fort, dem Wasser und dem Ufer entlang. Meine Befürchtung war, dass er sich im Schilf versteckte, damit ihn niemand finden konnte.  

Ich hörte Vögel kreischen und Kinder laut schreien. Ab und zu rief ich leise nach ihm, entschuldigte mich, falls ich ihm in irgendeiner Art und Weise Unrecht getan habe, und wartete dann wieder. Ich setzte mich auf einen Steg und wartete, bis die Sonne unterging. Mir war klar, dass ich ihn hinterher nicht mehr finden würde, wenn es erst einmal dunkel war. Daher liess ich den See keine einzige Sekunde lang aus den Augen. Weder Hunger noch Durst noch Langeweile überkam mich. Alles was ich tat war der Sonne beim Wandern zusehen und dabei nach dem Kaiman Ausschau zu halten. Meinen Berechnungen zufolge sollte mir noch ungefähr eine Stunde Sonnenschein bleiben, als der Kaiman dann tatsächlich aus dem Wasser auftauchte. Ich blieb erstarrt sitzen. Er schwamm auf mich zu und hielt am Seeufer an. 

Kaimi, wieso bist du abgehauen?  

Das war eine unglaubliche Sache, meinte er verwirrt, du wirst mir diese Geschichte niemals glauben. 

In einer ruhigen, mütterlichen Stimme hielt ich ihn dazu an, mir doch zu erzählen, was genau passiert war. 

Du hast die Tür nicht abgeschlossen, und als deine Mutter geklingelt hat und niemand geöffnet hat, ist sie schnurstracks rein und zu mir ins Bad. Sie bat mich, mit zu ihr zu kommen, da die Tauben auf ihrem Balkon ausser Kontrolle waren und der Plastikrabe, den sie aufgestellt hatte um die Tauben zu verscheuchen, bloss weitere Raben angelockt hatte, die nun bei ihr lebten und ihre Walnüsse stahlen. Ich dachte, ich will nicht unfreundlich erscheinen, und begleitete sie daher zu ihr nach Hause. Allerdings hat sie nicht übertrieben – so viele Tauben wie auf ihrem Balkon habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Ich konnte nicht einmal erkennen, was noch Balkon war und wo die Tauben anfingen. Dementsprechend war ich völlig machtlos. Als ich sie anschrie, sie sollen verschwinden, lachten sie bloss und schissen mir auf meine Augen. Nun war ich auch noch blind, und das einzige, das ich noch mitbekam, war wie sie mich mit ihren Dinosaurierfüssen packten und über Himmel und Lüfte hinwegtrugen, bis ich mich losreissen konnte und hier im See landete. Allerdings kenne ich den Heimweg nicht mehr. Als ich ein paar Angler fragte, machten die bloss Fotos und rannten weg. 

Ich versuchte ihn zu trösten und erklärte, dass ich ihm helfen wolle, aber er tauchte bereits wieder runter und verschwand in der Tiefe.  

Bevor ich nach ihm rufen konnte, tauchte aber schon wieder Lukas hinter mir auf. Sein Gesicht war rot und verschwitzt. Er trug sein graues T-Shirt und hatte orange klebrige Flecken auf der Brust. 

„Ich will jetzt nachhause gehen.“

Ich hob bloss meine Schultern, ohne etwas zu sagen. Wenn er sich normalerweise dazu entschieden hat zu gehen, dann nutzte es in der Regel nichts, mit ihm zu diskutieren. Ich stand auf und zog das Kleid über, das er für mich mitgenommen hat. Nachdem ich es glattgestrichen habe, räusperte ich mich und wollte mich auf dem Weg zum Auto machen. Es war das Kleid, das ich schon lange entsorgen wollte, es war puderrosa und ich sah wie ein Schwein aus darin. Wenn mich mein Kaiman noch sehen könnte, würde er vermutlich denken, ich wäre sein Abendessen und mich fressen.  

Einige Tage später lief ich an einer Zoohandlung vorbei. Im Schaufenster stand, man solle sich ein Reptil zutun, das seien Freunde für die Ewigkeit. Darunter ein Foto einer Eidechse, die im Wasser plantschte. Ich war erstaunt über dieses Zusammenspiel von Zufällen und trat ein. Hinten im Laden konnte ich einen Verkäufer erspähen. Vor ihm hinter der Glasvitrine tummelten sich Eidechsen, Schildkröten, Bartagame und Geckos. Ich marschierte auf ihn zu und erklärte meinen Wunsch. Er kratzte sich am Kopf, sagte ein paar Mal verstehe und griff dann nach einem Katalog. Er zeigte auf ein Bild. Ein so genannter Dornschwanzagame war zu sehen, der allerdings nicht einmal einen Meter gross werden würde. Ich schüttelte den Kopf. Der Haustierfachmann blätterte etwas im Buch und zeigte dann auf ein anderes Tier. Ich seufzte und runzelte die Stirn. 

„Tut mir leid, das ist leider das Einzige, das wir in diese Richtung haben. Wenn Sie möchten, kann ich noch meinen Kollegen rufen, der kennt sich besser aus mit der Haltung von grösseren Reptilien.“  

„Ist schon in Ordnung. Trotzdem danke.“  

Die Bartagame hinter der Vitrine starrten mich mit ihren ausdruckslosen Knopfaugen an. Ich fragte mich, ob sie wohl auch lieber ein kleines Krokodil wären. Oder zumindest frei. 

Lea Schlenker: Das Liebesgedicht einer Frau, die zu Weihnachten keine Geschenke macht

Die Autowaschanlage ist heute geschlossen 
Ich sehe nur von weitem aus Möwen  
die sich auf dem Parkplatz versammelt haben 
Wir sind nicht mehr in Bern 
Hier kennt uns überhaupt niemand mehr 
Alle unsere Freunde die morgen wieder arbeiten 
In einem Kaufhaus oder in einer Kanzlei oder in einem Radiostudio
Die werden nächste Woche alle tot sein 

Mein Dichter, mein Hochstapler,  
Lieber bin ich dumm als brillant wie du 
lieber bin ich glücklich als weinend wie du 
mein dilettantischer Schwerenöter 
Du sitzt auf deinem Stuhl als verhandelst du mit Kleinkriminellen
verteilst Küsse als würdest du auf Holzkohlen gehen.  

Wenn du mich dann hochhebst und ich versuche zu fliegen  
den Mond holen will und die Sterne stehlen  
und auf dem intergalaktischen Schwarzmarkt verkaufe 
siehst du aus wie ein Kind, und ich wie eine Erwachsene.  

Die Autowaschanlage ist heute geschlossen 
Ich sehe nur von weitem aus Möwen  
die sich auf dem Parkplatz versammelt haben 
Wir können uns in einem leeren Kino verstecken 
Mit meinem Schwager der durch den Saal ruft 
Wenn das Popcorn etwas mehr Salz dran hätte würde ich vielleicht wiederkommen 

Gelächter von der Frau an der Kasse von La vie claire 
Mit dem hellblauen Haarband und dem silbernen Nasenring  
Gelächter von dem Pizzabäcker 
Der seit Jahrzehnten Pizza mit Emmentaler Käse für Touristen bäckt
Gelächter von dem grauen Ehepaar 
Das auf dem Weg zum Aussichtspunkt vom Weg abkommt und verhungert
Das könnten wir zwei sein 
Wenn wir nur einmal so mutig wären

Lea Schlenker: «Und Kakao»

Liebling liebling liebling liebling 
gib mir meine Zigaretten zurück 
gib mir meine Tasse Kakao zurück denn 
irgendwo muss die Asche ja rein 

Dank meiner Wut  
entstehen die besten Launen und Ausreisser  
und zuckersüsse Gedankenexperimente  
verschütte heissen Kaffee in deinem Gesicht und beobachte mit Staunen die Blasen 

Ich nehme ein Bad in Wut und Zucker 
befreie meine Fusssohlen in einem sanften Peeling 
von Dreck und Bitterkeit 
Rosen Mandeln und Oliven 
Ich mache dir einen Tee aus verschiedenen Giftstoffen 

Lecke mir die Lügen aus den wütenden Gebieten 
die Liebe meines Lebens  
Ich gebe dir eine Tour durch meine imaginäre Süssigkeitenfabrik und tausche Glut und Asche gegen Lakritze und zerdrücktes Karamel stecke himmlische Biscuits 
in dein bestes Flanel 
mute mir einen süsseren Lebensabend zu  
als allen meinen Geschwistern 
dank Diabetes 
ist das nicht profan 

Honig  
und Kakao 
und wütend 
wütend 
wütend

Lea Schlenker: Mandelmilchmädchen, Teil 1

Meine Katze springt auf dem Bett herum und kratzt gewissenlos am Bettlaken. Sie wird nicht aufhören, ehe sie bleibende Spuren hinterlassen hat. Ich ignoriere sie trotzdem, ich streite nicht mehr mit Katzen. Dafür bin ich zu abergläubisch. Nach den Ereignissen des heutigen Tages werde ich vermutlich noch mehr als einfach nur abergläubisch sein – dazu jedoch später. Die Katze habe ich, seit ich mich scheiden haben lasse und nun alleine in dem Haus lebe. Versteht mich nicht falsch, ich mag die Einsamkeit. Ich führe ein gutes Leben. Aber manchmal wird es doch ein wenig, wie soll ich sagen, langweilig.
Aber heute konnte selbst die Katze keine Ablenkung bieten. Die Langweile liegt heute träge und dick in der Luft, die Zeit schreit geradezu danach, dass man sie leerlaufen lässt und keinerlei Inhalt in den Tag füllt. Ich spielte schon fast mit dem Gedanken, das Haus zu verlassen, obwohl laut Wettervorhersage noch Gewitter drohten. Nicht gerade ansprechend ohne Regenschirm. Ich wohne in einem pinken Haus am Ende der Strasse, gleich am Hügel neben der Autobahn nach Bellinzona. Niemand von den anderen Hausbesitzern im Quartier kennt mich, und ich kenne sie auch nicht. Ich bin auch nicht sicher, welche Häuser bewohnt sind und welche nicht. So etwas wie Quartierfeste und Nachbarschaftstreffen gibt es hier nicht. Wenn es sie gäbe, würde ich von hier wegziehen.

Unruhig suchte ich nach meinem Telefon, um etwas in die Finger zu kriegen, nebst den gesalzenen Caramelbonbons, die ich heute unaufhörlich verschlinge. Nebenbei giesse ich zum zweiten Mal heute die Blumen und Pflanzen, die ich auf dem Balkon habe. Natterkopf, Ochsenauge, Basilikum, Glockenblumen, Wiesensalbei und der Zitronenbaum. Ich hoffe, das Wasser tut ihnen gut. Am Horizont lassen sich schon finstere Gewitterwolken blicken und eine tonnenschwere Hitze macht sich draussen breit.

Ich versuche meine Mutter zu erreichen. Wie es scheint ist sie momentan nicht zuhause. Derzeit arbeitet sie als Putzkraft an der Universität von Lugano, vielleicht hat sie heute auch Dienst. Sie ist immer schwer beeindruckt vom imposanten Gebäude der Hochschule. Ich hätte gerne eine richtige Ausbildung gemacht, am liebsten sogar studiert. Es gibt viele Themengebiete, die mich spontan ansprechen würden, bei denen ich gerne mal in einer Vorlesung gesessen und einfach mal zugehört hätte. Aber in meiner Familie wäre das nicht gegangen. Deshalb habe ich mich für eine Berufsausbildung entschieden, aber nicht einmal die bekam ich auf die Reihe. Aber das spielte keine Rolle.
Ich bin eine Macherin, und ich bin mutig. Ich habe bei Miss Schweiz mitgemacht, wurde drittplatzierte und arbeite seitdem als Unternehmensberaterin. Mir war nie wieder langweilig, bis zu dem heutigen Tag. Diese Langeweile. Ich wusste nicht, in welches Gefäss ich sie füllen konnte, oder ob sie einfach aus mir auslaufen würde wie Batteriesäure. In der Küche wurde es zunehmend dunkler, vermutlich vom Gewittereinbruch. Ich möchte das Licht anmachen und werfe einen Blick auf den Balkon. Da wurde mir klar, dass die Dunkelheit nicht vom bedeckten Himmel herkommt.

Mein Balkon ist zwar klein, mir aber heilig. Wenn ich nicht in den Garten runtermöchte, sitze ich hier und trinke ein Glas Wasser mit Melonenstücken, Orangenscheiben und Minze drin. Ich habe zwei Stühle und einen kleinen runden Tisch, der mir schon seit Jahren dient. Und natürlich die Pflanzen, die den Balkon etwas bunter gestalten, mittlerweile mir aber die Sicht und das Sonnenlicht versperren. Bei Pflanzen ist es generell ja so ein Ding – man merkt nicht wirklich wie sie wachsen, bis dann plötzlich mal die Blüten zum Vorschein kommen. Ich kann aber ohne Zweifel sagen, dass diese Pflanzen seit dem letzten Wassergiessen vor ungefähr zehn Minuten beträchtlich in die Höhe geschossen sind. Die Stiele wirren wie wild bis zur Balkonabdeckung, manche der Töpfe haben Risse bekommen, weil die bereits blühenden Knospen sich nach allen Windrichtungen ausdehnen. Zweimal Wasser pro Tag ist offenbar fataler als man annehmen könnte. Von hier sehen sie aber trocken aus, beinahe ausgedörrt. Die Blüten beginnen abzublättern und fallen mir ins Gesicht. Aber all das ist noch nichts zum Vergleich, was mit dem Zitronenbaum passiert. Wo neben dem Zitronenbaum eine Wand war, ist bloss noch eine verwachsene grüne Fläche, worauf der Zitronenbaum seine duftenden Blüten und Knospen spriessen lässt. Wenn ich mich nicht täusche, sehe ich bereits kleine Früchte zum Vorschein kommen. Früchte, die ich dabei beobachten konnte, wie sie von grün zu gelb werden. Ich sehe nur noch durch die Wucherungen heraus ins Freie, aber eigentlich könnte ich jetzt überall sein. Ich weiss nicht mal mehr, ob ich das Meer oder die Autobahn rauschen höre.

Ich renne wieder in die Wohnung. Im Badezimmer spritze ich mir kaltes Wasser ins Gesicht und höre mein Herz pochen. Ich glaube nicht an Übernatürliches. Vermutlich hatte ich einen Autounfall, liege im Koma und träume einfach wie wild. Aber auch wenn das bloss ein Traum ist, muss ich trotzdem dafür sorgen, das Unkraut auf dem Balkon loszuwerden.
Ich gehe wieder nach draussen. Auf dem Balkon ist kaum mehr Sonnenlicht zu sehen, dafür eine unheimliche Vielzahl an Pflanzen. Ich fühle mich in eine prähistorische Zeit versetzt. Die Zitronen hängen gelb und prall von meiner Wand herunter. Dabei sind es aber keine normalen Zitronen. Ihre Schalen sind von Wucherungen bedeckt, von kleinen scharfen Zähnen, die nebeneinander wie ein Gebiss aneinandergereiht sind. Dort, wo bei einem Menschen Augen sind, sind kleine Vertiefungen, die mit einer Flüssigkeit gefüllt sind. Verflucht, wenn das jetzt mein Augenarzt sehen würde! Na ja, vermutlich wäre er bereits schon umgekippt. Ich bilde mir ein, dass die Zitronen alle aus ihren nassen Augenwinkeln zu mir rüber starren. Wobei ich den Ausdruck einbilden schnell wieder zurücknehmen muss.

Die Zitronen drehen sich nach mir, wachsen in Rekordschnelle zu mir rüber, bis sie nur wenige Zentimeter auf Augenhöhe mit ihrem messerscharfen Haigebissen bei mir sind.

Ich möchte mich rühren, habe aber wohl vergessen, wie das geht.
Das passiert manchmal so auf dieser Welt.