Carolin Wabra: Fidgetspinner

Etwas liegt in meiner Hand. Es ist silber glänzend mit rosa-türkisfarbenen Streifen. „Metallic“, hat die Verkäuferin gesagt. „Total angesagt zur Zeit. Das geht weg wie..naja sie wissen schon…warme Semmeln, frische Schrippen, brandneue Brötchen. Meine Neffen haben das auch fährt sie fort. Und deren ganze Klasse. Zweimal hab ich schon eine neue Lieferung bestellt. Die Leute reißen es mir aus der Hand. Nur 7,50 Euro, kostet das und ist dabei jeden Cent wert. Das beruhigt die Nerven, sagt meine Tochter auch, das ist nicht nur Spielzeug für die Kids, sondern auch was fürs Hirn. Ich hab so viele Kunden die darauf schwören, wegen dem ganzen Stress heutzutage…wird ja alles immer schnelllebiger, die neuen Medien und die Erreichbarkeit. Naja sie wissen schon.“

„Das nehm ich“, habe ich gesagt. Habe das Geld aus meinem schwarzen, durchgegessenen Geldbeutel gefischt und in ihre rauen Hände gelegt, deren Fingerkuppen schon ganz wund waren.

Jetzt halte ich es in meiner Hand. Ganz kalt ist es, aber auch wenig weich. Es liegt gut darin. Ich stupse es leicht an als es auf meiner Fingerspitze liegt. Ganz behutsam bringe ich es in Bewegung, so als würde ich den kleinen Hundewelpen meiner Nachbarin das erste Mal mit vor die Tür nehmen, um ihm diese große weite Welt zu zeigen.

Ganz tapsig dreht sich auch das schimmernde Ding auf meinem Finger. Es strauchelt etwas, fängt sich aber schnell und kommt in Bewegung. Immer schneller wird es je öfter es seine Runden auf meiner Fingerkuppe dreht. Die Geschwindigkeit zieht mich in den Bann, kleine Reflexionen die, die das Licht auf der Oberfläche zeichnet laufen die Wände meines Zimmers entlang. Es ist so schön. So unfassbar schön.

Das habe ich geschaffen. Alleine, ich, hier, in meinem Zimmer. So stolz war ich das letzte Mal nach dem Abitur. Glaube ich. Habe ich aber vergessen.

Vermutlich war ich nie wirklich stolz. Auf was denn auch. Die abgebrochene Ausbildung und den Job an der Tanke, den ich habe seitdem ich 15 bin. Stolz kann man darauf nicht sein. Vor allem nicht, wenn alle, um dich herum etwas Richtiges studieren.

Als sie noch studierten konnte ich auf sie herabblicken. Schließlich hatte ich ein festes Gehalt, arbeitete 40h. Begrüßte Kunden, füllte Regale auf, langte Kaffee und Leberkäse über die Theke und nahm mir Samstagabend die liegengebliebene Motorsport und die Zeitungen ab 18 mit nach Hause. Ein systemrelevanter Arbeitsplatz würde man wohl sagen. Damals haben sie mich noch beneidet, redete ich mir ein. Sie, die mit dem Fahrrad zu mir kamen und Bier und Zigaretten zu kaufen, sie die mit weniger als 800 Euro im Monat auskamen und den Kopf voller unwichtiger Texte hatten von Menschen die schon längst nichts mehr zu sagen hatten.

Die langen Studienjahren holen die nie wieder auf, glaubte ich. Bis ja, bis sie ihr Studium beendet hatten, ihre Haare kürzten, ihre Moralvorstellungen gegen regelmäßige Gehaltseingänge und das Fahrrad gegen die neue C-Klasse tauschten. Dann merkte ich dass ich es war der sie beneidete.

Jetzt grinsten sie mich halb feixend, halb mitleidig an, wenn sie zu mir kamen. Na, immer noch hier? Ja, ja, doch. Macht Spaß, gut bezahlt. Ja, ja. Gehört dir der Laden mittlerweile? Ne, nee. Ich bin da bescheiden, so. Ist ja auch schwierig so ohne Abschluss. Naja, der steinige Weg ist der lohnende und so…sie wissen schon. Da habe ich bemerkt, dass ich es war der die ganzen Studienjahre nicht mehr aufholte, der, der stehengeblieben war. Der, der es zu nichts gebracht hat in dieser Gesellschaft in der es doch alle irgendwie zu irgendwas bringen müssen.

Aber jetzt. Jetzt bringe ich etwas in Bewegung. Kein Stillstand mehr in meinen Händen, nur noch Geschwindigkeit, Fortschritt. Ich bin gottgleich, allmächtig. Ich bin alles. Ich bin alles durch dieses metallische Geschöpf. Der dreifaltige Kreisel in meinen Händen. Ein beruhigendes Zischen füllt die Stille um mich herum aus. Ich stelle mir vor, dass wir gemeinsam abheben. Dass sich das schimmernde Ding von meiner Fingerspitze bewegt, nach oben steigt und mich mitzieht an die Decke meines Zimmers. Dann stoßen wir beide gegen den rauen Putz. Ein dumpfes Geräusch macht das. Dann ist. der Hype vorbei.

Carolin Wabra: Ekstase

Die Leere erfüllt meinen Körper.
Nimmt Besitz, alle Serotonine verbraucht, hinausgeschossen ins ewige Licht, in Dunkelheit, ins Strobolicht.
Wochenenden in Hellgrau glitzernd, bunte Murmeln umherrollend im Schatten, in dir, in mir.
Heute alles leer, gestern alle voll.
Abstürze tief.
Haltestelle verpasst, der Zug fährt weiter, vielleicht immer weiter, egal wohin, einfach weg, raus fort.
Warum wohin.
Rien ne va plus and so on.

Carolin Wabra: Gisela und Heinz

Eine durchsichtiger Gefrierbeutel wird langsam ausgepackt. Wiederverwendbar, mit diesem Verschluss an den Enden den man wieder zusammendrücken kann. Zip nennt sich diese Technik habe ich in der Werbung gehört. Der Beutel ist ganz knittrig und schon etwas angelaufen. Wiederverwendbar. Heinz und Gisela achten auf so etwas. Haben sie immer schon. Nicht erst seit diese 16jährige Schwedin den Klimawandel prophezeit hat und der Bio-Strom nur noch 30 Cent die Kilowattstunde kostet. Nein, schon seit dem ersten gemeinsamen Ausflug in die Berge im Sommer 1982. Kurz bevor die Kinder kamen. „Toll. Umweltbewusst. So hätte ich sie gar nicht eingeschätzt“, denke ich mir, will mich schon räuspern und sie für diesen tollen Beutel loben, doch dann sehe ich Stullen in Alufolie. Doppelt gewickelt. Vermutlich also nur der Geiz der die wiederverwendbaren Beutel in die Taschen hat wandern lassen.

Meine Bewunderung nimmt schnell ein jähes Ende. Widerliches Pack, denke ich mir.
Es ist halb zwölf im Zug von Nürnberg nach Berlin und Gisela und Heinz beginnen nun ein sehr frühes Mittagessen. Das zweite Frühstück, wie es so schön heißt. Eher unschön ist aber dass ich mir das ganze nun auch ansehen muss. Viel schlimmer den ganzen Auspack-Kau-Geruch-Prozess fast hautnah mitbekomme. Es gibt: 1 rohe Krakauer für Heinz. 1 käsebrot für gisela, 1 käsebrot für heinz, 2 hartgekochte eier. 1 Packung Haribo.

Genüsslich hat heinz soeben in die wurst hineingebissen, nicht in der mitte durchgebrochen sondern sich einfach herzhaft das obere Ende in den Mund gesteckt und seine dritten drauf knallen lassen. Es riecht nach wurst. jetzt riecht dieses ganze ruheabteil nach wurst! ist geruchsbelästigung nicht noch schlimer als lärm. schließlich habe ich kopfhörer in den ungeputzten ohren. mir wäre es lieber gisela würde heinz etwas erzählen. stattdessen riecht es nun nach geräucherten wurstwaren. heinz schmatzt laut. es knistert. jetzt wird die käsestulle aus der alufolie geschält. gisela hat ihre bereits ausgepackt und halb verschlungen während sie mit leerem blick in die brandenburgerische landschaft starrt. trostlos hier. trostlos auch die geschmierten stullen. zwei scheiben körnerbrot, so helldunkel. nicht wirklich gesund aber auch kein toast. irgendwas dazwischen. ich würde sie gerne fragen welches brot sie heute morgen geschmiert hat, denn es schaut sehr weich aus aber heinz hat jetzt schon die zweite krakauer im mund und ich werde langsam wütend. zurück zu den broten. zwei scheiben brot, butter, eine scheibe butterkäse.

doch gerade als ich heinz und gisela betrauern wollte sehe ich aus giselas käsestulle eine scheibe schwarzwälderschinken unter dem butterkäse hervorlugen. sehr fein. gisela scheint eine frau von experimenteller küche zu sein. einfach mal den schwarzwälder unter den butterkäse gelegt. frech. ich frage mich ob eine saure gurke versteckt ist. würde gerne aufstehen, zu ihr rüber laufen und ihr das brot aus der hand klauen. es dann aufklappen und inmitten von speckrändern und käselöchern nach der gurke wühlen.

die dritte krakauer wandert im moment in den mund von heinz. ein speckfetzen bleibt an seiner lippe hängen, echsenglech schießt seiner zunge aus den kleinen lippen hervor und nimmt das weiße, seidene fädchen zurück in den dunklen rachenraum.
gisela trägt: dunkelblaue, rustikale schuhe aus wildleder, hellbeige schnürsenkel, eine dunkelblaue jeans, abgewetzt am oberschenkel, ein helllilaenes-weißes t-shirt, darüber eine schwarze dünne jacke aus lederimitiat, eckgie brille mit goldene rahmen und dunkelroten steinchen an den seiten, zwei silberfarbene ohrringe, kurzhaarschnitt, rotbraun gefärbt. wimperntusche

heinz trägt: schwarz-graue funktionsturnschuhe, graue schnürsenkel dunkelgraue jeans, einen karierten pullover in den farben blaugrau-hellbeige-hellbraun, schwarze ärmel, einen grau karierten schal, mit diesem klassichen knoten, einmal um den hals gelegt und die beiden offenen enden in die schlaufe geschoben die entsteht, eckige brille mit feindnen grauem rahmen und bügeln, keinen bart, kurz haarschnitt, grau-dunkelblond

nun wird das ei geköpft, mit einem beherzten griff auf die kleine tischplatte des ices geknallt. krrh macht das. ein ekliges geräusch. das brechen der harten schale matscht auf das weiche ei innere. heinz pullt jetzt. jeder kleiner schalensplitter fällt in die alufolie, kopfschütteln dabei. bin mir unklar ob die beiden nicht genervt sind von dem klappern der tastaturen meines laptops. es ist mir egal. es riecht hier nach wurst. und jetzt auch noch nach ei. ich fass es nicht. ruheabteil würde ich am liebsten schreien. aber ich bleibe natürlcih ruhig. schließlich bin ich wohlerzogen und weiblich. Und im ruheabteil.

gisela ist mittlerweile beim nachtisch angekommen. haribo colorado. mit einem kleinen gummi war die packung verschlossen. sie hat also bereits gestern oder heute morgen genascht. oder war es heinz?

mir wird schlecht. heinz hat soeben seinem ei in weniger als drei bissen dem garaus gemacht. ohne salz. ohne pfeffer. nun knuspert es weiter. die alutoflie wird zusammengerollt und in den gefrierbeutel zurück manövriert.

gisela blättert währendessen in der superillu. wo sind die colorado. es geht so schnell. mittagspause in weniger als 10min. die colorado sind wieder aufgetaucht. sind in heinzs blickfeld geraten. ein kurzer blick zu seiner gattin durch die zusammengezogenen augen. doch jetzt wird noch nicht zugegriffen, denn mittlerweile wurde das smartphone aus der tasche geholt und mit einem finger wild darauf herumgeschoben. tindert heinz?? ich meine deutlich eine wischbewegung ausgemacht zu haben. vermutlich humbug. natürlich humbug.

das handy wurde weggelegt. heinz hat nun die colorado packung in der hand und sucht sich seine lieblinge heraus. legt sie vor sich auf den tisch. die grünen frösche mag er scheinbar gerne. ich muss auf die toilette. im nachbarabteil wird die zeit gelesen. hier wäre ich gerne. in der intellektuellen blubberblase der ice fahrten. stattdessen vesperpause mit bärchen und mausi. die bildzeitung wird bei mir aufgeklappt. schumi mit familie auf mallorca. toll der schuhmacher. gehts ihm wieder gut? ich kann nur die schlagzeile lesen, heinz hält die zeitung mit seinen wurstfingern zu schräg und scheint auch sichtlich genervt zu sein, dass mein laptop eine tischhälfte belegt. wissen braucht platz.

ich würde gerne wissen, wie es michael geht.

Carolin Wabra: Heimkommen

und ich weiß dass es dir nicht gut geht. habe es bereits gerochen als du nach hause kamst. als du in dein zimmer gingst und die tür leise hinter dir zugezogen hast.
es roch ganz süßlich im gang nach deinem parfum. aber auch nach deiner traurigkeit.
jetzt liegst du in deinem bett und hast die dunkelblau gestreifte bettdecke über dich gelegt. genauso wie die schwere des heutigen tages – ach des ganzen lebens – über dir liegt. in embryonalstellung hast du dich zusammengerollt. dein warmer bauch drückt sich an deine kühlen oberschenkel.
ich liege im zimmer nebenan. starre an die decke und kann dich leise durch die zwischentür atmen hören. gedanken rasen durch meinen Kopf. Laut, leise, dann wieder lauter als zuvor. Ich bekomme sie nicht zu fassen. Geistige Abrisse über die Zukunft, über das Scheitern, über Ziele, über die Vergangenheit, über dich, über mich. Sie lassen sich nicht ordnen. Sie glitschen durch meine Finger.
ein zimmer weiter hast du deinen laptop nun vor dir aufgeklappt. ein weiß bläuliches licht spiegelt sich in deinen augen wieder. irgendeine schöne serie schaust du jetzt. eine serie in der das leben warm ist und freunde für immer bleiben. in denen ängste keine rolle spielen und wenn dann können sie gelöst werden und dienen nur einem größeren glücklichen zweck, der in staffel 2, folge 4 auftauchen wird.
doch dieses leben ist dir genauso fremd wie mir. deine ängste sind vermutlich noch größer als meine aber du hast sie ganz tief weggepackt in die hölzerene schublade deiner kommode. dort liegen sie versteckt unter schönheitsmasken und augentropfen.
du willst dich auflösen so wie ich hier in meinem bett und ich frage mich warum wir das nicht zusammen tun. warum wir nicht beide unsere dunkelheit nehmen und auf den tisch legen. dann würde sie dort liegen. heiß und pulsierend. sie würde über die tischplatte kriechen wie eine ätzende flüssigkeit. warm und dampfend würde sie dann vor uns liegen und wir beide würden daneben sitzen und rauchen. würden uns an den händen halten und die dunkelheit betrachten.


Carolin Wabra

wer carrie bradshaw und karl marx als vorbilder nennt steckt wohl mittendrin in einer spätpubertären phase. die 29-jährige carolin wabra verarbeitet kindheitserinnerungen, sozialistische erziehungsfehler und den alltäglichen lebenswahnsinn in ihren texten. dies sind ihre ersten literarischen schreibversuche vor publikum.


Carolin Wabra bei EBMD: