Reiche Ernte: Es braucht nur ein paar Rosen, um einen ganzen Staat zu zersetzen

Napoleon Bonaparte im Spiegelgespräch

Napoleon Bonaparte, Kultmegaloman in kleiner Uniform, sitzt in einer Hollywoodschaukel auf seiner Terasse. Seit seiner Niederlage bei Waterloo hat man ihn nicht mehr so entschleunigt gesehen. Er scheint in Gedanken versunken, in seinem Gesicht zuckt kein Muskel. Nur wenn er einen Schluck aus der halben Kokusnuss mit Strohalm nimmt, die ihn sein Familienminister vor dem Gespräch bereitgestellt hat, verzieht sich seine Miene: Es scheint nicht zu schmecken. Die Stille von St.Helena, einer kleinen Insel im Pazifik, scheint Napoleon geradezu zur Ruhe zu verdammen. Doch innerlich lodert seine Flamme weiter, wie er uns im Interview verrät. Ein Gespräch über Abgeschiedenheit, Gartenarbeit, die Fragilität von Macht und über Punk.

SPIEGEL: Herr Bonaparte, dies sind schwierige Zeiten, Ich habe schon viele Interviews geführt, aber dies ist das erste, bei dem ich eineinhalb Meter abstand halten muss.

Napoleon: Ja, schwierige Zeiten in der Tat, schwierige Zeiten. (blickt verträumt auf die Vulkanspitzen)

SPIEGEL: Aber ich möchte mich trotzdem ganz herzlich bedanken, dass sie sich die Zeit für uns genommen haben.

Napoleon: (lacht scharf und ironisch auf) Ja, bitteschön. Ich habe momentan eigentlich recht viel Zeit …

SPIEGEL: Danke

Napoleon: Ja, bitte.

SPIEGEL: Dankeschön, wirklich. das ist sehr … lieb.

Napoleon: Ja, zum Henker, bitteschön!

SPIEGEL: Danke! Sie sind ja schon einige Jahre hier in der Verbannung auf St. Helena. Was können wir als freie Europäer denn von Ihnen als unfreien Ex-Europäer lernen?

Napoleon: Wenn sie mich so fragen: Nichts.

SPIEGEL: Aber sie müssten doch der absolute Grand Expert in sachen Isolation sein. Wie halten sie es aus so ganz ab vom Weltgeschehen?

Napoleon: Sie sagen das mit so einem Unterton, das gefällt mir gar nicht!

SPIEGEL: Was meinen Sie?

Napoleon: Na das mit dem Grand Expert in Sachen Isolation. Sie wissen schon, das ich immernoch der Grand Impereur bin oder?

SPIEGEL: Ach so?

Napoleon: Natürlich! Zugegeben, mein Reich hat sich etwas verkleinert. Ich herrsche hier mit allem Pipapo und sogar Hofstaat über meinen Garten.

SPIEGEL: Ihren Garten?

Napoleon. Das hat mein Arzt empfohlen: Herr Empereur, hat er gesagt, gehen sie doch mal in den Garten und schneiden sie Rosen und Hibiskusblüten ab; Das hilft gegen die Langeweile und die Gicht. Ja, und das habe ich dann gemacht. Zuerst war das auch ganz fabelhaft: Ich habe diese stacheligen Blumen ganz herrlich gezähmt und mir unterworfen. Doch dieses Drecksgestrüpp ist einfach immer nachgewachsen! Sie müssen wissen, mein Garten ist sehr groß …

SPIEGEL: Lassen Sie mich da mal kritisch einhaken: Wie groß genau?

Napoleon: So groß (Napoleon zieht seine Hand aus seiner Hose und macht eine ausladende Bewegung).

SPIEGEL: Hat es eigentlich einen Grund, dass sie die Hand nicht mehr im Revers tragen, sondern in der Hose?

Napoleon: Hä?

SPIEGEL: Fahren sie fort!

Napoleon: Also die Rosenscheiße wuchs immer wieder nach und so befahl ich meinem Koch, dass er jeden Tag genau einen Daumen dick abschneiden solle von allen Rosen.

SPIEGEL: Ein solider Plan, wie mir scheint …

Napoleon: RUHE! Damit fing der Mist ja gerade erst an! Mein Koch war den ganzen Tag am Rosenschnibbeln. Denn wie ich bereits erwähnte, ist mein garten sooo … egal. Seine eigentlichen Schnibbelpflichten, die in der Küche nämlich, vernachlässigte er also sträflich. Was natürlich unverzeihlich ist.

SPIEGEL: Ja, und dann?

Napoleon. Naja dann habe ich meinen Innenminister zum Kochen geschickt, und meinen Arzt zum Koch in den Garten zum Rosenschnibbeln. Dadurch ist aber zum einen eine Vakanz im Innenministerium entstanden die ich umgehend mit dem Minister für Digitales und Infrastruktur auffüllen musste und meinen zweiten General, eine Schnarchnase vor dem Herrn übrigens, habe ich beordert, meine täglichen Arztvisiten abzuhalten.

SPIEGEL: Interessant …

Napoleon: Ich bin noch nicht fertig! Durch diese Rochaden entstand in meinem (macht ein verächtliches Gesicht) “Parlament” ein Machtvakuum und löste eine kleine Regierungskrise aus. Und jetzt habe ich Rosen mit perfekten Blutwerten und einen 5G-Funkturm in meinem Wohnzimmer und muss mir bei jeder Arztvisite anhören, dass es das beste gegen meine Gicht wäre, wenn ich mir beide Beine amputieren ließe.

Sie sehen an diesem Beispiel, wie fragil Macht ist: Es braucht nur ein paar Rosen, um einen ganzen Staat zu zersetzen. Diese Engländer können ihnen davon ein Liedchen singen.

SPIEGEL: Es scheint mir so, als würde ihnen nicht langweilig werden, trotz der Verbannung in die absolute Abgeschiedenheit.

Napoleon: Was reden sie da? Es ist dermaßen fade. Ich möchte etwas singen!

SPIEGEL: Aber …

Napoleon: I’m so bored with St.Helen
I’m so bored with St.Helen
But what can I do?

SPIEGEL: Sind sie ein Punk, Herr Bonaparte?

Napoleon: Was erlauben sie sich?

SPIEGEL: Entschuldigung, dumme Frage.

Napoleon: Ja.

Spiegel. Verzeihung.

Napoleon. Schon gut.

SPIEGEL: Anders gefragt: Rosenschneiden, Regierungsgeschäfte, Arztvisiten. Bleibt da überhaupt noch Zeit, die Stille von St.Helena zu genießen?

Napoleon. Was ist denn das nun wieder für eine Frage? Was meinen sie, warum ich das alles mache? Meinen sie wohl, ich wäre hier zum Spaß? Ich schlage hier meine letzte Schlacht. Die schlacht gegen die Langeweile, die Stille. Also möchte ich durchaus sagen, dass ich erfolgreich bin, trotz der ganzen Amateure um mich herum. Entourage, entourage! ich kann es nicht mehr hören! Wuseln ständig in meinem schönen Garten herum und bringen alles durcheinander.

SPIEGEL: Wie lebt es sich denn so im Hause Bonaparte im Südatlantik?

Napoleon: Naja, ich habe einen sehr großen Hut und ein sehr kleines Bett. daneben versuche ich meine Memoiren zu schreiben. Und von wegen Abgeschiedenheit! Ganz im Gegenteil: Sie wissen ja gar nicht wie viele Touristen Täglich, stündlich versuchen in mein Anwesen zu gelangen, um mich zu begaffen. Das ist die eigentliche Demütigung: Die Romantisiereung meiner Abgeschiedenheit durch dahergelaufene Taugenichtse, die mir beim verschimmeln zuschauen wollen. PACK!

Und so versuche ich mich noch weiter zurückzuziehen: Ich gehe nur noch aus dem Hause, wenn es gar nicht anders geht. Und eigentlich geht es immer anders. Man braucht halt nur einen funktionierenden Hofstaat, dann kann man auch zu hause bleiben.

SPIEGEL: Viele Menschen, die momentan in Isolation leben, würden dem vielleicht entgegenen, dass sie keinen funktionierenden Hofstaat zu Hause haben. Haben sie den Realitätsbezug verloren, Herr Bonaparte?

Napoleon: Nein.

Michael Schmidt: Wuiser und die Ausgangsbeschränkung

Ja, das mit dieser Ausgangssache tut keinem von uns so richtig gut. Trotzdem gibt’s Leut, die damit besser umgehen können als andere. Die sehen dann das alles dann viel gelassener.

Das muss noch angeblich von den Genen herkommen. Von den menschlichen Genen her. Von der Eiszeit. Da haben die Leut ja auch eine Zeit lang nicht von der Höhle rausgekonnt, wenn der Gletscher die erst mal zugeschoben hat. Die haben dann halt abwarten müssen, bis der Gletscher wieder weggetaut war. Freilich, ein, zwei Mammuts hat da auch jeder im Vorrat gehabt. Oder ein Riesenfaultier. Was halt gerade da war. Was man am Wasserloch halt noch so alles vorgefunden hat, wenn nicht die anderen Höhlenmenschen schon dagewesen war’n und alles weggeschnappt haben. Da hat man auch schnell sein müssen. Weil einen Kadaver oder ein Aas hat keiner gern genommen.

Jäger und Sammler, sagen die Forscher dazu. „Der Mensch, ein Jäger und Sammler“. Und weil das so lange gegangen ist, hat sich das Ganze dann halt in die Gene abgesetzt. Ja, freilich, das sieht man heute noch! Hat man die letzten Wochen ja gut wieder im Supermarkt gesehen. Hat man gut beobachten können: Tagsüber warn sie noch im Home Office, und am Abend dann sind alle zu Jäger und Sammler geworden. Das ist der Instinkt, der sich da einschaltet. Dann legen alle den Jäger- und Sammler-Turbo ein. Bloß, dass man heut noch an der Supermarktkasse vorbeimuss, bevor man die Beute heimbekommt. In der Eiszeit war das dann so was wie ein zugefrorener Felsspalt. Da haben sie dann auch alle so komische Laute gemacht. Das kann man heute noch an der Supermarktkasse hören, diese unheimlichen Urlaute. Wie sie mit der Beute dastehen und warten müssen, bevor sie sich damit davonmachen können.

Wie damals am zugefrorenen Felsspalt. Da hat sich nichts groß geändert. Das kann Ihnen der Herr Wuiser auch bestätigen.

Der Professor Wuiser steht die Tage nämlich öfters neben der Supermarktkasse und nimmt da mit dem Tonbandgerät auf. Ganz hervorragende Urlaute. Und wenn er zu den Leuten sagt, dass er von ihnen einen solchen Urlaut braucht, weil er ein Forscher ist, dann kriegt der den auch prompt. Und wenn er Glück hat, sogar gleich mehrere. Weil das ist eine wunderbare Gelegenheit, dass man einmal die echten Urlaute hören und aufnehmen kann, hat der Professor Wuiser gesagt und, dass wir darum heut eigentlich in einer ganz ertragreichen Zeit leben täten.“

Raphael Stratz: Der Aufzug aus Ägypten

Ob es eine Hölle gibt, wird kontrovers diskutiert. Die korrekte Antwort auf die Frage nach einer Vorhölle wechselt von Papst zu Papst. Viele sind sich nicht sicher, ob sich die Existenz eines Ortes namens „Bielefeld“ belegen lässt, sind sich aber sicher, dass dieser, so es ihn denn gibt, der Hölle am nächsten kommt. Einen Ort, dessen Existenz sich lückenlos nachweisen lässt stellt hingegen der Aufzug dar. Jener Aufzug, in dem ich gemeinsam mit Armin und Pavel stecken blieb.

Eigentlich hatten wir nur nach oben fahren wollen, um unserem alten Schulfreund Marx eine Stinkbombe in sein Büro zu liefern. Marx arbeitete im Passamt und benötigte die Bombe dringend und so schnell wie möglich. Wofür er sie brauchte konnte er uns leider nicht sagen, nur dass es wirklich dringend war und wir uns sowieso mal abgewöhnen sollten, immer alles direkt zu hinterfragen. Wir hatten also eine Stinkbombe von Pavels Bruder Jean-Rüdiger stibitzt und uns auf den Weg zum Rathaus gemacht. Dort angekommen war die Lage des Passamtes schnell erörtert, offen war nur die Frage, ob der Fahrstuhl oder das Treppenhaus schnelleren, größeren und ansehnlicheren Erfolg versprechen würde. Wir entschieden uns für den Aufzug, da Pavel uns damit drohte „spätestens bei der Hälfte zu krepieren“ und man weiß ja wie unangenehm es ist, einen Erschöpfungstoten die Treppe herunter zu tragen.

Armin forderte also kurzentschlossen den Fahrstuhl an, in welchen wir dann frohen Mutes hineinkletterten. Der Knopf für das richtige Stockwerk war schnell gedrückt, die Freude auf das Wiedersehen mit Marx wuchs. Diese Allerdings erfuhr einen leichten Dämpfer, als der Aufzug mit einem Ruck, der selbst geübte Presslufthammerbedienende hätte zusammenzucken lassen stehenblieb. Dass es so schnell nicht weitergehen würde stellten wir fest, nachdem Armin den Notknopf gedrückt hatte. Ein sehr freundlicher Herr am anderen Ende erklärte uns in warmen Worten, dass dies ein Rathaus sei und kein Wirtshaus und wir doch bitte eine Nummer ziehen sollten und warten, bis wir aufgerufen würden. Wir versuchten freilich, den guten Mann darüber aufzuklären, dass es sich hierbei um eine Art Notfall handelte, doch er würgte uns mit der Bemerkung ab, er wisse genau wie ein Notfall aussieht und solange er uns nicht sehen könne, wäre es ihm schlicht nicht möglich das einzuschätzen. Als ich fragte, wie lange es wohl dauern möge, bis er sich unserer Sache annehmen könne, fragte er uns, welche Nummer wir denn gezogen hätten.

„Die 23!“ rief Armin in seiner Geistesgegenwart, doch die einzige Reaktion, die dies unserem Gesprächspartner entlockte, war ein gluckerndes Lachen.

„Tja meine Herren“, setzte er an „da werden Sie sich wohl noch ein wenig gedulden müssen. Wir sind im Moment bei Nummer 382. Wenn wir bei 999 angelangt sind, geht es wieder von vorne los.“

Dafür, dass wir dies überhaupt nicht zu schätzen wussten, hatte er wenig bis kein Verständnis. „Wissen Sie, ich mache die Regeln nicht. Ich bin nicht derjenige, der sich diese Bürokratie ausgedacht hat.“

Mit diesen Worten unterbrach er die Verbindung und wir standen wieder allein in einem steckengebliebenen Aufzug im Rathaus.

„Naja, dann machen wir einfach das Beste draus“, schlug Armin vor „was meint Ihr, wie lange könnt ihr die Luft anhalten?“

„Über acht Minuten lang.“ Behauptete Pavel, was wir aus naheliegenden Gründen natürlich glaubten. Ein Mensch, der bei der Hälfte des Weges in den ersten Stock krepieren würde und trotzdem von sich behauptet acht Minuten lang die Luft anhalten zu können, das erschien uns in etwa so wahrscheinlich wie der Ausschank von Fritz-Kola auf einem CSU-Parteitag. Wir entschlossen uns also, dies zu testen.

Das Ergebnis:
– Pavel konnte die Luft nicht einmal 40 Sekunden lang anhalten.
– Dafür, so sagte er uns aber erst danach, wurde ihm übel, wenn er länger als 20 Sekunden die Luft anhalten musste. Oft so übel, dass er sich übergeben musste.
– Wenn Pavel übel wurde, so ging das oft mit Platzangst und Wahnvorstellungen einher.
– Der Mann am anderen Ende konnte die Verbindung gar nicht unterbrochen haben, denn sobald Pavel geäußert hatte, ihm wäre übel, meldete er sich wieder zu Wort.

„Meine Herren, ich darf Sie darauf hinweisen, dass es Sachbeschädigung ist, wenn Sie sich in den Aufzug erbrechen. Wir stellen in solchen Fällen Strafanzeige.“

„Vielen Dank, Herr Schaffner, einmal nach Alexandria bitte. Ich muss dringend noch in die Bibliothek und mir Iphigene auf Tauris ausleihen.“ Stammelte Pavel. „Sie können gerne am Eingang auf mich warten, es dauert dann nur ein paar Minuten.“

Im selben Moment, indem Pavel seine Ausführungen beendet hatte, schien Armin der Zorn zu durchfahren. Mit lautem Gebrüll warf er sich gegen die Sprechanlage des Aufzugs und forderte den Herren am anderen Ende auf, rauszukommen und sich der Situation zu stellen. Wenn er ein Mann wäre, würde er auch nach Dienstschluss mit ihm nach draußen kommen, um die Sache auf dem Parkplatz auszudiskutieren.

Das hätte er allerdings besser nicht getan. Er bereute es auch im nächsten Augenblick bitter. Nicht seine Worte, die waren aus tiefster Seele gekommen und nur ehrlich gemeint, allerdings hatte Armin vergessen, dass sich in seiner Jackentasche eine hochempfindliche Stinkbombe befand, die bei seinem Sprung an die Wand zerbrochen war.

„Ach du Sch…“ mehr brachte Armin nicht mehr heraus, bevor er in sich zusammensackte. Auch um mich herum begann sich alles zu drehen, ich versuchte, mich irgendwo festzuhalten, bekam nichts zu fassen und fiel vornüber.

Ich wachte auf, als die Sanitäter mich ins Freie schoben. Es war die dritte Staffel Sanitäter, die uns nach draußen brachte. Die Zweite hatte die Erste, die völlig unvorbereitet in den Stinkbombenqualm gerannt war retten müssen. Uns wurde gesagt, wir würden keine bleibenden Schäden davontragen. Ich gehe allerdings davon aus, dass sie damit eigentlich meinten, bei uns war nicht mehr viel zu verlieren gewesen.

Marius und die Bibblfreunde: Quarantino Quarantorno

Quarantino Quarantorno
Es wird Zeit für einen Jorno.
Wenn ich nicht mehr malochen kann,
Dann wird es schnell mal abgefahr’n.

Quarantino Quarantorno
Es wird Zeit für einen Jorno.
In den ich reichlich reinhaun kann.
Endlich brennt die Lunte an.

Quarantino Quarantorno
Es wird Zeit für einen Jorno.
Dass Isolation so schön sein kann.
Ich ruf all meine Freunde an.

Immanuel Reinschlüssel: Mobilität 4k

Die Sonne steigt langsam über die sanfte Hügelkette,  zerfurcht das nebelverhangene Tal und dringt zaghaften in bis in die tiefen Züge des Tales ein. Ich kenne dieses Schauspiel, habe ihm schon unzählige Male schweigend beigewohnt und es sorgsam beobachtet, habe im Laufe der Jahrzehnte jedes noch so kleine Detail perfektioniert und auch die winzigsten Makel beseitigt.

Die Hügelkette, die sich an den Horizont schmiegt wie ein frisch verliebtes Mädchen. 

Die Tektonik der Täler.

Der dichte Wuchs der Gebirgsausläufer.

Der leichte Wolkenflaum, der ohne Wiederstand den Weg des Morgenlichtes freigibt.

Die Farbschattierungen der Graslandschaft.

Das Plätschern der verworrenen Bäche.

Meine Idee, ein Sonnenaufgang direkt aus meinem Geis, erschaffen nur für mich.

Pure Perfektion.

Ihn mit anderen zu teilen, möglich, natürlich. Nur ein Gedanke entfernt.

Von Horizont zu Horizont reicht mein Blick und darüber hinaus, ins Unendliche, wenn ich denn möchte. Und ich möchte, wir alle möchten.

Ich kann mit einem Satz im tiefen Regenwald stehen, ohne eine Schritt zu machen.

Auf dem Meeresgrund wandern, ohne die Luft anzuhalten.

Auf einem Atom reiten.

Durch das Weltall fliegen.

Mit Goethe im Teehaus sitzen.

Durch meinen eigenen Körper spazieren.

Japanisch lernen.

In den Krieg ziehen.

Jedes Bild in meinem Neuronensystem, jede Möglichkeit dieses Universums, ich muss sie nur denken und bin. Ich denke, also bin ich.

Ich schwebe. Ich schwebe, ich treibe, ich tauche. Hier, im Jetzt. Mein Körper, er schwebt, er treibt. Naphtolyt. Ich schwebe in Naphtolyt, schon mein ganzes Leben lang. Ich wurde darin gezogen und ich werde darin entsorgt, wenn die Funktionswerte sinken. Ein Prozess von tausenden von Jahren. Naphtolyt, es nährt mich, mich und alle Menschen, alle Menschen dieser Erde. Mein Platz C19 Delta 420, mein Platz von Anfang bis Ende. Mutter passt auf uns auf. Mutter zieht uns. Mutter nährt uns. Mutter kontrolliert die Neoronaltranszenz, verband uns nach dem Ziehen damit und lässt uns nicht mehr los. Mutter verband mich mit dem System in meiner Stunde Alpha, Mutter löst es am Tag Omega. Das System ist meine Augen, meine Ohren, meine Beine. Das System lässt mich wandeln, unendlich weit.

Das System, die größte Erfindung unserer Spezies, die größte und die letzte. Es aufzubauen erschien wahnsinnig, den Widerständen zu trotzen schier unmöglich. Doch die Erkenntnis war zu klar, zu zwingend: In dem Moment, in der wir das Universum verstanden und alle erreichbaren Winkel bereist hatten, gab es einfach keinen Grund mehr, noch weiterzugehen.

Warum den Körper belasten, wenn der Geist doch alles erreichen konnte?

Warum auf Füßen stehen, wenn es dafür keinen Grund mehr gibt?

Warum Hände haben, wenn es keine Arbeiten mehr notwendig sind?

Warum Augen haben, wenn die Bilder sie nicht benötigen?

Warum fortpflanzen wie die Tiere, wenn Mutter eine fehlerlose Reproduktion ermöglicht?

Das System und Mutter, wir legten unsere Spezies in ihre perfekten, schützenden Arme. Wir machten den nächsten Schritt in unserer Entwicklung. Wir stiegen von Affen zu Göttern auf.

Die Sonne legt sich über das Tal. Sie steigt nicht gleichmäßig, sondern gehorcht der Fibonacci-Folge, meine Symphonie des Lichts. Meine Blicke folgen ihrem Weg, erkennen jeden Grashalm, kennen die Wahrheit in den kleinsten Dingen.

Pure Perfektion. 

Anja Gmeinwieser: Flugversuch der Taube in Bilbao (gescheitert)

Stelle dir vor, du bist in einem Flughafen gefangen. Stell dir vor, dein Pass hat zwischen dem Check-In und dem Abflug, bei dem du – nur du – ausnahmsweise nach besagtem Pass gefragt wurdest, eine andere Biegung genommen, als du selbst.

Ich stelle mir das manchmal vor, und dass dies eine Vorstellung ist, die ich mit vielen teile und dass uns alle ein wohlig ekler Schauer befällt, Lustangst vor dem Leben im
Niemandsland, in einer Dystopie aus Paranoia, die uns die Welt erst erschließt. Spätestens seit diesem Film mit Tom Hanks, in dem Tom Hanks einen mit Pass- und Visaproblemen spielt, stellt sich das doch jeder mal vor, und ich meine man weiß ja auch, dass es den Mensch tatsächlich gab, den Tom Hanks da gespielt hat, ein Perser, der gut 20 Jahre eine Institution von Ironie und Bürokratie im Charles de Gaulle war, und das gibt es jetzt auch wieder, an Terminal 1 von Kuala Lumpur ist ein Syrer gefangen, ein Jahr nun schon, weil: kein Visum, kein gültiger Pass und schon geht nichts mehr.

Die meisten, wie ich – und ich gehe jetzt mal davon aus, dass das bei dir ebenso ist – sind keine mit Pass- und Visaproblemen, sondern mit gutbürgerlichen Popelproblemen, wie „wohin fahr ich in den Urlaub?“ oder „welches Auto kauf ich mir?“ oder „macht mein Job mich noch glücklich?“ Oder „Spülmaschinentabs sind alle“. Auch wir wollen uns doch manchmal in die Größe einer absolut verfahrenen Scheißsituation schmiegen, oder?
Stell dir den Flughafen, in dem du gefangen bist mittelgroß vor, München vielleicht, oder Tegel, Paris, wie der Perser, oder aber Bilbao, das klingt nach Getränken mit Sahne. Der Flughafen von Bilbao wurde von Calatrava gebaut und schaut angeblich aus, wie eine Taube kurz vor dem Start, und heißt auch Taube, „la paloma“. Zyniker könnten jetzt einwenden, er sehe eher eher aus wie ein Kampfjet, wenn auch ein schöner, weißer, verglaster, zarter Kampfjet im Abheben, da in Bilbao. Dass dir gleich egal sein wird, wie der Flughafen von außen aussieht, wo du ja innen gefangen bist, ist auch klar.

Im Ernst, wahrscheinlich kann jemand wie du oder ich in einem Flughafen gar nicht so sehr gefangen sein, wie wir uns das gerade zusammenreimen, wahrscheinlich wäre das in wirklich so ein Fall von irgendwas geht immer, ein Fall von mein Pass ist ein Visumswunder, ein Fall von „heute hasst mich das Auswärtige Amt, aber die biegen das gerade“.Oder nicht?

Oder ist das eine trügerische Hoffnung? Ein Privilegienphantom?

Jedenfalls, soviel steht für unseren Tagalptraum fest, die Situation ist verzwickt, und du verlässt diesen Flughafen nicht ohne Pass und Punkt.

Du hättest dich wahrscheinlich bereits an das Sicherheitspersonal an der Handgepäckkontrolle gewandt, die hätten deinen Pass zumindest zuletzt in der Hand gehabt, und natürlich hätten sie sich dein Problem angehört, nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen oder weil du – jetzt in meiner Vorstellung – so sehr aussiehst nach Businessclass, dass ich wahrscheinlich „Sie“ sagen würde, würden wir uns tatsächlich begegnen. Schließlich aber, nach Freundlichkeit, Unfreundlichkeit und einer Art panischem Tobsuchtanfall deinerseits hätte das Sicherheitspersonal sich wieder lieber der Sicherheit der Menschenmasse zugewandt, die da gerade durch das Personenleitsystem daherkommt, wie Überraschungseier auf einem Schokoladenfabrikfließband. Deine kaltschwitzigen Fingern hätten bereits gegoogelt, was in so einem Fall zu tun sei, nur um zu erfahren, dass der Flughafen der in Wirklichkeit schönste Ort für einen Passverlust sei. Den Umständen entsprechend geradezu hervorragend: Hier könne dir geholfen werden, hätte das Internet freimütig behauptet und das ungläubig aufgerufene Impressum dieser Seite hätte dich noch nicht einmal misstrauisch werden lassen.

So würdest du zwischen den Wartenden eben nicht warten, sondern gehetzt zwischen ihnen herumsuchen, auf allen Vieren unter den Wartesitzen, zwischen den Massagesesseln, in den Mülleimern. Den Schuhstaub, der sich jahrelang in den steingrauen Teppichboden gefressen hat, an Handflächen und Knien.

Zwischen ihnen sitzen und mit dem gleichen leeren Blick ins Nichts starren, wie sie, nur aus ganz anderen Gründen, und dir Gedanken machen über die situative Ähnlichkeit, die diesen Unterschied fast verschwimmen lassen würde.

Telefonanrufe, bei Menschen, bei denen du dir ein gewisses Verpflichtungsgefühl dir gegenüber erhoffst – eine Schwester, ein oder zwei Kolleginnen, ein Sekretär, stelle dir vor, wie zwar Mitgefühl geäußert würde, aber keine Hilfe zugesichert, das freundliche Im-Stich-Lassen desjenigen, der einem eigentlich egal ist.

Schau dich an, zwischen den Wartenden. Wie du dich langsam einkriegst, normalisierst, dein Herzschlag, dein Atem, dein Blick. Der Rückzug in dein Inneres, die Panik, klein wie eine Gewehrkugel abschussbereit in deinem Brustkorb noch fühlbar. Du hier drinnen, wo die Welt nicht ist. Auf dem Teppichboden ist ein hellerer Fleck, dessen Form dir immer wieder vor den Augen verschliert.

Stell dir vor wie du schläfst. Erwachst. Den Durchsagen lauschst, ready for boarding und don‘t leave your luggage unattended. Du kaufst dir eine Flasche Wasser und ein Thunfischsandwich, verzehrst beides ganz langsam, in Zeitlupe, 30 mal kaust du jeden Bissen in Zeitlupe. Das wäre doch wirklich nicht nötig bei ungetoastetem Toast, der eigentlich schon von der Plastikfolie vorverdaut wurde, aber dir dämmert, dass du alle Zeit hast, eine Ewigkeit für dieses Thunfischsandwich. Beobachtest die anderen beim Warten, vertrittst dir die Beine, wirfst zwei Euro in den Massagesessel für sieben Minuten und weil dich der Massagesessel so freundlich anfasst, so genau wissend wo es weh tut, wo die Muskeln sich verhärten, wenn man panisch angespannt ist, gleich noch mal zwei Euro.

Du schläfst. Du schläfst, schläfst, schläfst. Du studierst über Tage das Schlafen in verschiedenen Körperpositionen, weißt bald wann du dich ungestört über mehrere Sitze breiten kannst, kannst aber auch im Sitzen, mit dem Kopf auf die Händen und den Ellbogen auf die Knie gestützt schlafen, du probierst Duty-Free-Sandwichsorten und bleibst bei Hühnchen mit Currycreme, auf das du dich jetzt immer geradezu freust, zwischen gefühlter Düsternis und tatsächlicher Düsternis. Und denkst Gedanken an draußen, und die Gedanken sind wie Nierensteine, nur statt für die Nieren fürs Bewusstsein, kristallen, bunt gemustert, eigenartig schön und immer, wenn man sie fast vergisst, versetzen sie dir doch wieder einen Stich, der dich fast in die Knie gehen lässt.

Einige Beispielbewusstseinssteine, die jemand in deiner Situation denken könnte:

Alleen, Kastanien
Arbeit, Alltag, Asphalt, Abwasch
Grautöne Grüntöne Blautöne
Bekanntschaften Konkurrenzen gemeinsam Essen
Geschäfte Geschäftigkeit
ich meine Einzelhandel Stammkundschaft
Autobahnen Erlkönige Sonntagsfahrer
Regen Wetter insgesamt
gewohnte Gerüche, die schnell vergessen
und dadurch doch noch ungewohnter werden
als ohnehin ungewohnte.

Du findest, als sich die Gedanken ein wenig schmerzärmer geschliffen haben, einen Schicksalsgenossen, vielleicht nach 10 Tagen, oder ihr findet euch, findet euch beim Haarewaschen auf der Toilette. Dem wiederholtem Haarewaschen auf der Toilette, kennt man glaube ich auch aus diesem Tom-Hanks-Film. Zuerst Misstrauen: wieso immer ihr auf der Toilette, Shampoo in den Augen, das fließt da immer hin, weil die Waschbecken klein und die Wasserstrahlen automatisch sind. Du ganz offensichtlich auf der immer gleichen Geschäftsreise, er in der Uniform des Bodenpersonals, einander taxierend, was tut der andere da. Schließlich er ganz offen:
Ich habe Sie beobachtet, Sie sind immer hier, es gibt gar keinen Flug für Sie, ist gecancelled für immer, nicht wahr? Er zwinkert. Du murmelst, Pass verloren, nicht wieder gefunden, irgendwie geblieben, trotz vielleicht möglicher, nicht ausgeschöpfter Alternativen, so bist du ein Flughafenbewohner geworden.

Und dann ist es bei ihm ebenso, ganz genau ebenso, seine Vorstellung hat ihn in dieselbe Scheiße geritten, wie deine dich. Fast dieselbe Scheiße. Er sei seiner freiwilligen Ausreise entwischt, sagt er, der Schalk thront in den sich faltenden Falten auf seinem Nasenrücken. Und draußen? Keine Bleibeperspektive sagt er mit Anführungszeichen, und ist sich sicher, es liegt an seinem Namen: Assad. Kann man niemand verübeln, sagt er und zieht eine Schulter hoch, aber dass solche Leute Namen haben, verleidet so vielen Gleichnamigen ihren Namen. Du verübelst weder ihm seinen Namen, noch die Angst aller anderen vor diesem Namen. Und wahrscheinlich, denkst du, heißen viele Leute Assad und wahrscheinlich, denkst du, gab es auch Assads, die bleiben durften.

Assads Dilemma, ganz klar, übertrumpft das deine, musst du zugeben, würde ein Filmteam kommen, auf der Suche nach traurigen Geschichten, dann würden sie Assad ranzoomen, und nicht dich. Filmteams suchen immer die ärmste Sau, und du bist von außen betrachtet nur die zweitärmste. Ihr fallt als Gefangene nicht weiter auf, denn er trägt stets und stolz eine erschlichene Uniform des Toilettenpersonals, facility management, während du nicht auffällst, wenn du einen Anzug trägst. Wer Uniform trägt, muss sich nicht verstecken, ist es bereits, versteckt, trägt eine neutrale Maske im Gesicht, die keiner Schicht bedarf. So haltet ihr euch unter den anderen, den echten, auf. Ein Schlüsselbund und unauffällige Bewegungsfreiheit, auch vor den Überwachungskameras, das sind die Privilegien, die Assad genießt.

Er teilt sie, die Privilegien, mit einer Geste der Großmütigkeit und nicht ohne seinen Gesprächshunger an dir zu stillen, es ist eine beständige warme Dusche aus Worten, die du genießt, eine warme Dusche aus Worten, die zu Geschichten und Trivialem verschmelzen, die über deine Haut rinnen und deinerseits deine Sehnsucht nach menschlicher Nähe jenseits des gemeinsamen Wartens beruhigen. Ihr schlendert tägliche Sonntagsspaziergänge durch die Räume, zu denen nur Zugang hat, wer Uniform und Schlüsselbund trägt: die Räume des Zwielichts, des Aussortierten, des Sondermülls, der Schmuggelware. Ich frage mich: gibt es diese Räume in den Winkeln tatsächlicher Flughäfen überhaupt? Räume, in denen sich all das sammelt, was als Satz im Sicherheitsfilter hängen geblieben ist? Diesiges Licht und schwebender Staub und du musst an Keller denken, weil das Fenster so weit oben ist und in diesem Zwielicht die gesammelte Schönheit des Verbotenen, Äffchen, so klein, dass sie in Zigarettenschachteln passen, und blauschimmernde Aras, kreischend auf Elefantenfußhockern und ausgestopfte Krokodilkinder und Elfenbeinschnitzereien und aufgespießte Schmetterlinge, verstaubt prachtvolle Teppiche und grau und anorganisch Gaskartuschen, Weinflaschen, Behältnisse für Flüssigkeiten mit mehr als 100ml Fassungsvolumen, Folienpäckchen mit Pulvern und trockenem Grün, Pfefferspray, Messer mit langen Klingen, Feuerzeuge, Handfeuerwaffen und Deospraydosen, kategorisiert und in Halden aufgeschichtet.

Stell dir vor, wie du dir vorstellst, wenig von diesem Pulver zu probieren, und dich schließlich mit Assad in einer Art Kampfsex nackt auf den Teppichen zu wälzen. Stell dir vor, wie ihr, schon allein aus Langeweile und Fatalismus diese Vorstellung in die Tat umsetzt, und wie dir dein Flughafenleben immer erträglicher, ja geradezu schön scheint.

Wie alles ein bisschen mehr Farbsättigung, Kontrast und Tempo und Bass bekommt, wie ihr im Schutz des Flughafens ein Leben führt, das aufregender, wilder, gefährlicher aber sicherer wäre, als das Leben in der Welt, wie ihr manchmal und ohne Not Schnaps aus dem Dutyfree-Laden klaut, wie das Leben plötzlich so ist, wie in den Vorstellungen, als ihr euch das Leben noch vorgestellt habt. Du für immer im Homeoffice, und immer weniger im Homeoffice.

Die verwischend verschiedenen Gesichter der Duty-Free-Kassiereriennen, mit den immer gleich gleichgültigen Lächeln.„Where are you flying to today?“, diese ewigen Durchsagen und last calls, die asiatische Namen nicht aussprechen können, ihr lacht darüber, da im Flughafen von Bilbao, in diesem schönen Flughafen von Bilbao. Die Taube bleibt einfach sitzen, der Kampfjet hebt nicht ab, einfach weil. Das Gebäude reckt Schnabel oder Nase gen Himmel, atmet Freiheit und bleibt, wo es bleibt in Bilbao.

So wie auch du bleiben würdest, geborgen zwischen Werbeflächen und Wartesitzen und Schnapsläden und letztlich kommt es ja darauf an, auf das eigene Gefühl und zumindest mein liebstes und mächtigstes Gefühl, das weiß ich lang schon, ist die Gewohnheit, die hat immer zu Heimatgefühlen geführt, in meinem Supermarkt, meinem I-Phone, meinem Büro. Jetzt eben mein Flughafen, es würde doch so vieles einfacher machen, bequemer, nicht? Dein Flughafen, dein Heimatflughafen Bilbao.

Lisa Neher: Sick of this flat

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass meine Wohnung mich krank macht. Ich weiß nicht wie dieses Gefühl sich ausgebreitet hat, vielleicht zusammen mit dem Schimmelfleck unter dem Fenster direkt neben meinem Bett. Vielleicht ist der Schuld daran. Er hat sich im Verborgenen verteilt wie ein Ausschlag auf meiner sonst kalkfarben weißen Wand. Gestern habe ich ihn entdeckt. Direkt neben der Heizung, die eigentlich nur Attrappe ist.
Daran könnte es auch liegen – in meinem Zimmer ist es chronisch kalt. Der Vermieter ist mehr kreativ als handwerklich veranlagt, denn ihm fallen stets neue Ausreden für die nicht angeschlossene Zentralheizung ein. Außerdem wohnt unter uns keiner, dessen aufsteigende Wärme wir nachhaltig mitbenutzen könnten, das heißt der Boden ist dementsprechend: Auch kalt.
Vielleicht ist es aber auch mein Mitbewohner, der mich krank macht. Ich nenne uns Geschwister, wir erzählen uns alles, ich trage seine Jacken und wir uns gegenseitig. Doch seit einigen Wochen reden wir kaum noch. Das einzige was ich von ihm höre ist die Musik, die sich spät am Abend aus seinen Boxen durch die durchlässigen und somit nutzlosen Wände in mein Zimmer drückt. Jetzt ist es seine Songauswahl, die mir von seinen Gefühlen erzählt. Und seine geschlossene Tür. Er braucht Zeit für sich, ich weiß. Und die Grippe hat ihn auch.
Trotzdem ist mein Kopf voller Gedanken, während ich versuche meine Freundschaft mit einer Kulanz zu betanken, die nur Eltern eines Teenagers kennen müssen, wenn dieser um 00:03 Uhr immer noch nicht zuhause ist und dann am Tag darauf schweigsam und nach Schnaps stinkend im Sonntagsbraten rumstochert.


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