M.S. Bakausky: Sie haben Geschichte geschrieben

Manchmal gibt es einen Musik-Act, der einfach den Nerv der Zeit trifft. Leute wie Elvis Presley,  die Beatles, Falco oder Madonna. Doch in den frühen neunziger Jahren gab es nur eine Band, die überhaupt etwas zu sagen hatte: Scooter.
Mit dem äußerst genialen Frontmann H.P. Baxxter.
Im Jahre 1994 gab es nur ein Lied, dass man hörte, wenn man auf sich etwas hielt: „Hyper Hyper“ wurde international, weltweit auf allen Sendefrequenzen und in jedem angesagten Club auf und ab gespielt.
Natürlich hatte auch ich die Single auf CD gekauft. Ich war damals acht Jahre alt und konnte den Refrain auswendig. Ganz zum Missfallen meiner Eltern. Während andere Kinder noch Flöte spielten, bettelte ich um Synthesizer-Unterricht. Doch den gab es in meiner Stadt zu der Zeit einfach nicht. Ich schrieb einen Brief an den Hans Peter Baxxter.

„Sie sind mein Idol. Ich bin so aufgeregt. Ich kann es gar nicht glauben, dass Sie diesen Text lesen werden. Scooter ist die beste Band. Hyper hyper ist ein Meilenstein. Ich könnte platzen vor Freude. Also ich würde gerne Synthesizer-Unterricht nehmen. Können Sie mir einen Tipp geben? Hochachtungsvoll, …“

Jeden Tag nach der Schule ging ich in das Büro meines Vaters und fragte, ob ich Post bekommen hätte. Ich ließ mich auch nach Tagen nicht entmutigen, baute mich wieder auf, indem ich „Hyper Hyper“ in meinem Zimmer herauf und herunterspielen ließ. Meine Mutter war langsam genervt davon. Stellte einmal sogar den Strom am Sicherungskasten ab. Sie schien meine Liebe zur elektronischen Tanzmusik nicht zu teilen.

Nach drei Wochen war es so weit. Ich kam von der Schule, ging in Vaters Büro und fragte nach der Post. Er sagte erst, ich muss dich leider enttäuschen, wieder nichts! Kurz bevor ich das Zimmer verlassen hatte, sagte er dann noch: „Warte, doch da ist etwas!“ und übergab mir den Umschlag.
Ich rannte in mein Zimmer und öffnete behutsam den Briefumschlag. Ich fingerte eine Autogrammkarte und ein gedruckter Brief heraus. „Hallo … vielen Dank für deinen Brief. – wir sind per du, dachte ich. Er hat mich sehr inspiriert. Als kleines Dankeschön schicke ich dir anbei eine Autogrammkarte. Beste Grüße H.P. Baxxter“

Ich war außer Rand und Band. Ich platzte fast vor Freude. Bis ich merkte, dass Hans Peter gar nicht meine Frage nach dem Synthesizer-Unterricht beantwortet hatte. Es stand als Absenderadresse ein Postfach in Hamburg. Da war mir klar – ich muss nach Hamburg! Hier in Nürnberg geht nichts. Doch meine Eltern waren nicht erfreut über meine Umzugspläne. Ich hatte es mit Quengelei probiert, mit Argumenten und mit Dauerspielen von „Hyper Hyper“. Bis mein Vater in mein Zimmer kam, mich anschrie was ich eigentlich mir dabei denken würde, dass er Ruhe brauche um zu Arbeiten, dass er mit dem Kopf arbeitet. Er nahm die Stereoanlage und die CD mit. Er kam zurück mit leeren Händen und nahm die Autogrammkarte von der Wand. Ich schrie: Nein, nicht die! Und wollte sie ihm aus der Hand reißen, doch er hielt sie stärker, sodass er und ich jeweils eine Hälfte in der Hand hatten.

Meine Mutter kam kurz darauf und tröstete mich. Zeigte mir eine Broschüre vom Klavierunterricht. Sagte, dass wenn ich erst einmal Klavier spielen könnte, klassische Musik, würde es mir besser gehen. Von nun an musste ich täglich vier Stunden Klavier spielen. Meine Eltern waren auch sonst strenger geworden. Ich durfte nicht mehr meine Freunde sehen. Nach der Schule hieß es Hausaufgaben machen. Dann Klavier spielen. Zweimal die Woche kam ein Klavierlehrer zu mir.

Die Jahre schritten voran. Ich vergaß Scooter völlig.Kurz nach meinem 18. Geburtstag packte ich meine Siebensachen ein und zog aus. Ich hatte schon länger kein Wort mehr mit meinem Vater gewechselt. Jetzt nahm er mich kurz zur Seite und reichte mir einen braunen Umschlag. „Das hier gehört dir“, sagte er. Ich steckte den Umschlag mit zu den anderen Sachen in einen Karton. Als ich ihn ein paar Tage später öffnete, kamen zum Vorschein:

Die Single „Hyper Hyper“ und eine fein säuberlich geklebte Autogrammkarte.

Ich war sofort wieder angefixt.
Tage, Nächte, lang hieß es bei mir nur noch „Hyper Hyper“.
Doch es war nicht mehr dasselbe, es wurde einfach nicht mehr wie 1994.
Vielleicht passte Scooter einfach gut in die Neunziger Jahre, vielleicht waren die jetzt vorbei.

Als ich das begriff, stellte ich den CD-Spieler aus, legte ich mich aufs Bett und weinte, weinte und weinte.

Theobald O.J. Fuchs: Isolation

Dr. Venkatraman trat vor das Hochhaus ins pralle Sonnenlicht. Er legte seine Stirn in Falten, als er hinauf in den blauen Himmel blickte. Dort kreiste ein schwarzer Pulk Krähen. Vielleicht ein Zeichen, dachte Venkatraman. Fast unsichtbar kleine Farbpartikel, die sich vom roten Punkt zwischen seinen Augenbrauen gelöst hatten, bröselten zu Boden. Doch ein Zeichen für was? fragte sich Venkatraman. Wenn er nur mit jemandem darüber sprechen könnte! Doch Rajiv Lakshminarayanan war seit Tagen nicht mehr im Dienst erschienen, das ganze Bürogebäude war menschenleer, niemand interessierte sich mehr für die Arbeit der Behörde.

Venkatraman ging vor bis zur Ecke, wo die East Coast Road die Hundred Feet Road kreuzte. Dort stand ein alter, krummer, von Staub und Abgasen gebeutelter zementgrauer Baum. In einem Riss zwischen den steinharten Wurzeln war ein kleiner Schrein eingesetzt, welke Blumen lagen darunter, auf einen Grashalm gefädelt weiße und orangefarbene Blüten, ein feuerroter elefantenköpfiger Götze streckte seinen goldenen Handteller den Vorübergehenden zum Gruß entgegen. Wenngleich heute kein einziger Mensch außer Venkatraman hier vorüberging. Die roten Ziegelsteine, mit denen der Gehweg ausgelegt war, knirschten unter seinen Füßen. Venkatraman blieb stehen. Seine Flip-flops waren schon sehr abgelaufen und sahen schäbig aus. Würde es mir vielleicht helfen, den letzten Rest Würde zu bewahren, wenn ich mir neue Schuhe kaufte? ging es ihm durch den Sinn. Venkatraman hätte darüber gerne mit Lakshminarayanan diskutiert, doch sein Kollege hatte sich nicht einmal von der Arbeit abgemeldet. Er war spurlos verschwunden. Wie alle anderen.

Wie auch der einäugige Scherenschleifer, Giundy, der doch immer hier an der Ecke saß und auf Kunden wartete. Auch Giundys Frau Anandyanjaswinder war nirgendwo zu sehen. Für einen kurzen Augenblick stieg Panik auf in Venkatraman. Ihn packte die Angst, dass in seinem Kopf etwas nicht mehr in Ordnung sei und er nicht mehr wisse, wo er war. Vielleicht war das gar nicht die Ecke an der East Coast Road…? Vielleicht schien in Wahrheit auch die Sonne nicht und es war mitten in der Nacht? Das Herz schlug ihm bis zum Hals, hinter den Augen staute sich sein Blut, in seiner Kehle bildete sich schon ein zu seinem Gemütszustand passender Schrei.

Doch dann sah er den Fleck. Eine schwärzliche Verfärbung der Steine dort, wo Anandyanjaswinder gewöhnlich jeden Mittag einen Topf duftender scharfer Blumenkohlsuppe zubereitete, mit frischer Milch von der Kuh, deren Revier die Gasse hinter dem Amt war. Nein, Venkatraman hatte seine fünf Sinne beisammen, alles war gut, sein Kopf funktionierte. Oder dann doch wieder nicht, oder? Denn wo waren sie alle? Er zog das Handy aus der Tasche, bereit, das letzte Mittel zu ergreifen, das er sich vorstellen konnte.

Er wählte die Nummer von Krishnan Balamsubramanian, seinem obersten Chef und stellvertretendem Vizeminister für mittelschwere und leichte Sozialfragen. Venkatraman warf einen schnellen Kontrollblick in jede Richtung. Kein Mensch war zu sehen, die Straßen waren völlig verlassen. Sogar die Affen in den Baumwipfeln schwiegen. Richtig, dachte Venkatraman, die Affen? Keine Spur von ihnen… Wann habe ich das zuletzt erlebt? Habe ich überhaupt schon einmal erlebt, dass die Welt so menschenleer war, fragte er sich, während er darauf wartete, dass im Telefon der Rufton summen würde. Doch da tutete nichts. Da war nur noch das Geschrei der Krähen hoch oben und das Schaben seiner Sohlen auf den Steinen.

Venkatraman hatte das traurige Gesicht Balamsubramanians vor Augen, als er ihm zum letzten Mal begegnet war. Vor drei oder vier Tagen, auf dem Flur, beim Trinkwasserspender. Krishnan, der mit seinen dunkelblauen Augen hinter den dicken Brillengläsern noch stets jeden Bittsteller mit einem guten Gefühl im Herzen entlassen hatte. Sei vorsichtig, Venkat, hatte er ihm nachgerufen. Klar doch, hatte er geantwortet, aber dann war der Strom im ganzen Viertel ausgefallen und die Hitze war so unerträglich geworden, dass er vergessen hatte, worum sich das Gespräch überhaupt gedreht hatte und was als nächstes zu tun sei.

Venkatraman leckte über den Zeigefinger seiner rechten Hand, schloss die Augen und presste die Fingerspitze gegen den roten Punkt auf seiner Nasenwurzel. Die Energieströme schlossen kurz, er erdete sich selbst und näherte sich dem Nirwana.

Großer Ganesha, dachte er, so einfach hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Er spürte eine wundervolle Wärme durch seinen Körper fließen und im nächsten Augenblick durchbrach er die Isolation seiner Seele…

Raphael Stratz: Der Aufzug aus Ägypten

Ob es eine Hölle gibt, wird kontrovers diskutiert. Die korrekte Antwort auf die Frage nach einer Vorhölle wechselt von Papst zu Papst. Viele sind sich nicht sicher, ob sich die Existenz eines Ortes namens „Bielefeld“ belegen lässt, sind sich aber sicher, dass dieser, so es ihn denn gibt, der Hölle am nächsten kommt. Einen Ort, dessen Existenz sich lückenlos nachweisen lässt stellt hingegen der Aufzug dar. Jener Aufzug, in dem ich gemeinsam mit Armin und Pavel stecken blieb.

Eigentlich hatten wir nur nach oben fahren wollen, um unserem alten Schulfreund Marx eine Stinkbombe in sein Büro zu liefern. Marx arbeitete im Passamt und benötigte die Bombe dringend und so schnell wie möglich. Wofür er sie brauchte konnte er uns leider nicht sagen, nur dass es wirklich dringend war und wir uns sowieso mal abgewöhnen sollten, immer alles direkt zu hinterfragen. Wir hatten also eine Stinkbombe von Pavels Bruder Jean-Rüdiger stibitzt und uns auf den Weg zum Rathaus gemacht. Dort angekommen war die Lage des Passamtes schnell erörtert, offen war nur die Frage, ob der Fahrstuhl oder das Treppenhaus schnelleren, größeren und ansehnlicheren Erfolg versprechen würde. Wir entschieden uns für den Aufzug, da Pavel uns damit drohte „spätestens bei der Hälfte zu krepieren“ und man weiß ja wie unangenehm es ist, einen Erschöpfungstoten die Treppe herunter zu tragen.

Armin forderte also kurzentschlossen den Fahrstuhl an, in welchen wir dann frohen Mutes hineinkletterten. Der Knopf für das richtige Stockwerk war schnell gedrückt, die Freude auf das Wiedersehen mit Marx wuchs. Diese Allerdings erfuhr einen leichten Dämpfer, als der Aufzug mit einem Ruck, der selbst geübte Presslufthammerbedienende hätte zusammenzucken lassen stehenblieb. Dass es so schnell nicht weitergehen würde stellten wir fest, nachdem Armin den Notknopf gedrückt hatte. Ein sehr freundlicher Herr am anderen Ende erklärte uns in warmen Worten, dass dies ein Rathaus sei und kein Wirtshaus und wir doch bitte eine Nummer ziehen sollten und warten, bis wir aufgerufen würden. Wir versuchten freilich, den guten Mann darüber aufzuklären, dass es sich hierbei um eine Art Notfall handelte, doch er würgte uns mit der Bemerkung ab, er wisse genau wie ein Notfall aussieht und solange er uns nicht sehen könne, wäre es ihm schlicht nicht möglich das einzuschätzen. Als ich fragte, wie lange es wohl dauern möge, bis er sich unserer Sache annehmen könne, fragte er uns, welche Nummer wir denn gezogen hätten.

„Die 23!“ rief Armin in seiner Geistesgegenwart, doch die einzige Reaktion, die dies unserem Gesprächspartner entlockte, war ein gluckerndes Lachen.

„Tja meine Herren“, setzte er an „da werden Sie sich wohl noch ein wenig gedulden müssen. Wir sind im Moment bei Nummer 382. Wenn wir bei 999 angelangt sind, geht es wieder von vorne los.“

Dafür, dass wir dies überhaupt nicht zu schätzen wussten, hatte er wenig bis kein Verständnis. „Wissen Sie, ich mache die Regeln nicht. Ich bin nicht derjenige, der sich diese Bürokratie ausgedacht hat.“

Mit diesen Worten unterbrach er die Verbindung und wir standen wieder allein in einem steckengebliebenen Aufzug im Rathaus.

„Naja, dann machen wir einfach das Beste draus“, schlug Armin vor „was meint Ihr, wie lange könnt ihr die Luft anhalten?“

„Über acht Minuten lang.“ Behauptete Pavel, was wir aus naheliegenden Gründen natürlich glaubten. Ein Mensch, der bei der Hälfte des Weges in den ersten Stock krepieren würde und trotzdem von sich behauptet acht Minuten lang die Luft anhalten zu können, das erschien uns in etwa so wahrscheinlich wie der Ausschank von Fritz-Kola auf einem CSU-Parteitag. Wir entschlossen uns also, dies zu testen.

Das Ergebnis:
– Pavel konnte die Luft nicht einmal 40 Sekunden lang anhalten.
– Dafür, so sagte er uns aber erst danach, wurde ihm übel, wenn er länger als 20 Sekunden die Luft anhalten musste. Oft so übel, dass er sich übergeben musste.
– Wenn Pavel übel wurde, so ging das oft mit Platzangst und Wahnvorstellungen einher.
– Der Mann am anderen Ende konnte die Verbindung gar nicht unterbrochen haben, denn sobald Pavel geäußert hatte, ihm wäre übel, meldete er sich wieder zu Wort.

„Meine Herren, ich darf Sie darauf hinweisen, dass es Sachbeschädigung ist, wenn Sie sich in den Aufzug erbrechen. Wir stellen in solchen Fällen Strafanzeige.“

„Vielen Dank, Herr Schaffner, einmal nach Alexandria bitte. Ich muss dringend noch in die Bibliothek und mir Iphigene auf Tauris ausleihen.“ Stammelte Pavel. „Sie können gerne am Eingang auf mich warten, es dauert dann nur ein paar Minuten.“

Im selben Moment, indem Pavel seine Ausführungen beendet hatte, schien Armin der Zorn zu durchfahren. Mit lautem Gebrüll warf er sich gegen die Sprechanlage des Aufzugs und forderte den Herren am anderen Ende auf, rauszukommen und sich der Situation zu stellen. Wenn er ein Mann wäre, würde er auch nach Dienstschluss mit ihm nach draußen kommen, um die Sache auf dem Parkplatz auszudiskutieren.

Das hätte er allerdings besser nicht getan. Er bereute es auch im nächsten Augenblick bitter. Nicht seine Worte, die waren aus tiefster Seele gekommen und nur ehrlich gemeint, allerdings hatte Armin vergessen, dass sich in seiner Jackentasche eine hochempfindliche Stinkbombe befand, die bei seinem Sprung an die Wand zerbrochen war.

„Ach du Sch…“ mehr brachte Armin nicht mehr heraus, bevor er in sich zusammensackte. Auch um mich herum begann sich alles zu drehen, ich versuchte, mich irgendwo festzuhalten, bekam nichts zu fassen und fiel vornüber.

Ich wachte auf, als die Sanitäter mich ins Freie schoben. Es war die dritte Staffel Sanitäter, die uns nach draußen brachte. Die Zweite hatte die Erste, die völlig unvorbereitet in den Stinkbombenqualm gerannt war retten müssen. Uns wurde gesagt, wir würden keine bleibenden Schäden davontragen. Ich gehe allerdings davon aus, dass sie damit eigentlich meinten, bei uns war nicht mehr viel zu verlieren gewesen.

Immanuel Reinschlüssel: Mobilität 4k

Die Sonne steigt langsam über die sanfte Hügelkette,  zerfurcht das nebelverhangene Tal und dringt zaghaften in bis in die tiefen Züge des Tales ein. Ich kenne dieses Schauspiel, habe ihm schon unzählige Male schweigend beigewohnt und es sorgsam beobachtet, habe im Laufe der Jahrzehnte jedes noch so kleine Detail perfektioniert und auch die winzigsten Makel beseitigt.

Die Hügelkette, die sich an den Horizont schmiegt wie ein frisch verliebtes Mädchen. 

Die Tektonik der Täler.

Der dichte Wuchs der Gebirgsausläufer.

Der leichte Wolkenflaum, der ohne Wiederstand den Weg des Morgenlichtes freigibt.

Die Farbschattierungen der Graslandschaft.

Das Plätschern der verworrenen Bäche.

Meine Idee, ein Sonnenaufgang direkt aus meinem Geis, erschaffen nur für mich.

Pure Perfektion.

Ihn mit anderen zu teilen, möglich, natürlich. Nur ein Gedanke entfernt.

Von Horizont zu Horizont reicht mein Blick und darüber hinaus, ins Unendliche, wenn ich denn möchte. Und ich möchte, wir alle möchten.

Ich kann mit einem Satz im tiefen Regenwald stehen, ohne eine Schritt zu machen.

Auf dem Meeresgrund wandern, ohne die Luft anzuhalten.

Auf einem Atom reiten.

Durch das Weltall fliegen.

Mit Goethe im Teehaus sitzen.

Durch meinen eigenen Körper spazieren.

Japanisch lernen.

In den Krieg ziehen.

Jedes Bild in meinem Neuronensystem, jede Möglichkeit dieses Universums, ich muss sie nur denken und bin. Ich denke, also bin ich.

Ich schwebe. Ich schwebe, ich treibe, ich tauche. Hier, im Jetzt. Mein Körper, er schwebt, er treibt. Naphtolyt. Ich schwebe in Naphtolyt, schon mein ganzes Leben lang. Ich wurde darin gezogen und ich werde darin entsorgt, wenn die Funktionswerte sinken. Ein Prozess von tausenden von Jahren. Naphtolyt, es nährt mich, mich und alle Menschen, alle Menschen dieser Erde. Mein Platz C19 Delta 420, mein Platz von Anfang bis Ende. Mutter passt auf uns auf. Mutter zieht uns. Mutter nährt uns. Mutter kontrolliert die Neoronaltranszenz, verband uns nach dem Ziehen damit und lässt uns nicht mehr los. Mutter verband mich mit dem System in meiner Stunde Alpha, Mutter löst es am Tag Omega. Das System ist meine Augen, meine Ohren, meine Beine. Das System lässt mich wandeln, unendlich weit.

Das System, die größte Erfindung unserer Spezies, die größte und die letzte. Es aufzubauen erschien wahnsinnig, den Widerständen zu trotzen schier unmöglich. Doch die Erkenntnis war zu klar, zu zwingend: In dem Moment, in der wir das Universum verstanden und alle erreichbaren Winkel bereist hatten, gab es einfach keinen Grund mehr, noch weiterzugehen.

Warum den Körper belasten, wenn der Geist doch alles erreichen konnte?

Warum auf Füßen stehen, wenn es dafür keinen Grund mehr gibt?

Warum Hände haben, wenn es keine Arbeiten mehr notwendig sind?

Warum Augen haben, wenn die Bilder sie nicht benötigen?

Warum fortpflanzen wie die Tiere, wenn Mutter eine fehlerlose Reproduktion ermöglicht?

Das System und Mutter, wir legten unsere Spezies in ihre perfekten, schützenden Arme. Wir machten den nächsten Schritt in unserer Entwicklung. Wir stiegen von Affen zu Göttern auf.

Die Sonne legt sich über das Tal. Sie steigt nicht gleichmäßig, sondern gehorcht der Fibonacci-Folge, meine Symphonie des Lichts. Meine Blicke folgen ihrem Weg, erkennen jeden Grashalm, kennen die Wahrheit in den kleinsten Dingen.

Pure Perfektion. 

Anja Gmeinwieser: Flugversuch der Taube in Bilbao (gescheitert)

Stelle dir vor, du bist in einem Flughafen gefangen. Stell dir vor, dein Pass hat zwischen dem Check-In und dem Abflug, bei dem du – nur du – ausnahmsweise nach besagtem Pass gefragt wurdest, eine andere Biegung genommen, als du selbst.

Ich stelle mir das manchmal vor, und dass dies eine Vorstellung ist, die ich mit vielen teile und dass uns alle ein wohlig ekler Schauer befällt, Lustangst vor dem Leben im
Niemandsland, in einer Dystopie aus Paranoia, die uns die Welt erst erschließt. Spätestens seit diesem Film mit Tom Hanks, in dem Tom Hanks einen mit Pass- und Visaproblemen spielt, stellt sich das doch jeder mal vor, und ich meine man weiß ja auch, dass es den Mensch tatsächlich gab, den Tom Hanks da gespielt hat, ein Perser, der gut 20 Jahre eine Institution von Ironie und Bürokratie im Charles de Gaulle war, und das gibt es jetzt auch wieder, an Terminal 1 von Kuala Lumpur ist ein Syrer gefangen, ein Jahr nun schon, weil: kein Visum, kein gültiger Pass und schon geht nichts mehr.

Die meisten, wie ich – und ich gehe jetzt mal davon aus, dass das bei dir ebenso ist – sind keine mit Pass- und Visaproblemen, sondern mit gutbürgerlichen Popelproblemen, wie „wohin fahr ich in den Urlaub?“ oder „welches Auto kauf ich mir?“ oder „macht mein Job mich noch glücklich?“ Oder „Spülmaschinentabs sind alle“. Auch wir wollen uns doch manchmal in die Größe einer absolut verfahrenen Scheißsituation schmiegen, oder?
Stell dir den Flughafen, in dem du gefangen bist mittelgroß vor, München vielleicht, oder Tegel, Paris, wie der Perser, oder aber Bilbao, das klingt nach Getränken mit Sahne. Der Flughafen von Bilbao wurde von Calatrava gebaut und schaut angeblich aus, wie eine Taube kurz vor dem Start, und heißt auch Taube, „la paloma“. Zyniker könnten jetzt einwenden, er sehe eher eher aus wie ein Kampfjet, wenn auch ein schöner, weißer, verglaster, zarter Kampfjet im Abheben, da in Bilbao. Dass dir gleich egal sein wird, wie der Flughafen von außen aussieht, wo du ja innen gefangen bist, ist auch klar.

Im Ernst, wahrscheinlich kann jemand wie du oder ich in einem Flughafen gar nicht so sehr gefangen sein, wie wir uns das gerade zusammenreimen, wahrscheinlich wäre das in wirklich so ein Fall von irgendwas geht immer, ein Fall von mein Pass ist ein Visumswunder, ein Fall von „heute hasst mich das Auswärtige Amt, aber die biegen das gerade“.Oder nicht?

Oder ist das eine trügerische Hoffnung? Ein Privilegienphantom?

Jedenfalls, soviel steht für unseren Tagalptraum fest, die Situation ist verzwickt, und du verlässt diesen Flughafen nicht ohne Pass und Punkt.

Du hättest dich wahrscheinlich bereits an das Sicherheitspersonal an der Handgepäckkontrolle gewandt, die hätten deinen Pass zumindest zuletzt in der Hand gehabt, und natürlich hätten sie sich dein Problem angehört, nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen oder weil du – jetzt in meiner Vorstellung – so sehr aussiehst nach Businessclass, dass ich wahrscheinlich „Sie“ sagen würde, würden wir uns tatsächlich begegnen. Schließlich aber, nach Freundlichkeit, Unfreundlichkeit und einer Art panischem Tobsuchtanfall deinerseits hätte das Sicherheitspersonal sich wieder lieber der Sicherheit der Menschenmasse zugewandt, die da gerade durch das Personenleitsystem daherkommt, wie Überraschungseier auf einem Schokoladenfabrikfließband. Deine kaltschwitzigen Fingern hätten bereits gegoogelt, was in so einem Fall zu tun sei, nur um zu erfahren, dass der Flughafen der in Wirklichkeit schönste Ort für einen Passverlust sei. Den Umständen entsprechend geradezu hervorragend: Hier könne dir geholfen werden, hätte das Internet freimütig behauptet und das ungläubig aufgerufene Impressum dieser Seite hätte dich noch nicht einmal misstrauisch werden lassen.

So würdest du zwischen den Wartenden eben nicht warten, sondern gehetzt zwischen ihnen herumsuchen, auf allen Vieren unter den Wartesitzen, zwischen den Massagesesseln, in den Mülleimern. Den Schuhstaub, der sich jahrelang in den steingrauen Teppichboden gefressen hat, an Handflächen und Knien.

Zwischen ihnen sitzen und mit dem gleichen leeren Blick ins Nichts starren, wie sie, nur aus ganz anderen Gründen, und dir Gedanken machen über die situative Ähnlichkeit, die diesen Unterschied fast verschwimmen lassen würde.

Telefonanrufe, bei Menschen, bei denen du dir ein gewisses Verpflichtungsgefühl dir gegenüber erhoffst – eine Schwester, ein oder zwei Kolleginnen, ein Sekretär, stelle dir vor, wie zwar Mitgefühl geäußert würde, aber keine Hilfe zugesichert, das freundliche Im-Stich-Lassen desjenigen, der einem eigentlich egal ist.

Schau dich an, zwischen den Wartenden. Wie du dich langsam einkriegst, normalisierst, dein Herzschlag, dein Atem, dein Blick. Der Rückzug in dein Inneres, die Panik, klein wie eine Gewehrkugel abschussbereit in deinem Brustkorb noch fühlbar. Du hier drinnen, wo die Welt nicht ist. Auf dem Teppichboden ist ein hellerer Fleck, dessen Form dir immer wieder vor den Augen verschliert.

Stell dir vor wie du schläfst. Erwachst. Den Durchsagen lauschst, ready for boarding und don‘t leave your luggage unattended. Du kaufst dir eine Flasche Wasser und ein Thunfischsandwich, verzehrst beides ganz langsam, in Zeitlupe, 30 mal kaust du jeden Bissen in Zeitlupe. Das wäre doch wirklich nicht nötig bei ungetoastetem Toast, der eigentlich schon von der Plastikfolie vorverdaut wurde, aber dir dämmert, dass du alle Zeit hast, eine Ewigkeit für dieses Thunfischsandwich. Beobachtest die anderen beim Warten, vertrittst dir die Beine, wirfst zwei Euro in den Massagesessel für sieben Minuten und weil dich der Massagesessel so freundlich anfasst, so genau wissend wo es weh tut, wo die Muskeln sich verhärten, wenn man panisch angespannt ist, gleich noch mal zwei Euro.

Du schläfst. Du schläfst, schläfst, schläfst. Du studierst über Tage das Schlafen in verschiedenen Körperpositionen, weißt bald wann du dich ungestört über mehrere Sitze breiten kannst, kannst aber auch im Sitzen, mit dem Kopf auf die Händen und den Ellbogen auf die Knie gestützt schlafen, du probierst Duty-Free-Sandwichsorten und bleibst bei Hühnchen mit Currycreme, auf das du dich jetzt immer geradezu freust, zwischen gefühlter Düsternis und tatsächlicher Düsternis. Und denkst Gedanken an draußen, und die Gedanken sind wie Nierensteine, nur statt für die Nieren fürs Bewusstsein, kristallen, bunt gemustert, eigenartig schön und immer, wenn man sie fast vergisst, versetzen sie dir doch wieder einen Stich, der dich fast in die Knie gehen lässt.

Einige Beispielbewusstseinssteine, die jemand in deiner Situation denken könnte:

Alleen, Kastanien
Arbeit, Alltag, Asphalt, Abwasch
Grautöne Grüntöne Blautöne
Bekanntschaften Konkurrenzen gemeinsam Essen
Geschäfte Geschäftigkeit
ich meine Einzelhandel Stammkundschaft
Autobahnen Erlkönige Sonntagsfahrer
Regen Wetter insgesamt
gewohnte Gerüche, die schnell vergessen
und dadurch doch noch ungewohnter werden
als ohnehin ungewohnte.

Du findest, als sich die Gedanken ein wenig schmerzärmer geschliffen haben, einen Schicksalsgenossen, vielleicht nach 10 Tagen, oder ihr findet euch, findet euch beim Haarewaschen auf der Toilette. Dem wiederholtem Haarewaschen auf der Toilette, kennt man glaube ich auch aus diesem Tom-Hanks-Film. Zuerst Misstrauen: wieso immer ihr auf der Toilette, Shampoo in den Augen, das fließt da immer hin, weil die Waschbecken klein und die Wasserstrahlen automatisch sind. Du ganz offensichtlich auf der immer gleichen Geschäftsreise, er in der Uniform des Bodenpersonals, einander taxierend, was tut der andere da. Schließlich er ganz offen:
Ich habe Sie beobachtet, Sie sind immer hier, es gibt gar keinen Flug für Sie, ist gecancelled für immer, nicht wahr? Er zwinkert. Du murmelst, Pass verloren, nicht wieder gefunden, irgendwie geblieben, trotz vielleicht möglicher, nicht ausgeschöpfter Alternativen, so bist du ein Flughafenbewohner geworden.

Und dann ist es bei ihm ebenso, ganz genau ebenso, seine Vorstellung hat ihn in dieselbe Scheiße geritten, wie deine dich. Fast dieselbe Scheiße. Er sei seiner freiwilligen Ausreise entwischt, sagt er, der Schalk thront in den sich faltenden Falten auf seinem Nasenrücken. Und draußen? Keine Bleibeperspektive sagt er mit Anführungszeichen, und ist sich sicher, es liegt an seinem Namen: Assad. Kann man niemand verübeln, sagt er und zieht eine Schulter hoch, aber dass solche Leute Namen haben, verleidet so vielen Gleichnamigen ihren Namen. Du verübelst weder ihm seinen Namen, noch die Angst aller anderen vor diesem Namen. Und wahrscheinlich, denkst du, heißen viele Leute Assad und wahrscheinlich, denkst du, gab es auch Assads, die bleiben durften.

Assads Dilemma, ganz klar, übertrumpft das deine, musst du zugeben, würde ein Filmteam kommen, auf der Suche nach traurigen Geschichten, dann würden sie Assad ranzoomen, und nicht dich. Filmteams suchen immer die ärmste Sau, und du bist von außen betrachtet nur die zweitärmste. Ihr fallt als Gefangene nicht weiter auf, denn er trägt stets und stolz eine erschlichene Uniform des Toilettenpersonals, facility management, während du nicht auffällst, wenn du einen Anzug trägst. Wer Uniform trägt, muss sich nicht verstecken, ist es bereits, versteckt, trägt eine neutrale Maske im Gesicht, die keiner Schicht bedarf. So haltet ihr euch unter den anderen, den echten, auf. Ein Schlüsselbund und unauffällige Bewegungsfreiheit, auch vor den Überwachungskameras, das sind die Privilegien, die Assad genießt.

Er teilt sie, die Privilegien, mit einer Geste der Großmütigkeit und nicht ohne seinen Gesprächshunger an dir zu stillen, es ist eine beständige warme Dusche aus Worten, die du genießt, eine warme Dusche aus Worten, die zu Geschichten und Trivialem verschmelzen, die über deine Haut rinnen und deinerseits deine Sehnsucht nach menschlicher Nähe jenseits des gemeinsamen Wartens beruhigen. Ihr schlendert tägliche Sonntagsspaziergänge durch die Räume, zu denen nur Zugang hat, wer Uniform und Schlüsselbund trägt: die Räume des Zwielichts, des Aussortierten, des Sondermülls, der Schmuggelware. Ich frage mich: gibt es diese Räume in den Winkeln tatsächlicher Flughäfen überhaupt? Räume, in denen sich all das sammelt, was als Satz im Sicherheitsfilter hängen geblieben ist? Diesiges Licht und schwebender Staub und du musst an Keller denken, weil das Fenster so weit oben ist und in diesem Zwielicht die gesammelte Schönheit des Verbotenen, Äffchen, so klein, dass sie in Zigarettenschachteln passen, und blauschimmernde Aras, kreischend auf Elefantenfußhockern und ausgestopfte Krokodilkinder und Elfenbeinschnitzereien und aufgespießte Schmetterlinge, verstaubt prachtvolle Teppiche und grau und anorganisch Gaskartuschen, Weinflaschen, Behältnisse für Flüssigkeiten mit mehr als 100ml Fassungsvolumen, Folienpäckchen mit Pulvern und trockenem Grün, Pfefferspray, Messer mit langen Klingen, Feuerzeuge, Handfeuerwaffen und Deospraydosen, kategorisiert und in Halden aufgeschichtet.

Stell dir vor, wie du dir vorstellst, wenig von diesem Pulver zu probieren, und dich schließlich mit Assad in einer Art Kampfsex nackt auf den Teppichen zu wälzen. Stell dir vor, wie ihr, schon allein aus Langeweile und Fatalismus diese Vorstellung in die Tat umsetzt, und wie dir dein Flughafenleben immer erträglicher, ja geradezu schön scheint.

Wie alles ein bisschen mehr Farbsättigung, Kontrast und Tempo und Bass bekommt, wie ihr im Schutz des Flughafens ein Leben führt, das aufregender, wilder, gefährlicher aber sicherer wäre, als das Leben in der Welt, wie ihr manchmal und ohne Not Schnaps aus dem Dutyfree-Laden klaut, wie das Leben plötzlich so ist, wie in den Vorstellungen, als ihr euch das Leben noch vorgestellt habt. Du für immer im Homeoffice, und immer weniger im Homeoffice.

Die verwischend verschiedenen Gesichter der Duty-Free-Kassiereriennen, mit den immer gleich gleichgültigen Lächeln.„Where are you flying to today?“, diese ewigen Durchsagen und last calls, die asiatische Namen nicht aussprechen können, ihr lacht darüber, da im Flughafen von Bilbao, in diesem schönen Flughafen von Bilbao. Die Taube bleibt einfach sitzen, der Kampfjet hebt nicht ab, einfach weil. Das Gebäude reckt Schnabel oder Nase gen Himmel, atmet Freiheit und bleibt, wo es bleibt in Bilbao.

So wie auch du bleiben würdest, geborgen zwischen Werbeflächen und Wartesitzen und Schnapsläden und letztlich kommt es ja darauf an, auf das eigene Gefühl und zumindest mein liebstes und mächtigstes Gefühl, das weiß ich lang schon, ist die Gewohnheit, die hat immer zu Heimatgefühlen geführt, in meinem Supermarkt, meinem I-Phone, meinem Büro. Jetzt eben mein Flughafen, es würde doch so vieles einfacher machen, bequemer, nicht? Dein Flughafen, dein Heimatflughafen Bilbao.

Matt S. Bakausky: Aus dem Traum erwachen

Schreibe niemals über Träume, hat er geschrieben. Mein Idol. Träume interessieren niemanden. Das schlimmste was du machen kannst ist eine Geschichte zu schreiben, die mit „Und dann wachte ich auf“ endet.

Das las ich in seinem neuen Buch über das Leben als Schriftsteller und das Schreiben.

Auf dem Weg zur Arbeit. Die Straßenbahn hielt, es waren wenige Autos unterwegs. Es gab wohl einen Unfall. Ich traf auf alle meine Freunde und unterhielt mich mit ihnen, darüber dass heute irgendwie wenig los wäre. Sie waren alle sehr nett zu mir und gut gelaunt. Arbeit fiel heute aus. Ich mache mich auf den Weg zurück. Treffe einen guten Freund, der zufällig mein Lieblingsessen dabei hat. Ich esse während ich weiter laufe. In einem Bürogebäude wundere ich mich, ob hier überhaupt alles stimmt. Draußen am Fenster fliegen meine Lieblingsbands vorbei und spielen ihre Hits.

Die Frau von der Zentrale ist bei mir. Ich realisiere, dass etwas überhaupt nicht stimmt und frage sie ob ich gestorben bin. Sie sagt: „Du bist nicht tot, du warst zu gut für diese Welt.“ Sie fragt mich, ob ich bereit wäre zu gehen. Ich sage ihr, dass ich gerne mehr Erfolg bei den Frauen gehabt hätte. Sie antwortet, dass das alles ändert und beginnt zu telefonieren. Ich verstehe, dass das bedeutet, dass ich wieder zurück gehe. Ich ändere meine Meinung und teile es ihr mit. Ich verlasse den erdlichen Raum, die menschliche Form, es existiert nur noch ein Energiefeld. Ein See aus Liebe, wie in der Gebärmutter. Ich erinnere mich an einen Freund von mir. Will zurück, um ihn zu sehen.

Und dann wachte ich auf.

Überströmt mit Liebe liege ich um 3:30 Uhr früh im Bett. Mein Herz wird offen sein für ein paar Tage, dann wird es sich langsam wieder schließen. Mir ist klar was ich suche und wohin die Reise geht.

Felix Benjamin: Traum

„Angebot und Nachfrage, Angebot und Nachfrage“ murmle ich nervös vor mich hin, als der Wirtschaftslehrer das Klassenzimmer betritt. Doch ich habe Glück: Ich werde nicht abgefragt, sondern wir machen Klassenfahrt. In der Jugendherberge teile ich mir ein Zimmer mit Linus Volkmann und nenne ihn Wenzel. 

Wir sitzen auf dem Sofa, trinken Bier und rauchen. Wenzel unterhält sich mit Arne Zank, der uns gegenübersitzt. „Das ist ja Arne Zank!“, denke ich aufgeregt, will mich aber nicht als nerviger Fan zu erkennen geben und rauche still vor mich hin.

Auf einmal sind da aber auch alle anderen Tocos und da muss ich dann doch mal aufstehen und hingehen. Ihre Managerin lässt mich nicht zu ihnen durch und sagt, dass die jetzt leider keine Zeit haben, weil sie professionelle Pressefotos machen müssen. Sie sind alle ganz in schwarz gekleidet.

Jan Müller steht hinter der Managerin und nickt mir freundlich zu.

Andreas Lugauer: Dreifuß-Joe der Vierhänder

Wenn ich nachts nicht einschlafen kann, stelle ich mir vor, ich sei ein Schlagzeuger und säße an einem mordsgroßen Drum-Kit mit einem Haufen Tom-Toms, Stücker 30 Becken schillerndster Bauformen und freilich zwei Bassdrums für Doublebass (denn eine Doppelfußmaschine an nur einer Bassdrum klingt selbst im Halbschlaftraum saftlos). Dann spiele ich die verrücktesten und vertraktesten Takte und Fills und Loops, sauschnell und jazzprofessormäßig, so dass kein Mensch weiß, wo hinten und vorne ist. Zwischendurch prügle ich unvermittelt heftige Brutalo-Blastbeats ein, dass es den BPM-Zähler überschlägt (natürlich ein analoger, wegen der trveness), während die Temperatur spontan in nordpolare Eisgefilde absinkt und die Leute denken: »So schnell kann das doch keiner, das ist doch alles Beschiss und Computer!« Ist es aber nicht!, sondern ehrliches Hand- und Fußwerk. Ebenso unvermittelt wechsle ich dann in den 70s-Prog-Rock-Modus und öffne mit psychedelischer Polyrhythmik ein Dimensionstor bzw. eins in sonst nur erdrogbare Bewusstseinsebenen.

In der halbschlafweltlichen Fachwelt nennt man mich dann Dreifuß-Joe der Vierhänder.

Andreas Lugauer: Intercity-Expreß

Der folgende Witz fiel mir (kein Witz) heute Nacht im Traum ein:

Die Nürnberger U-Bahnlinie U1 verbindet die Städte Nürnberg und Fürth miteinander. Fachleute bezeichnen sie auch als Intercity-Express.

In einem Folgetraum, ich weiß nicht, ob ich zwischendurch wach war, gab ich sogar damit an, was mir im Traum (!) für ein guter Witz eingefallen sei, was von irgendwelchen Traumgestalten ausgiebig beschulterklopft wurde.

Jetzt hingegen, nach der ganzen Träumerei, schäme ich mich für diesen »Witz« eher, als dass ich Grund zum Angeben sähe. Denn dieser »Witz« könnte ebensogut von einem fränkischen Bierdimpfl stammen, einem Greuther-Fürth-Fan etwa, der zu seinen Grattlerfreunden nach abgeleistetem Fußballderbybesuch beim sogenannten »Dreggs-Glubb« in der «Maggs-Morlogg-Arena» (zu dt.: «Club» in der Max-Morlock-Arena) sagt: »Etzadla gemma, na fah ma mim Inderciddy-Exbress widda hamm nach Född, wal in dem Dreggs-Nämberch halddsdas ja net länger aus wie nöödich!« Woraufhin die Gruppe einen einzelnen »Glubb«-Ultra mit »Anti Fü«-Mütze auf dem Kopf erblickt (dem notabene erbärmlichsten Kleidungsstück, dass es in der hiesigen Metropolregion Nürnberg gibt) –, was in beiderseits ausgeschlagenen Zähnen und Hämatomen über Hämatomen resultiert.

Denn der »Glubb«-Fan »hadde fraalich an Deleskoobbschlachstogg in da Hosndaschn«, wie er anderntags im »Glubb«-Ultraheim prahlt, was mit Kommentaren beschulterklopft wird wie »Und daham hasd da na aach glei fümf Weiwa af aamal baggd, oder, du Bersägga du, hehe 😀 😀 😀 Saggramendd, !fümf! Fädda af aamal, du! Fast wei ’s dabbfere glanne Schneiderla, du! – Haddmuud, bringsd ma no a Seidla!«

Die Fürther freilich reden sich mit etwas raus, was sie als »Sagger Bannsch« bezeichnen (dt., bzw.: engl. sucker punch), einem unfairen Schlag des Gegners, der für Momente kampfunfähig macht, »awwer du kennsdd ja de Nämbercha – ohne Unfairidääddn kenna’s dey ja net, de Dreggsaaschlecha, de! – Haddmuud, bringsd ma no a Seidla!«

Jetzadla bin ich doch eddwas endddäuschd von meim Unbewussddseinsschdand, Pardon: Jetzt bin ich, angesichts der hier skizzierten Implikationen, doch etwas enttäuscht von meinem Unbewusstseinsstand, den dieser geträumte »Witz« anzeigt.

Martin Knepper: Der Traum, ein Witz

Traum vom 18. Oktober 2003: Ich bin deutlich jünger, etwa Oberstufe oder Erstsemester, und besuche mit einer Delegation von Gleichaltrigen (Schülerzeitung o.ä.) Otto Schily. Sein Amtssitz sieht von innen aus wie das Anwesen Christoph Martin Wielands in Oßmannstedt, am Fenster steht ein Rokokosekretär. Endlich kommt Schily. Er sieht aus wie immer, schmallippig, etwas verkniffen, hat aber seinen anthroposophischen Haarschnitt silbern gefärbt und aufgeföhnt, er erinnert mich an Gotthilf Fischer. Das einzige, was mich und die anderen aber wirklich überrascht: Schily ist winzig, nicht bloß etwas mickrig wie Gerhard Schröder, sondern nicht größer als ein Kind oder Wee Man aus der Serie Jackass. Er begrüßt uns freundlich, aber distanziert, und bemerkt wohl mein unverhohlenes Erstaunen über seine Größe. Er sagt: »Sie wundern sich sicher, dass ich so klein bin?« Verlegen bestätige ich das, und er sagt darauf: »Sehen Sie: Ich mich auch!«

Der Traum, ein Schaum? Gewiss. Dieser Schaum aber ist das Resultat eines fortgesetzten Rührens im Teeglas unseres Schlafgehirns in dafür vorbestimmten Phasen. Ein Rühren, das die Eindrücke und Erinnerungen, die Routinen und Überraschungsmomente unserer Tagesexistenz in buntem Wirbel durcheinandermischt. Oft kommt der Traum in der Gestalt, die das Wesen des Schlafenden bestimmt: Ein ängstlicher Mensch läuft sicher eher Gefahr, von Alpträumen geplagt zu werden; visuelle Menschen träumen bilderreich, wo den Wortmenschen oft Sprachspiele oder verbildlichte Gedanken unterkommen. Der Traum des Kindes ist anders beschaffen als der des alten Menschen, für alle jedoch gilt: Wir können nichts Undenkbares denken und somit auch nicht erträumen, denn einmal gedacht, ist es ja zumindest als Möglichkeitsform in der Welt. Und der Traum zieht wie ein ADHS-kranker Archivar sprunghaft Zettel um Zettel aus den Karteikästen unserer Verstandes – mag zu Beginn ein aktueller Vorgang seine Aufmerksamkeit fesseln, so gerät er schon bald in die Tiefen seiner Sammlung, häuft und mischt Querverweis auf Querverweis, erschafft in seiner Routine eine geheime innere Ordnung, doch die Anmerkungen und Fußnoten sind mit Zaubertinte geschrieben. Wollen wir hinterher sein Werk betrachten, stehen wir oft ratlos vor dem Resultat.

Am 9. März 2020 nachmittags geträumt, eine „Cousine zweiten Grades oder so“ von Astrid Lindgren hätte mich zu einer „Bitumen-Party“ eingeladen. So sind sie, die Träume: Wahllos Zusammenhänge schaffen, und wenn man wieder den Kopf dafür hat, zu fragen, was das solle, haben sie sich davongemacht. Sehr poetische Arbeitsweise.

Der Traum hat keinen Autor, nur uns selbst als staunend ausgelieferte Zuschauer. Er ist Film ohne Regisseur, absichtsloser Gesang, ein Bild, das sich selbst malt nach Art des Gesellschaftsspiels vom ‚Cadavre exquis‘, bei dem die Teilnehmer an einem verborgenen Bild weitermalen, von dem sie nur die Ansatzstelle kennen. Das Schlafhirn spielt dies mit sich selbst und greift zu staunenswerten Tricks, um die Übergänge sanft und beinahe zwingend erscheinen zu lassen. Verdichtung und Verschiebung, Verbindung und Parallelführung von Unzusammenhängendem sind gleichermaßen Merkmal des Witzes wie des Traums. Sigmund Freud hat auf diesen Umstand aufmerksam gemacht – seine Schrift ‚Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten‘ liest sich über weite Strecken als Verteidigung seiner damals noch neuen Theorie der Traumdeutung. Unter anderem macht er auch auf das Phänomen aufmerksam, dass ein falsch erzählter Witz, oder ein unglücklich paraphrasierter, für seine Zuhörer wie ein missratenes Soufflé in sich zusammenfällt. Und so gibt es auch viele Menschen, die den erzählten Träumen Fremder nichts abgewinnen können, so wenig, wie andere ein Theaterstück von Ionesco oder Beckett zu schätzen wissen. Das ist einerseits eine Frage des poetischen Appetits des Zuhörers, aber auch des vermittelnden Geschicks des Träumers. Der aber steht vor einer heiklen Aufgabe: Er muss den Traum fixieren, solange er noch frisch, gewissermaßen backwarm aus dem Ofen seines Bettes kommt, und doch ist er oft noch selber überwältigt oder verstört von dem, was sich gerade noch in ihm ereignet hat. Versucht er aber, diesen Traum verspätet zu literarisieren, schleicht sich schnell ein falscher Ton ein, wird das Dokument ureigenster entfesselter Hirnarbeit zu einer behäbigen Groteske, eine Tatsache, die der Zuhörer wahrnimmt, oft mehr fühlt als begreift. Deshalb bleibt der Traum in seiner Rohfassung zumeist ein Glasperlenspiel der Wenigen, die seine poetische wie auch humoristische Kraft zu schätzen wissen. Und es steht zu vermuten, dass diesen Traumarbeitern über der Beschäftigung mit dem Stoff sich auch dieser verfeinert, mit der Zeit Gänge und Kanäle sich im nächtlichen Dunkel des Schlafs formatieren und die Träumer immer öfter des Morgens mit einem wunderlichen Fang aus dem Schleppnetz ihres Schlummers dastehen. Hören wir ihnen zu. Hören wir unseren Träumen zu. Die Zukunft können wir aus ihnen nicht erfahren, aber viel über das Wesen der Heiterkeit und der Poesie.

Traum vom 29. Dezember 2010: Ich habe die seit Jahrzehnten stillgelegten unterirdischen Toilettenanlagen am Rheinpark auf eigene Kosten restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die erstaunten Gesichter des Publikums, als es die enthüllten Schilder am zweigeteilten Treppenabgang liest – Rechts: ‚Herren‘, links: ‚Männer‘.