Immanuel Reinschlüssel: Mobilität 4k

Die Sonne steigt langsam über die sanfte Hügelkette,  zerfurcht das nebelverhangene Tal und dringt zaghaften in bis in die tiefen Züge des Tales ein. Ich kenne dieses Schauspiel, habe ihm schon unzählige Male schweigend beigewohnt und es sorgsam beobachtet, habe im Laufe der Jahrzehnte jedes noch so kleine Detail perfektioniert und auch die winzigsten Makel beseitigt.

Die Hügelkette, die sich an den Horizont schmiegt wie ein frisch verliebtes Mädchen. 

Die Tektonik der Täler.

Der dichte Wuchs der Gebirgsausläufer.

Der leichte Wolkenflaum, der ohne Wiederstand den Weg des Morgenlichtes freigibt.

Die Farbschattierungen der Graslandschaft.

Das Plätschern der verworrenen Bäche.

Meine Idee, ein Sonnenaufgang direkt aus meinem Geis, erschaffen nur für mich.

Pure Perfektion.

Ihn mit anderen zu teilen, möglich, natürlich. Nur ein Gedanke entfernt.

Von Horizont zu Horizont reicht mein Blick und darüber hinaus, ins Unendliche, wenn ich denn möchte. Und ich möchte, wir alle möchten.

Ich kann mit einem Satz im tiefen Regenwald stehen, ohne eine Schritt zu machen.

Auf dem Meeresgrund wandern, ohne die Luft anzuhalten.

Auf einem Atom reiten.

Durch das Weltall fliegen.

Mit Goethe im Teehaus sitzen.

Durch meinen eigenen Körper spazieren.

Japanisch lernen.

In den Krieg ziehen.

Jedes Bild in meinem Neuronensystem, jede Möglichkeit dieses Universums, ich muss sie nur denken und bin. Ich denke, also bin ich.

Ich schwebe. Ich schwebe, ich treibe, ich tauche. Hier, im Jetzt. Mein Körper, er schwebt, er treibt. Naphtolyt. Ich schwebe in Naphtolyt, schon mein ganzes Leben lang. Ich wurde darin gezogen und ich werde darin entsorgt, wenn die Funktionswerte sinken. Ein Prozess von tausenden von Jahren. Naphtolyt, es nährt mich, mich und alle Menschen, alle Menschen dieser Erde. Mein Platz C19 Delta 420, mein Platz von Anfang bis Ende. Mutter passt auf uns auf. Mutter zieht uns. Mutter nährt uns. Mutter kontrolliert die Neoronaltranszenz, verband uns nach dem Ziehen damit und lässt uns nicht mehr los. Mutter verband mich mit dem System in meiner Stunde Alpha, Mutter löst es am Tag Omega. Das System ist meine Augen, meine Ohren, meine Beine. Das System lässt mich wandeln, unendlich weit.

Das System, die größte Erfindung unserer Spezies, die größte und die letzte. Es aufzubauen erschien wahnsinnig, den Widerständen zu trotzen schier unmöglich. Doch die Erkenntnis war zu klar, zu zwingend: In dem Moment, in der wir das Universum verstanden und alle erreichbaren Winkel bereist hatten, gab es einfach keinen Grund mehr, noch weiterzugehen.

Warum den Körper belasten, wenn der Geist doch alles erreichen konnte?

Warum auf Füßen stehen, wenn es dafür keinen Grund mehr gibt?

Warum Hände haben, wenn es keine Arbeiten mehr notwendig sind?

Warum Augen haben, wenn die Bilder sie nicht benötigen?

Warum fortpflanzen wie die Tiere, wenn Mutter eine fehlerlose Reproduktion ermöglicht?

Das System und Mutter, wir legten unsere Spezies in ihre perfekten, schützenden Arme. Wir machten den nächsten Schritt in unserer Entwicklung. Wir stiegen von Affen zu Göttern auf.

Die Sonne legt sich über das Tal. Sie steigt nicht gleichmäßig, sondern gehorcht der Fibonacci-Folge, meine Symphonie des Lichts. Meine Blicke folgen ihrem Weg, erkennen jeden Grashalm, kennen die Wahrheit in den kleinsten Dingen.

Pure Perfektion. 

Immanuel Reinschlüssel: Anconella

Scheppernd schleppt sich das stumpfgefahrene Triebwerk durch die hügelige Landschaft, die im Schein der ersten Sonnenstrahlen nur Konturen preisgibt. Ich höre die Lok ächzen und schnauben, während ich mich inmitten eines einzelnen verwaisten Waggons von ihr durch Täler und Hügel ziehen lasse, mein Schicksal in ihre staubigen Kolben lege. Im Gepäcknetz über mir wackeln meine Habseligkeiten und Mitbringsel hin und her, Geschenke für deine Großeltern, dunkle, ehrliche Schokolade, selbstgerührter Eierlikör, dazu ein Osterbrot aus der Backstube meiner Mutter. Dieser Feiertag, der für sie und ihr Land der höchste im ganzen Jahr ist und mir nichts bedeutet außer einem langen Wochenende und dem sicheren Übergang in die warme Jahreszeit, ausgerechnet er wird über uns entscheiden.

Niederlegung oder Auferstehung, so nah beieinander, einst drei Tage, für uns wohl nur drei Herzschläge voneinander entfernt.

Bis Bologna glitt ich in einem Hochgeschwindigkeitszug durch Voralpen, Tunnel und schwarze Nacht, eine surreale Reise ohne Anhaltspunkt für Raum und Zeit, eine konstante Überforderung der Sinne, die natürlich keinen Schlaf fanden im Angesicht der bevorstehenden, vielleicht letzten Begegnung mit dir. Der Umstieg im leergefegten Bologna Centrale, der sich in gespenstische Stille hüllte als kenne er das Ziel meiner Reise, ein letztes Lufthohlen. Ich hätte umdrehen können in diesem Moment, zum letzten Mal auf meiner Reise, hätte mich auf eine Bank setzen, das Osterbrot brechen und den Eierlikör entsiegeln können, auf den Zug zurück in den Nordnorden, das uferlose der beiden Monacos wartend. Und dann einfach einsteigen und alle Erinnerungen an dich für immer in den tiefsten Brunnen meines Geistes stecken, eine Felsplatte darauflegen und pfeifend nach vorne gehen können.

Doch im wahren Leben gibt es kein zurück und keine Felsplatten für Erinnerungen, sondern nur Niederlegungen und Auferstehung, getrennt durch Phasen heimtückischer Stille.

Also hinein in den schiefen Waggon, als einziger Mensch der Welt zu dieser unchristlichen Zeit an diesem christlichsten aller Tage. Hinein in den Anstieg zur letzten Etappe, hinauf nach Anconella, hinunter ins Reich des Zerberus oder den Himmel auf Erden. Langsam, beinahe unmerklich rollte der Zug aus dem Bahnhof und rumpelte durch das schlafende Bologna, diese letzte Schönheit vor dem Mezzogiorno.

Die Sonne steigt mühsam auf. Wie gerne würde ich den Sonnenaufgang bewundern, dem du seit vielen Wochen wohl genau so jeden Tag beigewohnt hast, die Uhrzeiten deiner WhatsApp-Nachrichten gaben mehr über deine Schlafgewohnheiten preis als deine Nachrichten selbst, nachdem du zu deinen Großeltern gegangen bist, oder sollte ich sagen geflohen. Zurück zum Ursprung, zu dem deine Familie bei allen großen Anlässen zurückkehrt. Die kleine Kapelle sah jeden Bund fürs Leben entstehen, den deine Familie je schloss, und ihr Taufbecken machte euch alle Teil der großen Ganzen, jedes dritte Kreuz auf dem kleinen Friedhof trägt die Namen deiner Ahnen.

Natürlich musstest du nach Anconella, ich hätte es auch ohne deine Nachrichten gewusst. Hier beginnt es und hier endet es, hier kommen Niederlegung und Auferstehung seit Jahrhunderten zusammen, warum sollten ausgerechnet wir die Ausnahme sein? Du musstest an diesen Ort, um dein Herz ganz spüren zu können, diesen unersättlichen Sammler, für den ein einzelner Mann nie mehr als eine Aktennotiz sein konnte, bevor es auf mein Herz traf, das weder Sammler noch Jäger, sondern einfach nur Muskel ist.

Ein Muskel, der seit dem deutschen Monaco verknotet in meiner Brust liegt wie das Osterbrot in seinem Papiermantel im Gepäcknetz über mir. Ein Muskel, der auf seine Bestimmung wartet, die sich auf dem oleanderbewachsenen Bahnsteig von Anconella offenbaren wird, wenn deine stumme Karfreitagsmesse Niederlegung oder Auferstehung predigen wird.

Immanuel Reinschlüssel

Immanuel Rouven Reinschlüssel (geboren am 5. März 1985 in Nürnberg) hat Politologie studiert und schreibt, seit es das Leben notwendig gemacht hat. Seine Texte erzählen in den leisesten und lautesten Tonlagen vom Unglaublichen, vom Zwischenmenschlichen und von der Flucht nach Innen. Seit zehn Jahren bildet der Fürther gemeinsam mit seinem Schulfreund Robert Segel das Autorenduo „Die Schaffenskrise“. Neben diversen Veröffentlichungen in Anthologien und Auszeichnungen veröffentlichte Immanuel Rouven Reinschlüssel mit der Schaffenskrise im Eigenverlag zwei Lyrikbände, ein Hörbuch sowie zwei Kurzgeschichtenbände. Neben dem Schreiben sitzt er gerne auf Parkbänken und beobachtet Schildkröten. Immanuel Reinschlüssel ist ganz ok. Er lacht oft alleine. Immanuel Reinschlüssel mag Tiere, Flughäfen und Schnitzel.


Immanuel Reinschlüssel bei EBMD:

Immanuel Reinschlüssel: Stundendiebe

Wir können beide nicht alleine sein, haben es versucht.
Aber wir haben zu viele Messer in der Schublade, um uns etwas kochen zu können, haben zu viele Flaschen im Kühlschrank, um Musik zu hören, haben einen Föhn zu viel, um ein Bad zu nehmen und einen zu großen Berg an Tabletten angesammelt, um uns ins Bett zu legen.
Doch wir können auch nicht unter Menschen, weil uns jedes Wort weh tut, wir unsere Kiefer zu jeder Silbe zwingen müssen, um am Ende doch vor dem Nichts eines Gesprächs zu stehen, das wir so schon viel zu oft geführt haben – mit unterschiedlichen Menschen oder mit denselben, wer weiß das schon?
Und deswegen haben wir uns gesucht, stapfen durch den knisternden Schnee und genießen die Geräusche, die er nicht mehr gehen lässt und in sich aufsaugt wie ein gieriger Säugling. Wir müssen gehen, immer weiter gehen, von Bank zu Bank, von Zigarette zu Zigarette, von Bar zu Bar durch die Nacht, die unser einziger Verbündeter ist und manchmal doch unsere größte Sorge.
„Ich habe verlernt, alleine zu sein“, du sprichst aus, was wir beide denken und ich antworte dir nicht, weil es keine Antwort gibt und diese die einzig Richtige ist.
„Ich konnte das mal wirklich gut, stunden- und tagelang, einfach alleine sein.“ Und auch darauf bleibe ich stumm und spüre an deinem gleichmäßigen Atem neben mir und den wintertanzenden Rauchwolken, die sich zwischen uns vereinen, dass du Nichts anderes erwartet hast.
Die nächste Bar, der nächste Tresen, ein eingespieltes Team, obwohl wir keine Übung haben, keine Generalprobe abhielten, keine gemeinsame Vergangenheit in diesen Dingen des Lebens kannten. Doch wir sind eine Einheit, bestellen routiniert wie ein Zwillingspaar die Drinks, die uns näher an den Morgen bringen, die uns dem nächsten Tag einen Schritt entgegenstoßen, ohne uns eines Blickes zu würdigen.
Wodka, braune Flaschen, eine Gurke in deinem Gin-Tonic, für einen Moment treffen sich unsere Gläser, für einen Herzschlag unsere Augen, für eine Nacht pulsieren unsere Herzen in perfekter Harmonie, ohne von sich zu lassen, ohne von sich lassen zu können, weil die Loslösung das Ende bedeutete.
Blicke ruhen auf unseren Schultern, die meisten auf deinen schmalen, weißen, die eindringlichsten auf meinen, von der südlichen Sonne eines fremden Kontinents braungetränkten Schultern und wir spüren ihre Fragen auf unserer Haut, hören ihre unausgesprochene Sehnsucht in unseren Ohren, fühlen ihr Verlangen auf unseren Seelen, die viel zu alt sind für unsere jungen Körper.
„Wenn ich aufs Klo gehe, werden alle Frauen einen Schritt näher kommen und sich doch nicht trauen, etwas zu sagen.“ Deine Worte zaubern ein Lächeln auf meine Lippen.
„Und wenn ich aufs Klo gehe, werden alle Männer über dich herfallen wie die Schakale und doch wissen, dass ihr Krieg bereits verloren ist.“
„Dann müssen wir wohl zusammen bleiben, bis die Sonne uns trennt.“ Einer dieser Sätze, für die man dich küssen müsste.
Doch ich küsse dich nicht, werde es nie tun und du wirst es nie tun, eine unsichtbare Barriere – von  der Vergangenheit gezogen und unserer letzten Hoffnung auf die Zukunft konserviert.
Ihre Blicke schieben uns zurück auf die Straße, ein Griff in die Tasche, zwei Zigaretten und ein Feuerzeug, ich lege beide in meinen Mundwinkel und zünde sie zeitgleich an, reiche eine an dich weiter – auch ein neu entdecktes Ritual, so selbstverständlich wie das Atmen und einst auch die Liebe, bevor wir ihr den Rücken zuwandten, jeder auf seine eigene Weise. Der Dezember dringt durch unsere Reißverschlüsse, möchte unsere Haut erreichen, doch wir verscheuchen ihn mit unserem Rauch, blasen ihm unsere Verachtung entgegen, eine Verachtung, die ihm und jedem anderen Monat und jedem anderen Jahr gilt, das noch kommen mag. Zwei Zigaretten lösen sich von zwei Händen, segeln glitzernd durch die Dunkelheit wie ein Neujahrsfeuerwerk, schlagen auf dem Asphalt auf wie Meteoriten und zerstäuben doch mit einem kaum wahrnehmbaren Zischen und nicht dem Knall, den sie verdient hätten.
Ein neuer Tresen, neue Menschen, manche altbekannt, manche fremd wie die Sahara. Sie umringen uns, sprechen plötzlich auf uns ein und wir umarmen sie, trinken mit ihnen, lachen mit ihnen – und doch merken sie nicht, dass wir zu laut sind, zu lustig, zu schnell, in einem eigenen Tempo leben, uns einen Kokon teilen, in dem nur wir Platz haben und der mit dem ersten Sonnenstrahl platzen wird wie eine Seifenblase.
Doch bevor wir zurück müssen in unsere beendeten Leben werden wir rauchen, werden wir trinken, werden wir uns in den Armen liegen und die Gedanken des anderen aussprechen, werden wir tanzen als wäre es die letzte Nacht auf Erden, werden wir uns gegenseitig die Burger-Soße von den Wangen streichen, werden wir uns in der U-Bahn aneinander kuscheln und uns nicht mehr trennen wollen, im Wunsch vereint für immer auf den Plastiksitzen durch den dunklen Tunnel zu brausen.
Und doch wir trennen uns irgendwann, müssen uns trennen, müssen die Seifenblase zum Platzen bringen, müssen zurück in unsere getrennten Leben.
Aber bis dahin kämpfen wir ein letztes Mal, auch wenn wir verlieren.
Und wer weiß, vielleicht sind wir genau dafür geboren.


 

SprecherInnen:
Lukas Münich, Selina Früchtl