Arabella Block: Langeweile

Sie rufen: Steh auf, komm endlich raus, 
wir sterben vor Langeweile.
Doch ich habe keine Eile.
Träge treib ich in der Dünung
des Lakenlichts und peile
durch Wimpernlamellen den Sonnenstand. 
Ein Sommermorgen im Bett,
eidottergelb und flüssig.

Es ist eine heile
Welt und was mir fehlt, erfinde ich dazu.
Nichts dort draußen, nicht der grüne Duft, 
des rasenmäherkurzgeschnittenen Grases, 
auf dem man Ball spielt, nicht die steile
sonnenwarme Abfahrt aus Asphalt,
und die aufgeschürften Knie
über den umgeschnallten Rollschuhen, 
nicht das Quietschen der Schaukelseile
und das Kreischen der Horde, die sich schon gefunden hat,
nicht mal das Gefühl, wenn die gefangenen Heupferdchen 
sich in der klebrigen Faust regen,
ist so schön wie das hier:

dass ich noch ein wenig länger verweile, 
während ein Teil von mir durch alle Bilder schwimmt
und die Bilder, bunte Fische, 
wie aus schwarzem Wachs gekratzt,
schwimmen durch mich hindurch.
Die entscheidende Meile
vor der Küste des Tages genieße ich 
mich ganz, noch war die geile
kleine Insel unentdeckt. Ich war es ganz, 
das Reich, das ich nicht teile
oder verlasse, für irgendeinen Ruf.
Schickt mir keine Feile,
in Kuchen nicht und in Pasteten, nein.
Ich bin mir selbst die schönste letzte Zeile.

Arabella Block: Sucht

Sucht oder lasst es bleiben.
Sucht mich,
aber nicht
auf dem Grund des Glases,
das erst halb leer ist.

Sucht
hinter bunten Vorhängen aus Bildern und Rauch.
Sucht das Paradies
oder nur ein Nest
mit Süßem in Goldfolie.
Klingt das nicht unwahrscheinlich?
Sucht, was es nicht gibt.
Sucht, weil es nie so ist.
Wer sucht
sich nicht?
Sucht!

Arabella Block: Liebe lügen

Es geht mir gut. Alles klar, kein Problem. Nein, nein, das
macht mir nichts aus.

Geh du ruhig alleine. Ich hab eh zu tun. Du weisst,
ich bin gern mal zuhaus.

Versteh mich nicht falsch. Da steh ich doch drüber. Ich schätze, 
das musste mal raus.

Uns geht es doch Gold. Verglichen mit andern leben wir 
in Gefühls-Saus und Braus.

Okay vielleicht, ist es eher ein Säuseln. Doch keine 
Leberlauflaus.

Huch, wie das kitzelt. Ich kann nicht mehr, Gnade. Ach ich 
kleine, kreischende Maus.

Ja, ich dich auch. Das war ganz toll, mein Lieber.
Tosender Applaus.

Erst seit es dich gibt. Wie niemals zuvor. Ich bin eine 
sehr glückliche Fraus.


Arabella Block: Wundertüte

„Nein“, sagte meine Mutter und: „Du meine Güte.
Was willst du denn mit diesem billigen Ding!
Da ist doch niemals etwas von Bedeutung drin.
Schluss, aus, ich kauf dir keine Wundertüte.“

Und dabei blieb es kindheitlang. An der A3
stand zwar das Wundertütenwerk, in dem die Tüten,
auf denen ach so vielversprechend Sterne blühten,
enstanden, doch wir fuhren stets vorbei.

Der neonblaue Namenszug an der Fassade
hat sich mir zugeflüstert Jahr für Jahr.
Bis die Buchstaben nacheinander starben.

Als auch das großgeschwungene W erloschen war,
blieb nur eine Fabrikruine ohne Farben.
„Zu spät“, wisperte sie mir zu, „wie schade.“

Arabella Block: Ekstasen. Triptychon

Ekstasen. Tryptichon

1.

Er kommt nach Hause,
zieht das Jackett aus,
holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank
und Chips
und lässt sich schwer in den Drehstuhl fallen.
Ein tiefer, langer Schluck,
während der Computer hochfährt.
Unglaublich, murmelt er.
während er das Angebot an Filmen überfliegt
auf der Suche nach dem richtigen.
Unglaublich. Weil ihm einfällt,
was sein Vater ihm neulich erzählte.
Dass er in einem Rohbau gezeugt worden war,
auf einem Stück Pappe und einem Schal,
Frucht einer spontanen Erregung
auf dem Heimweg vom Kino.
Kichern beim Klettern über den Bauzaun.
Er schüttelt den Kopf, nippt am Bier,
dimmt das Licht,
entscheidet sich für ein Video,
ein Gangbang auf einer Yacht
und drückt Start.
Unglaublich wiederholt er in Gedanken.
Ein Rohbau, und das im November.
Holt seinen Schwanz raus und legt los.

2.

Nervös skrollt sie durch die Seiten.
Ob das mit dem Einlauf echt sein muss?
Konzentriert studiert sie die Körper,
steht auf, geht zum Spiegel am Schrank,
drückt das Kreuz durch, wie sie es gesehen hat.
Ja, das sieht schon sehr geil aus.
Irgendwo hat sie gelesen,
als Frau beim Analsex zu kommen
ohne dass der Mann stimuliert
sei das ultimative Zeichen
ihrer sexuellen Freiheit.
Frei ist sie jedenfalls, anders als ihre Mutter,
deren Schritte sie draußen im Flur hört.
Mama hat ja ihr Leben lang
allenfalls Missionarsstellung gekannt,
wetten dass? Und vermutlich im Dunkeln.
War vermutlich auch besser,
die war ja nicht mal rasiert.
Ein letzter Blick auf die Filme.
Nein, sie zog das jetzt durch.
Probeweise imitiert sie das Stöhnen.
Es klopft. „Ist alles gut, mein Schätzchen?“
„Ja, Mama“ ruft sie und fährt
rasch den PC herunter.

3.

Er beeilt sich nach Hause zu kommen,
wirft den Schulranzen in die Ecke
und zerrt sich die Hose auf.
Er kommt fast sofort, noch im Stehen.
Für das zweite Mal nimmt er sich Zeit,
zieht die Jeans aus, legt sich aufs Bett
und denkt an die Bilder,
die Jonas ihm neulich gezeigt hat.
Der hat einen großen Bruder
der sich im Internet auskennt.
Der hat sogar Filme mit Hunden.
Allerdings tun ihm da die Tiere irgendwie leid.
Lieber mag er die Frau,
die ihre Brüste so knetet,
dass man meint, sie gehen kaputt.
Langsam beginnt er zu reiben.
Lange hat er geglaubt,
in ihrem Mund, das wäre eine Bratwurst.
Seltsam nur, dass sie beim Essen
so dermaßen sabbert und stöhnt.
Inzwischen kennt er sich aus.
Nur macht er sich Sorgen,
falls es mal in echt passiert,
Ob er es dann auch schaffen wird
so doll zu schwitzen.

Arabella Block: Spielanleitung für Helden

Jeder bekommt eine Spielfigur.
Du musst eine Farbe anmelden,
sonst gibt es keine Helden.
Sonst singen sie nicht. Singen wie die Kiebitze.
Dazu muss es Seiten geben. Mindestens zwei muss es geben.
Hat etwas Seiten im Leben,
dann singen sie wieder, singen die Lieder
von richtig und falsch.
„Der Held liegt im Auge des Betrachters, doch er schert sich nicht drum.“

Wähl deine Seite und zieh.

Wähle Schwarz oder Weiß!
Nicht Feldgrau oder braun wie das Vieh.
Helden stehen nicht an Übergängen,
nicht an sanften Hängen,
selten im Morgengrauen und im Abenddämmer nie.
Sie stehen High Noon. Schattenlos.
Ohne den Schatten eines Zweifels, bloß
im Rücken und die festumwallte Burg.
„Der Helden steht immer am Abgrund, den er sich selbst gegraben hat.“
Schlag deinen Gegner aus dem Feld,
Den Gegenheld.
Helden erkennt man daran,
dass sie sterben.
Helden sind niemals Erben.
Helden leben nicht lang. Helden ist deshalb nicht bang.
„Helden glauben nicht an Schicksal, sie werfen sich ihm in die eisernen Zähne.“

Leider verloren.

Reden wir nicht darüber.
Singen wir Lieder.
„Der Held geht niemals im Kreis und das immer wieder.“

Singen will ich oh Muse
,
von ciao bella ciao bella ciao.
Wir haben nichts zu verlieren, die Reihen fest geschlossen,
es klappern die morschen Knochen,
ins Moor, ins Moor.
Komm, schöner schwarzer Vogel,
komm Kiebitz, sing mir das Lied,
es ist immer das Lied vom Tod.
Das Leben spuckt Helden wieder aus,
Das Leben spielt immer remis.
Nur der Held wird zerkaut und durchverdaut.
Das Richtige tut man einmal oder nie.
Dann vergeht dem Kiebitz das Pfeifen.

Arabella Block: Warum das Säugetier erfreulich ist

Das Säugetier
hat zwei bis vier
gut mit Milch gefüllte Zitzen
die an Brust und Bäuchen sitzen
um die Jungen zu ernähren
welche anders hilflos wären.
Blieb der Umstand rein privat
wäre dieses jammerschad
denn bei Ziegen, Schafen, Rindern
nützt er nicht nur deren Kindern
– also Zicklein, Kälbern, Lämmern –
nein, dem Menschen tat es dämmern.
dass Milch ja nur der Anfang ist
für jemand, der gern Pudding frisst
oder  Joghurt, Sahne, Butter
oder als Gourmetsches Futter:
Brie und Harzer, Romadur,
St. Agur und Feta pur.
Wenn das nur Geiß, Kalb, Lämmlein äße –
wär doch Käse.


Arabella Block: Labradorsonett

Man muss den schwarzen Hund auch lieben wenn er stinkt.
Wenn er sich wälzt in Mist und Kot und einer toten Ratte,
Die sommertags ein Trecker überfahren hatte.
Lieb ihn, wenn er geduscht tropfnass aufs Sofa springt.
Man muss den schweren Hund auch lieben, wenn er haart.
Wenn Staubsauger und Waschmaschine dran verrecken,
Wenn alle Wohntextilien voll schwarzer Härchen stecken
Muss man ihn lieben, denn man ist ums Haar verpaart.
Man darf dafür in schwarze Mandelaugen schmachten.
Auch wenn nicht schmachtet, wer sich früh um sechs erhebt
Und mit dem Tier pressiert dem Wald zustrebt.
Man darf die sturste, unbeirrte Treue pachten,
die stundenlang vor deiner zugesperrten Tür
ausharrt und liebt, wo du dich hasst – sogar dafür.


Arabella Block

Arabella Block ist eines von sieben Kindern einer Späthippie-Kommune in Oberbayern, deren aufsehenerregende Auflösung durch die Polizei noch immer auf einem Youtube-Video verfolgt werden kann. Obwohl die Abstammung der Kinder, über die die erwachsenen Kommunarden die Auskunft aus weltanschaulichen Gründen verweigerten, durch Gentest geklärt werden konnte, wuchs sie wie die meisten ihrer „Geschwister“ bei Pflegefamilien auf. Nach Jahren im Ausland, die sie unter anderem in einem kalifornischen Zen-Kloster verbracht haben soll, zog sie zurück in die Heimat. Nach Zwischenstationen als Putzfrau in einem Museum, Fremdenführerin und museumspädagogischer Mitarbeiterin gibt sie heute Lach-Yoga-Kurse und homöopathisches Zeichnen für behinderte Kinder. Sie lebt mit ihren Hunden und Katzen im Stadtmauerturm einer fränkischen Kleinstadt, die sie nicht genannt wissen will.


Arabella Block bei EBMD: