Daphne Elfenbein: FERNSEHEN…

.. nein, nicht Medien, nicht Internet, sondern Fernsehen! 

Das ist das Gerät, das ich neulich im Ferien Appartement vorfand, das ich für meinen Urlaub gebucht hatte, nur 150 Meter bis zum Strand. Ich bin von Natur aus neugierig, drum habe ich abends, als ich sonnenverbrannt und erfrischt vom Strand zurückkam, doch mal diese Fernbedienung in die Hand genommen, mit der ich die Welt der Sendekanäle so wundervoll beherrschen kann. Obwohl ich zu Hause keinen Fernseher habe, ich will ja im Urlaub nichts verpassen. 

Auf dem Bildschirm erschienen ein Mann und eine Frau, jung, attraktiv, modisch gekleidet, eloquent, geschminkt, totale Gewinnertypen, sogar mit leicht anarchischen Merkmalen, wie z. B. der zum Zöpfchen geflochtene Bart beim Mann und die Tattoos bei der jungen Frau. Etwas steif und verkrampft saßen sie da und unterhielten sich ganz zivilisiert. Da die beiden nichts wirklich zu sagen hatten, zappte ich weiter. Ein Rettungssanitäter gab Auskunft zu mehreren umgekippten und ineinander verkeilten Lastwagen im Hintergrund. Man habe ein Bein amputieren müssen. Aha, denke ich und zappe weiter. So lange, bis ich wieder zu den beiden Herrschaften mit den Tattoos und dem Zöpfchen Bart komme. Wie aus dem 3D-Drucker sehen die aus. Doch was sie sagen, weckt noch immer nicht mein Interesse. Ich schalte die 35 Kanäle, die rund um die Uhr für mich da sind ab und öffne das WLAN auf meinem Smartphone…. Die Zugangsdaten hängen – für jeden Feriengast sichtbar – an der Wand. Doch auch hier fand ich heute nichts von Interesse.

Wenn ich also hier etwas über das Fernsehen sagen soll, muss ich von der Vergangenheit sprechen. Unser erstes Gerät war ein SABA Schauinsland T2000 color von 1967. Ich war sechs Jahre alt. Am Samstag nach dem Baden saßen 4 saubere Kinder, mit Grießbrei und Apfelmus abgefüttert, vor dem Fernseher zur Sendezeit von Daktari. Danach kreischten und hüpften wir wie Judy der Schimpanse, oder brüllten wie Clarence der Löwe. Später kamen andere Serien dazu. Bonanza, Tarzan, Raumschiff Enterprise. Nur Fußball und Nachrichten waren das Fernseh-Monopol des Vaters. Hier herrschten klare Verhältnisse. Drum gab es wegen des Fernsehens niemals Streit. 

Eine meiner lebhaftesten Kindheitserinnerungen war Karl-Heinz-Köpcke, der unseren Vater regelmäßig derart in Rage brachte, dass er aufsprang und tobte wie Rumpelstilzchen, weil Herr Köpcke seiner politischen Meinung widersprach. Als auch die Nachrichten zu einer kommerziellen Unterhaltungsware wurde, verlor Vater sein Interesse an Politik. Fortan schlief er bierselig vor der Flimmerkiste ein. Sein allabendliches Schnarchen und Grunzen, während bewegte Bilder vergeblich um seine Aufmerksamkeit buhlten, gehörte zu den friedvollen Momenten in unserem Familienleben. Manchmal schreckte er aus dem Schlaf hoch, wenn ein Schuss fiel oder eine Frau kreischte. Das weiße Rauschen nach Sendeschluss versetzte ihn in Tiefschlaf. Wenn der durchdringende Pfeifton das nächtliche Wohnzimmer zerriss, ging er zu Bett, wenn er es fand. 

Heute wird 24/7 gesendet Die guten Sachen nach Mitternacht, wenn ohnehin keiner mehr fernsieht, denn Vater verstarb noch bevor der Flachbildschirm erfunden wurde. Vielleicht das Beste für ihn. Denn während über den Röhrenbildschirm noch Inhalte mit gedanklicher Tiefe in die Wohnzimmer gelangten, war der Flachbildschirm eine folgerichtige technische Entwicklung. 

Ich verkaufte meinen letzten Röhrenfernseher 2004 für 5 Euro an einen Nachbarn. Bis dato hatte ich schwarz gesehen und dem GEZ Mann an der Haustür kaltblütig Lügen aufgetischt. Danach habe ich nie mehr ferngesehen. Paradoxerweise zahle ich seither aber diese Gebühren. Darüber könnte ich mich jetzt auslassen. Mach ich aber nicht. Das würde die Sendung sprengen und Prof. Eisenbart und Dr. Meisendraht zur Verzweiflung bringen. Die haben es eh schwer genug. 

Zurück zu meinem Urlaub. Ich habe für den Rest der Tage die Fernbedienung nicht mehr in die Hand genommen. WLAN habe ich auch nicht mehr genutzt. Das war kein Verzicht, sondern das natürliche Wegfallen von Überflüssigem, wenn man zu sich selbst kommt. 

Fernsehen erhielt dann seine ursprüngliche Bedeutung zurück. Ich sah in die Ferne. Zum Beispiel aus dem Fenster direkt in den Himmel, wo die Wolken sind und das Wetter gemacht wird, ohne die Vermittlung des Deutschen Wetterdienstes. Oder ich sah – auf der Bank am Meer sitzend – zum Horizont, dort wo Meer und Himmel zusammenstoßen, ein Ort, den man niemals erreicht. Nichts ist im Weg, nichts versperrt die Sicht, nichts beansprucht die Informationsverarbeitung in meinem Gehirn, sodass ich anfange wirklich zu sehen, den Wind im Gesicht zu spüren und den eigenen Atem, leicht und frei. Das ist nicht nur Fernsehen, liebe Leute, das ist Großes Kino…

Daphne Elfenbein: Das Märchen vom Waldbaden

Es war einmal eine Elfe. Die lebte auf einem Baum. Der Baum stand mitten im Wald der im Sommer herrlich nach Zedernholz roch und im Winter nach  dem feinen Moder gefallener Nadeln.  Die Vögel begannen im März ihr Konzert und im Herbst zogen sie in lärmenden Schwärmen über die Wälder  hinweg.  

Gerne ließ sich die Elfe an sonnigen Tagen in einer Astgabel zum Mittagsschlaf nieder. Dabei ließen die Schatten der Äste im Wind Sonnenflecken auf  ihrem Gesichtchen tanzen. Den Winter durchschlief sie meist in einem hohlen  Stamm, der an einem Bach stand. Erst wenn es kalt wurde, verschwand sein  liebliches Gluckern und Plätschern unter starrendem Eis. Doch wenn die ersten  Rinnsale sich wieder lösten und die Vögel zurückkehrten, putzte die Elfe ihre  Flügel und flog übermütige Kreise und Schleifen um Blumen und Bäume herum. 

Da kam eines Tages ein großer alter Elch und sprach: Kleine Elfe. Komm in die  große Stadt. Dort wartet ein wunderbares Leben auf dich. Du kannst arbeiten  und Geld verdienen und wohnst in einem schönen Haus und am Wochenende  gehst du ins Kino. Schau. Ich selbst arbeite schon lange bei einer Bank und habe  Geld auf dem Konto für das ich mir alles kaufen kann: Elchkühe, Zähne, Häute,  Wassertränken aller Art, und im Winter gibt`s heiße Kastanien. Gibt es auch  Elfen in der Stadt?, fragte die Elfe und zirbelte mit den Flügeln. Sehr wohl, sagte  der Elch: Viele interessante Elfen. Du wirst staunen. Ach ich weiß nicht recht,  murmelte die Elfe, und wippte im Takt ihres Herzschlags davon.  

Des Nachts konnte die Elfe nicht schlafen. Zu schön klang das Leben, das der  Elch ihr vorgemalt hatte. Und hatte sie selbst nicht längst genug von dem ein samen Leben im Wald? Es wurde Herbst. Es wurde Winter. Und immerzu dach te die Elfe an die Worte des alten Elchs. Arbeit,  

Geld, Kino, viele aufregende Elfen… Es war an einem Novembertag, an dem sie ausgiebig ihre Flügel putzte, Nüsse und Honigwaben sammelte und zum hohlen Baum trug zur Vorbereitung auf den Winterschlaf. Doch diesmal war der Baum besetzt. Ein dicker fetter Dachs machte sich breit in ihrem Winterdomizil. Hau ab, grunzte der nur und drehte ihr sein Hinterteil zu. Jetzt reicht`s mir aber, sagte die Elfe und schmiss ihre Sachen hin. Denn mit dem Dachs wollte sich keiner im ganzen Wald anlegen. Ich geh in die Stadt, rief sie, jawohl! Und schon packte die Elfe ihr Bündelchen und flog mit ihren frisch geputzten Flügeln in die Stadt.  

Als sie klein war, hatten ihre Eltern sie oft mit dorthin genommen. Damals hatte  sie ihren Elfengeschwistern alle alle Reklameschilder vorgelesen, an denen sie  vorbei geflogen waren. Die Elfe konnte nämlich lesen. Und nun war die Elfe  schon groß und flog ganz allein in die Stadt. Als Erstes ging sie zur Bank. Die lag direkt neben der Börse: Bitte, ich möchte Herrn Elch sprechen, sagte sie zu der  Frau am Schalter, die sie verwirrt anschaute. Dann drehte sie sich um und rief  zu ihren Kolleginnen: Schaut mal! Eine Elfe! Eine Elfe! Die Anderen eilten herbei  und riefen: Ja dass es so etwas noch gibt. Aus dem Wald, rief eine. Was? Gibt es  noch Wald?, fragte eine. Und da kam auch schon der Herr Elch im feinen Anzug  aus dem Backoffice: Ja guten Tag liebe Elfe. Ich freue mich, dass du zur Vernunft  gekommen und in die Stadt gekommen bist. Endlich, rief er und breitete die  Arme aus. Die Elfe flatterte auf seine Schultern. Zeigst du mir wohl, wo mein  Baum ist?, und Ihre Flügel summten. 

Und so kam die Elfe in die Stadt.  Der Herr Elch zeigte ihr einen unbewohnten Dachsbau in einem Mietshaus, einen Laden, in dem es Honig und Nüsse in Gläsern und Plastiktüten gab und ein Büro, wo sie jeden Tag hingehen musste zum Geldverdienen. Letzteres leuchtete ihr zwar nicht so ganz ein. Doch der Elch versicherte ihr, das habe schon alles seine Richtigkeit. Jeder müsse sich nützlich machen. Aha, meinte die Elfe und nickte vage.  

Und so zog sie ein in einer kleinen Betonschachtel und ging täglich ins Büro.  Eines Tages aber lief ihr der Dachs über den Weg. Tollpatschig strollte er über  die Straße und ein Mercedes machte eine Vollbremsung direkt vor seinem fet ten Hinterteil, das jetzt noch fetter geworden war. Die Elfe blieb stehen: Was  machst du denn hier? Nu nä, grunzte der Dachs, das mit dem Wald war nicht  mehr so mein Ding. Man wird älter… außerdem hab ich einen Job bei der Börse  bekommen. Die Elfe legte das Köpfchen schräg an den Flügel und überlegte: Ja,  eigentlich… das mit dem Wald war auch für mich nicht mehr so… 

Und so nahm das neue Leben seinen Lauf. Sie fuhr U-Bahn. Sie fuhr im Bus. Sie  kaufte hinter großen Glasscheiben allerhand ein, und am Samstag ging sie ins  Kino. Alle anderen Tage flog sie in einem Büro herum und trug auf ihren dünnen  Ärmchen Papierstapel hierhin und dorthin. Sie tippte schwarze Buchstaben auf  einen weißen Bildschirm, von dem ihr die Augen brannten. Sie lernte, dass ihre  Arbeitskollegen alle so taten, als seien sie keine Elfen. Denn sie waren nie zum  Spielen aufgelegt. Immer guckten sie ernst und streng und schüttelten missbilli gend den Kopf, wenn die Elfe jubelte, weil draußen Blütenstaub in unsichtbaren  Wolken durch den Äther stob.  

Es ging nicht lange und die Elfe wurde krank. Sehr krank. Immer war sie müde. Und nie hatte sie Lust zu irgendwas. Sie fing an komische Sachen zu machen: dass sie immerzu gegen die Wand flog in ihrem Zimmer oder Nächte lang mit hohem Flügelschlag an der Decke neben der Lampe hing wie ein gefangener Nachtfalter. Es wurde so schlimm, dass sie sterben wollte. Der Herr Elch sagte, nimm eine Aspirin, und geh zum Arzt. Der Arzt betastete Panzer und Flügel der Elfe und befand: Eigentlich bist du ganz gesund. Das ist bestimmt psychosomatisch 

Ich gehe zurück in den Wald, sagte die Elfe zu einer Nachbarelfe. Das ist mir alles zu komisch hier. Ich will nach Haus. Es war schon  wieder Frühling geworden und sie vermisste so sehr das Gluckern des Baches beim hohlen Baum, den Duft der Schneeschmelze und der ersten Veilchen. Be stimmt ist mein Baum jetzt wieder frei, dachte sie, packte ihr Bündel und flog  zurück in den Wald.  

Aber ach! Der ganze Wald war gerodet. Ihr Baum war nicht mehr da.  

Der Bach war begradigt und verlief unter der Erde. Sie musste das Ohr fest an die Erde pressen, um ihn zu hören. Der hohle Baum fehlte gänzlich. Die Erde war aufgeschürft wie eine einzige große Wunde. Oh weh! Rief sie, wo ist mein Wald? Wo soll ich jetzt hin? Im Torkelflug landete sie wieder vor der Haustür ihres Mietshauses. Ja hast du denn nicht die Zeitung gelesen?, fragte der Elch. Es ist doch allgemein bekannt, dass die  Bank den Wald roden lässt. 

Es ist eben der Stress, das Wetter, die Jahreszeit, sagte der Doktor, der am  nächsten Tag ihr rasendes Herzchen abhörte. Dann setzte er sich hinter seinen  Schreibtisch und holte den Rezeptblock aus der Schublade. Ich verschreibe dir  Waldbaden, sagte er.  

Waldbaden? Fragte die Elfe und schüttelte den Kopf.  

Du weißt nicht was Waldbaden ist?, fragte der Arzt, du bist doch eine Elfe. Ja ja, meinte die Elfe, und ließ den Kopf hängen.  

Waldbaden beruhigt, sagte der Doktor. Und Ruhe ist, was du jetzt brauchst.  Dann gab er ihr noch eine CD mit Vogelstimmen. Da, die musst du jetzt jeden  Abend zum Einschlafen hören. 

„Waldbaden ist gut gegen Krankheiten aller Art“, stand in dem Prospekt der Krankenversicherung. Die zahlte von nun an für das regelmäßige Waldbaden. Dazu musste sie lange im Zug fahren. Dann stand sie auf einem Parkplatz in einer großen Gruppe von Elfen auf Krücken, an Rädern, hustend, bleich wie der Tod. Die Elfe selbst war nur noch Haut und Knochen, winzig und blass mit durchsichtigen Flügeln. Der Waldtherapeut schnallte ihr einen Rucksack auf den Rücken. Ein Experte hielt den Neuankömmlingen einen Vortrag: Dieser Badewald gehört der Elch-Bank und ist zertifiziert wegen seines hohen Gehalts an Zedernöl. Hier liegt im Übrigen auch der Ursprung der Elfen! Am Bach könnt ihr das heilsame Plätschern des  Wassers hören. Aber ihr müsst immer auf den auf den vorgezeichneten Wegen bleiben…

Daphne Elfenbein: Der Mundschutz-Hype

Corona Corona Corona – das ist mein neuer Song.

Ich sing ihn von früh bis spät. Außer ich trag den Mundschutz, dann kann ich nicht singen. Mundschutz ist das Accessoire unserer Zeit. Ich hab schon ein Gewerbe angemeldet dafür. Alles online. Raus darf man ja nicht. Die Welt steht ja still. Jetzt vertreibe ich Designer Mundschutze übers Internet. Leute ich mach die große Kohle aus der Krise und sing dazu: Corona Corona Corona, während ich an der Nähmaschine hocke und die schönsten Stoffe zu den schönsten Masken nähe. Rot mit weißen Punkten. Weiß mit grünen Punkten, Glencheck, Burlington, Japanese, Karo mit Edelweiß, Regenbogen, Orientalisch, Jugendstil, Asiatisch, Vintage, Dalmatiner-Look, ein ganzer Katalog.

Wenn ich jetzt noch wie gewohnt zu meinem Nagelstudio, zur Massage und Kosmetik gehen könnte wie gewohnt, dann wär mein Leben perfekt. Stattdessen hat mir mein sehr geschätzter Göttergatte heute früh eröffnet: Du kotzt mich an. Bloß weil ich mal etwas länger in der Badewanne gesungen habe. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich hab mich dann schön gemacht (das Vintage Kleid mit den Riesen-Orchideen, Parfum und Bambi Hütchen), und bin flanieren gegangen. Roter Mundschutz mit weißen Punkten. Passend zum Outfit. Und Abstand halten!

Prompt hat mich an See ein Jogger angerempelt. Ich hab geschrien und ihm ein Bein gestellt. Dann fuhr zufällig die Polizei vorbei. Sofort stand ein Pulk von Gaffern um uns herum. Ich will sofort ins Krankenhaus! Hab ich geschrien, einen Seuchen – Test machen. Ich lass mich doch von diesem dahergelaufenen Jogger nicht infizieren. Der Kerl wand sich am Boden und hustete mein Pfefferspray aus. Na ja, vielleicht überleg ich’s mir noch, ob ich ihn anzeige, ich zeig ihn sicher an.
Jedenfalls hatte ich dann, umringt von besorgten Leuten aus meiner Nachbarschaft, Gelegenheit meine Designer-Mundschutzmodelle vorzuführen, ich hab die ja immer dabei. Ich hab Riesen-Aufträge mit nach Hause gebracht.

Und kaum bin ich zu Hause… hab ich die nächste Geschäftsidee, obwohl mein Göttergatte schon wieder die Augen rollt deswegen.
„Unter Masken zu singen!“ Yes we can! Diese Krise macht mich reich! Ich biete online Seminare an, wie man unter der Maske singt. Corona Corona Corona… und dann texte ich einen Krisen-Song. schließlich war ich mal Opernsängerin… Es wird einen YouTube Kanal geben.

Huch! Es klingelt, das ist meine Delikatessen Lieferung. Schatzi, mach den Schampus auf. Es gibt was zu feiern.

Daphne Elfenbein: Der Tierfreie Nichtraucherhaushalt

Der Tierfreie Nichtraucherhaushalt ist derzeit das entscheidende Qualitätsmerkmal im virtuellen Kaufhaus der Gebrauchtwaren für Minimalisten und Hartz-IV Empfänger: ………..Ebay-Kleinanzeigen. Im Tierfreien Nichtraucherhaushalt kriegen Sie alles, was Sie nicht brauchen. Und das gebraucht: Die Wasserfilterkanne, das Vintage Puzzle mit dem zerdrückten Karton, das Fitness – Gummiband und den verschlissenen Kniestuhl. Sowohl beim Verkäufer als auch bei Ihnen wird das Ding ungenutzt herumstehen. Doch es ist billig! Der Tierfreie Nichtraucherhaushalt garantiert Ihnen aber, dass weder Hundehaare, Spucke oder Katzenkotze dran kleben. 

Allein das Kauferlebnis ist schon ein Abenteuer und toppt jede Shopping-Tour durch die Galeries Lafayette. Sie sitzen also an einem langweiligen Sonntag in der leeren kalten Straßenbahn und fahren in den äußersten Osten der Stadt. Sie haben über 6 Stunden hinweg Textnachrichten mit dem Verkäufer ausgetauscht, jedoch hat er Ihnen bislang weder seinen Namen noch die Adresse verraten. Das macht die Sache spannend. Sie wissen lediglich, bei welchem Einkaufszentrum Sie aussteigen müssen. Dort in der Nähe muss es sein. „Kontaktieren Sie mich nochmal, wenn Sie vor dem Lindencenter stehen“ war die letzte Anweisung des geheimnisvollen Anbieters. Sie steigen aus und betreten Neuland. Lindencenter. Reno, Takko, Rewe. Noch nie hier gewesen. Dann gehen Sie online und bitten den Verkäufer, jetzt doch mal allmählich mit Namen und Adresse rauszurücken. 

Exkurs: Wir leben in einer gefährlichen Gesellschaft. Man muss vorsichtig sein und darf niemand trauen. Anonymität und Unpersönlichkeit ist in allen Lebenslagen zu wahren. Sollten Sie unsicher sein, empfehlen wir einen Volkshochschulkurs zur Umsetzung der neuen Datenschutzverordnung. Ende des Exkurses.

Sie stehen also am Sonntagmittag in einer leeren Straße in einem entfernten Vorort und starren ratlos auf Ihr Smartphone. Ihre Aufgabe ist es jetzt, online zu gehen und den Verkäufer mit einer Textnachricht um Namen und Adresse zu bitten, wenn nötig verschlüsselt. Quälende Minuten vergehen. Irgendwann lassen Sie sich dann von Ihrem Smartphone zur Ahorngasse 14 navigieren, stoßen dabei an einen Laternenmasten und haben keine Lust mehr, weil das alles so lang dauert. Sie stehen vor einem Wohnblock und ahnen, irgendwo hinter einem dieser 100 identischen Fenster liegt in einer staubigen Ecke Ihr ersehntes Vintage-Puzzle mit dem zerdrückten Karton. „Ich steh jetzt vor dem Haus, wo soll ich klingeln?“ texten Sie. 

Kurz darauf schallen Ihre Schritte im Treppenhaus. Noch kürzer darauf geschieht der Handel. Er dauert 3 Sekunden und benötigt 5-6 genuschelte Worte, den Austausch von ein paar Münzen und die Wohnungstür schließt sich wieder. Käufer und Verkäufer versinken wieder in der Anonymität der Datenschutzgesellschaft. Sie Klemmen das Ding unter den Arm und machen sich auf die Heimreise. Der Kick, den Sie sich davon versprochen haben, bleibt an diesem Sonntag aus. In der Straßenbahn betrachten Sie zweifelnd ihren zerdrückten Puzzlekarton. Ein Fahrgast schaut interessiert. Sie sagen: „das hab ich aus einem tierfreien Nichtraucherhaushalt!“ 

Daphne Elfenbein: Von der Mall of Shame zur kleckerfreien Fließbirne

Seit Daphne Elfenbein ihr lukratives Dasein als Büroratte hinter sich gelassen hat, wo sie nach Herzenslust Kolleginnen gebissen und Kabel durchgenagt hat, bis sie  – äh – befördert wurde, hat sie ein neues Hobby: Shopping! 

Berlin – die Schmuddelmetropole ihrer Träume – hat ja einen Mangel an Shopping-Centern. Das liegt daran, dass die Bauherren so gesetzestreu sind und niemals rumänische Arbeiter für 6 Euro die Stunde beschäftigen. Drum muss Daphne Elfenbein sehr weit fahren, um in das Shopping Center ihrer Träume zu gelangen, wo sie sich einen ganzen Tag lang austobt und immer wieder gern die weißen Handschuhe auszieht, um aus dem silbernen Beutelchen, das niemals leer wird, hübsche Scheinchen über den Ladentisch zu schieben und mit entzückendem Lächeln zuzusehen, wie sie auf Echtheit geprüft werden, um dann Produkte über Produkte einzusacken in diese schicken Einkaufstaschen mit den schicken Logos und den Tragekordeln, an denen jede kleine Hausfrau ablesen kann, in was für Luxusläden Frau Elfenbein ein und ausgeht. 

Dass die Sächelchen später gern bei DER Second Hand-Adresse in Berlin landen, sollte hier eigentlich nicht erwähnt werden, aber nun … der Vollständigkeit halber. 

Irgendwo müssen sie ja hin, die Millionen. Schließlich ist bald Berlinale. Und da braucht Frau was zum Anziehen. Schon bei der Feministischen Modenschau von Karl Lagerfeld ist das außerordentliche Model-Talent von Daphne Elfenbein Reportern von Vogue und Gala aufgefallen. Ein Model ist heutzutage kein feminines Dummchen mehr, dass grade mal zum Poppen taugt. Ein Model hat Betriebswirtschaft studiert, schaut klug und selbstsicher durch Brillengläser in die Kamera mit ihrer gerichteten Aristokratennase und lässt sich von keinem was erzählen. Der Mund kommt von Botox, die Frisur von L’Oreal und die Wimpern von – äh – Chanel. Und der rote Teppich kommt auch gleich angerollt. Aber heut wird nicht flaniert auf der Mall of fame, sondern demonstriert gegen die Mall of Shame. Jawohl. Für mehr Rechte und weniger Gewalt. Für mehr Geld und weniger Arbeit. Für große Lohntüten, die pünktlich ausgezahlt werden. Oder haben die die Rumänen etwa mit leeren Händen wieder heim geschickt, als die Mall fertig gebaut war? Oh je. 

Eine Million Friedenstauben für die Frauen dieser Welt, die zu viel gehauen werden, zu wenig verdienen. Eine Million Friedenstauben, damit die Rumänischen Bauarbeiter in beheizten Bauwagen schlafen dürfen. Frauen in der Politik kriegen allesamt eine Quote und kommen jetzt aus Hollywood in den Bundestag. Das macht Feminismus richtig sexy und auch für Männer angstfrei und potenzfreundlich.

Was ganz Anderes. Damit Daphne Elfenbein sich beim Berlinale-Presseball ihr neues Versace Kleid nicht ruiniert, hat sie sich einen Apfelschneider bei Rossmann-Ideenwelt gekauft. Eine halbe Stunde hat sie vor der strahlenden Auslage von Kurzzeit-Artikeln gestanden, der Lockenstab, die Toastbrotbox, die Knäckebrotbox, die Einweg Click-Box, das Trainings-Armband, die Kaffeepad-Dose, Puh…

Liebe Zuhörerinnen, wusstet ihr, dass Daphne Elfenbein eine Vorliebe für reife Birnen hat? Der 5. Gang beim Presseball-Dinner ist Daphne Elfenbeins glamouröser Höhepunkt. Da bringt ihr das griechische Personal traditionsgemäß eine riesengroße Williams-Birne, goldgelb, nebst einem Schälchen Frischkäse, drei Feigen und einem Messerchen und stellt es mit weißen Handschuhen auf die Tafel. Und da Daphne Elfenbein mit solch gewalttätigen Werkzeugen nicht umgehen kann und aus dem Alter raus ist, wo man sich ein Lätzchen umbindet, um nicht zu kleckern, hat sie sich für die Rossmann-Apfelschneider-Lösung entschieden. Diesen weiß-grünen Küchenhelfer ohne Migrationshintergrund wird sie um Mitternacht diskret aus dem Gucci Täschchen ziehen und damit ihre Fließbirne rituell in 6 gleich große Schnitze zerteilen, sodass der Saft üppig über den Tellerrand schwappt. Und während um sie herum die Größen aus Presse, Film und Fernsehen Name dropping betreiben, betreibt Frau Elfenbein Birnen-dripping. Na ja, sie sabbert noch ein bisschen bei der Obst-Attacke und ihre feministischen Fingernägel kriegen Säure-Flecken. Aber was soll‘ s – auch der liebe Gott hat nur geübt. Dem griechischen Kellner, der ihr eine zweite Serviette bringt, lässt sie später diskret 20 Cent in die Servierschürze gleiten.

Daphne Elfenbein: Der Zug nach Kötzschenbroda oder wie man zum Berliner Urgestein wird

Dass Daphne Elfenbein vom Himmel gefallen und auf den Füßen gelandet ist bei ihrer Geburt, ist in eingeweihten Kreisen hinlänglich bekannt. Dass sie aber nun, nach mehr als 50 Jahren des Irrens und Wirrens in Berlin angekommen ist, das soll heute über den Äther kundgetan werden. Zu Beginn des Neuen Jahres, wo die Glastonnen aus den Hinterhöfen verschwunden sind und an jeder Registerkasse auf Gedeih und Verderb Bons ausgegeben werden müssen, gibt es doch immerhin diese eine gute Nachricht. Frau Elfenbein ist von der Markgräflerin zum Berliner Urgestein mutiert. Zunächst soll hier in einer Schweigeminute der armen Verkäuferinnen gedacht werden, die bis zu 800 mal am Tag „möchten Sie den Bon?“ fragen müssen. —- (Schweigeminute). Und nun ein konstruktiver Lösungsvorschlag zur Kassenbon-Frage: Verlangen Sie den Bon doppelt! Dann haben Sie ein BonBon! 

Warum aber hat Daphne Elfenbein in Berlin nun ihre Heimat gefunden? Hat sie einen Test in Berlinkunde bestanden? Ist ihr Fell dick genug für die Unverschämtheit dieser Stadt? Nein. Wie jeden Morgen verließ sie heute mit 5 Minuten Verspätung das Haus, um 5 Minuten verspätet zur U-Bahn zu kommen und 5 Minuten später zur Arbeit. Ein wirksamer Auftritt. Doch hierzu gibt es mal eine eigene Sendung. Wenn es mal ein freies Thema gibt. 

Wie ging es weiter? Auf dem Weg zur U-Bahn nahm sie eine scheppernde klappernde Tasche mit leeren Gurkengläsern mit, die in die Altglastonne mussten. Nein, nicht im Hinterhof. Beim Park vorne, 200 Meter die Straße runter. Das erklärt das Zuspätkommen. Wenn die Glastonnen im Hinterhof gewesen wäre, dann wäre sie pünktlich gewesen. Die BSR ist schuld. Müssen die jetzt die Glastonnen aus den Hinterhöfen rausnehmen? Darüber hat sie sich lang und breit ausgejammert auf sämtlichen sozialen Netzwerken, so lange bis es eine Petition zur Wiedereinführung der Glastonne im Hinterhof gekommen ist. Darauf ist Frau Elfenbein stolz. Ihre Nachbarn haben kräftig mitgejammert: Es klappert so furchtbar, ich kann gar nicht mehr schlafen! Und wenn man über die Straße will, sieht man nix, das ist ja lebensgefährlich, mit diesen Glastonnen am Straßenrand. 

Die U-Bahn war dann berlintypisch auch zu spät, wegen einer technischen Betriebsstörung. Technische Betriebsstörung in Berlin kann dreierlei heißen: a) der Fahrer kam nicht zum Dienst oder ist in seiner Laube am gasenden Grill erstickt, den er zu Heizzwecken in sein Schlafzimmer gestellt hat. B) es hat sich wieder jemand vor den Zug geworfen oder ist von einem Irren auf die Gleise geschubst worden. C) es gibt einen Polizeieinsatz wegen Bandenkriminalität. Auch so eine Frage für den Berlin-Test. Aber um wirklich wirklich Berliner Urgestein zu werden, braucht es noch etwas ganz anderes…

Die Glastonnen waren so überfüllt, wie die verspätete U-Bahn. Frau Elfenbein zwängte sich in die Menschenmenge hinein zum BVG-Kuscheltreffen. Der Fahrer brüllte über die Fahrgastinformation: bitte benutzen Sie die Türen des gesamten Zuges. Und jetzt kommt’s: Frau Elfenbein brüllte zurück: „Und wer nicht reinpasst, fährt noch auf dem Dach mit!“ Die Fahrgäste stierten vor sich hin. Eine verzog schmerzhaft den Mund. Frau Elfenbein trällerte den „Zug nach Kötzschenbroda“ und ging beschwingt über den Kudamm: Das war echt Berliner Schnauze!“ Der Test ist bestanden! Daphne Elfenbein steht schon auf der Warteliste für einen Schrebergarten.

Daphne Elfenbein: O Stern, O Stern von Bethlehem

O Stern O Stern von Bethlehem
Weißt du worauf du scheinst?
Schon Ostern wird dein Kindlein gehen
Ist `s drum, dass du so weinst?

O Stern, dass hinter dunklen Wolken
der Julmond regnet vor sich hin
Ostern wird dann Blut gemolken
Vom guten Hirten – ob das Sinn…

macht, 0 Stern am Himmelszelt
wo sie vor Wiki-Weisheit schwitzen
Hinz und Kunz sich für Messias hält
Ostern verspricht man, still zu sitzen

Sieh, O Stern,wie sie einander foltern!
unter Kollegen, Brüdern, Bösewichten
Ostern zahlen wir`s ihnen heim
Der Heiland wird`s schon wieder richten

O Stern der Hoffnung nur kurze Zeit
Hat dein Kindlein lieb geflötet
Ostern siegt die Sachlichkeit
Wie geil es sich karfreitags tötet

Alle Jahre wieder siegt O Stern
Die Amtsgewalt über die Liebe
Ostern kreuzigt man fromm und gern
Zu Juul gibt´s gleich den Tod in die Wiege

Daphne Elfenbein: Winterschlaf mit Aldi

Ein unspektakulärer Tag. Das Leben im Elfenbeinturm ist nicht eben glamourös. Im Gegenteil. Frau Elfenbein schaut zu, wie aus einer undichten Stelle am Himmel der weiße Elfenstaub herabsinkt und beschließt, sich wieder einzurollen und den Winterschlaf fortzusetzen. Da irgendwann gegen Abend die wöchentliche Auffüllung der Speisekammer ansteht, schickt sie ihre Dienstboten zu einem Aldi-Markt, der still und mit Essen lockend, wie einst Mama, im Schnee steht und Kundschaft jeglicher Herkunft gleichberechtigt aufnimmt. Aus den winterschlafverklebten Augen glaubt Frau Elfenbein zu sehen, wie ein Mann im Aldi einen Kohlkopf vor sich herträgt und auf das Fließband legt. Irgendwer sagte ihr später, das sei ein Baby gewesen. Aber man sieht ohnehin nicht gut in diesen Tagen. Gesenkten Blickes schiebt man den Einkaufswagen aneinander vorbei. Ab und zu ein halbherziges „Entschuldigung“ gemurmelt, wegen Rempeln, und weiter. Dabei gäbe es allerhand zu sehen bei Aldi. Die Osterware liegt doch jetzt in den Auslagen. Die hat das Jesuskindlein schon Heiligabend unterm Stroh in seiner Krippe versteckt und – schwupps – zur allgemeinen Stimmungsaufhellung in die Metallkörbe bei Aldi gelegt. Ostereier mit glänzenden Schleifen, doof grinsende Osterhasen, ein Jägermeister Verschnitt mit Namen „Mümmelmann“. Fehlen nur noch die Narzissen. Wem es in diesen Tagen an Spaß mangelt – kann ja schon mal zum Eierlaufen antreten, oder zur Hasenjagd im Schnee. 

Und während die Gemüsehändler mit ihren Ständen auf dem Gehsteig sich mit Wärmestrahlern und dicken Handschuhen warm hielten, holte sich Frau Elfenbein ein paar winterschlaftaugliche Träume aus dem Internet. Filme, in denen die Herzen voll und der Geldbeutel leer ist. Aber das macht nichts, bei so viel Liebe. Filme, in denen keiner Angst hat, die Wahrheit zu sagen. Filme, in denen die Leute noch Arbeit haben, die eine Aufgabe ist und Geld noch dazu. Filme, in denen alle sich lieben in der Familie und keiner enterbt wird.
In der Bundesregierung werden indes mit der Säge Kümmelkörner gespalten. Herr Spahn darf seinen Entsagungs-Zwang am Volk abarbeiten und Herr Scholz seine Durchschnittlichkeit zum Besten geben . Frau Merkel macht nach dem Besuch der Grünen Woche eine Diät und die Panzerknacker aus Steglitz sind mit ihrer Beute auf dem Weg nach Spanien. Nur die Schulkinder haben nichts zu lachen. Die schauen ängstlich auf den Leistungsbarometer und machen ihre Hausaufgaben. Gespielt wird morgen. Oder überhaupt nicht. 

Dafür spielt aber jetzt Daphne Elfenbein. Sie bastelt und schnippelt und musiziert und unterweist ein nicht essbares Katzentier in Lasertechnologie. Sollen doch die Anderen Fleisch essen und Anschaffen gehen. Frau Elfenbein genießt ihren Tee und lässt die Beine baumeln. Herrlich ist das… so herrlich, dass sie all die Schimpfwörter vergisst, die sie je gelernt hat: Rindviech, Dreckschwein, dumme Gans, blöde Kuh… Signifikant, dass unsere Sprache grade die Namen der Tiere, die uns am Leben erhalten, als Schimpfwörter verwendet. „Was du geliebt hast, sollst du auch töten“ würde Heiner Müller jetzt dazu sagen. Aber der ist ja schon tot. Wurde er auch geliebt? Nach all diesen Filmen hält Daphne Elfenbein es allerdings für unumgänglich, dass wir auch lieben, was wir essen. Drum: Wer gemeinsam mit Daphne Elfenbein aufhören möchte, am Ast zu sägen, auf dem wir sitzen, bitte melden. 

Mit freundlichen Grüßen, 

Daphne Elfenbein

Vorzimmer von Dr. Gott

Daphne Elfenbein: Casino

„Du gehst heute Abend nicht da hin!“ Sie haute die Faust auf den Tisch, dass die Weihnachtsdeko hüpfte. „Oder ich verlass dich!“ Es war still. Gleich würde eine Tür schlagen. Er stand in der offenen Badezimmertür und füllte ein Glas mit Wasser. Sie saß am Küchentresen. Er kramte im Spiegelschrank, warf sich ein paar Aspirin ein, kippte das Wasser runter und zog seinen Mantel an. „Du siehst aus wie ein Penner“, sagte sie. „Danke, das ist charmant von dir, sagte er leichthin, „ich geh heute zum letzten Mal, Liebes, glaub mir“. Er kratzte sich die Bartstoppeln, strich seiner Frau zerstreut über den Kopf, worauf sie in haltlosem Schluchzen über dem Tisch zusammensank. Dann drückte er sanft die Tür ins Schloss und atmete auf. 

In Erwartung eines sicheren Hochgefühls schwebte er durch die Straßen mit seinem Leihwagen. Den eigenen hatte er verloren in jener denkwürdigen Pechsträhne letztes Jahr. Doch da war er noch ein blutiger Anfänger gewesen. Das würde er heute wettmachen… heute Abend… Und morgen hör ich auf damit! Susanne zuliebe! Eine Welle von Rechtschaffenheit und Wohlbehagen schwemmte sein schlechtes Gewissen weg. Alles wird gut. Die Ampel sprang auf grün. 

Der Wagen hielt vor dem Casino. Er hielt sein pochendes Herz, als die Türsteher ihren Stammkunden flüchtig nach Waffen abtasteten. Dann trat er ein in die Räume, die schon immer sein ureigenstes Element waren. Warmes Licht umfing ihn, Parfums und leichte Musik, da waren Frauen mit nackten Schultern und alte Damen mit kleinen weißen Hündchen auf dem Arm, Behandschuhte Schönheiten hielten lange spitze Zigaretten und befrackte Herren bedienten sich einer gewählten Sprache. Die Roulettescheiben klepperten wie die Uhrwerke Gottes. Die Croupiers murmelten Zauberformeln. Die Kronleuchter glänzten. HOME!! 

In der einen Hand hielt sie eine Rasierklinge, in der anderen Hand das Telefon. Auf ihrem Schoß lag ein Handtuch, in das Rotz und Wasser flossen. Am Telefon Christine, die beruhigend auf sie einsprach. Die Dialoge kennt man. Sie werden hier nicht wiederholt. Es wurde spät. Und ein paar Baileys halfen über den Schmerz hinweg. Am nächsten Morgen, an dem sie allein erwachte, sah Susanne ihrerseits wie eine Pennerin aus. Rot geschwollene Augen glotzten ihr aus dem Badezimmerspiegel entgegen. Es war noch Aspirin da. Sie öffnete die Behördenpost der letzten Wochen und nahm all ihren Mut zusammen um hin zu schauen. Da war was von der Arbeitsagentur, vom Inkassobüro, von der Hausverwaltung…

Gegen 11 Uhr vormittags ging die Türglocke. Sie öffnete. Da stand ein Fremder, der einmal Frank gewesen war. Er grinste blöde aus übernächtigtem Gesicht und hatte ein albernes weißes Hündchen auf dem Arm. „Ich hab gewonnen!“ rief er und hielt ihr ein Bündel Geldscheine entgegen, die irgendwie falsch aussahen. Sie glotzte müde auf die Erscheinung und machte keine Anstalten, ihn hereinzulassen. „Spitz hat mir geholfen“, er deutete auf den Hund in seinem Arm und stellte einen Fuß in die Tür. Der Hund sprang runter und lief in die Wohnung, als gehöre sie ihm. Frank krähte künstlich fröhlich wie zu sich selbst: „erst hab ich Spitz gewonnen, dann hat Spitz gewonnen!“ Er drängte sich an ihr vorbei in die dunkle, unaufgeräumte Wohnung, die schon Jahre keinen Besuch mehr empfangen hatte. Sie folgte ihm schleppend in ihrem Bademantel. 

„Und heute Abend gehen wir wieder hin…, rief er aus dem Badezimmer, wo er den Wasserhahn aufdrehte, „Spitz und ich!“ Susanne holte den Koffer vom Schrank, packte als erstes ihre Weihnachtsdeko vom Küchentresen ein, und wählte die Nummer von Christine. Der Hund hockte vor der Badezimmertür.

Daphne Elfenbein: Haare kämmen

das weiße Blut – du hast mich verletzt – jetzt ist es kaputt
Aufs Schneidbrett den Nacken gedrückt, 
neben dem Messer das Tier
die Lache neben dem Kühlschrank
nackte Füße auf Fliesen
weil alles mit A anfängt, also aaaa, 
sodass ich um acht Uhr fluchtartig den Tatort verlasse

leg deinen Kopf in meinen Schoß
schenk mir den regard irresistible
möchtest du ein hartes Ei? 
Das oeuil magique, die terre promise, der Mont de Venus 
Gib auf dein Horn Acht!
Soll ich dir die Haare kämmen? Komm!

Mit den Fingern durchs Haar, dein seidiges Haar
rauf dir dein Haar 
bis Blut fließt und Büschel zwischen den Fingern
das Tierchen, das Fellchen, die Schnauze
hat da nicht eben ein Glöckchen geschlagen?

aber das Gras und die Ameisen an den Halmen
die Frösche an den Rändern
der jaulende Hund, Libellen im Haar
du sagst ja nichts
zerkratzt dir ja dein Gesicht
dein Hals auf dem Kissen
ich hab das Messer genommen
die Stiche, Stöße, die Vorstöße zur Terre promise
tut es weh?

DAS
wenn sich Härchen aufrichten und Schläge
also die Stromschläge der terre promise
den ganzen Kerl durchzucken
que fait mon petit chou? 
was macht die die blinde Elster, 
das Hündchen, der Fuchs
wie’s schlummert unter den Blättern 
und die Turteltauben von den Drähten fallen
vor Schreck

Eine Hand, eine Gesäßtasche warm
eine Rundung, die aufschimmert
es ist ein Handwerk
aaah, da ist ja mein Messer
Fangen wir mit dem Regard irresistible an
schau mir in die Augen: soooo

Was haben die Amseln von den Beeren gegessen
den süßen Beeren – aber da!
Deine Hände machen ja, was sie wollen 
mal sehen was die Klinge uns sagt
auf deinem Rücken 
grün ist das Gras
dabei in den Himmel geblinzelt
Die Sonne macht einen ja ganz verrückt

Au! 
Schwindlig macht einen das Blut
immer auf und ab rauscht es 
im Ohr und auf den Straßen 
hoch aufgerichtet die Omnibusse mit ihren Tatzen
nicht nur die Schwalben
auch Schnabelmönche, die Tauben – kurr-uh
am Wegrand die Schalen
aufgebrochen, die Nabelschnüre der gelbe Schleim
quer übern Asphalt

vom Baum gefallen – rohe Eier im Mund 
mit dem Haar im Geäst
dabei die Vogeleier zerquetscht, 
das Hemd zerfetzt
Schrammen auf der Brust
das kommt davon -ein Glockenton 
das dürre Glöckchen, ein Schellenbaum
eins-zwei-drei
dein Haar versengt an der Sonne

jetzt auf den Bauch liegen,
Ameisen aus Locken klauben
Bienen schaukeln im Schatten der Halme
die Luft von Entenflügeln gerührt
im Schatten behaarter Wipfel
ein Maulwurf, der sich tiefer gräbt
etwas, das aus der Erde schießt, 
funkelnd und heiß wie die Sonne

unter den Achselhöhlen, in den Venusgebirgen
fabulieren mit den Fingern im Ohr
Text, der aus allen Poren quillt
Zügel, en train, da lösen sich sämtliche Bänder
gib Acht, dein Haar
und steigt ab vom blutigen Schoß

Dann war da aber noch das Hündchen

Das Entchen, du Strolch!
den Nacken ins Gras
am Schwänzchen in der Luft herumgewirbelt
ein bisschen Remy Martin
in die Tierschnauze geträufelt
wie wär’s mit einem Eis am Stiel? 
Scherben im Mund 
und wieder ist ein Vogeljunges 
aus dem Nest gefallen

Fleisch fressende Pflanze
gieriges Kätzchen – Efeugewächs
Wollen sehen, was dein Brusthaar uns sagt
Relaxez-vous, so ist’s recht.

Nicht das Gesicht verziehen, nein
das Herz nicht schlagen lassen
ne donnez pas libre cours a vos emotions
Daisies – Ameisen im Haar
Der Kamm bleibt hängen
AU

du hast mich verletzt
das weiße Blut -– jetzt ist es kaputt
Oh! Ich vergaß die terre promise
aber nicht doch!  
Entspannen Sie sich!
Ein bisschen Gymnastik
Noch mehr vom oeuil magique
und noch ein wenig hinter dem Ohr
schwarz glänzt das Haar

Tage im Blattwerk
im Schatten der Halme 
es rauscht die Pappel im Ohr 
wie es zu fließen beginnt
Die Sonne spaziert am Zenith
weil es nach Eisen schmeckt und am Bauch klebt
Büschel aus Krallen geschüttelt
Relaxez – vous

mit dem Omnibus in eine Achselhöhle gefahren
haarig, Perlen im Mund – 
aus glänzenden Flügeln Augen
Zungen, vergraben tief
grün ist das Gras und
Trauerweiden lassen ihr Haar herab

Die Blume im Spiegel pariert
Es ist eine alte Erfahrung
Dass einen das abgelegte Leben
aufs Höchlichste schmerzt