Andreas Lugauer: Dreifuß-Joe der Vierhänder

Wenn ich nachts nicht einschlafen kann, stelle ich mir vor, ich sei ein Schlagzeuger und säße an einem mordsgroßen Drum-Kit mit einem Haufen Tom-Toms, Stücker 30 Becken schillerndster Bauformen und freilich zwei Bassdrums für Doublebass (denn eine Doppelfußmaschine an nur einer Bassdrum klingt selbst im Halbschlaftraum saftlos). Dann spiele ich die verrücktesten und vertraktesten Takte und Fills und Loops, sauschnell und jazzprofessormäßig, so dass kein Mensch weiß, wo hinten und vorne ist. Zwischendurch prügle ich unvermittelt heftige Brutalo-Blastbeats ein, dass es den BPM-Zähler überschlägt (natürlich ein analoger, wegen der trveness), während die Temperatur spontan in nordpolare Eisgefilde absinkt und die Leute denken: »So schnell kann das doch keiner, das ist doch alles Beschiss und Computer!« Ist es aber nicht!, sondern ehrliches Hand- und Fußwerk. Ebenso unvermittelt wechsle ich dann in den 70s-Prog-Rock-Modus und öffne mit psychedelischer Polyrhythmik ein Dimensionstor bzw. eins in sonst nur erdrogbare Bewusstseinsebenen.

In der halbschlafweltlichen Fachwelt nennt man mich dann Dreifuß-Joe der Vierhänder.

Andreas Lugauer: Intercity-Expreß

Der folgende Witz fiel mir (kein Witz) heute Nacht im Traum ein:

Die Nürnberger U-Bahnlinie U1 verbindet die Städte Nürnberg und Fürth miteinander. Fachleute bezeichnen sie auch als Intercity-Express.

In einem Folgetraum, ich weiß nicht, ob ich zwischendurch wach war, gab ich sogar damit an, was mir im Traum (!) für ein guter Witz eingefallen sei, was von irgendwelchen Traumgestalten ausgiebig beschulterklopft wurde.

Jetzt hingegen, nach der ganzen Träumerei, schäme ich mich für diesen »Witz« eher, als dass ich Grund zum Angeben sähe. Denn dieser »Witz« könnte ebensogut von einem fränkischen Bierdimpfl stammen, einem Greuther-Fürth-Fan etwa, der zu seinen Grattlerfreunden nach abgeleistetem Fußballderbybesuch beim sogenannten »Dreggs-Glubb« in der «Maggs-Morlogg-Arena» (zu dt.: «Club» in der Max-Morlock-Arena) sagt: »Etzadla gemma, na fah ma mim Inderciddy-Exbress widda hamm nach Född, wal in dem Dreggs-Nämberch halddsdas ja net länger aus wie nöödich!« Woraufhin die Gruppe einen einzelnen »Glubb«-Ultra mit »Anti Fü«-Mütze auf dem Kopf erblickt (dem notabene erbärmlichsten Kleidungsstück, dass es in der hiesigen Metropolregion Nürnberg gibt) –, was in beiderseits ausgeschlagenen Zähnen und Hämatomen über Hämatomen resultiert.

Denn der »Glubb«-Fan »hadde fraalich an Deleskoobbschlachstogg in da Hosndaschn«, wie er anderntags im »Glubb«-Ultraheim prahlt, was mit Kommentaren beschulterklopft wird wie »Und daham hasd da na aach glei fümf Weiwa af aamal baggd, oder, du Bersägga du, hehe 😀 😀 😀 Saggramendd, !fümf! Fädda af aamal, du! Fast wei ’s dabbfere glanne Schneiderla, du! – Haddmuud, bringsd ma no a Seidla!«

Die Fürther freilich reden sich mit etwas raus, was sie als »Sagger Bannsch« bezeichnen (dt., bzw.: engl. sucker punch), einem unfairen Schlag des Gegners, der für Momente kampfunfähig macht, »awwer du kennsdd ja de Nämbercha – ohne Unfairidääddn kenna’s dey ja net, de Dreggsaaschlecha, de! – Haddmuud, bringsd ma no a Seidla!«

Jetzadla bin ich doch eddwas endddäuschd von meim Unbewussddseinsschdand, Pardon: Jetzt bin ich, angesichts der hier skizzierten Implikationen, doch etwas enttäuscht von meinem Unbewusstseinsstand, den dieser geträumte »Witz« anzeigt.

Andreas Lugauer: Abstellen, anlassen, schnurrt wieder

Wir sollten angesichts des schon vor langer Zeit wieder abgeebbten Diesel-Abgasskandals den Ingenieur*innen der Heiligen Automobilindustrie Deutscher Nation auch einfach mal Danke sagen für die Entwicklung der Start-Stop-Technologie von Pkw-Motoren!

Schließlich hat diese klandestine Umweltrettungseinrichtung an Ampeln und sonstigen Fahrspaß-Behinderungseinrichtungen bereits viele Sekunden für stillstehende Motoren von grotesken, virilen und – trotz Leichtbauweise – 2,5 Tonnen schweren 600-PS-Großstadtpanzern, die wie demilitarisierte Batmobile aussehen, gesorgt und den Fahrer*innen viel Nerven gespart, »weil da brauchst bloß leicht hintreten dann geht er gleich wieder an wenn grün is‘! Des merkst du fast gar nicht wie er ihn wieder anlässt! Oder du trittst gleich voll durch zum kickdown dann fährt er nicht bloß im 2. sondern im 1. gang an! Da drückt’s dich dann schon ein wenig rein in den sitz, mein lieber! Außer vor dir steht natürlich ein polo oder so eine von diesen plastikernen gehhilfen: denen sitzt du ja gleich im armaturenbrett wenn du gescheit losfährst weil die nicht vom Fleck kommen, nichtwahr…«

Andreas Lugauer: Krust und Schübel

Wir sehen einen Transporter mit einem Firmenlogo, auf dem steht: »Krust und Schübel | Putz + Stuck«. Wie es wohl zu dieser schönen Kombination aus Putz- und Stuckateurs-Firma einerseits und den so sehr dazu passenden, ja sprechenden Namen Krust und Schübel andererseits kam?

Es kam so:

»Ja, schön’n guten Tach hier aufm Gewerbeamt. Das ist Herr Schübel, ich bin Herr Krust und wir wollten gerne ein Gewerbe anmelden.«

»Was denn für eins?«

»Eine Buchhandlung wollen wir aufmachen nämlich.«

»Ja, na gut. Wie soll die denn heißen?«

»So wie wir: Krust und Schübel

»Buchhandlung Krust und Schübel, wie klingt das denn? Was glauben Sie, wer sich da drin ein Buch kaufen will? Das sach ich ihnen: keiner. Krust und Schübel – damit machen Sie am besten eine Bäckerei auf oder werden DJ-Duo oder reüssieren als Stuckateurs-Meister.«

»Hahaha, Sie sind ja gut! Bäcker, DJs, Stuckateure – wir wollen aber eine  B u c h h a n d l u n g aufmachen. Tss… Stuckateure – mein Opa war Stuckateur, das reicht doch. Außerdem braucht kein Mensch mehr Stuckateure, wo das doch eh alles Styroporprofile sind nurmehr.«

»Na, da ham wer’s doch: dann wird’s ein Stuckateur-Gewerbe. Das war zwar eher mehr nur ein Witz, aber wenn der Oppa schon Stuckateur war und ihr so einen passenden Partner-Geschäftsnamen habt, denn passt das doch wunderbar.«

»Hä, spinnen Sie? Wie sollen wir beide denn in Stuck machen? Wir sind  B u c h h ä n d l e r , keine so Putzbatzler!«

»Dann lernen Se’s halt, kann ja nich so schwer nich sein – bei d e m Namen wer’n Se sich vor Engagements nicht retten können.«

»Okay.«

Andreas Lugauer: In die Wirtschaft am zweiten Advent

»Ich gehe jetzt Bier trinken.

Meine Spezln, die Sauhund’, sind noch in der Kirche, aber wegen der Weihnachtsfeier gestern, es is’ ja zweiter Advent – ja Menschenskind, ham mir uns in der Boar die Rüscherln neipfiffn, ja do legst di nieder, Bluatsakrament! Dawei ham wir am Amfang, noch bevor d’ Wirtin ’s Weihnachtsschweinerne hergstellt hat, scho ein jeder vier Weißbier dringhabt – also wegen dieser Weihnachtsfeier – ›Wehrmachtsfeier‹, wie der Girgl im Spaß allweil sagt, ’haha! –, wegen dieser Weihnachtsfeier, die wie jedes Jahr sehr schön war, konnt’ ich da ums verrecken nicht aufstehn für die Kirchn, und jetz geh ich eimfach gleich zum Frühschoppen. Aber einmal geht das schon, wie’s bei uns gern heißt, mords einen Brand hab ich eh zum löschen. Außerdem ham wir uns ja gestern zur Weihnachtsfeier auch praktisch ad majorem Dei gloriam getroffen, zur größeren Ehre Gottes also, nicht wahr. Das kann man schon einmal als quasi vorgezogenen Gottesdienst betrachten, nicht wahr, schließlich hat’s auch Weihnachtsgebäck und einen Christbaum gegeben und die Grundschüler ham gesungen, und einen Weihnachtspunsch hat’s auch geben, aber von dem trinkst am besten bloß eine Tass’, weilst sonst a so Sodbrennen kriegst. Naa naa, der Herrgott hat, glaub ich, schon ein Verständnis dafür, daß wir auf ihn mit einem Weißbier anstoßen bzw. mit sechzehn. Die eine Tass Wehrmachts-…, zefix, jetz fang ich auch schon damit an, die eine Tass’ Weihnachtspunsch ist aber auch gar nicht verkehrt, weil dazu kann man dann auch ein paar Platzerl essen, weil des süße Zeug paßt ja zum Weißbier eimfach nicht dazu, weil es sich geschmacklich eimfach beißt. Aber jetz halten S’ mich nicht länger auf, weil ich einen solchernen Brand hab, und wenn ich jetzt nicht gleich meine Konterhalbe krieg, dann konst an Sanka ruaffn, weil ich’s dann nimmer daback. Oiso, schöna Sonntag Ihnen, gell!«

Liebe Hörer*innen und Hörer, weil dieser Bericht von mancher und manchem, die des Bayerischen nicht in zertifikatwürdiger Weise mächtig sind, womöglich nicht ganz verstanden worden ist, haben wir als kostenlosen Service den stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten, Hubert Aiwanger, zu uns ins Studio eingeladen. Er wird Ihnen den Text nun noch einmal im besten Hochdeutsch vortragen, zu dem er fähig ist:

»Ich gehe jetzt Bier trinken.Meine Freunde, die Sauhunde, sind noch in der Kirche, aber wegen der Weihnachtsfeier gestern, es ist ja zweiter Advent – ja Menschenskinder, haben wir uns in der Bar die Rüscherln hineingepfiffen, ja da legst du dich nieder, Blutsakrament! Dabei haben wir am Anfang, noch bevor die Bedieung das Weihnachtsschweinerne auf den Tisch gestellt hat, schon ein jeder vier Weißbier drinnen gehabt – also wegen dieser Weihnachtsfeier – ›Wehrmachtsfeier‹, wie der Georg im Spaß immer sagt, ’haha! –, wegen dieser Weihnachtsfeier, die wie jedes Jahr sehr schön war, konnte ich da ums Verrecken nicht aufstehen für die Kirche, und jetzt gehe ich einfach gleich zum Frühschoppen. Aber einmal geht das schon, wie es bei uns gerne heißt, einen sehr großen Brand habe ich eh zu Löschen. Außerdem haben wir uns ja gestern zur Weihnachtsfeier auch praktisch ad majorem Dei gloriam getroffen, zur größeren Ehre Gottes also, nicht wahr. Das kann man schon einmal als quasi vorgezogenen Gottesdienst betrachten, nicht wahr, schließlich hat es auch Weihnachtsgebäck und einen Christbaum gegeben und die Grundschüler haben gesungen, und einen Weihnachtspunsch hat es auch geben, aber von dem trinkst du am besten bloß eine Tasse, weil du sonst solches Sodbrennen kriegst. Nein nein, der Herrgott hat, glaube ich, schon ein Verständnis dafür, dass wir auf ihn mit einem Weißbier anstoßen bzw. mit sechzehn. Die eine Tasse Wehrmachts-…, zefix, jetzt fang ich auch schon damit an, die eine Tasse Weihnachtspunsch ist aber auch gar nicht verkehrt, weil dazu kann man dann auch ein paar Plätzchen essen, weil dieses süße Zeug passt ja zum Weißbier einfach nicht dazu, weil es sich geschmacklich einfach beißt. Aber jetzt halten Sie mich nicht länger auf, weil ich einen so großen Brand habe, und wenn ich jetzt nicht gleich meine Konterhalbe kriege, dann kannst du den Notarztwagen rufen, weil ich es dann nimmer derbacke. Also, schönen Sonntag Ihnen, gell!«

Andreas Lugauer: Alles spült

Traurig knöpfte Winfried seinen Hosenstall zu. Die automatische Spülung des Urinals war dieses Mal sogar zweimal losgegangen, während er noch im vollen Schwange uriniert hatte.

»Tragischer Unfall bei Spaziergang« notierte man sinngemäß auf dem Totenschein, nachdem Winfrieds bleiche, aufgeschwemmte Leiche einige Zeit später aus dem Fluss gezogen worden war; eine Fischerin hatte Winfried an einer der Biegungen des Flusses gefunden, dort, wo er so verträumt durch die Landschaft mäandert, bevor er parallel zur maroden dreispurigen Bundesstraße in die Stadt fließen muss.

Der Pfarrer sprach bei der Beisetzung nur die nötigsten, unbedingt vorgeschriebenen Worte und Gebete; nein: er murmelte sie vielmehr. Die beim widerlichen Eintopf seiner Haushälterin zusammenmontierte Grabrede aus Floskeln und Gemeinplätzen verlas er nicht; die Urnenträgerin hielt es nicht für nötig zu verbergen, dass sie in einem Fall wie diesem alles über »Türchen auf – Ürnchen rein – Türchen zu« Hinausgehende für Zeitverschwendung hielt und keinesfalls als »verehrte Trauergäste« angesprochen werden wollte. »Hoffentlich mäkelt diesmal keiner am Beisetzungskostenübernahmeformular herum«, dachte der Pfarrer, als er sein Weihwasserkesselchen zur Sakristei zurücktrug.

Der Nachwelt im Gedächtnis geblieben wäre Winfried, wenn es nur irgend möglich gewesen wäre, dass jemand davon mitbekommen hätte, dass Winfried es als erster (und bis heute einziger) Mensch fertigbrachte, sein Leben zu beenden, indem er durch nichts als einen reinen Willensakt seinen Geist zum Erlöschen brachte – was noch schwieriger ist als sich unter Wasser festzuhalten, bis man ertrunken ist. Winfried gelang es an einer Stelle, an der er nach dem Verlust der Kontrolle seines Geistes über seinen Körper mit ziemlicher Gewissheit die Böschung hinunter in den Fluss gleiten würde.

»Sind ja nur 17 Euro 40, was soll ich mich lang aufregen«, dachte die allseits nur Traudl genannte Gertraud, als sie den unbeglichenen und nicht sicher zuzuordnenden Bierdeckel, den sie beim vom Amt verordneten Schänkeputzen gefunden hatte, wegwarf, »vielleicht gehörte er ja diesem einen, der doch immerzu von dieser Sekte in Delaware redete, die ihn so faszinierte. Der – nach Amerika? Dabei war der wegen der Automaten nicht mal in der Lage, ein Busticket zu kaufen, und den Busfahrer wegen einem Ticket anzusprechen traute er sich schon gar nicht, weshalb er dann bei jedem Wetter mit dem Fahrrad kam. Oh, das Immergrün ist ja kaputt.«

Andreas Lugauer: Max Goldt liest ›zwischen den Jahren‹

Dass Max Goldt, der – man verzeihe mir den eigentlich unpassenden, aber zum Zwecke der Alliteration verwendeten Ausdruck Doyen – der Doyen der Digression, ›zwischen den Jahren‹ im Nürnberger Hubertussaal liest, das ist mittlerweile zur süßen Gewohnheit geworden wie der alljährliche grippale Infekt nach den Weihnachtsfeiertagen.

›Zwischen den Jahren‹, das sagen die Leute, weil ihnen als »Jahr« nur die Zeit ehrlicher Hände Arbeit gilt, was recht hübsch auch durch das Gegensatzpaar »unter der Woche« für die Werk- und »Wochenende« für die arbeitsfreien Tage Sams- und Sonntag illustriert wird. Denn ›zwischen den Jahren‹, da arbeiten normale Leute nicht, sondern geben sich der Erholung, der Muße, dem Skispringen und Biathlon sowie den Verwandten hin. »Biathlon«, mag jetzt jemand einwenden, »läuft doch zwischen den Jahren gar nicht!«, hat damit allerdings unrecht. Zwar findet, soweit hat der Einwender recht, zwischen Weihnachten und Neujahr kein Biathlonwettkampf statt, sehr wohl aber um den Dreikönigstag – und dieser erst beschließt die Zeit ›zwischen den Jahren‹. Wer was auf sich hält, nimmt sich nämlich bis zum Dreikönigstag frei – wenn dieser auf einen Mittwoch fällt, auch noch den darauffolgenden Donners- und Freitag – und startet dann erst ins neue »Jahr«.

Normale Menschen arbeiten ›zwischen den Jahren‹ erst recht nicht an den Feiertagen. Ihnen sind Leute suspekt, die etwa Heiligabend oder die Silvesternacht nicht ›im Kreise ihrer Lieben‹ respektive unter zum letzteren Anlass von der Kette gelassenen ›Feierbiestern‹ verbringen, sondern in Krankenhäusern, Pflege- und Kinderheimen, Polizeistationen, Gefängnissen oder Atomkraftwerken Dienst tun. Wenngleich nicht derart suspekt wie Leute, die an solchen Tagen die ebenfalls aufrechterhaltenen telefonischen Seelsorgedienste in Anspruch nehmen und trotz gemieteter Wohnung und Telefonanschluss, dem nicht die schuldenbedingte Abschaltung droht, in sozialer Hinsicht als obdachlos gelten können. 

»Ob die, die zu solchen Zeiten arbeiten müssen, wenigstens um Mitternacht mit einem Gläschen Sekt anstoßen dürfen?«, fragen sich die Leute besorgt und denken »Gläschen«, weil man zu besonderen Anlässen eben kein ganzes profanes Glas hinunterkippt, wie man es im Alltag macht, wenn man sich am Wasserhahn eines einschenkt und vor lauter Durscht, den einem Heim- und Hand- und Tagwerk verursachen, in einem Zug, der freilich aus mehreren Zügen besteht, unter hör- und sehbarem Schlucken austrinkt und sich anschließend die nassgewordenen Lippen abwischen und hart ausstoßend »’aaaaahh…!« sagen muß.

Ich könnte mich jetzt freilich noch darüber mokieren, daß die Leute in solchen Zeiten auch, obwohl sie das während des »Jahres« höchstens zu Ostern, bei Beerdigungen oder Hochzeiten tun, in die Kirche rumpeln oder Dinner for One …; aber das sollen die Schmöcke tun, wie die Leut’ es ebenfalls tun und halten sollen, wie sie munter, froh und fröhlich wollen. Ich stattdessen male mir nun aus, was Max Goldt dieses Jahr wohl tragen wird. Bei einem der letzten Nürnberger Auftritte nämlich erschien er in quadratisch geschnittenem, groß und grün kariertem Flanellhemd und schwarzbraun längsgestreiften, schlafanzugähnlichen Hosen. Aus Frankfurter Kreisen erfuhr ich, dass er bei der kürzlich dort stattgehabten Lesung wie üblich in unauffällig, in Hemd, Jackett und normaler Hose, auftrat. Aber dort las er auch nicht ›zwischen den Jahren‹.

Andreas Lugauer: Nahteufelerfahrung

Für Eilige wird es am Ende dieses etwas längeren Textes eine Zusammenfassung geben.

In der Nürnberger Innenstadt gibt es ein kleines Café namens Treppenhauslounge. Es wird betrieben vom CVJM. Das ist der Christliche Verein Junger Menschen, der deutsche Ableger der – wir kennen sie von den Village People: YMCA, der Young Men’s Christian Association. Die Belegschaft der Treppenhauslounge wechselt häufig, immer aber besteht sie aus jugendlichen und jungerwachsenen Christ*innen von überall auf der Welt, die in ihrem jeweiligen Herkunftsland Mitglied des dortigen YMCA-Ablegers sind. Gelegentlich bin ich vormittags Gast in diesem Café, um vor der Schreib- und Lektürearbeit in einer nahegelegenen Bibliothek ein Frühstück einzunehmen. Es ist ein irgendwie subventioniertes Café und kann deswegen mit marktunüblich günstigen Preisen aufwarten. Das weiß aber kaum jemand, weswegen es dort meist angenehm oder vielmehr unangenehm leer ist.

Folgende Beobachtung mache ich bei diesen Besuchen immer wieder: Oft, wenn ich die Treppenhauslounge am Kornmarkt betrete und, noch bevor ich mir einen Tisch ausgucke und belege, am Tresen meine Bestellung aufgebe, machen die Mitarbeiter*innen so einen seltsamen Eindruck. So, als würde ihnen plötzlich eiskalt ums Heil, als umklammerten sie bei meinem Eintreten geschwind einen Rosenkranz in ihrer Hosentasche so fest, daß die Fingerknöchel weiß hervortreten, ja, als zögen sie augenblicklich einen Bußgürtel fester, auf daß er seine Stacheln noch tiefer ins Oberschenkelfleisch treibe.

Sie verhärten, verhornen dann in spürbar, dennoch verhalten bannendem Ausdruck, als fürchteten sie in meiner Gegenwart die Anwesenheit des Leibhaftigen. Sie scheinen, als glaubten sie ihn fast zu spüren, den großen Verwandler, den Verführer, das Große Thier, das alle ins Dunkel zu locken trachtet – zu spüren als eisigen Hauch, der ihnen vom Nacken aus beckenwärts schießt.

Während sie den Kaffee zubereiten, das Gebäck auf den Teller heben und dann kassieren, scheinen sie, als sagten sie innerlich hastig Ave-Marias auf, und zwar auf Latein. 

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae. Amen.

Angekommen beim Amen: wiederbegonnen beim Ave, und so in einem fort. 

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae. Amen.

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae. Amen.

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae. Amen.

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum – und so weiter.

Äußerlich ist ihnen das fast nicht anzumerken, aber ihre Augen wandern kaum merklich unruhig hin und her, so als läsen sie die Zeilen des Gebets vom Blatt.

Verlasse ich das Café wieder, ohne daß jemand hinabgerissen wurde ins Fegefeuer, wirken sie sogleich erleichtert. Die Erleichterung entspringt dem Glauben, erfolgreich einer Prüfung widerstanden zu haben. Der mit meinem Eintreten heraufgezogene Schatten verschwindet, die plötzlich die Sonne verdunkelnden Unwetterwolken lichten sich, das Licht des Herrn bricht wieder in den Laden. 

Die Nahteufelerfahrung ist überstanden. 
Und die verstummten Vögel singen wieder ihr fröhlich Lied.

Hier gibt’s jetzt überhaupt keine Zusammenfassung. Das wäre ja, als schöbe man einen ganzen Leberkäse in den Backofen, büke ihn, schnitte ihn in Scheiben, äße dann aber nur die beiden Endstücke und würfe den Rest unverdaut in den Mülleimer. – Wir sind hier schließlich nicht bei Spiegel Online oder einem von seinen Epigonen. Mahlzeit!

Andreas Lugauer: Schme(c)kstase

Schme(c)kstase – erstaunlich, dass uns die Lebensmittelreklame noch nicht mit diesem Begriff traktiert hat. Wie man es auch in die Internetsuchmaschine eingibt – ob mit k oder mit ck 

–, es werden keinerlei Treffer angezeigt. Dabei wäre es ein so schönes Kofferwort, beziehungsweise, wie sich die Werbedeppen frech bei der Linguistik abgeschaut haben: ein so schönes Portmanteau aus »schmeck« und »Ekstase«. Wie zielgruppenpassgenau könnte man der Multiplexkinogesellschaft entgegenjodeln:

»Schme(c)kstase – schlemm’ Dich in Verzückung!«,

oder schamlos nicht nur vorne, sondern auch hinten den religiösen Ausnahmezustand zitierend schalmeien:

»Schme(c)kstase – die Geschmacksoffenbarung!«,

oder die Leute auf die übliche Tour granatendumm bombardieren mit:

»Schme(c)kstase – erlebe die Schme(c)ksplosion auf der Zunge!«

Wobei es, die Internetsuchmaschine präsentiert es stolz, die »Schmecksplosion« leider schon gibt oder gab oder was, wenngleich nur als Kinderkochsendung im Kinderkanal KiKA. Anders als die Schme(c)kstase wäre die Schmecksplosion für Lebensmittelreklame jedoch auch kaum empfehlenswert, assoziiert doch die eine oder andere womöglich mit Explosionen im Mundraum gleich Mord-, wo nicht Terroranschläge; was der Armen nicht einmal bewusst sein müsste, sie dennoch zum Konkurrenzprodukt greifen ließe.

Dass es die Schme(c)kstase noch nicht gibt, es ist eigentlich ein kleiner Grund zur Freude. Denn womit werden einigermaßen empfindsame Gemüter von der Reklameindustrie nicht alles gemartert: Zu den Verursachern neuerlicher Höhe- beziehungsweise Tiefpunkte zählen die Berliner Umweltinitiative »Trenntstadt Berlin« und der Eisteefabrikant Lipton.

Die Initiative »Trenntstadt Berlin« kümmert sich um, das heißt, richtiger: wirbt für Mülltrennung und warf dafür die Aufforderung »trennt« sowie die ganze »Trendstadt Berlin« in den Müllverbrennungsofen, um aus dem lavazähen Gewalke ganz unten die Verschmelzschmarrung »Trenntstadt Berlin« herauszuharkeln. Man möchte, mit einer solchen Spottgeburt von Wortupcycelung konfrontiert, sofort im Garten zum Fleiß seinen Stapel alter Autoreifen verbrennen oder – dem Internetmeme »Throwing Your Old Car Batteries into the Ocean« folgend – seine alten Autobatterien ins Meer schmeißen.

Jetzt mag eins einwenden und erwidern und einwerfeln: »Jamei, dann ist das halt ein gewollt-gewitzigter Name – aber die Kampagne als solche ist doch prima, also was soll’s!« Woraufhin man dann den Facebookauftritt der Kampagne aufsucht und sich recht bald folgendem Bild gegenübersieht: Ein hipper Kerl im lilafarbenen T-Shirt sitzt Zeitung lesend – er liest freilich die »TrenntZeitung« – auf einem Abort. Seine Jeans ist, dem Anlass angemessen, heruntergelassen, seinen Schritt verdeckt die Zeitung, die weiße Unterhose aber blitzt unter dem untersten T-Shirtrand hervor – erst daran merkt man, dass der heruntergelassenen Hose keine wiederum Unterhose aufliegt. Ein Bildbeschiss, von dem jedoch der große Haufen leerer Klopapierrollen links neben dem Protagonisten abzulenken trachtet – der Haufen türmt sich nämlich bis zur Höhe der Brustwarzen des Defäkierenden (ein gutes Wort für Kot ist übrigens Dejekt – denkt daran, wenn ihr am Kassettenrekorder wieder auf »Eject« respektive »eject« drückt), und stellenweise ragt er, der Klopapierrollenhaufen, auch empor zu des – pardon my french, aber jetzt wird alliteriert: empor zu des Scheißers Schultern. Rechts unten im Bild wurde ein Textkasten affichiert. (»affichieren« habe ich in anderem Zusammenhang bei Adorno gelesen und bedeutet ›ein Plakat ankleben, befestigen‹.) In dem Textkasten steht wortspielelnd-gewitzt: »Wir brauchen ein neues Rollenverhalten.« Haha, wegen Klorollen und des Dejektors Verbrauch hehe. Und weiters steht die Aufforderung: »Trenne Papier und Pappe in der Papiertonne.« Freunde, scheltet mich einen Barbaren, aber ich sage: Es ist den Zellstoffverwertern wurscht, ob Papier und Pappe in der Papiertonne getrennt, beieinander, nebeneinander oder sogar durcheinander liegen. Und sakrament, lest’s euch halt euren Schamott halt noch einmal durch, bevor ihr ihn plakateweise in der Gegend herumaffichiert. Und sage niemand, es sei ja gar nicht so gemeint gewesen oder immerhin nur fast oder wie.

Der Eisteefabrikant Lipton hinwiederum macht sich schuldig, indem er auf die Plastikbanderole seiner 1,5-Liter-PET-Flaschen neuerdings »Aufdrehen & Loserleben!« draufdruckt. Ob es bei der Firma jemandem aufgefallen ist, dass mit dem notabene und verkehrterweise großgeschriebenen »Loserleben« auch das Loser-Leben dortsteht – es ist vor der Tatsache, dass die Reklameindustrie allen Ernstes bei der gleißenden Granatenidiotie »los-erleben« angekommen ist, fast auch schon wieder wurscht. Von welcher Seite man es auch betrachtet: Mich erfüllt das nur mit heißer Trauer und stummer Wut.

Andreas Lugauer: Die Zerstörung der Martin Suter’schen Twitterlyrik

Wer einmal wirklich ~grauenvolle~ Lyrik lesen will, besuche den Twitter-Account des Schweizer Schriftstellers Martin Suter: twitter.com/martinsutercom. Suter, dem Publikum in erster Linie bekannt als Romancier, nicht aber als Lyriker, twittert dort ausschließlich und fast täglich Gedichte. Dies jedoch allem Anschein nach ohne besondere Qualitätsansprüche.

Nach ein wenig Durchgescrolle frage ich mich ernsthaft, ob Suter seine ›Gedichte‹ voller dichterischer Selbstüberzeugung twittert, oder ob ich einen oder gar mehrere Ironielayer nicht gette. Ein erstes Beispiel:

»Die US Präsidentenwahl
Hat der Welt den Nerv getötet.
Sogar der Mond ist vom Skandal
Deutlich sichtbar leicht errötet.«

Gemeint ist in diesem Gedicht vom 21. Januar 2019 der an diesem Datum aufgrund einer totalen Sonnenfinsternis rot erscheinende, sogenannte »Blutmond«. Dass der Mond mit dem Erröten fast genau zwei Jahre zu spät dran ist – Trump wurde am 20.01.2017 inauguriert – und dass sich seit Trumps Amtseinführung vier weitere Mondfinsternisse ergeben haben, ja mei, was soll’s, wenn’s uns halt grad so ein schönes Gedichtlein zum Twittern hergibt.

Zumal Suter ja jeden Mondschmarrn zu verarbeiten scheint, noch so einen, der monatlich auftritt wie etwa ein fast (!) voller Mond: Ich zitiere:

»Eine stille Winternacht,
Die Welt wie unbewohnt.
Und über diese Stille wacht
Ein fast voller Mond.«

Gehen wir einmal davon aus, dass es ihm ernst ist mit seinen ›Gedichten‹: Dann handelt sich nicht nur um Banalitäten ersten Ranges, die nur aufgrund der Reimwörter aneinandergeleimt werden können, sondern, was noch vorher wehtut, um Gedichte, die mindestens in jedem dritten Vers derart holpern, wie man es allerhöchstens Onkel Erwin bei Gelegenheitsgedichten zum Geburtstag oder ähnlichem nachsehen würde; zumindest dann, wenn man schon vier Bier getrunken hat. Ich zitiere Suter vom 19. Januar dieses Jahres:

»Ich bin auf einem weissen Berg.
So hoch liegt überall der Schnee,
Dass ich gar nicht darüber seh.
Bin wieder wie als Kind ein Zwerg.«

Martin Suter also, hoch oben aufm Berg, noch höher nur der Schnee, der ihn ringsum überragt, so dass er nicht mehr »darüber« sieht (der dritte Vers passt wieder nicht, quod erat demonstrandum). Wahrscheinlich hat ihm jemand eine Schneise durch die Schneemassen geschaufelt, durch die er jetzt durchlatscht. Weil wenn der Herr Dichter auf dem meterhoch eingeschneiten Berg umherwandeln will, soll er das natürlich tun können müssen. Wo kämen wir schließlich hin, wenn er, wie jeder andere Mensch auch, einfach vernünftigerweise im Tal bleiben müsste. Was, wenn ihm eine Winterwanderung wie diejenige Goethes auf den Brocken im Harz verwehrt bliebe, aus der immerhin dessen Gedicht »Harzreise im Winter« hervorging, das Goethes Dichterruhm ja wohl nunmal endgültig besiegelte? Nein, das kann niemand wollen, und deswegen schicken wir die Schneekatze hoch, metertiefe Schneisen zu pflügen. Und dass Suter sich darin dann fühlt nicht wie ein Halbgott, sondern wieder zwergenhaft wie ein Kind (richtig wäre hier: Kleinkind), damit muss er entweder selber klarkommen, oder er dreht selbst das noch ins Poetische rüber.
Anderntweets macht er sich manchmal Sorgen:

»Wenn wir uns bereits am Morgen
Schon auf den Abend freuen,
Mache ich mir manchmal Sorgen,
Dass wir es einst bereuen.
Denn viel länger wirkt das Leben,
Wenn wir von dem dazwischen,
Uns ein wenig Mühe geben,
Auch etwas zu erwischen.«

Von der grauenvoll stümperhaften Form abgesehen: Da macht er sich also manchmal, während er sich am Morgen so richtig schön auf den Abend freut, Sorgen, eben dies irgendwann mal zu bereuen. Freilich macht er sich dabei nicht immer Sorgen, oder hört gar einfach auf, sich am Morgen auf den Abend zu freuen. Denn so tief scheint die ›Erkenntnis‹ nicht zu rühren, dass das Leben »viel länger wirkt« (?!), wenn er sich den ganzen Tag über, von morgens bis abends, nur »ein wenig Mühe« gibt, »etwas« davon »zu erwischen«, dass es ihn beim Sich-Sorgen-Machen immer aus der Sorgenbahn trägt oder er es halt gleich ganz bleiben lässt und stattdessen versucht, was vom Leben – das sich verhuschelt-wuzelig zu entziehen scheint wie ein Eichhörnchen – zu erwischen.

Und worauf freut er sich eigentlich, unser Herr Dichter? Auf den Flug der Minerva etwa, die diesen laut Hegel bekanntlich erst abends startet? Ohne die Antwort apodiktisch vorwegnehmen zu wollen, stelle ich sachte zur Diskussion: Wohl kaum.
Jetzt mag natürlich jemand einwenden: »Freilich, hier mords rumkritisieren, aber selber wieder keinen geraden Vers zusammendichten können!« Dieser Vorwurf wäre zwar Quatsch, aber dennoch stehe ich nicht an, hier meine kleine Martin-Suter-Huldigung vorzutragen:

Lieber Martin Suter,
Hör bitte auf zu dichten,
Denn du bist kein Guter.
Es reicht halt nicht mit Reimen
Zeilen zusammenzuleimen.
Und von den Metren zum Beispiel
– Hier passt was mit Freistiel! –
Beherrscht du nicht mal die schlichten. [das reimt jetzt auf »dichten« im zweiten Vers!]
Drum sage bitte »auf Wiederschaun«,
Und produziere nicht mehr so einen Schaum.
Vielen Dank!
Dein Andreank