Jutta v. Ochsenstein: Träume bei Licht betrachtet

nahende Kälte lässt die Arme 
brüchig werden, die Last des Winters
ist schwer zu tragen, Fragen vereisen
kreisen um Feuer-

beschlüsse, sammeln Wärme
Licht bemessend für die zweifelnden 
Nächte, die Stirn aufgeschlagen
an Sätzen auf Felswänden: 

ein Zeitrauschen, uraltes Aufrücken
von Bildern geben sie Träumen 
ihre Zeitform zurück
überschreiten die kalten Schatten

Jutta v. Ochsenstein: es fließt

doch spürbar die bleibenden Flügel:
ein Dornenstich in der Brust
am Felsenufer gestrandet

auch dort wohnen Zeichen:
Samenflug, Windrosen
wir atmen mit bleiernen Flügeln

zwischen den Zeilen zittert
die Hand auf der Stirn weiß

Augenblicke springen im Spiegel
das Himmelsblau im Vorüberziehen

Jutta v. Ochsenstein: Rückkehr

Auf gewohnter Straße färben Bäume, Licht und Plakate das Gedächtnis. Hauseingänge riechen nur hier so. Mein Gang wird schneller, die Schatten dunkler. Ich höre die Fragen ihrer Gesichter. 

Auf dem Stadtplan verirre ich mich zwischen Straßennamen, taste die Stadtmauer entlang durch den grauen Graben hinauf zur Burg. Falken stechen in den glühenden Untergang der Sonne. Ich verharre vor dem Drehkreuz, versinke in die Weite des Tals bis zur Bergkette. Ich bin da.

Jutta v. Ochsenstein: und wenn sie nicht gestorben sind

wir trinken von deinem Wasser
Fisch, dich nährt das Licht
dein stilles Singen fordert zum Tanz
vielleicht ist noch Zeit

wir trinken von deinem Feuer
Vulkan, dich nährt der Stein
dein brennendes Sterben mahnt uns zur Feier
vielleicht ist noch Zeit

wir trinken von deiner Erde
Baum, dich nährt der Wind
dein schwankender Stand weckt uns
vielleicht ist noch Zeit

wir trinken von deiner Luft
Vogel, dich nährt die Weite
deine verlässliche Rückkehr löst unsere Trauer
vielleicht ist noch Zeit

Jutta v. Ochsenstein: geistvoll halb leer

durch die Straßen der Stadt ziehen wir
zwischen Schatten, Parallelen, dann
Richtungen nehmen wir Zeit aus den Rinnsalen 
lichtet sich manchmal ein Bunker 

Weite ist ein Geschenk, das jemand vergaß 

im Nachtmodus 
sprechen Mond, Sonne und Schrecken
bleiben Fragen offen, geistvoll vielleicht
das Lachen 

Jutta v. Ochsenstein: frei Räumen

der Papierstoß mit meiner Schrift
unberührbar 
Jahrzehnte lag er stoisch  
in der Truhe bis 
ich in die Zeilen einfiel 
eine Bauruine: 
Meinungen verblasst auf Plakaten
Liebe in Neonschrift 
schiefe Blickwinkel 
in den Räumen  
irrten meine Fragen 
als ob es 
eine Geschichte 
gäbe 

das Papier verbrannte  
unter freiem Himmel