Katrin Rauch: Bodenstudien und Bier

oder: Meine Wege führen nicht nach Rom und auch sonst nirgends hin. Sie führen zu Boden.

  • Boden gewinnen
    • Herzlichen Glückwunsch, du hast Boden gewonnen.
    • Zwei Quadratmeter sakrale Erde, zwanzigtausend Quadratzentimeter, zwei Millionen Quadratmillimeter.
    • Das sind scheiß viele Quadratmillimeter, die hast du dir redlich verdient.
    • Du hast Boden gewonnen, das große Los gezogen, den Jackpot geknackt, a maasn host ghobt, Fortuna war auf deiner Seite.
    • Oder hast du geschuftet dafür? Hast du dir für diese große Menge an Quadratmillimetern Boden den Hax’n ausgerissen?
    • Weißt du was? Wahrscheinlich beides.
    • Es ist immer beides.
    • Es ist immer ein bisschen Glück dabei.
    • Es ist immer eine ganze Menge Arbeit dabei.
    • Den Boden muss man sich auch immer ein bisschen verdienen.

  • den Boden unter den Füßen verlieren
    • Der Boden verliert meine Füße.
    • Ich verliere meine Füße, der Boden bleibt da.
    • Nicht der Boden unter mir, meine Füße gehen verloren.
    • Die Füße verlieren, den Boden verlieren, heißt den Keller verlieren, heißt das kompensatorische Fundament, das fundamentale Kompensatorium verloren gehen sehen, heißt nicht mehr liegen können, überhaupt gar nicht mehr liegen können, weder falsch noch im Bett und allerhöchstens im falschen Bett, heißt die Fötusstellung an den Nagel hängen, endlich erwachsen werden, endlich un-lustig werden, heißt das Gesicht wahren, heißt nicht mal mehr sich selbst eingestehen, wie dringend der Boden doch gebraucht wird, wie dringend die Fötusstellung gebraucht wird.
    • Den Boden verlieren heißt scheitern.

  • am Boden zerstört sein
    • Den Boden zerstören. Obviously.
    • Mit der Zerstörung am Boden sein.
    • Das Sein am Boden zerstören oder Es davor zerstören und am Boden wieder zusammensetzen, flicken.
    • Die Reihenfolge ist hierbei von besonderem Belang. Die Rolle des Bodens ist hierbei von besonderem Belang.
    • Den Keller zerstören, der Boden bleibt aber, der Boden bleibt.
    • Hoffentlich.
    • Der Boden schwebt ohne Keller. Der Boden schwebt.
    • Der Boden schwankt ohne Keller, der Boden schwankt.
    • Na toll. Jetzt hast du tatsächlich den Boden zerstört. Was tust du nun, wenn du am Boden zerstört bist? Jetzt hast du den Salat. Obviously.
    • One does not simply … zerstör‘ den Boden!

  • auf den Boden der Wirklichkeit zurückkommen
    • Wirklich? Auf den Boden zurückkommen?
    • Ja, wirklich.
    • Ja, im Ernst.
    • Immer, auf den Boden zurückkommen.
    • Immer.
    • Zum zur Wirklichkeit zurückkommen, zum Tatsachen sammeln, zum Tatsachen zusammenkratzen, zum Wirklichkeiten vermengen.
    • Auf die Wirklichkeit des Bodens zurückkommen, um auf die Tatsachen zurückzukommen.
    • Um auf den eigentlichen Boden der Tatsachen zurückzukommen:
      • Du hast dir den Boden verdient.
      • Du hast den Boden verloren.
      • Du hast den Boden zerstört.
    • Das sind die Fakten. Das ist die Wirklichkeit. Was willst du aus ihr machen?

  • am Boden bleiben
    • Bleiben für den Boden.
    • Das Bleibende am Boden
    • ist zu dauerhaft, um weiterzuziehen.
    • Bleiben, nur wegen des Bodens.
    • Alles, nur nicht abheben.
    • Alles, nur nicht den Kopf verlieren, wenn schon der Boden fast verloren gegangen wäre.
    • Alles, nur nicht den Boden unter den Füßen verlieren.
    • Alles, nur nicht auf Anfang.
    • Alles, nur nicht die Flügel ausbreiten und abheben.
    • Alles, nur nicht abheben und in die Luft gehen.
    • Alles, nur nicht auf unfesten Boden.
    • Aber den festen Boden, den muss man sich halt auch immer ein bisschen verdienen.

  • etwas an den Boden hängen
    • Es am Boden aufhängen. Senkrecht.
    • Den Nagel an den Boden hängen. Waagerecht.
    • Den Senkel an die Waage hängen.
    • Den Senkel in die Waagschale legen.
    • Den Boden in die Waagschale legen.
    • Den Boden abwägen.
    • Den Boden messen.
    • Den Boden ermessen.
    • Den Boden vermessen.
    • Den Boden an den Nagel hängen.
    • Wirklich? Den Boden an den Nagel hängen?
    • Nein, nicht wirklich.
    • Einfach hängen… bleiben. Am Boden hängen bleiben.
    • Immer einfach am Boden hängen bleiben.

  • Was will der Boden uns nun wohl damit sagen?
    • Was will uns der Boden überhaupt sagen?
    • Was hat uns der Boden denn überhaupt noch zu sagen?
    • Will er uns für sich gewinnen?
    • Will er uns verlieren?
    • Will er uns zerstören?
    • Will er auf uns zurückkommen?
    • Will er bleiben?
    • Will er uns an den Nagel hängen?
    • Was kann der Boden überhaupt wollen?
    • Was können wir überhaupt vom Boden wollen?
    • Was können wir überhaupt vom Boden wollen können?
    • Was können wir uns überhaupt vom Boden erwarten?
    • Was erwartet der Boden von uns?

Katrin Rauch: Wir sterben alle irgendwann, die meisten von uns in Moskau.

Am 28. April 1993 stirbt die sowjetische Fliegerin und Offizierin Valentina Stepanovna Grizodubova in Moskau. Etwa zur selben Zeit hatten meine Eltern ungeschützt Sex. Wenn man einen Zeitraum von etwa zwei Wochen annimmt, in dem ich höchstwahrscheinlich gezeugt wurde, könnte ich alternativ zu Frau Grizodubova auch die Reinkarnation von Lucette Descaves sein – einer französischen Pianistin. Sie spielte 1932 unter Anleitung desselben das Dritte Klavierkonzert von Sergej Sergejevič Prokofjev, der auch in Moskau verstarb, aber fast genau 40 Jahre vor Grizodubova. Ob Grizodubova Descaves oder Prokofjev oder zumindest dessen Stück Peter und der Wolf ein Begriff war, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, zumindest nicht mithilfe von Wikipedia als einziger Quelle. Es ist aber wahrscheinlich, denn Grizodubova absolvierte erst ein Klavierstudium ehe sie zu einer von drei Frauen wurde, denen als allererste in der sowjetischen Geschichte der Titel „Held [sic!] der Sowjetunion“ verliehen wurde. Wessen Reinkarnation ich noch sein könnte, ist Johannes Schäfers, wie Grizodubova auch am 28. April 1993 verstorben. Ich als Schäfers Reinkarnation wäre jedoch höchst unwahrscheinlich, bedenkt man, dass sein Karmapunktekonto viel zu weit ins Minus geraten sein muss, um als privilegierter, weißer, mitteleuropäischer Nerd wiedergeboren zu werden. Aber – und jetzt wird es besonders interessant – auch Kim Jong-in, alias Kai, ein südkoreanischer Tänzer, Sänger und Schauspieler, könnte ebenfalls die Reinkarnation Grizodubovas, Descaves‘ oder Schäfers sein. Man wird es nicht erfahren.

Fest steht nur, dass die Dinge vielleicht oft gar nicht so eng miteinander verwoben sind, wie man sich das vielleicht vormachen wollen würde. Und fest steht auch, dass ich seit drei Tagen kaum geschlafen habe. Woher das kommt, ist so unbekannt wie der Werdegang meiner Seele, oder wie auch immer man das nennt, was da ständig reinkarnieren muss, ehe es irgendwann ins Nirvana gelangt. Fest steht auch, dass Nirvana um meine Reinkarnation, aka Geburt, herum ihre letzten Konzerte gaben und Kurt Cobain Anfang April tot aufgefunden wurde. Ein Jahr zu spät, um seine Reinkarnation zu sein. So ein Pech aber auch. Oder sollte ich mich doch eher glücklich schätzen? Erstmal recherchieren, wie das jetzt noch schnell war. Überdosis und Selbstmord? Mord? Totschlag? Unfall? Das will man als Reinkarnation vielleicht doch nicht übernehmen. Erstmal Kaffee. Erstmal recherchieren. Erstmal Packerlsuppe, erstmal Bier, erstmal Aspirin, erstmal in die Horizontale. Von Schlaf kann wieder keine Rede sein. Erstmal offenen Auges Nachtträumen. Erstmal offenen Auges dahin vegetieren. Morgen wieder Packerlsuppe.

Vierhundert Menschen suchen via Google monatlich nach „zeugungstag berechnen“. Dieses Monat bin ich einer davon. Der wahrscheinlichste Zeugungstermin zu meinem Geburtstag ist der 22. April 1993. Möglich ist der Zeitraum zwischen 8. April und 6. Mai. Wem ich also bisher noch gar keine Beachtung geschenkt habe, sind die Anfang-Mai-Gestorbenen. Das wäre zum einen Inge Stolten, quasi ein Gegenteil von Johannes Schäfer und damit karmapunktemäßig schon wahrscheinlicher. Auch interessant: Julio Gallo, Mitgründer des weltgrößten Weingutes, oder Pierre Bérégovoy, der einen Tag vor Gallo verstarb, durch eine Kugel, die er sich allem Anschein nach selbst in den Körper gejagt hat. Am Tag nach Gallo starb außerdem Robert De Niro; Senior natürlich. Aber, dass ich erst im Mai reinkarniert sein soll, ist grundsätzlich leider unwahrscheinlich. Leider aufgrund der folgenden Persönlichkeit: Ivy Benson, britische Bandleaderin und Gründerin der reinen Frauenband Ivy Benson and her Rhythm Girls. Das war 1939, ein Anagramm meines Zeugungsjahres, wohlgemerkt, wäre also passend. 1975 wurden in Großbritannien reine Frauenbands im übrigen verboten.

Mein Magen knurrt. Erstmal Fertigpizza. Erstmal Kekse, erstmal Cola, erstmal Kaffee. Erstmal recherchieren. Da muss es doch irgendwo ein Zusammenhang geben. Da muss doch irgendwo eine Nähe bestehen. Sollen das alles wirklich einfach unzusammenhängende Zufälle sein? Wo ist die Verbindung von De Niro zu Grizodubova, was hat Schäfer mit Stolten zu tun? Welchen Schmetterlingseffekt hat Gallo ausgelöst, dass Bérégovoy zu dem Schluss kam, es sei eine gute Idee den Abzug zu ziehen? Mir will in meinem dunklen, vom Bildschirmlicht beleuchteten Kämmerchen kein Licht aufgehen. Wo hat das alles begonnen? Wer hat meine Reinkarnation zu verantworten? Bin ich etwa langsam am Durchdrehen? Bin ich überhaupt eine Reinkarnation und wenn nicht, was bin ich dann? Wann hab‘ ich eigentlich das letzte Mal länger als 3 Stunden geschlafen? Der Timer piepst, ach ja, die Pizza.

Im Wikipedia-Artikel klingt alles nach Suizid. Cobain soll sich selbst umgebracht haben. Natürlich. Abschiedsbrief, „It’s better to burn out than to fade away.“, davor schon Suizidversuch mit Beruhigungsmitteln, Heroinüberdosis, Kopfschuss aus dem eigenen Gewehr, ergibt Sinn. Interessant aber, wer seine Reinkarnation sein könnte. Die Leute sind heute 25 Jahre alt. Es sind zum größten Teil Fußballer*innen, Schauspieler*innen und Models, die mit 25 schon so viel erreicht haben, dass ihnen ein Wikipedia-Artikel zuteil wurde. Ich klappe den PC zu. Ich kann mit meinen Recherchen ja gar nicht alle potentiellen Reinkarnationen ausfindig machen. Was, wenn ich die Reinkarnation der alten Nachbarin meiner Eltern bin? Die hatte doch bestimmt keinen Wikipedia-Artikel. Ich resigniere. Das Internet, die Menschheit, sind mir eine Nummer zu groß, das mit der Reinkarnation ist mir zu überwältigend. Was, wenn Leute wie Bérégovoy und Cobain den Fluss der Dinge durcheinandergebracht haben und die Menschen gar nicht nach Plan reinkarnieren konnten. Was, wenn alle Mörder*innen, Krankheiten, Unfälle und andere unnatürliche Todesursachen den Plan durcheinanderbringen? Berechnen die Planmachenden das überhaupt mit ein, dass man nicht nur an Altersschwäche stirbt? Man wird es nicht erfahren.

Fest steht nur, dass die Dinge vielleicht oft gar nicht so eng miteinander verwoben sind, wie man sich das vielleicht vormachen würde. Und fest steht auch, dass ich womöglich seit Monaten kaum geschlafen, kaum gegessen habe. Fest steht, dass nichts fest steht.

Durch die Jalousien fallen feine Streifen Licht ins Zimmer. Ich muss wieder daran denken, dass die so heißen, weil alte, weiße Männer eifersüchtig waren, dass Blicke auf ihre Angetrauten geworfen werden konnten. Ich muss wieder daran denken, dass es draußen auch noch eine Welt geben soll, jenseits der Wikipedia-Artikel, in der auch Menschen sterben und womöglich reinkarniert werden. Ich muss wieder an Grizodubova, Descaves und Prokofjev denken. Wir sterben alle irgendwann und nimmt man diese drei Menschen als Referenzgruppe, sterben die meisten von uns in Moskau.