Anselm Neft: Horrorfreitag

„Ghostland“ (2018): Interessant, dass Filme, die in meiner Jugend indiziert worden wären (die man sich also in türkischsprachigen Raubkopien auf VHS ansehen musste) heute ein FSK 16 erhalten können. Nach „Martyrs“ präsentiert Pascal Laugier mit „Ghostland“ also einen Film für die ganze Familie. Kotztüten und Telefonnummer einer Traumatherapeutin bereithalten.

„Hounds of Love“ (2016): Brettharter australischer Psychothriller über eine 17-Jährige, die von einem perversen Paar entführt und gefangengehalten wird. Die drei Hauptdarsteller spielen so gut, dass der Film auch abgestumpfte Naturen berühren dürfte.

„Mirrors“ (2008): Will man Kiefer Sutherland als traumatisierten Ex-Cop in einem riesigen ausgebrannten Kaufhaus mit Spiegeldämonen ringen sehen? Ich durchaus! Tendenziell ein stereotyper, aber sehr effektiver Film von Alexandre Aja.

„Next Door“ (2005): Dieser kostengünstige norwegische Film erfindet das Mindfuck-Psychothriller-Rad nicht neu, ist aber sehr atmospährisch und ein fieser Einblick in die ja generell unausgegorene männliche Psyche. Runde Sache für Hartgesottene.

„When Animals dream“ (2014): Ein Independent-Film aus Dänemark, der durch eine verträumt-melancholische Atmosphäre berückt und von den Wachstumsschmerzen einer jungen Frau erzählt, deren Mutter schon nicht mit dem Patriarchat klarkam. Sehenswert, und auch weniger horroraffinen Menschen zuzumuten.

„28 Tage später“ (2002): Auch wenn ich schlurfende Zombies besser finde als die rennende Fit-for-Fun-Variante: Das ist ein toller britischer Film, mit leichten Black-Mirror-Vibes, der die Endzeit erlebbar macht. Das entvölkerte London, das Darstellerensemble und das eigenwillige Finale haben mich begeistert.

„Evil Dead“ (2013): Mutiges Remake des Kultklassikers von 1981. Viel Blut, Terror und Gewalt. Kein Kindergeburtstag. Aber an die psychotische Wirkung des Originals mit seiner genialen Tonspur kommt die Neuverfilmung nicht heran. Dennoch fetzig, auch weil die Geschichte erweitert wurde.

„Nobody sleeps in the woods tonight“ (2020): Polnischer Wald-Monster-Slasher, der viel weniger stumpf ist, als das klingen mag. Eine Gruppe junger Menschen muss zum Digital Detox in die schöne Natur und trifft auf etwas Monströses. Spannung, Dramaturgie, Charakterzeichnung, Blut, Terror, Witz – kaum ein Horrorfan dürfte enttäuscht sein. Eine Fortsetzung ist geplant.

„So finster die Nacht“ (2008): Schwedische Mischung aus Sozialdrama, poetischem Coming-of-Age und lakonischer Blutrünstigkeit. Vor allem ist das ein gerade durch seine spröde Inszenierung wirklich berührender Film über jugendliche Einsamkeit, erste Liebe und Vampirismus. Auch das US-Remake dieses Anti-Bullerbü ist keineswegs übel.

„Der Babadook“ (2014): Eine alleinerziehende Mutter ist aus Gründen, die noch ans Licht kommen, in den Gefühlen zu ihrem sechsjährigen Sohn gespalten. Er ist hyperaktiv und hat soziale Schwierigkeiten. Und dann taucht auch noch eine Schreckgestalt aus einem Kinderbuch auf: der Babadook. Großartiger, formal origineller Film von Jennifer Kent, der wie alle guten Horrorfilme auf einem ganz realen Grauen basiert und dafür eine Ausdrucksform findet. Nach dem Film hatte ich mehr Verständnis für meine Mutter. Gönnt euch!

„The Endless“ (2017): Eigenwillige Mischung aus Mystery, Drama, Horror und SF (FSK 12), die mich durch die interessant-ambivalente Darstellung einer Sekte und die nachvollziehbare Geschichte zweier in unterschiedlichen Rollen gefangenen Brüder überzeugt hat. Der Schrecken ist in diesem Film unsichtbar und kosmisch. Angenehm abseits vom Mainstream und ambitioniert ohne prätentiös zu werden.

„It follows“ (2014): Glaubwürdige, natürlich aussehende Teenager in einem US-Film? Jawohl, und was für einem! Bilder von spröder Poesie, Synth-Musik wie aus 80er-Horrorfilmen und eine ungewöhnliche Geschichte, die nur auf den ersten Blick hanebüchen wirkt. Wer nachvollziehen will, wie sich (sexuelle) Gewalt auf die Weltwahrnehmung auswirken und wie sich posttraumatische Alarmbereitschaft anfühlen kann, MUSS diesen Paranoia-Kracher sehen. Hammer!

„Lights out“ (2016): Ein Horrorfilm wie ich ihn liebe! Seine primäre Motivation: Furcht erzeugen.

Christian Ihle: Twin Peaks

Douglastannen, Kirschkuchen, verdammt guter Kaffee und die schönste Wasserleiche der Weltgeschichte: Welcome To Twin Peaks, Einwohnerzahl: 51.204

Der 10. September 1991 ist ein historisches Datum in der deutschen Fernsehgeschichte: die Erstausstrahlung von Twin Peaks auf RTLplus. Nicht nur markiert Twin Peaks einen der ersten Gehversuche der herumflegelnden Privatsender in dem Reich des Seriösen, sondern auch den ersten Medienhype um eine noch nicht gestartete Serie, der sogar so weit ging, dass Sat1 via seines eigenen Videotextes den Mörder der Hauptfigur Laura Palmer veröffentlichte, RTL strengte dagegen in der Folge ein Gerichtsverfahren an, das SAT1 auch tatsächlich verlor. In den USA lief Twin Peaks bereits ein Jahr zuvor auf ABC und war zu Beginn ein phänomenaler Erfolg. Den Piloten sahen 34 Millionen Zuschauer, was die erfolgreichste Filmausstrahlung des Jahres in den Staaten war – als kleiner Vergleich: der Pilot von Akte X drei Jahre später hatte gerade einmal ein Drittel der Twin-Peaks-Einschaltquoten.           


Twin Peaks – Wie alles begann

Aus einer relativ normalen Krimi-Exposition bildet sich über 31 Episoden der von David Lynch erfundenen Serie eine immer seltsamer werdende Welt heraus, die bis zum heutigen Tag in Film & Fernsehen oft nachgeahmt, doch nie mehr in ihrer surrealen Güte erreicht wurde.

Laura Palmer, die Ballkönigin der amerikanischen Kleinstadt Twin Peaks, wird in einen Plastiksack gewickelt als Wasserleiche gefunden. FBI Agent Dale B. Cooper, der eine Vorliebe für Kirschkuchen und „verdammt guten Kaffee“ pflegt, wird hinzugezogen und fährt in das beschauliche, von Douglas-Tannen umrahmte Twin Peaks. Nach und nach werden die liebevoll-skurril gezeichneten Bewohner des Städtchens vorgestellt, deren Lebensgeschichten auf vielfältige Weise miteinander verwoben sind.
Folge um Folge wird Beziehungsgeflecht um Liebesaffäre aufgedeckt während parallel – mehr gleichberechtigt, denn im Vordergrund stehend – das FBI seine Ermittlungsarbeit aufnimmt. Diese Art des Horizontalen Erzählens, also einer Geschichte über eine Staffel hinweg und nicht nur innerhalb einer Folge, hat Twin Peaks mehr oder weniger erfunden. Das heutige Fernsehen, insbesondere Netflix & Co, sind ohne horizontales Erzählen nicht denkbar.

Die Kleinstadt als Mikrokosmos der USA

Wir Zuschauer lernen gemeinsam mit Neuankömmling Dale B. Cooper die Wunderlichkeiten und Eigenheiten der Stadt und ihrer Bewohner kennen und tauchen Stunde um Stunde tiefer in den Kosmos Twin Peaks ein. Das wahrlich meisterhafte ist die Verquickung der verschiedensten Seriengenres zu einem großen Ganzen, das in sich stimmig, obwohl voll von Subversivität, Absurdem und Surrealem ist. „Das Geheimnis von Twin Peaks“ ist nicht nur who killed Laura Palmer? sondern auch, dass jeder Zuschauer „seine“ Serie daraus macht: es gibt die Thriller-Storyline wie die Daily Soap, Mystery- wie Coming-Of-Age-Handlungsstränge, absurde Komik, familiäre Tragik, Brutalität wie Liebe, Intrigen und Beschaulichkeit.
Der rote Faden der Serie ist natürlich die Suche nach dem Mörder von Laura Palmer und für die Antwort zieht Dale B. Cooper Zen-Techniken und Beschwörungen zu Rate, träumt von tanzenden Zwergen und glatzköpfigen Riesen, die entscheidende, aber absurd kryptische Hinweise geben.

Selbst als rational veranlagter Zuschauer lässt man sich auf die surreale Twin Peak Welt ein, weil die fest in der Kleinstadtrealität verankerten anderen Handlungsstränge dafür authentischer und ungeschönter wirken als es Fernsehen sich bis dato traute.

Die Visionen werden gegen Auflösung hin häufiger und insbesondere die Figur BOB, eine der furchteinflößendsten Gestalten, die das Fernsehen geschaffen hat, dringt immer weiter in das normale Kleinstadtleben ein, das von einem undefinierbar Bösen, das schon immer in den Wäldern um Twin Peaks gehaust haben soll, tiefer erschüttert ist als es die mühsam aufrecht erhaltene Fassade des Bürgertums zeigen mag.

Eine eigene Welt, eine eigene Zeit

Twin Peaks spielt dabei in einer eigenen Zeit. Die Kleinstadt und ihre Bewohner leben in einer Art 50er-Jahre-Welt, obwohl die Serie fraglos in der Gegenwart spielt. Dieser Kunstgriff David Lynchs unterstützt einerseits bereits das surreale Gefühl, das später durch die Plotentwicklung affirmiert wird und spielt andererseits auch auf der Storyebene eine Rolle. Die 50er Jahre repräsentieren die Zeit, in der noch alles gut war und doch ist all das nur Fassade. Das Böse und Schlechte, die Verderbtheit hat längst Einzug gehalten in Twin Peaks.

David Lynch hatte einige Jahre zuvor mit dem gefeierten Film „Blue Velvet“ eine ähnliche Thematik abgehandelt: den seedy Untergrund, auf dem die Bourgeoisie lebt und den sie verzweifelt versucht unter der Oberfläche zu halten.

Die in Twin Peaks behandelten Themen machen die Serie zu transgressiven Fernsehen, das Grenzüberschreitungen erzählt und bebildert, die bis 1990 kaum Gegenstand von TV-Serien waren – insbesondere was seine Hauptfiguren anbelangt: von Inzest zu Prostitution, von Drogenmissbrauch zu häuslicher Gewalt von seriellem Ehebruch bis zu sprechenden Holzscheiten.

Gut gegen Böse, Jung gegen Alt

Das Besondere an Twin Peaks ist aber das bereits angesprochene Nebeneinander der verschiedenen Serienformen. So wird Twin Peaks auch beim x-ten Durchlauf nicht langweilig, weil immer wieder ein anderer Handlungsstrang hervortritt, der wiederum der Serie eine andere Anmutung gibt. Der erste Durchlauf beschränkt sich normalerweise auf das Wahrnehmen der Thriller- und Mysteryebene, während bei späterem Anschauen der Serie der politische, gesellschaftskritische Subtext hervortritt oder das Coming-Of-Age-Drama der Jugendlichen von Twin Peaks in den Mittelpunkt rückt. Das Böse, das in Twin Peaks von den Schönsten und Besten der Heranwachsenden Besitz ergreift? Es steht für das Erwachsenwerden, das das einfache, vielleicht naive, aber immer gute Leben der Jugend vernichtet. Selten wurde der Generationenkonflikt mit so viel Wucht im Fernsehen ausgetragen.

Andreas Lugauer: Blue Velvet

Wer von den Hörer*innen hat schon mal den Film »Blue Velvet – Verbotene Blicke« von David Lynch gesehen?
Der Verfasser dieser Zeilen jedenfalls hat ihn nicht gesehen – aber er hat einmal nur anhand des Filmtitels eine Inhaltsbeschreibung verfasst:

In »Blue Velvet – Verbotene Blicke« geht es um einen Privatdetektiv (daher der Untertitel »Verbotene Blicke«), der sich in eine Frau verguckt, die er beobachten soll. Denn – was er da zu beobachten hat, gefällt ihm schon ziemlich gut, muss er sagen. Er macht sich also an sie ran – natürlich erfolgreich, denn er sieht aus wie ein Filmstar mit schneidiger brünetter Kurzhaarfrisur (so voll ange80ert) und Brusthaar, und zwar von genau der richtigen Üppigkeit. Außerdem ist er sehr eloquent und charmant und hat blaue Augen, in deren weichen, doch klar konturierten Blicken er Leute samten betten kann (daher der Obertitel »Blue Velvet«). Logisch, dass die beiden erstmal ordentlich Sex haben – aber noch mehr so tastend und suchend und nicht gleich aus dem Vollen schöpfend, denn sie kennen sich ja noch nicht so gut und außerdem gebietet dies die Sexfilmdramaturgie.

Freilich findet sie, die Ausgespähte, heraus, dass er als Detektiv auf sie angesetzt ist. Es wird ihr von einem Bekannten erzählt, in einem Café, und sie hätte niemals damit gerechnet. Der Bekannte sagt nicht, woher er das weiß, alles ist sehr geheimnisumwölkt. Beim nächsten Treffen der ProtagonistInnen – er, der Detektiv, hat Blumen dabei – gibt es Streit, sie ist sehr sauer auf ihn, es fallen böse Worte von ihr und besänftigende von ihm, die aber – zurecht – bei ihr alle ins Leere laufen. Sie wirft ihm den Blumenstrauß an die Birne, wobei der Topf daran kaputt geht, von dem kaum jemand weiß, wo der jetzt eigentlich herkommt, denn Blumen kauft man ja in so Papier eingewickelt – und zu Dates bringt man nicht schon Töpfe mit.

Spätabends, wieder alleine, vertraut sie ihrem Tagebuch an – man hört sie aus dem Off sprechen –, dass sie es eigentlich ganz anregend und aufreizend findet, von ihm beobachtet worden zu sein, und sie hofft, er habe ihr auch beim Umkleiden zugeschaut. Sie erinnert sich an ihr letztes, wie immer erotisches Umziehen – man sieht die Erinnerung, abgesetzt durch starken Weichzeichner – und den Zuschauer*innen wird klar, warum es für den Detektiv auch rentabel gewesen wäre.

In dieser Nacht schläft unser Detektiv mit seiner Auftraggeberin, mehr einfach so und es wird auch gar nicht klar, warum (es… gibt aber gute Bilder her). Wahrscheinlich hat er ihr Auftragsergebnisse vorgeflunkert, ohne zu erwähnen, dass er aufgeflogen war. Logisch, dass die beiden davon heiß aufeinander werden, also ist es doch nicht so unklar, warum sie es im letzlich Straßenlichtschein tun.

Am nächsten Tag oder vielmehr eine Woche drauf dann die große Versöhnung unserer beiden ProtagonistInnen, es gibt bald auch Sex, logo. Dann lernt die Ausgespähte irgendwie die Auftraggeberin des Detektivs kennen und auch sie schlafen miteinander.

Zufällig stößt danach, die beiden liegen noch sich bezärtelnd beieinander, der Detektiv dazu, er kommt gerade vom Sport. Und dann haben alle aber noch genug Energie und veranstalten eine menage à trois, wo sämtliche Sexregister gezogen werden und wirklich alle auf ihre Kosten kommen. Leider werden irgendwann die Credits eingeblendet und am Ende fadet das Bild der ekstatisch wogenden Drei einfach aus. Kabel-1-Werbung wird eingeblendet und dann Werbung normal

Verena Schmidt: Chiffre Glücksspiel

Socken. Ähh zocken (jiddisch „zschocken“) steht laut Wikipedia umgangssprachlich seit den 2010er-Jahren für das Spielen von Computerspielen – und bei diesem netten Zeitvertreib ist man ja meist alleine. Anders verhielt es sich in den Zeiten des Wirtschaftswunders. Hornbrille zurechtgerückt und Ohren gespitzt. Unter dem Buchstaben K findet man einen hilfreichen Leitfaden zur Vorbereitung einer Kartenpartie und im Anschluß zum gesellschaftlichen Verhalten wären des Kartenspielens. Da die Zusammenkunft in privatem Kreis stattfindet, wird der Gastgeber angehalten alles so vorzubereiten, dass das Spiel gleich beginnen kann, wenn die Runde vollzählig beisammen ist. Zur Vorbereitung gehören: ein passender, mit grünem Tuch bespannter Tisch saubere (Chiffre) Spielkarten niemandem sollte zugemutet werden mit abgegriffenen und „gezeichneten“ Karten zu spielen Schreibblock und Bleistift eventuell Spielmarken sowie geeignete Tassen. Griffbereit sollten auch Rauchzeug und genügend viele (Chiffre) Aschenbecher für (Chiffre) Raucher sein. Spielen Sie möglichst geräuschlos und schonen Sie die Karten, wenn Sie irgendwo mit von der Partie sind. Wer Karten „drischt“ gehört nicht in eine kultivierte Gesellschaft. (Chiffre) Kiebitz Nach etwa einer Stunde werden Chiffre Erfrischungen angeboten. Schließlich wäre es unhöflich gegen den Gastgeber und auch unhygienisch, diese Erfrischungen während des Zockens- ähm des Spielens zu sich zu nehmen. Also: das nette Spiel unterbrechen, eine kleine Pause wird den erregten Gemütern nicht schaden. (Chriffre) Spielschulden.

Verena Schmidt: HAARE

In einem Benimmregelwerk aus dem Jahre 1954 folgt in alphabetischer Reihenfolge gleich auf den Buchstaben G. wie „Gruß unter geschiedenen Eheleuten und deren Angehörigen“ der Buchstabe H.wie „Haare ordnen“ (Chiffre) siehe Make Up, beginnend mit der Dame, die Lippenstift, Puder und andere Schönheitsmittel an bestimmten Orten, oder zu bestimmten Gelegenheiten tunlichst zu unterlassen, oder tunlichst zu tun hat.

Es steht eindeutig geschrieben: „Wenn Sie das Bedürfnis haben, ihr Erscheinungsbild wieder zurecht zu machen, dann zücken Sie nicht vor  allen Leuten – etwa im Restaurant – Ihren Taschenspiegel, um dann mit Lippenstift, Puder oder Ähnlichem nachzuhelfen.
Chiffre Entschuldigen Sie sich und ziehen Sie sich in den Chiffre Waschraum zurück.

Dasselbe gilt für das Ordnen Ihrer Haare. Sie dürfen sich niemals bei Tisch kämmen und sollten es sogar vermeiden mit Ihren Händen den Sitz Ihres Haares zu prüfen.

Selbstverständlich müssen sich auch Herren zurückziehen, wenn sie an ihrer Frisur oder an ihrer Krawatte etwas richten wollen.Chriffre siehe Toilettefehler.

Gleich folgend die Regeln zu dem Buchstaben

M:
-Mandarinen Chiffre siehe Obst
-Marillen Chriffre siehe Obst
-Marmelade Chriffe siehe Butter, Honig, Senf

Womit nun meinerseits auch genügend Senf zum Thema Haare abgegeben wurde.

Christian Ihle: Lyrics und Punkmusik

„She Loves You / Yeah Yeah Yeah“ ist der Urtext der Popmusik und zeigt die Kunst, komplexe Gefühlswelten nachfühlbar auf eine Sloganhaftigkeit zu komprimieren.
Aber Popmusik – im breitesten Sinn verstanden – ist trotzdem mehr als der Sound, der Hook und der simpelste Refrain der Welt. Nicht nur können Lyrics einen völlig anderen Zugang zu einem Song eröffnen, auch der Kontext, in dem – und für den – ein Song entstanden ist, trägt zur Welt dieses Liedes bei.
Was mich angeht: aus der Punkidee kommend würde ich für mich sogar sagen, dass die Musik eine untergeordnete Rolle spielt, wenn ich mir Relevanz eines Popsongs überlege.
Die musikalische Begleitung wirkt sicher direkter, aber auch subjektiver. Wollen wir aber mehr von Popmusik als Radiogedudel, dann dürfen wir Songs nie nur auf ihre Musik reduzieren.
Hier halte ich es mit dem amerikanischen Autor Greil Marcus, der in „Lipstick Traces“ – seiner legendären Abhandlung über die Subkulturen des 20. Jahrhunderts – genau diese Untrennbarkeit von Lyrics, Attitude und Musik herausarbeitet. Beispielhaft demonstriert an der Frage, warum Punk seine Bedeutung hatte und was Punk von New Wave unterschied:
„New Wave war nicht Punk ohne Schockeffekt, sondern Punk ohne Bedeutung.
Punk dagegen war nie ein musikalisches Genre, sondern ein Moment in der Zeit, eine Aussage, die weder mit Worten noch Akkordfolgen allein hätte ausgedrückt werden können.
Wenn also das Interessante an Punk etwas anderes ist als seine Funktion als „musikalisches Genre“ dann gibt es auch keinen Grund, Punk so zu behandeln.“
Punk ist also – dank seiner Lyrics und der in Texten und dem Auftreten steckenden Attitude – weit mehr als schnelle, laute oder aggressive Musik. Selbst im Klischee, dass Punk nur drei Akkorde hat, steckt mehr als die reine Beschreibung seiner Musik. Denn die Bedeutung von Punk ist, dass auch mit minimalistischen musikalischen Mitteln so viel gesagt werden konnte, dass die Musik also von jedem spielbar war, damit jeder eine Stimme hatte. Diese Stimme sind die Lyrics und ihre Haltung zur Welt.
Und deshalb sind die Lyrics der Schlüssel, nicht die Musik:
Anarchy In The Uk / Yeah Yeah Yeah.“
Sprecher: Andi Dollinger

Katja Engelhardt: Troye Sivan und der Sex in der Popmusik

Das angebliche Erfolgsrezept von Popmusik ist ihr universeller Charakter. Demnach ist ein Popsong dann erfolgreich, wenn sich besonders viele Menschen mit ihm identifizieren können. Daraus folgt: Texte von Popmusik sollten die Hörer nicht ausschließen. Im Idealfall ist das love interest bei Liebessongs immer ein „you“ – also ein „du“, kann dann prima Mann oder Frau sein und die Herzen aller Hörer beginnen ganz schrecklich aufgeregt zu pochen, weil sie gerade ihre Romanze in der Schablone Liebessong aufgehen sehen.
Es ist also nicht allzu unlogisch, dass es so wenige queere Lyrics in Popsongs gibt. Immerhin müsste der Künstler oder die Künstlerin erstens überhaupt Lust darauf haben, die eigene Vorliebe zu thematisieren – und hätte Elton John das zu Beginn seiner Karriere gewollt? eher nicht. Zweitens müssten die Künstler*innen sich das trauen. Und drittens: Würden sie theoretisch auf eine Gruppe von Hörern verzichten. Nach den Gesetzen des allround universellen Pop. Zumindest wird die Beziehung zwischen Interpreten, lyrischem Ich und Konsumenten erschwert.
Troye Sivan hat dieses merkwürdige Konstrukt herausgefordert. Und das wirklich sehr schlau: Queer und kompatibel.
Eine der Singles zu seinem Album „Bloom“ ist der gleichnamige Song – Bloom. In dem es um Analsex geht. Und die war Radiomaterial. Troye Sivan ist offen schwul, mit dem Wissen im Hinterkopf geht als also auf jeden Fall um Analsex von zwei Männern miteinander. Aber verpackt in Codes. Troye Sivan will jemandem seinen „Garten zeigen“, da soll Gas in den Motor fließen, die Fontänen sprudeln, alles dabei. Und der Titel Bloom, also blühen, ist das sich öffnen, was dafür notwendig ist. Und weil Troye Sivan singt, er blühe nur für seinen Counterpart, wissen wir gleich sehr viel mehr über sein Sexleben als ich nach jahrelangem Fan Girling über das von Britney Spears. Einfach so.
Weil „Bloom“ eben in Codes erzählt wird und mit viel Popdrama und Melodie ummantelt ist, checkt man nicht so schnell, dass es um Analsex geht. Und genau das erhöht natürlich auch die Chance, im Mainstream-Radio zu landen.
In anderen Songs streut Troye Sivan sehr gezielt immer wieder männliche Pronomen ein und lässt uns wirklich nie daran zweifeln, dass er auf Männer steht: „My boy like a queen“ im Song „Lucky Strike“ – den Song „Animal“ nennt er sogar selbst eine Ode „an den boy, den er liebt“. Das heißt auch wenn im Radio jegliche Queerness überhört wird, klären diese männlichen Personalpronomen in den anderen Songs auf dem Album restlos auf.
Bei allem gesellschaftspolitischem Mut, kommt trotzdem nie das Gefühl auf, dass Troye Sivan schockieren wollen würde. Er will niemanden überzeugen. Das hier ist kein Agit Pop. Troye Sivan tut einfach nur das, was weirder Weise oft viel radikaler ist: Er ist ehrlich. Männliche Pronomen und Zuschreibungen fallen bei ihm nämlich meistens dann, wenn es um Sex geht und, nun ja, da ist ja nun mal ein Unterschied, ein physischer. Würde der verschwiegen, dann wäre der Text eines offen schwulen Mannes nur weniger authentisch. Überhaupt: Die Regel des universellen Pop scheint schlecht gealtert zu sein. Taylor Swift ist sehr erfolgreich und verweist in ihren Texten ständig auf ihr Privatleben, das ist auf die Fans zugeschnittene Gossip Verwertung und funktioniert 1a. Dabei können sich die allerwenigstens damit identifizieren eine bildschöne weiße blonde Frau zu sein, die von anderen Promis in tweets kritisiert wird. Pop muss nicht universell sein, indem er immer schön vage und uneindeutig getextet ist. Die verbindende Kraft von Pop sollte 2019 nicht sein, dass alle alles hineininterpretieren können.
Vielmehr sollten Popsongs so individuell wie möglich sein, aber so gut gemacht, dass wir alle verstehen und mitfühlen können, egal von wem der Song kommt. Damit wir uns alle über diese Geschichten besser kennenlernen und vermeintliche Gräben zwischen uns überwinden. Dann erfüllt Pop sein Potential zu verbinden nämlich wirklich – nicht als Klebstoff innerhalb einer Gruppe, sondern zwischen uns allen.
 

Sarah Grodd: Agathe Bauer und der afrikanische Regen

Hach ja, „Africa“ von Toto.
Tief im kollektiven Gedächtnis gleich mehrerer Generationen verankert. DER Grund für eine heisere Stimme am Morgen nach einer eskalativen Party. Sobald der erste Beat einsetzt, kann jeder den Songtext aus dem tiefsten Inneren hervorkramen. Absolute oder zumindest relative Textsicherheit wie aus dem Effeff. Und spätestens beim Refrain lässt sich auch der Letzte im Raum vom inbrünstigen und durchaus misstönigen Mitgrölen des Nebenmannes mitreißen. „I bless the rains down in Africa.“ Welch ein lyrisches und zutiefst eingängiges Stück Musikgeschichte. Ja, ein regelrechter Party Hype hat sich in den letzten Jahren um diesen 80s Smasher neu entfacht. Konkret: 1982. In diesem Jahr hat der Song das Licht der Musikwelt erblickt. 1982, also drei Jahre vor Live Aid, DEM legendären Wohltätigkeitskonzert zugunsten Afrikas. Hat David Paich, der Kopf von Toto, da etwa drei Jahre vor Live Aid einen musikalischen Stein der Wohltätigkeit ins Rollen gebracht? Weit gefehlt. Dass in „Africa“ der afrikanische Regen gesegnet wird, zieht irgendwie unbemerkt vorbei. Oder zumindest wird der Text nur äußerst selten hinterfragt. Ob das damals in der Generation unserer Eltern noch anders war? Hat der Bedeutungsverlust der Worte vielleicht erst mit dem Generationenwechsel eingesetzt?
Wir schreiben 2019. Aus heutiger Zeit hat Paich maximal halbherzig die gesellschaftliche Kritikkeule geschwungen. Paich : ein weißer Mann, der versucht, einen Song über Afrika zu schreiben, selbst zu dem Zeitpunkt aber noch nie dort war. Der all seine Inspirationen aus einer UNICEF Werbung im Fernsehen und aus Erzählungen eines Freundes zieht. Skurril. Und natürlich dreht s ich der Song nicht nur um den afrikanischen Regen. Nein, auch die tiefe Liebe zu einer Frau wird selbstverständlich thematisiert. Ein zauberhaftes Potpourri wirrer Erzählstränge.
Aber zurück zum afrikanischen Regen. Und zur eskalativen Party. Zurück zur heutigen Zeit. Jeder DJ, der etwas auf sich hält, hat „Africa“ in seinem auserlesenem Musikrepertoire. Und jeder DJ, der noch mehr auf sich hält, stimmt diesen Song akkurat auf den Pegel seiner Tanzgemeinde ab. Irgendwann am Abend ist es dann sowe it: die alkoholische Grundlage wurde gelegt, die ersten Töne von „Africa“ erklingen, die Whoo-Girls stürmen auf die Tanzfläche und Stimmung und Pegel erreichen gleichzeitig ihren Peak. Danach: glückseliges Kollektivtaumeln. Angekratzte Stimmbänder. Bierdurchtränkte Shirts. Spuckefetzen des Nebenmannes im eigenen Gesicht. Mitgesungen hat hier jeder, aber wen kratzt da eigentlich die Textbedeutung bei „Africa“? Und überhaupt, welche Rolle spielt schon die Lyrik in der Musik?
Das hier sollte eigentlich eine Hommage an musikalische Lyrik werden. Eine Hymne auf Lyrics. Ein Appell an jeden Einzelnen, doch mal wieder mehr auf die Texte der Lieblingssongs zu achten. Doch was passiert, wenn sich die Bedeutung eines Songs durch das aufmerksame Hören des Textes plötzlich ändert? Wenn man sich dann nicht mehr sicher ist, ob „Africa“ damals eine politische Message hatte oder einfach nur ein richtig guter Partysong ist. Oder wenn etwa im Schnulzen-Klassiker „Every Breath You Take“ von The Police aus der Erzählung eines liebestollen Mannes plötzlich ein verstörendes Bild eines Stalkers wird.
Vielleicht ist es doch ganz sinnvoll, wenn Künstler ihre Songtexte eben nicht erklären; den Interpretationsspielraum ganz bewusst offen lassen. Wenn man sich nicht zu viele Gedanken über die Lyrics macht, stattdessen einfach die Melodie genießt und Fantasieworte mitsummt. Spätestens auf der nächsten Party kommt der Punkt, an dem du dich selbst fragen kannst, wie textsicher du bist. Wie textsicher du sein willst. Dann kann Snaps Klassiker „I´ve Got The Power“ auch ganz schnell zu „Agathe Bauer“ mutieren. Oder statt bei Eurythmics´ „Sweet Dreams Are Made Of This“ auch mal „Sweet Dreams Are Made Of Cheese“ verstanden werden. Und weißt du was? Das ist vollkommen okay.