Daphne Elfenbein: Der Mundschutz-Hype

Corona Corona Corona – das ist mein neuer Song.

Ich sing ihn von früh bis spät. Außer ich trag den Mundschutz, dann kann ich nicht singen. Mundschutz ist das Accessoire unserer Zeit. Ich hab schon ein Gewerbe angemeldet dafür. Alles online. Raus darf man ja nicht. Die Welt steht ja still. Jetzt vertreibe ich Designer Mundschutze übers Internet. Leute ich mach die große Kohle aus der Krise und sing dazu: Corona Corona Corona, während ich an der Nähmaschine hocke und die schönsten Stoffe zu den schönsten Masken nähe. Rot mit weißen Punkten. Weiß mit grünen Punkten, Glencheck, Burlington, Japanese, Karo mit Edelweiß, Regenbogen, Orientalisch, Jugendstil, Asiatisch, Vintage, Dalmatiner-Look, ein ganzer Katalog.

Wenn ich jetzt noch wie gewohnt zu meinem Nagelstudio, zur Massage und Kosmetik gehen könnte wie gewohnt, dann wär mein Leben perfekt. Stattdessen hat mir mein sehr geschätzter Göttergatte heute früh eröffnet: Du kotzt mich an. Bloß weil ich mal etwas länger in der Badewanne gesungen habe. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich hab mich dann schön gemacht (das Vintage Kleid mit den Riesen-Orchideen, Parfum und Bambi Hütchen), und bin flanieren gegangen. Roter Mundschutz mit weißen Punkten. Passend zum Outfit. Und Abstand halten!

Prompt hat mich an See ein Jogger angerempelt. Ich hab geschrien und ihm ein Bein gestellt. Dann fuhr zufällig die Polizei vorbei. Sofort stand ein Pulk von Gaffern um uns herum. Ich will sofort ins Krankenhaus! Hab ich geschrien, einen Seuchen – Test machen. Ich lass mich doch von diesem dahergelaufenen Jogger nicht infizieren. Der Kerl wand sich am Boden und hustete mein Pfefferspray aus. Na ja, vielleicht überleg ich’s mir noch, ob ich ihn anzeige, ich zeig ihn sicher an.
Jedenfalls hatte ich dann, umringt von besorgten Leuten aus meiner Nachbarschaft, Gelegenheit meine Designer-Mundschutzmodelle vorzuführen, ich hab die ja immer dabei. Ich hab Riesen-Aufträge mit nach Hause gebracht.

Und kaum bin ich zu Hause… hab ich die nächste Geschäftsidee, obwohl mein Göttergatte schon wieder die Augen rollt deswegen.
„Unter Masken zu singen!“ Yes we can! Diese Krise macht mich reich! Ich biete online Seminare an, wie man unter der Maske singt. Corona Corona Corona… und dann texte ich einen Krisen-Song. schließlich war ich mal Opernsängerin… Es wird einen YouTube Kanal geben.

Huch! Es klingelt, das ist meine Delikatessen Lieferung. Schatzi, mach den Schampus auf. Es gibt was zu feiern.

Daphne Elfenbein: Der Tierfreie Nichtraucherhaushalt

Der Tierfreie Nichtraucherhaushalt ist derzeit das entscheidende Qualitätsmerkmal im virtuellen Kaufhaus der Gebrauchtwaren für Minimalisten und Hartz-IV Empfänger: ………..Ebay-Kleinanzeigen. Im Tierfreien Nichtraucherhaushalt kriegen Sie alles, was Sie nicht brauchen. Und das gebraucht: Die Wasserfilterkanne, das Vintage Puzzle mit dem zerdrückten Karton, das Fitness – Gummiband und den verschlissenen Kniestuhl. Sowohl beim Verkäufer als auch bei Ihnen wird das Ding ungenutzt herumstehen. Doch es ist billig! Der Tierfreie Nichtraucherhaushalt garantiert Ihnen aber, dass weder Hundehaare, Spucke oder Katzenkotze dran kleben. 

Allein das Kauferlebnis ist schon ein Abenteuer und toppt jede Shopping-Tour durch die Galeries Lafayette. Sie sitzen also an einem langweiligen Sonntag in der leeren kalten Straßenbahn und fahren in den äußersten Osten der Stadt. Sie haben über 6 Stunden hinweg Textnachrichten mit dem Verkäufer ausgetauscht, jedoch hat er Ihnen bislang weder seinen Namen noch die Adresse verraten. Das macht die Sache spannend. Sie wissen lediglich, bei welchem Einkaufszentrum Sie aussteigen müssen. Dort in der Nähe muss es sein. „Kontaktieren Sie mich nochmal, wenn Sie vor dem Lindencenter stehen“ war die letzte Anweisung des geheimnisvollen Anbieters. Sie steigen aus und betreten Neuland. Lindencenter. Reno, Takko, Rewe. Noch nie hier gewesen. Dann gehen Sie online und bitten den Verkäufer, jetzt doch mal allmählich mit Namen und Adresse rauszurücken. 

Exkurs: Wir leben in einer gefährlichen Gesellschaft. Man muss vorsichtig sein und darf niemand trauen. Anonymität und Unpersönlichkeit ist in allen Lebenslagen zu wahren. Sollten Sie unsicher sein, empfehlen wir einen Volkshochschulkurs zur Umsetzung der neuen Datenschutzverordnung. Ende des Exkurses.

Sie stehen also am Sonntagmittag in einer leeren Straße in einem entfernten Vorort und starren ratlos auf Ihr Smartphone. Ihre Aufgabe ist es jetzt, online zu gehen und den Verkäufer mit einer Textnachricht um Namen und Adresse zu bitten, wenn nötig verschlüsselt. Quälende Minuten vergehen. Irgendwann lassen Sie sich dann von Ihrem Smartphone zur Ahorngasse 14 navigieren, stoßen dabei an einen Laternenmasten und haben keine Lust mehr, weil das alles so lang dauert. Sie stehen vor einem Wohnblock und ahnen, irgendwo hinter einem dieser 100 identischen Fenster liegt in einer staubigen Ecke Ihr ersehntes Vintage-Puzzle mit dem zerdrückten Karton. „Ich steh jetzt vor dem Haus, wo soll ich klingeln?“ texten Sie. 

Kurz darauf schallen Ihre Schritte im Treppenhaus. Noch kürzer darauf geschieht der Handel. Er dauert 3 Sekunden und benötigt 5-6 genuschelte Worte, den Austausch von ein paar Münzen und die Wohnungstür schließt sich wieder. Käufer und Verkäufer versinken wieder in der Anonymität der Datenschutzgesellschaft. Sie Klemmen das Ding unter den Arm und machen sich auf die Heimreise. Der Kick, den Sie sich davon versprochen haben, bleibt an diesem Sonntag aus. In der Straßenbahn betrachten Sie zweifelnd ihren zerdrückten Puzzlekarton. Ein Fahrgast schaut interessiert. Sie sagen: „das hab ich aus einem tierfreien Nichtraucherhaushalt!“ 

Daphne Elfenbein: Von der Mall of Shame zur kleckerfreien Fließbirne

Seit Daphne Elfenbein ihr lukratives Dasein als Büroratte hinter sich gelassen hat, wo sie nach Herzenslust Kolleginnen gebissen und Kabel durchgenagt hat, bis sie  – äh – befördert wurde, hat sie ein neues Hobby: Shopping! 

Berlin – die Schmuddelmetropole ihrer Träume – hat ja einen Mangel an Shopping-Centern. Das liegt daran, dass die Bauherren so gesetzestreu sind und niemals rumänische Arbeiter für 6 Euro die Stunde beschäftigen. Drum muss Daphne Elfenbein sehr weit fahren, um in das Shopping Center ihrer Träume zu gelangen, wo sie sich einen ganzen Tag lang austobt und immer wieder gern die weißen Handschuhe auszieht, um aus dem silbernen Beutelchen, das niemals leer wird, hübsche Scheinchen über den Ladentisch zu schieben und mit entzückendem Lächeln zuzusehen, wie sie auf Echtheit geprüft werden, um dann Produkte über Produkte einzusacken in diese schicken Einkaufstaschen mit den schicken Logos und den Tragekordeln, an denen jede kleine Hausfrau ablesen kann, in was für Luxusläden Frau Elfenbein ein und ausgeht. 

Dass die Sächelchen später gern bei DER Second Hand-Adresse in Berlin landen, sollte hier eigentlich nicht erwähnt werden, aber nun … der Vollständigkeit halber. 

Irgendwo müssen sie ja hin, die Millionen. Schließlich ist bald Berlinale. Und da braucht Frau was zum Anziehen. Schon bei der Feministischen Modenschau von Karl Lagerfeld ist das außerordentliche Model-Talent von Daphne Elfenbein Reportern von Vogue und Gala aufgefallen. Ein Model ist heutzutage kein feminines Dummchen mehr, dass grade mal zum Poppen taugt. Ein Model hat Betriebswirtschaft studiert, schaut klug und selbstsicher durch Brillengläser in die Kamera mit ihrer gerichteten Aristokratennase und lässt sich von keinem was erzählen. Der Mund kommt von Botox, die Frisur von L’Oreal und die Wimpern von – äh – Chanel. Und der rote Teppich kommt auch gleich angerollt. Aber heut wird nicht flaniert auf der Mall of fame, sondern demonstriert gegen die Mall of Shame. Jawohl. Für mehr Rechte und weniger Gewalt. Für mehr Geld und weniger Arbeit. Für große Lohntüten, die pünktlich ausgezahlt werden. Oder haben die die Rumänen etwa mit leeren Händen wieder heim geschickt, als die Mall fertig gebaut war? Oh je. 

Eine Million Friedenstauben für die Frauen dieser Welt, die zu viel gehauen werden, zu wenig verdienen. Eine Million Friedenstauben, damit die Rumänischen Bauarbeiter in beheizten Bauwagen schlafen dürfen. Frauen in der Politik kriegen allesamt eine Quote und kommen jetzt aus Hollywood in den Bundestag. Das macht Feminismus richtig sexy und auch für Männer angstfrei und potenzfreundlich.

Was ganz Anderes. Damit Daphne Elfenbein sich beim Berlinale-Presseball ihr neues Versace Kleid nicht ruiniert, hat sie sich einen Apfelschneider bei Rossmann-Ideenwelt gekauft. Eine halbe Stunde hat sie vor der strahlenden Auslage von Kurzzeit-Artikeln gestanden, der Lockenstab, die Toastbrotbox, die Knäckebrotbox, die Einweg Click-Box, das Trainings-Armband, die Kaffeepad-Dose, Puh…

Liebe Zuhörerinnen, wusstet ihr, dass Daphne Elfenbein eine Vorliebe für reife Birnen hat? Der 5. Gang beim Presseball-Dinner ist Daphne Elfenbeins glamouröser Höhepunkt. Da bringt ihr das griechische Personal traditionsgemäß eine riesengroße Williams-Birne, goldgelb, nebst einem Schälchen Frischkäse, drei Feigen und einem Messerchen und stellt es mit weißen Handschuhen auf die Tafel. Und da Daphne Elfenbein mit solch gewalttätigen Werkzeugen nicht umgehen kann und aus dem Alter raus ist, wo man sich ein Lätzchen umbindet, um nicht zu kleckern, hat sie sich für die Rossmann-Apfelschneider-Lösung entschieden. Diesen weiß-grünen Küchenhelfer ohne Migrationshintergrund wird sie um Mitternacht diskret aus dem Gucci Täschchen ziehen und damit ihre Fließbirne rituell in 6 gleich große Schnitze zerteilen, sodass der Saft üppig über den Tellerrand schwappt. Und während um sie herum die Größen aus Presse, Film und Fernsehen Name dropping betreiben, betreibt Frau Elfenbein Birnen-dripping. Na ja, sie sabbert noch ein bisschen bei der Obst-Attacke und ihre feministischen Fingernägel kriegen Säure-Flecken. Aber was soll‘ s – auch der liebe Gott hat nur geübt. Dem griechischen Kellner, der ihr eine zweite Serviette bringt, lässt sie später diskret 20 Cent in die Servierschürze gleiten.

Daphne Elfenbein: Der Zug nach Kötzschenbroda oder wie man zum Berliner Urgestein wird

Dass Daphne Elfenbein vom Himmel gefallen und auf den Füßen gelandet ist bei ihrer Geburt, ist in eingeweihten Kreisen hinlänglich bekannt. Dass sie aber nun, nach mehr als 50 Jahren des Irrens und Wirrens in Berlin angekommen ist, das soll heute über den Äther kundgetan werden. Zu Beginn des Neuen Jahres, wo die Glastonnen aus den Hinterhöfen verschwunden sind und an jeder Registerkasse auf Gedeih und Verderb Bons ausgegeben werden müssen, gibt es doch immerhin diese eine gute Nachricht. Frau Elfenbein ist von der Markgräflerin zum Berliner Urgestein mutiert. Zunächst soll hier in einer Schweigeminute der armen Verkäuferinnen gedacht werden, die bis zu 800 mal am Tag „möchten Sie den Bon?“ fragen müssen. —- (Schweigeminute). Und nun ein konstruktiver Lösungsvorschlag zur Kassenbon-Frage: Verlangen Sie den Bon doppelt! Dann haben Sie ein BonBon! 

Warum aber hat Daphne Elfenbein in Berlin nun ihre Heimat gefunden? Hat sie einen Test in Berlinkunde bestanden? Ist ihr Fell dick genug für die Unverschämtheit dieser Stadt? Nein. Wie jeden Morgen verließ sie heute mit 5 Minuten Verspätung das Haus, um 5 Minuten verspätet zur U-Bahn zu kommen und 5 Minuten später zur Arbeit. Ein wirksamer Auftritt. Doch hierzu gibt es mal eine eigene Sendung. Wenn es mal ein freies Thema gibt. 

Wie ging es weiter? Auf dem Weg zur U-Bahn nahm sie eine scheppernde klappernde Tasche mit leeren Gurkengläsern mit, die in die Altglastonne mussten. Nein, nicht im Hinterhof. Beim Park vorne, 200 Meter die Straße runter. Das erklärt das Zuspätkommen. Wenn die Glastonnen im Hinterhof gewesen wäre, dann wäre sie pünktlich gewesen. Die BSR ist schuld. Müssen die jetzt die Glastonnen aus den Hinterhöfen rausnehmen? Darüber hat sie sich lang und breit ausgejammert auf sämtlichen sozialen Netzwerken, so lange bis es eine Petition zur Wiedereinführung der Glastonne im Hinterhof gekommen ist. Darauf ist Frau Elfenbein stolz. Ihre Nachbarn haben kräftig mitgejammert: Es klappert so furchtbar, ich kann gar nicht mehr schlafen! Und wenn man über die Straße will, sieht man nix, das ist ja lebensgefährlich, mit diesen Glastonnen am Straßenrand. 

Die U-Bahn war dann berlintypisch auch zu spät, wegen einer technischen Betriebsstörung. Technische Betriebsstörung in Berlin kann dreierlei heißen: a) der Fahrer kam nicht zum Dienst oder ist in seiner Laube am gasenden Grill erstickt, den er zu Heizzwecken in sein Schlafzimmer gestellt hat. B) es hat sich wieder jemand vor den Zug geworfen oder ist von einem Irren auf die Gleise geschubst worden. C) es gibt einen Polizeieinsatz wegen Bandenkriminalität. Auch so eine Frage für den Berlin-Test. Aber um wirklich wirklich Berliner Urgestein zu werden, braucht es noch etwas ganz anderes…

Die Glastonnen waren so überfüllt, wie die verspätete U-Bahn. Frau Elfenbein zwängte sich in die Menschenmenge hinein zum BVG-Kuscheltreffen. Der Fahrer brüllte über die Fahrgastinformation: bitte benutzen Sie die Türen des gesamten Zuges. Und jetzt kommt’s: Frau Elfenbein brüllte zurück: „Und wer nicht reinpasst, fährt noch auf dem Dach mit!“ Die Fahrgäste stierten vor sich hin. Eine verzog schmerzhaft den Mund. Frau Elfenbein trällerte den „Zug nach Kötzschenbroda“ und ging beschwingt über den Kudamm: Das war echt Berliner Schnauze!“ Der Test ist bestanden! Daphne Elfenbein steht schon auf der Warteliste für einen Schrebergarten.

Daphne Elfenbein: O Stern, O Stern von Bethlehem

O Stern O Stern von Bethlehem
Weißt du worauf du scheinst?
Schon Ostern wird dein Kindlein gehen
Ist `s drum, dass du so weinst?

O Stern, dass hinter dunklen Wolken
der Julmond regnet vor sich hin
Ostern wird dann Blut gemolken
Vom guten Hirten – ob das Sinn…

macht, 0 Stern am Himmelszelt
wo sie vor Wiki-Weisheit schwitzen
Hinz und Kunz sich für Messias hält
Ostern verspricht man, still zu sitzen

Sieh, O Stern,wie sie einander foltern!
unter Kollegen, Brüdern, Bösewichten
Ostern zahlen wir`s ihnen heim
Der Heiland wird`s schon wieder richten

O Stern der Hoffnung nur kurze Zeit
Hat dein Kindlein lieb geflötet
Ostern siegt die Sachlichkeit
Wie geil es sich karfreitags tötet

Alle Jahre wieder siegt O Stern
Die Amtsgewalt über die Liebe
Ostern kreuzigt man fromm und gern
Zu Juul gibt´s gleich den Tod in die Wiege

Daphne Elfenbein: Winterschlaf mit Aldi

Ein unspektakulärer Tag. Das Leben im Elfenbeinturm ist nicht eben glamourös. Im Gegenteil. Frau Elfenbein schaut zu, wie aus einer undichten Stelle am Himmel der weiße Elfenstaub herabsinkt und beschließt, sich wieder einzurollen und den Winterschlaf fortzusetzen. Da irgendwann gegen Abend die wöchentliche Auffüllung der Speisekammer ansteht, schickt sie ihre Dienstboten zu einem Aldi-Markt, der still und mit Essen lockend, wie einst Mama, im Schnee steht und Kundschaft jeglicher Herkunft gleichberechtigt aufnimmt. Aus den winterschlafverklebten Augen glaubt Frau Elfenbein zu sehen, wie ein Mann im Aldi einen Kohlkopf vor sich herträgt und auf das Fließband legt. Irgendwer sagte ihr später, das sei ein Baby gewesen. Aber man sieht ohnehin nicht gut in diesen Tagen. Gesenkten Blickes schiebt man den Einkaufswagen aneinander vorbei. Ab und zu ein halbherziges „Entschuldigung“ gemurmelt, wegen Rempeln, und weiter. Dabei gäbe es allerhand zu sehen bei Aldi. Die Osterware liegt doch jetzt in den Auslagen. Die hat das Jesuskindlein schon Heiligabend unterm Stroh in seiner Krippe versteckt und – schwupps – zur allgemeinen Stimmungsaufhellung in die Metallkörbe bei Aldi gelegt. Ostereier mit glänzenden Schleifen, doof grinsende Osterhasen, ein Jägermeister Verschnitt mit Namen „Mümmelmann“. Fehlen nur noch die Narzissen. Wem es in diesen Tagen an Spaß mangelt – kann ja schon mal zum Eierlaufen antreten, oder zur Hasenjagd im Schnee. 

Und während die Gemüsehändler mit ihren Ständen auf dem Gehsteig sich mit Wärmestrahlern und dicken Handschuhen warm hielten, holte sich Frau Elfenbein ein paar winterschlaftaugliche Träume aus dem Internet. Filme, in denen die Herzen voll und der Geldbeutel leer ist. Aber das macht nichts, bei so viel Liebe. Filme, in denen keiner Angst hat, die Wahrheit zu sagen. Filme, in denen die Leute noch Arbeit haben, die eine Aufgabe ist und Geld noch dazu. Filme, in denen alle sich lieben in der Familie und keiner enterbt wird.
In der Bundesregierung werden indes mit der Säge Kümmelkörner gespalten. Herr Spahn darf seinen Entsagungs-Zwang am Volk abarbeiten und Herr Scholz seine Durchschnittlichkeit zum Besten geben . Frau Merkel macht nach dem Besuch der Grünen Woche eine Diät und die Panzerknacker aus Steglitz sind mit ihrer Beute auf dem Weg nach Spanien. Nur die Schulkinder haben nichts zu lachen. Die schauen ängstlich auf den Leistungsbarometer und machen ihre Hausaufgaben. Gespielt wird morgen. Oder überhaupt nicht. 

Dafür spielt aber jetzt Daphne Elfenbein. Sie bastelt und schnippelt und musiziert und unterweist ein nicht essbares Katzentier in Lasertechnologie. Sollen doch die Anderen Fleisch essen und Anschaffen gehen. Frau Elfenbein genießt ihren Tee und lässt die Beine baumeln. Herrlich ist das… so herrlich, dass sie all die Schimpfwörter vergisst, die sie je gelernt hat: Rindviech, Dreckschwein, dumme Gans, blöde Kuh… Signifikant, dass unsere Sprache grade die Namen der Tiere, die uns am Leben erhalten, als Schimpfwörter verwendet. „Was du geliebt hast, sollst du auch töten“ würde Heiner Müller jetzt dazu sagen. Aber der ist ja schon tot. Wurde er auch geliebt? Nach all diesen Filmen hält Daphne Elfenbein es allerdings für unumgänglich, dass wir auch lieben, was wir essen. Drum: Wer gemeinsam mit Daphne Elfenbein aufhören möchte, am Ast zu sägen, auf dem wir sitzen, bitte melden. 

Mit freundlichen Grüßen, 

Daphne Elfenbein

Vorzimmer von Dr. Gott

Daphne Elfenbein: Casino

„Du gehst heute Abend nicht da hin!“ Sie haute die Faust auf den Tisch, dass die Weihnachtsdeko hüpfte. „Oder ich verlass dich!“ Es war still. Gleich würde eine Tür schlagen. Er stand in der offenen Badezimmertür und füllte ein Glas mit Wasser. Sie saß am Küchentresen. Er kramte im Spiegelschrank, warf sich ein paar Aspirin ein, kippte das Wasser runter und zog seinen Mantel an. „Du siehst aus wie ein Penner“, sagte sie. „Danke, das ist charmant von dir, sagte er leichthin, „ich geh heute zum letzten Mal, Liebes, glaub mir“. Er kratzte sich die Bartstoppeln, strich seiner Frau zerstreut über den Kopf, worauf sie in haltlosem Schluchzen über dem Tisch zusammensank. Dann drückte er sanft die Tür ins Schloss und atmete auf. 

In Erwartung eines sicheren Hochgefühls schwebte er durch die Straßen mit seinem Leihwagen. Den eigenen hatte er verloren in jener denkwürdigen Pechsträhne letztes Jahr. Doch da war er noch ein blutiger Anfänger gewesen. Das würde er heute wettmachen… heute Abend… Und morgen hör ich auf damit! Susanne zuliebe! Eine Welle von Rechtschaffenheit und Wohlbehagen schwemmte sein schlechtes Gewissen weg. Alles wird gut. Die Ampel sprang auf grün. 

Der Wagen hielt vor dem Casino. Er hielt sein pochendes Herz, als die Türsteher ihren Stammkunden flüchtig nach Waffen abtasteten. Dann trat er ein in die Räume, die schon immer sein ureigenstes Element waren. Warmes Licht umfing ihn, Parfums und leichte Musik, da waren Frauen mit nackten Schultern und alte Damen mit kleinen weißen Hündchen auf dem Arm, Behandschuhte Schönheiten hielten lange spitze Zigaretten und befrackte Herren bedienten sich einer gewählten Sprache. Die Roulettescheiben klepperten wie die Uhrwerke Gottes. Die Croupiers murmelten Zauberformeln. Die Kronleuchter glänzten. HOME!! 

In der einen Hand hielt sie eine Rasierklinge, in der anderen Hand das Telefon. Auf ihrem Schoß lag ein Handtuch, in das Rotz und Wasser flossen. Am Telefon Christine, die beruhigend auf sie einsprach. Die Dialoge kennt man. Sie werden hier nicht wiederholt. Es wurde spät. Und ein paar Baileys halfen über den Schmerz hinweg. Am nächsten Morgen, an dem sie allein erwachte, sah Susanne ihrerseits wie eine Pennerin aus. Rot geschwollene Augen glotzten ihr aus dem Badezimmerspiegel entgegen. Es war noch Aspirin da. Sie öffnete die Behördenpost der letzten Wochen und nahm all ihren Mut zusammen um hin zu schauen. Da war was von der Arbeitsagentur, vom Inkassobüro, von der Hausverwaltung…

Gegen 11 Uhr vormittags ging die Türglocke. Sie öffnete. Da stand ein Fremder, der einmal Frank gewesen war. Er grinste blöde aus übernächtigtem Gesicht und hatte ein albernes weißes Hündchen auf dem Arm. „Ich hab gewonnen!“ rief er und hielt ihr ein Bündel Geldscheine entgegen, die irgendwie falsch aussahen. Sie glotzte müde auf die Erscheinung und machte keine Anstalten, ihn hereinzulassen. „Spitz hat mir geholfen“, er deutete auf den Hund in seinem Arm und stellte einen Fuß in die Tür. Der Hund sprang runter und lief in die Wohnung, als gehöre sie ihm. Frank krähte künstlich fröhlich wie zu sich selbst: „erst hab ich Spitz gewonnen, dann hat Spitz gewonnen!“ Er drängte sich an ihr vorbei in die dunkle, unaufgeräumte Wohnung, die schon Jahre keinen Besuch mehr empfangen hatte. Sie folgte ihm schleppend in ihrem Bademantel. 

„Und heute Abend gehen wir wieder hin…, rief er aus dem Badezimmer, wo er den Wasserhahn aufdrehte, „Spitz und ich!“ Susanne holte den Koffer vom Schrank, packte als erstes ihre Weihnachtsdeko vom Küchentresen ein, und wählte die Nummer von Christine. Der Hund hockte vor der Badezimmertür.

Daphne Elfenbein: Haare kämmen

das weiße Blut – du hast mich verletzt – jetzt ist es kaputt
Aufs Schneidbrett den Nacken gedrückt, 
neben dem Messer das Tier
die Lache neben dem Kühlschrank
nackte Füße auf Fliesen
weil alles mit A anfängt, also aaaa, 
sodass ich um acht Uhr fluchtartig den Tatort verlasse

leg deinen Kopf in meinen Schoß
schenk mir den regard irresistible
möchtest du ein hartes Ei? 
Das oeuil magique, die terre promise, der Mont de Venus 
Gib auf dein Horn Acht!
Soll ich dir die Haare kämmen? Komm!

Mit den Fingern durchs Haar, dein seidiges Haar
rauf dir dein Haar 
bis Blut fließt und Büschel zwischen den Fingern
das Tierchen, das Fellchen, die Schnauze
hat da nicht eben ein Glöckchen geschlagen?

aber das Gras und die Ameisen an den Halmen
die Frösche an den Rändern
der jaulende Hund, Libellen im Haar
du sagst ja nichts
zerkratzt dir ja dein Gesicht
dein Hals auf dem Kissen
ich hab das Messer genommen
die Stiche, Stöße, die Vorstöße zur Terre promise
tut es weh?

DAS
wenn sich Härchen aufrichten und Schläge
also die Stromschläge der terre promise
den ganzen Kerl durchzucken
que fait mon petit chou? 
was macht die die blinde Elster, 
das Hündchen, der Fuchs
wie’s schlummert unter den Blättern 
und die Turteltauben von den Drähten fallen
vor Schreck

Eine Hand, eine Gesäßtasche warm
eine Rundung, die aufschimmert
es ist ein Handwerk
aaah, da ist ja mein Messer
Fangen wir mit dem Regard irresistible an
schau mir in die Augen: soooo

Was haben die Amseln von den Beeren gegessen
den süßen Beeren – aber da!
Deine Hände machen ja, was sie wollen 
mal sehen was die Klinge uns sagt
auf deinem Rücken 
grün ist das Gras
dabei in den Himmel geblinzelt
Die Sonne macht einen ja ganz verrückt

Au! 
Schwindlig macht einen das Blut
immer auf und ab rauscht es 
im Ohr und auf den Straßen 
hoch aufgerichtet die Omnibusse mit ihren Tatzen
nicht nur die Schwalben
auch Schnabelmönche, die Tauben – kurr-uh
am Wegrand die Schalen
aufgebrochen, die Nabelschnüre der gelbe Schleim
quer übern Asphalt

vom Baum gefallen – rohe Eier im Mund 
mit dem Haar im Geäst
dabei die Vogeleier zerquetscht, 
das Hemd zerfetzt
Schrammen auf der Brust
das kommt davon -ein Glockenton 
das dürre Glöckchen, ein Schellenbaum
eins-zwei-drei
dein Haar versengt an der Sonne

jetzt auf den Bauch liegen,
Ameisen aus Locken klauben
Bienen schaukeln im Schatten der Halme
die Luft von Entenflügeln gerührt
im Schatten behaarter Wipfel
ein Maulwurf, der sich tiefer gräbt
etwas, das aus der Erde schießt, 
funkelnd und heiß wie die Sonne

unter den Achselhöhlen, in den Venusgebirgen
fabulieren mit den Fingern im Ohr
Text, der aus allen Poren quillt
Zügel, en train, da lösen sich sämtliche Bänder
gib Acht, dein Haar
und steigt ab vom blutigen Schoß

Dann war da aber noch das Hündchen

Das Entchen, du Strolch!
den Nacken ins Gras
am Schwänzchen in der Luft herumgewirbelt
ein bisschen Remy Martin
in die Tierschnauze geträufelt
wie wär’s mit einem Eis am Stiel? 
Scherben im Mund 
und wieder ist ein Vogeljunges 
aus dem Nest gefallen

Fleisch fressende Pflanze
gieriges Kätzchen – Efeugewächs
Wollen sehen, was dein Brusthaar uns sagt
Relaxez-vous, so ist’s recht.

Nicht das Gesicht verziehen, nein
das Herz nicht schlagen lassen
ne donnez pas libre cours a vos emotions
Daisies – Ameisen im Haar
Der Kamm bleibt hängen
AU

du hast mich verletzt
das weiße Blut -– jetzt ist es kaputt
Oh! Ich vergaß die terre promise
aber nicht doch!  
Entspannen Sie sich!
Ein bisschen Gymnastik
Noch mehr vom oeuil magique
und noch ein wenig hinter dem Ohr
schwarz glänzt das Haar

Tage im Blattwerk
im Schatten der Halme 
es rauscht die Pappel im Ohr 
wie es zu fließen beginnt
Die Sonne spaziert am Zenith
weil es nach Eisen schmeckt und am Bauch klebt
Büschel aus Krallen geschüttelt
Relaxez – vous

mit dem Omnibus in eine Achselhöhle gefahren
haarig, Perlen im Mund – 
aus glänzenden Flügeln Augen
Zungen, vergraben tief
grün ist das Gras und
Trauerweiden lassen ihr Haar herab

Die Blume im Spiegel pariert
Es ist eine alte Erfahrung
Dass einen das abgelegte Leben
aufs Höchlichste schmerzt

Daphne Elfenbein: Das Dachzimmer

Chimäre der Chimären
Alles ist Chimäre
(Salvador Dali)

Vielleicht ist heute wirklich der vierte September, wie sie im Radio behaupten. Es ist Sonntag. Ein weiterer Tag wäre überflüssig. Im Rundfunk: Meinung und Bericht. Ich sitze im Dachzimmer, verschränke die Hände am Hinterkopf, überdenke alles. Von der Wohnküche im Erdgeschoss tönt Murmeln herauf, der sonntägliche Frühstückstisch, Kinderstimmen, Porzellan, Mundwerke wie Wasserläufe, selbst noch im Schlaf… 

Unten auf der Straße ein Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit, sodass die Fensterscheiben scheppern. Ich blättere im großen Buch, das seit Generationen unverrückbar auf demselben Tisch liegt, in demselben Dachzimmer, das meine Oma schon als junges Mädchen bewohnt hatte, und lese: 

E i n L a s t w a g e n d o n n e r t e d u r c h i h r H e r z ,
d a s z u c k e n d a u f d e r W a a g e l a g . . .  

Ich kippe den Stuhl, auf dem ich sitze, ein wenig und klemme die Knie unter die Tischkante, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Es gelingt mir, dabei die Hände nicht vom Kopf nehmen zu müssen. Zufällig starre ich auf das große zerspleißte Loch, umringt von zahllosen kleinen, scharf umrissenen Löchern in den himmelblauen Holzpaneelen über dem Kopfende des Bettes und… 

…betrat einen eng umschlossenen Raum, voll von Mosaiken, Kreuzen, Schnörkeln, unter türkis emaillierten Türmen und goldenen Kuppeln. Es gab keine Fenster. Die Mauern verschwanden hinter den Bildern. Durch ein Auge in der mosaizierten Kuppel fiel ein Strahlenbündel von Licht ins dämmrige Innere. Menschen in langen Gewändern standen dicht an dicht und wiegten sich zu monotonen Gesängen, die aus Lautsprechern drangen. Ein schwerer Teppich mit eingewebten Bildern teilte die Apsis vom runden Kirchenraum, das Allerheiligste zu verbergen. Was war das Allerheiligste? Als ein Messdiener den Vorhang durchschritt, erhaschte ich einen Blick auf die wächserne Leiche Christi in einem gläsernen Sarg. Ich zuckte zusammen und sah zur Decke, als der Messdiener mich strafend anblickte. Ich wich seinem Blick aus, doch aus der Kuppel starrte, puppenhaft und strafend, Madonna mit dem Kind auf mich herab. 

Ein süßlicher Geruch entschärfte nun meinen Verstand. Die Gesichter der Ikonen begannen ihr heimtückisches Minenspiel im flackernden Licht zahlloser Kerzen. Der Schweißgeruch der Anwesenden erschien mir plötzlich als etwas magisches, das ich aufsog wie auch den allgegenwärtigen schleppenden Gesang. Er drang mir ins Mark und trieb einen Keil zwischen Skepsis und Seele. Die Pflanzenornamente an den Wänden streckten ihre Schlangenarme aus, dickflüssig rann mir das dunkle Karmesin und Preußischblau durch den halbgeöffneten Mund die Kehle hinab. Durchströmt von wohligem Gefangensein sah ich zur Kuppel, die golden glänzte, und durch eine winzige Öffnung darin drang ein Lichtstrahl, die einzige  Verbindung nach draußen. Diese Welt da draußen, Geschüttelt von gepresstem Lachen und Weinen begann ich, mich mit den anderen zu wiegen im Rhythmus des kehligen Singsangs in einer holprigen, alles verheißenden Sprache. Ich hörte einzelne Stimmen heraus, die sich teilten, vereinten und wieder teilten… Melodiefetzen traten hervor, zunächst als fremdartige Nebengeräusche, die sich störend in den Chor mischten. Jede Stimme bekam einen Begleiter, eine Spiegelung, eine Umkehrung, ein Echo, einen Kommentator, Einflüsterer, Saboteur… 

Mir wurde heiß. Der Raum dehnte sich aus, wenn ich den Atem einsog, fiel in sich zusammen, wenn ich den Atem ausstieß, die Stimmen verlangsamten sich mit dem Atem, der Atem verlangsamte sich mit den Stimmen, teilten sich in weitere Einzelstimmen, waren nicht mehr Melodie, nur noch ein Gewirr von kreatürlichem Wimmern, Greinen, Seufzen, gestammelten Gebeten, sie teilten sich erneut, es kamen hinzu, viel lauter noch, Blöken, Gemecker, wiederhallendes Krächzen, Gackern, Brüllen. Motoren beschleunigten ihre Drehzahl, Sirenen gellten durch riesige Räume, Glockengeläut, ein fahrender Zug… 

Ich presste vergeblich die Hände auf Augen und Ohren, zerrissen vom Chaos prasselnder Feuer, stürzender Fluten, brechender Erdmassen, Sturmgebrüll. Ich spürte heftigen Hunger, Angst, ein bebendes Verlangen. Ich sah mich die Arme heben und etwas rufen. Die Lautsprecher verstummten und ich sah in das runzlige Gesicht des Priesters, der vor mir stehen geblieben war und mich aus leeren Augen anstarrte. 

Vielleicht ist heute wirklich der vierte September, wie sie im Radio behaupten. Jedenfalls schalte ich das Gerät endlich ab und wende ein weiteres Blatt in meinem Buch: 

Es erscheint eine geografische Karte Italiens, daneben eine Sanduhr. Sie hat einen Sprung, weil sie einmal meinen Händen entglitten und auf den Boden aufgeschlagen ist. Die Zeit rinnt in feuchten Klumpen durch den Sprung im Glas. Stellenweise bleibt das schwere Pendel stehen. Es stinkt nach Aas, obwohl ich weiß, das Tier ist nie ganz tot zu kriegen. Denn meine Hände umklammern noch immer seinen zuckenden Hals. Über dem Arno geht die Sonne auf, ein roter Luftballon mit Lunge und Herz über der Ponte Alle Grazie. Florenz! Die Häuserzeilen an den Uferpromenaden sind in eisiges Rosa gespannt. Weiter südlich, in Apulien, plätschert das Meer ums schläfrige dürre Land. 

In unserem Dorf läuten die Kirchenglocken. Von Fern ein Martinshorn. Ich sitze im Dachzimmer und sehe aus dem Fenster. Septembersonne übergießt Garten, Straße und Dächer mit fahlem, gleichgültigem Licht. Die Familie im Haus gegenüber ist jetzt erwacht. Ich sehe sie rennen zwischen Haus und Garten, Garten und Straße. „Die Haustür schlägt zu, wieder und wieder mit demselben Quietschen, das mit einem hohen Ton beginnt und in einem tiefen Ton endet. Vielmehr mündet das abschüssige Quietschen der Tür unserer Nachbarn im rhythmisch wiederkehrenden Paukenschlag des heftig ins Schloss fallenden Flügels, dessen Klinke wieder und wieder achtlos losgelassen wird von einem gehetzten Wesen.“ Sie rennen… wie jeden Tag rennen sie, zwischen Haus und Garten, Garten und Straße, sie tragen schwere Gegenstände, schleppen sie von da nach dort, Pakete, Bilder, Waffen, oft kurz vor dem Zusammenbrechen unter der Last, die größer ist, als ihr Körper. Die Jungen werfen Uhren in die Luft und schießen sie ab. Die Mädchen öffnen zum werweißwievielten mal den Taubenschlag. Für Sekunden entsteht aufgescheuchtes Flattern. Der Himmel verdunkelt sich. Der Großvater gräbt das werweißwievielte Loch im Garten. Die Mutter zerschlägt Porzellan. Wie so oft schmettert Teller um Teller auf die Steinfliesen des Küchenbodens, stößt Flüche aus mit schriller, sich überschlagender Stimme. Neue Pakete werden gebracht, werden durchs Treppenhaus geschleppt und ausgepackt. Ich seh`s von meinem Dachzimmer. Durch alle Fenster hindurch seh ich sie rennen, wie wahnsinnig rennen sie, bis sie umfallen vor Erschöpfung, bis sie einschlafen vor Erschöpfung, hinsinken auf den Boden ihrer Kinderzimmer, ein von Scherben und Stunden übersätes Feld. 

Ein roter Luftballon entsteigt nun dem Horizont meines Buches. Als habe er auf diesen Augenblick gewartet. Ein Luftballon mit Herz und Atmung, ein zynischer Parasit, selbstherrlich grinsend pendelt er durchs geöffnete Fenster hinaus und nähert sich den spielenden Nachbarkindern, denen sein lustiges Schaukeln gefällt. Sie zeigen und rufen: „Seht! Ein roter Luftballon!“ Er ruft zurück: „Bin ein weißes Riesenpferd, bin eine grüne Wolke. Kommt und seht wie ich euch atme.“ 

Und wir machen sich auf aus unseren Kinderzimmern, noch ehe wir ihn angefasst haben. Aus meinem Dachzimmer beobachte ich, wie wir unsere Spielsachen zusammenraffen, wie die Sanduhr einen weiteren Sprung erhält, die Sekunden auf den Tisch rinnen und von dort wie ein überfließender Brunnen auf den Boden, wie angeleimt sitze ich da und sehe diesem schrecklichen Schauspiel zu und lese: 

„ D i e S t r a ß e n i n z w i s c h e n v o l l v o n F l ü c h t l i n g e n . . . “ 

Und eine Seite weiter 

„ . . . g e l a n g t m a n i n d i e t i e f e r e n S c h i c h t e n d e s S e l b s t ,
w i e w e n n m a n e i n e Z w i e b e l h ä u t e t . . . “ 

Und eine Seite weiter: 

„ B i s z u m w e i ß e n r a d i u m h a l t i g e n K e r n “ 

Ich muss aufhören, denn ein künstliches Tränenpaar schießt mir in die Augen. 

Plötzlich scharfes Pferdegetrappel. Ich fahre hoch und stehe am Fenster. Ein rasender Galopp, wie aus den Wolken, auch spüre ich den Lufthauch der heranrollenden Wellen am Ufer, wenn ein Schiff vorüberfährt, doch die Wolkenseen am Himmel sind glatt wie zuvor und ich lese: 

„ V o n d e r W a h r h e i t s c h o n i m m e r w o r t r e i c h v e r s c h o n t g e b l i e b e n “

. Unten in der Wohnküche spielt jemand Cello. 

Es muss lange vor dem Einschlagen der Granatsplitter und MP-Kugeln in die hellblauen Holzpaneelen am Kopfende des Bettes gewesen sein. Oma hatte sich immer gegen Vorschläge gewehrt, den Schaden auszubessern, obgleich die hellblaue Farbe inzwischen aufs Kopfkissen blättert. Jedenfalls sitze ich im Dachzimmer, seit Generationen sitze ich da an Omas abgeschabtem Tisch, verschränke die Hände am Hinterkopf, überdenke alles. Von der Wohnküche im Erdgeschoss dringt Gemurmel zu mir herauf. Alltägliches Wortgeplänkel um Essen, Trinken Geburtstagsfeste und die Müllabfuhr, eintönig wie das Zirpen und Schaben die Zikaden im Olivenhain bei Massa Marittima, von wo aus man das Meer sieht im Mittagsdunst … gelegentlich von klapperndem Porzellan unterbrochen, dem Aufdrehen eines Wasserhahns, ohne Bedeutung. Jemand streicht die Saiten eines Cellos, ohne Bedeutung, irgendeine Melodie, mit Schlafpausen und Höhepunkten ist euer Murmeln monotoner Chor zur Begleitung meines Spiels… 

Das weiße Riesenpferd prescht wolkenstiebend durchs geöffnete Fenster herein. Ich springe auf, strecke ihm, „endlich! Endlich!“ rufend, die Arme entgegen, schon fasst meine rechte Hand die warmen Nüstern, da löst es sich auf. Der Himmel strahlt gleichgültig und hinter den Dächern steigt die Sonne bergab, begeistert über sich selbst. Lange stehe ich noch und starre, die Arme ausgestreckt. Dann verlasse ich langsam und zerstreut das Dachzimmer, stehe im Flur und hoffe: 

„ V i e l l e i c h t l ä s s t e s s i c h l e u g n e n “ 

Doch irgendwann mussten sie mich entdecken. Und nun scheint es so weit zu sein. Sie treten zu mehreren an mich heran, umringen mich im Kreis und zeigen mit Fingern auf mich, eine einzige Frage in ihren streng blickenden Augen. Sekundenlang herrscht klirrendes Schweigen, sekundenlang. Ich sehe errötend zu Boden und murmle einen Satz aus meinem Buch: 

„ D i e S y m p a t h i e , d i e i c h i h n e n e n t g e g e n b r a c h t e , w a r s t e t s v e r f r ü h t “ 

…und zucke zusammen, als sie dasselbe spiegelbildlich wiederholen: 

„ T h ü r f r e v s t e t s r a w , e t c h a r b n e g e g t n e c h u e c h i e i d , e i h t a p m y s e i d “

Ich schlage die Tür zu und stehe wieder im Dachzimmer, heftig atmend, nicht wissend, woran mein Blick sich festhalten soll. Durchs geöffnete Fenster dringt der säuerliche Geruch faulender Äpfel und über den Dächern liegt schon ein rötlicher Schimmer. Es ist nicht aufzuhalten. Ich beuge mich über das große Buch, presse die Lippen zusammen, schließe die Augen: 

„ D i e S t r a ß e n n o c h i m m e r v o l l v o n F l ü c h t l i n g e n , K a m p f f l i e g e r ü b e r z i t t e r n d e n H ä u s e r n . S i r e n e n a l a r m . K i r c h e n g l o c k e n . M P – S a l v e n , s p l i t t e r n d e F e n s t e r , D e t o n a t i o n e n , S c h r e i e , F e u e r , e i n r e g e n n a s s e r S t r a ß e n g r a b e n , e i n e S c h w a n g e r e , e r s c h l a g e n , e i n V a t e r , s e i n e n S o h n e r s c h i e ß e n d , e i n v e r z e r r t e s G e s i c h t , Z ü g e v o n G e f a n g e n e n , V e r w u n d e t e n , S i e g e r n , d i e S a n d u h r , u n e r s c h ö p f l i c h r i e s e l n d , t r o t z S p r ü n g e n . . . “ 

Ich hole den schwarzen Mantel aus dem Schrank für den Kirchgang wie gewohnt. Mein Verhängnis ist, dass ich mich nicht entschließen kann zu gehen, denn was jetzt im Fensterausschnitt meines Buches passiert… 

Eure Stimmen aus der Wohnküche im ersten Stock sind nicht mehr zu hören. Sie sind da, ich weiß es, doch sie dringen nicht mehr an mein Ohr. Also schließe ich die Vorhänge, leis, um niemand zu stören, öffne die Schublade unter dem Buch und schraube den Schalldämpfer auf den kurzen Lauf. Schwer liegt die Waffe in meiner feuchten Hand. Ich rieche das Metall und trete auf den Flur. Da stehen sie noch immer im Kreis wie die Soldaten, so stehen sie, tragen lange schwarze Mäntel, alle dieselben, sie tragen dieselben Kleider, sitzen immer zusammen am Küchentisch, trinken dieselben Getränke, sagen dieselben Sätze, denken die gleichen Gedanken, tragen dieselben Gesichter, mein Gesicht tragen sie, und jetzt stehen ihnen Schweißperlen auf den Stirnen. Ich schlucke, sie schlucken auch. Ein schreckliches brandendes Vakuum verschließt mein Gehör. Das Dachzimmer verliert seine Bedeutung. Mitten ins Nichts hinein ächzt etwas. Ein Knacken, Springen und Splittern. Die Fremden verlieren ihre Gesichter in spinnenartigen Sprüngen, die von einem Loch in der Mitte ausgehen. Arme senken sich, mein Arm sinkt. Ein schwerer Gegenstand schlägt zu Boden, rutscht über die Dielen, bleibt liegen. Die Holzplanken des Dachzimmers legen sich an meinen Rücken, grade, kühl, hart und schweigend… 

Wassertropfen fallen stetig, fallen ins Emailwaschbecken, rollen über die Spiegelscherben, tropfen… über Jahre hinweg noch das Klirren nach dem Schuss, ein Echo, weiß und kalt, das nie verhallt, auch das Ticken einer Uhr, bis in den Tod, der die Zeit zurücklässt, auch wenn der Staub niedersinkt am Abend des vierten September, von schräg einfallendem Licht sichtbar gemacht. Die Sonne geht unter. Die Sonne geht auf, dümpelt über den Himmelsspiegel, die beiden Apfelbäume im Fensterausschnitt werfen ihre Blätter ab, biegen sich im Novembersturm, ächzen unter der Last des Eisregens, tagen glitzernde Schneehauben, richtet sich wieder auf und sprießen. Bald biegen sie sich wieder unter der Last der Früchte. Es wird wieder Herbst im Fenster. Dürre Blätter und Blüten segeln abwechselnd durch die gerahmte Öffnung auf die Holzdielen, häufen sich dort Jahr um Jahr. Oft blähen sich die Vorhänge. Der Stoff schleift an der Wand, oft neigen sich die beiden Baumkronen herein, das Blühen, Reifen und Faulen der Äpfel Jahr für Jahr, auch die Gerüche kehren wieder, Gras, Fäulnis, Schnee, oder ist es der Gestank des Gerippes, das sich sauber und weiß aus dem gasenden Fleisch schält, entlaubt und hölzern wie der Dielenboden, der jetzt unter einer fingerdicken Schicht von Staub und Laub liegt. Die Waffe liegt noch, wo sie hingefallen ist, halb verdeckt. Draußen starren jetzt die Gerippe zweier Bäume. Im Frühjahr des nächsten Augenblicks verschwinden auch sie vor dem wechselnden Himmel, rasend schnell sinken sie in sich zusammen unter dem Kreischen einer Motorsäge und unten aus der Wohnküche dringt wieder euer Murmeln durchs Treppenhaus zu mir ins Dachzimmer herauf. Die sonntägliche Tischrunde, ein Zirpen und Schaben, gelegentlich von klapperndem Porzellan unterbrochen oder dem Aufdrehen eines Wasserhahns, endlos wie eine Pumpe, selbst noch im Schlaf…