Anja Gmeinwieser: München-Kabul (oder in die nähe) Abflug 09:16 (morgen)

wir sitzen im Garten, in deinem garten, ein gemieteter garten. Um uns herum mäht eine frau den rasen, immer in großem abstand zu unserer decke, dennoch näherkommend. irgendwann werden wir aufstehen müssen. 

das ist die vermieterin, schreist du. 

dir betrachten die vermieterin beim mähen, sie mäht sehr entschlossen, so von körperhaltung her. 

du schreist über das rasenmähermähen hinweg: die vermieterin ist beim bund. morgen muss sie nach afghanistan für drei monate, deshalb mäht sie jetzt nochmal rasen. ich betrachte die frau mit anderen augen, sie ist jetzt eine frau, die heute den rasen mäht und morgen nach afghanistan fliegt, weil sie morgen nach afghanistan fliegt, damit sie morgen beruhigt fliegen kann (nach afghanistan).

ich stelle mir vor, was die vermieterin vielleicht noch tut, heute am tag vor dem flug nach afghanistan. die bundeswehr nimmt keine linienflüge nach kabul, denke ich, die fliegen sicher direkt in den hindukusch, sicher ist da viel weniger flugvorbereitung als bei economy class. 

beispiel-todo-liste vor drei monate afghanistan: 

z.b. nachbarn schlüssel geben, damit der die yucca gießt.

z.b. nachbarn pralinen schenken, damit ers gerne tut. 

z.b. alle offenen und/oder verderblichen lebensmittel checken. z.b. selbige aufessen/wegwerfen/verschenken.

z.b. handwerker beordern, für das mietshaus, dessen rasen gerade gemäht wird. 

z.b. mit den mietern streiten: dürfen diese einen kompost anlegen? ( o ja,  o nein, o zu folgenden bedingungen).

z.b. das pferd im stall besuchen, abschied nehmen, den leuten vom stall instruktionen und geld weitergeben.

z.b. ein letzter ritt über felder. 

z.b. nochmal telefonieren. falls ihre eltern noch leben: auf jeden fall telefonieren.

z.b. einen guten braten essen, schweinebraten, das gibt es sicher länger nicht, ab jetzt.  

z.b. noch einmal mit dem glas guten wein auf dem balkon stehen, ein letztes mal, z.b.rosé. 

z.b. haltung annehmen auf dem balkon. 

z.b. abendspaziergang.

z.b. plausch mit den nachbarn. 

z.b. duschen, beine rasieren, eincremen, zähne putzen.

z.b. Unruhig schlafen.

welches Gefühl hat deine vermieterin für afghanistan? fühlt sie auch die mische aus banalität brachialität beklemmung, oder fühlt sie einfach alltag, der mir, der außenstehenden, plötzlich erst als möglicher alltag in den sinn kommen? 

sie hat eine schöne körperhaltung beim mähen. gibt es gras in afghanistan? mäht da jemand rasen, bei der bundeswehr? Oder ist alles wie auf fernsehbildern ganz graslos? 

ist rasenmähen ihr zeichen für daheimsein? ist vermieterin sein ihre freizeitidentität? 

ich kenne diese frau nicht. 

ich versuche, diese frau ein wenig zu hassen.

ich hasse sie aber nicht.

ich versuche, diese frau ein wenig zu lieben. 

natürlich liebe ich sie auch nicht. 

in drei Monaten liegt ja über dem rasen eine schneedecke, oder?

schippt sie dann schnee, mit der gleichen Haltung, wie sie rasen mäht?

hast du sie angesprochen auf afghanistan? Hast du die fragen gefragt du sagst, was hätte sie tun sollen und schilderst eine lebensgeschichte die ganz kausal beim bundeswehreinsatz in afghanistan endet, die abzweigungen wären hartz oder regaleräumen gewesen, da könne man sich ebenso für krieg entscheiden, da verdiene man wenigstens. in der logik mancher leute, sagst du, macht das sicher sinn. 

die raseninsel, auf der wir sitzen schrumpft, das getöse um uns wird lauter, die kreise, die die vermieterin um uns herumzieht werden enger, sie  beginnt schon, uns zu beäugen, wir äugen zurück und sind natürlich still jetzt.

bei anderthalb meter stehen wir auf und nehmen die decke, damit der tag weitergeht, damit sie morgen fliegen kann. 

Daphne Elfenbein: Der Zug nach Kötzschenbroda oder wie man zum Berliner Urgestein wird

Dass Daphne Elfenbein vom Himmel gefallen und auf den Füßen gelandet ist bei ihrer Geburt, ist in eingeweihten Kreisen hinlänglich bekannt. Dass sie aber nun, nach mehr als 50 Jahren des Irrens und Wirrens in Berlin angekommen ist, das soll heute über den Äther kundgetan werden. Zu Beginn des Neuen Jahres, wo die Glastonnen aus den Hinterhöfen verschwunden sind und an jeder Registerkasse auf Gedeih und Verderb Bons ausgegeben werden müssen, gibt es doch immerhin diese eine gute Nachricht. Frau Elfenbein ist von der Markgräflerin zum Berliner Urgestein mutiert. Zunächst soll hier in einer Schweigeminute der armen Verkäuferinnen gedacht werden, die bis zu 800 mal am Tag „möchten Sie den Bon?“ fragen müssen. —- (Schweigeminute). Und nun ein konstruktiver Lösungsvorschlag zur Kassenbon-Frage: Verlangen Sie den Bon doppelt! Dann haben Sie ein BonBon! 

Warum aber hat Daphne Elfenbein in Berlin nun ihre Heimat gefunden? Hat sie einen Test in Berlinkunde bestanden? Ist ihr Fell dick genug für die Unverschämtheit dieser Stadt? Nein. Wie jeden Morgen verließ sie heute mit 5 Minuten Verspätung das Haus, um 5 Minuten verspätet zur U-Bahn zu kommen und 5 Minuten später zur Arbeit. Ein wirksamer Auftritt. Doch hierzu gibt es mal eine eigene Sendung. Wenn es mal ein freies Thema gibt. 

Wie ging es weiter? Auf dem Weg zur U-Bahn nahm sie eine scheppernde klappernde Tasche mit leeren Gurkengläsern mit, die in die Altglastonne mussten. Nein, nicht im Hinterhof. Beim Park vorne, 200 Meter die Straße runter. Das erklärt das Zuspätkommen. Wenn die Glastonnen im Hinterhof gewesen wäre, dann wäre sie pünktlich gewesen. Die BSR ist schuld. Müssen die jetzt die Glastonnen aus den Hinterhöfen rausnehmen? Darüber hat sie sich lang und breit ausgejammert auf sämtlichen sozialen Netzwerken, so lange bis es eine Petition zur Wiedereinführung der Glastonne im Hinterhof gekommen ist. Darauf ist Frau Elfenbein stolz. Ihre Nachbarn haben kräftig mitgejammert: Es klappert so furchtbar, ich kann gar nicht mehr schlafen! Und wenn man über die Straße will, sieht man nix, das ist ja lebensgefährlich, mit diesen Glastonnen am Straßenrand. 

Die U-Bahn war dann berlintypisch auch zu spät, wegen einer technischen Betriebsstörung. Technische Betriebsstörung in Berlin kann dreierlei heißen: a) der Fahrer kam nicht zum Dienst oder ist in seiner Laube am gasenden Grill erstickt, den er zu Heizzwecken in sein Schlafzimmer gestellt hat. B) es hat sich wieder jemand vor den Zug geworfen oder ist von einem Irren auf die Gleise geschubst worden. C) es gibt einen Polizeieinsatz wegen Bandenkriminalität. Auch so eine Frage für den Berlin-Test. Aber um wirklich wirklich Berliner Urgestein zu werden, braucht es noch etwas ganz anderes…

Die Glastonnen waren so überfüllt, wie die verspätete U-Bahn. Frau Elfenbein zwängte sich in die Menschenmenge hinein zum BVG-Kuscheltreffen. Der Fahrer brüllte über die Fahrgastinformation: bitte benutzen Sie die Türen des gesamten Zuges. Und jetzt kommt’s: Frau Elfenbein brüllte zurück: „Und wer nicht reinpasst, fährt noch auf dem Dach mit!“ Die Fahrgäste stierten vor sich hin. Eine verzog schmerzhaft den Mund. Frau Elfenbein trällerte den „Zug nach Kötzschenbroda“ und ging beschwingt über den Kudamm: Das war echt Berliner Schnauze!“ Der Test ist bestanden! Daphne Elfenbein steht schon auf der Warteliste für einen Schrebergarten.

Lothar Gröschel: Ofenrohre und Gasflaschen

Manchmal hat man auch Glück und schafft es in einer Viertelstunde vom Prenzlauer Berg bis zum ICC, das sie jetzt nicht abreißen wollen, sondern mit einer Art Haube überdachen. In München würde ja auch niemand auf die Idee kommen, den BMW-Turm, der als zylinderförmiges Symbol die Kraft der bayerischen Ingenieurskunst verherrlicht, einzustampfen, bloß wegen mangelhafter Energieeffizienz oder so.

Das Auto hat mein Vater vor etlichen Jahren bei den Franzosen gekauft und mir neulich gegeben: „Dafür krieg ich nichts mehr, dann nimm’s doch Du, ihr braucht doch ein Auto, das geht.“ Er meinte: ein Auto, das fährt. Und das tut es auch. Nach drei Stunden passieren wir die alte Zonengrenze, die Brücke der Deutschen Einheit, und jubeln theatralisch: „Hurra, wir sind in Franken.“ Ein Ritual von früheren Fahrten, als die Kinder noch klein waren und ein bisschen Abwechslung das Durchhaltevermögen förderte.

Ab Bayreuth zählen wir die Ausfahrten herunter: Trockau, Pegnitz, Weidensees – wie die Ausscheider bei der Bundeswehr ihre letzten 100 Tage – und in Plech verlassen wir die Autobahn. In Ottenhof läuft ein Mann über die Straße: es ist 22.14 Uhr. Hier habe ich noch nie jemanden auf der Straße gesehen – ohne Auto, ohne Bulldog, ohne Panzer.

Kurz vor Betzenstein ein Warndreieck, mehrere Autos stehen am Straßenrand, Feuerwehr ist da, Sanitäter, ein Polizeiwagen steht in einem Feldweg. Männer starren vor sich hin, ein Auto kehrt vor uns um, fährt mit Vollgas in die andere Richtung. Wir rollen am Unfallort vorbei, ahnen nur, dass da unten in der Wiese ein Auto auf dem Kopf liegt. Ist da noch jemand drin?

„Du musst auf die Tiere aufpassen“, sagt Tanja. Kurz darauf steht ein junges Reh auf der Straße, schaut in unsere Richtung, Schrecksekunde, weiß nicht wohin, tänzelt dann auf die Seite und stolpert beim Überqueren des Grabens. Große Aufregung im Auto. Ich fahre jetzt noch langsamer. Meine Leute halten Ausschau nach Wild.

In der Stube ist es noch warm. Mein Vater hat den Ofen geschürt und einige Kohlen drauf gelegt, damit er die Wärme hält. Im Flur riecht es nach Kadaver, als wären fünf Mäuse hinter dem Schrank verreckt. Ich suche nach Bier, es stehen aber nur einige Weinflaschen herum. Dann lieber einen Whisky. Bowmore, schottisch, schmeckt ein bisschen nach Erde, torfig, ist gut, um nach diesem Ritt quer durchs Land wieder runter zu kommen. Dank der Luftheizung sind auch die Schlafzimmer leidlich temperiert: um die 6 Grad werden es schon sein.

Es regnet. Die Wiese ist grün. Die nackten Äste der Obstbäume zittern im Wind. Die Fassade vom Nachbarhaus – mit grauer Patina überzogen: Algen oder Schimmel? Beide können sich im körnigen Mineralputz hervorragend vertiefen. Beim Metzger lasse ich mich von meinen verborgenen Gelüsten hemmungslos verführen. Kaufe Kraut- und Leberwürste, beide leicht angeräuchert, Bauernseufzer, Pfefferbeißer, rohen Schinken und einige Bratwürste. Wenn ich auch nur zur Hälfte katholisch bin: der Besuch einer Metzgerei hier im Oberland ist ein Hochamt. Scheiß drauf: eine Schüssel Fleischsalat muss auch noch sein. Wer das alles essen soll? Die Metzgerin summt während sie mich bedient. Sie summt immer, wenn ich im Laden bin. Sie kann sogar summen, wenn sie mit einem spricht. Hochmusikalisch. Wird man das als Metzgersfrau in Franken?

Tanken bei Esso. Ein Familienbetrieb seit Generationen. Neben mir parkt ein Auto, das ich nicht kenne; aber die Besitzerin des Autos kennt mich. Vor einem halben Leben haben wir – mit anderen 14- bis 17-jährigen aus unserem Dorf – an den Freitag- und Samstagabenden zusammen saufen gelernt. Asbach-Cola, Bacardi-Orange, Persico-Apfel und natürlich Bier waren unsere Lieblingsgetränke. Die Mädchen mischten auch Rotwein mit Cola. Wir trafen uns oft in einer leerstehenden Wohnung, die ihrer Familie gehörte. Wir knutschten damals fast bei jeder Party herum. Und heute waren wir uns fremd. Wann hatte ich sie zum letzten Mal gesehen? Es hätte Liebe sein können. Warum vergisst man selbst solche Dinge? Gut, dass es so ist. Wir gaben uns die Hand zum Abschied. Keine Umarmung. Vielleicht hätten sich unsere Körper dann erinnern können.

Im Haushalts- und Eisenwarenladen steppt der Bär. Eine Frau mit getönter Kurzhaarfrisur, wie sie die Frauen hier tragen, studiert Tassen und Teller in der Abteilung für Geschirr der gehobenen Klassen. Ein Dreitagesbärtiger lässt sich von einer der Angestellten zu Espressomaschinen beraten. Ein Mann mit Arbeitsklamotten steht vor dem Regal mit Akkuschraubern: eine handliche Markita mit 17mA – das ideale Geschenk für den Schwiegervater.

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, ruft es hinter mir. Der Chef begrüßt mich. Gut gelaunt, wortreich, leicht gehetzt wie immer. Sein Vater, ein Flüchtling wie man hier nach dem Krieg sagte, hat den Laden aufgebaut. Zäher Hund, Geschäftsmann durch und durch. Mir klingt noch das feine, knarzende Näseln seiner Stimme in den Ohren, wenn er zu meinem Großvater sagte: „Was wir nicht haben, gibt es nicht.“ Damit hat er es zu Wohlstand gebracht.

Der Sohnemann schwärmt mir von seiner Liebe zur Hauptstadt vor. „Sie wohnen doch in diesem Bezirk mit der höchsten Kriminalitätsrate, wie heißt der nochmal? Wedding?“

Zusammen gehen wir in den Keller. In diesem Laden kriegt man alles, was man so braucht: Messer, Sägen, Schrauben (handverlesen), verzinkte Nägel, Gewindestangen, Scharniere, Schlösser, Schlüssel, Gartenschläuche, Kühlschränke, Pelletsöfen, Wasch- und Spülmaschinen, Küchenherde, Fahrräder, Sanitärmaterialien, Wasserkocher, und natürlich Ofenrohre. Der Meister sucht mir die passenden Rohre heraus, 120mm Durchmesser. Am Tresen schreibt seine Frau eine Quittung für die graue Kurzhaarfrisur, die sich einen Stapel cremeweißer Teller geleistet hat. Der Chef sagt zu seiner Frau: „Hier riecht es schrecklich nach Zwiebeln, widerlich.“ Seine Frau fühlt sich sogleich angegriffen: „Wie kommst Du darauf, hier hat keiner gegessen.“ Er: „Ein Zwiebelgeruch, das hab ich vorhin schon bemerkt“. Seine Frau: „Ich weiß gar nicht, was Du meinst.“ Sie isst gern, das ist mir schon bei früheren Besuchen aufgefallen: mal ein belegtes Brot, oder ein Nudelgericht aus einer Tupperdose, die neben der Kasse stand. Er: „Das war doch die Kundin, die sich nach dem Laubbläser erkundigt hat. Ein Ausdünstung hat die gehabt, unglaublich.“ Seine Frau kramt in der Schublade, wo die Quittungsblöcke und Stempel aufbewahrt werden.

„Der Mann hier kommt aus Berlin, um sich bei uns Ofenrohre zu kaufen …“, wechselt der Chef nun das Thema. Ich lege zwei Scheine auf den Tisch. Seine Frau schaut mich überrascht an: „Sie wohnen in Berlin? Aber ich kenne Sie doch, Sie kommen von hier, gell?“ Ich nicke. “ Sie sind wohl auf Besuch da? Und bleiben die Feiertage hier?“ „Ja, habe ich vor.“ Ihr Mann gibt mir das Wechselgeld und den Kassenzettel. „Wie lange wohnen Sie denn schon in Berlin?“, fragt mich die Frau. „Hm, das sind schon 25 Jahre.“ Sie hebt den Kopf, zieht ihre Brauen hoch: „Ja, haben Sie dann überhaupt noch Freunde hier? Ich meine, wegen Weihnachten.“ Ihr Mann klinkt sich ein: „Er hat doch noch eine Familie hier, mit der wird er feiern, oder?“

Ich verabschiede mich von der Frau. Ihr Mann geht mit mir nach draußen, schließt das Holzkabuff auf, das sich zwischen seinem Haus und dem Nachbarhaus befindet, und holt eine 11kg-Flasche mit Propangas heraus. Ich öffne den Kofferraum. „Sie fahren doch gleich nach Hause“, sagt er zu mir. „Weil, normalerweise dürfen Sie die Gasflasche nicht in einem geschlossenen Fahrzeug transportieren. Vorschrift! Explosionsgefahr!“ „Echt, hab ich noch nie gehört.“ Er verspricht, mich zu benachrichtigen, wenn er mal wieder nach Berlin kommt. „In diesem Kuhkaff hier hält man es doch gar nicht aus.“

Matt S. Bakausky: Nichtszuverlieren, außer

Im Psychiaterwartezimmer eine Art Stuhlkreis, nur dass die Stühle direkt an den Wänden stehen. Menschenbepackter Raum, ich fühle mich beobachtet. Schweiß, Herzrasen, Zitttern. Gedanken, was die Patienten über mich denken.

Herr Meier wird aufgerufen.

Herr Thomas wird aufgerufen.

Ein neuer Patient kommt hinzu. Draußen die Sprechstundenhilfen am Tippen und Telefonieren. Eine Patientin betritt den Raum. Und noch eine. Schreckliche Augen von überall auf mich gerichtet.

Frau Mühlen wird aufgerufen.

Zwei weitere Patienten betreten den Raum. Circa ein dutzen aufgerufener Patienten und zwanzig neuer Patienten später wird die Stimme in meinem Kopf kurz leiser.

„Herr Bakausky“ tönt es durch den Lautsprecher. Der Arzt zu gut gelaunt, ich vermute er kokst. Ich bekomme Beta-Blocker verschrieben. Der heiße Scheiß gegen soziale Ängste. Vielleicht. Eigentlich zur Senkung des Blutdrucks, können sie auch entspannend wirken. Off-Label, also anders als auf dem Beipackzetttel verschrieben, heißt das.

Große Erleichterung als ich die Tür der Praxis hinter mir schließe. Das ist der beste Moment, das beste an den Arztbesuchen. Nach dem größer und kleiner werdenden Stuhlkreis, kurze Pause vom Stress.

Der nächste Stuhlkreis in der Straßenbahn. Ich fühle mich im Mittelpunkt, denke dass es jedem auffällt, wie ich schwitze, zittere und schaue auf den Boden. Selbsthilfegruppe – der finale Endboss der Stuhlkreise für heute. Ich gehe nicht hin, lieber nach Hause. Vermeiden ist gut. Führt zwar zur Verschlechterung der Symptome, ist aber gut.

Am Abendessentisch fragt mich meine Oma, warum ich sowenig rede. Scheinwerferlicht auf mich. Der ganze Stuhlkreis wendet seine Augen auf mein schwitzendes Gesicht. „Äh, ich weiß nicht“ sage ich kleinlaut. Und schon ist das Thema gegessen und meine Mutter kommt mit dem Nachtisch rein. Warum habe ich solche Angst vor Fremden? Wahrscheinlich habe ich nicht vergessen, dass ich einst von zwei solchen groß gezogen worden bin.

In meinem Zimmer schalte ich den Monitor an und gehe in den Chat. Entspannt auf meinem Stuhl, ohne Kreis, ohne Augen die auf mich schauen. Ich bin der Boss, ich bin es der den Chat lenkt. Kein Zittern, kein Schwitzen, sanft gleiten meine Finger über die Tastatur. Menschen sind gleichzeitig Freund und Feind, hier bin ich jedoch pseudonym, hier kann ich sein.

Zerocool verlässte den Raum.

Hexe verlässt den Raum.

Wursthans betritt den Raum.

Der Bot kickt und bannt Wursthans, weil er spamt.

SevenEleven verlässt den Raum.

EvilSanta, Hackbert und Tiny sind afk.

Zeit herunterzufahren.

Hans-Hermann Plesch: Honigschön

Die Gebrüder Fransig hatten mit einer Erfindung, die sie als Honigschöns Bioelektrischer Autoanzünder bezeichneten und sich wie geschnitten Brot verkaufte, ein Schweinegeld verdient.

Die Erfindung, im Wesentlichen ein Kästchen mit fragwürdigem Inhalt, hätte eigentlich so gut wie jedem einfallen können, ausser vielleicht mir (wegen meiner ausgeprägten Linksfüssigkeit). Viel konnte man sonst damit nicht anfangen, aber es reichte (besonders zu Anfang). Es sollen sich welche bei Anwendung krumm und scheckig gelacht haben, ich habe allerdings nichts davon mitbekommen.

Mein Problem war vielmehr ein anderes. Mit dem vielen Geld, das die Gebrüder Fransig eingesackt hatten, kauften sie den Mäuseberg und störten meine Pläne empfindlich. Mit Arbogast hätten sie sich nie auf diese Weise angelegt, des war ich mir sicher. Das grössere Problem allerdings war, dass sie gar nicht wussten, dass sie mir Probleme bereiteten. (Sonst hätte ich aus meinem wasserdichten Keller herauskommen müssen.)

Das mit dem Keller hatte eine eigene Bewandtnis, das bitte ich vorläufig zur Kenntnis zu nehmen. Es war auch mehr ein Sousterrain, stark gefliest (zur Hälfte in Anthrazit. Das hat mit dem Mäuseberg aber nichts zu tun.) Die Sache ist vielmehr eine andere.

Honigschön bin eigentlich ich. Zumindest im Traum, wo ich umschürzt und schutzbebrillt in einem hohen Raum stehe. Den Anderen kannte ich da noch nicht, sicher aber war, dass ich gegen Abtretung meiner selbstausgedachten Erfindung ein Grundstück erhalten sollte, besagten Mäuseberg nämlich. Dieser war nach Lage und Ansehen förmlich dazu prädestiniert, Ausgangspunkt einer von mir geplanten Forschungsexpedition zu werden. Das alles stand jeden Morgen vor dem Aufstehen so farbig vor mir, als wärs ein gemaltes Bild. Dann setzte ich den linken Fuss auf den Boden und begann zu zweifeln. Auch der Mann im Spiegel, dessen ich wenig später gewohnheitsmässig im Bad ansichtig wurde, war zweifelsfrei nicht Honigschön. Honigschöns Bildportrait war in natürlichen Farben auf seiner Erfindung aufgedruckt und ähnelte mir, auch unter Weglassung des Bartes, nur ungenügend.

So verging Woche um Woche, wobei ich meine Zeit vorwiegend den geheimen Grabungsarbeiten widmete. (Ich hatte meinen Plan keineswegs aufgegeben). Dann änderte sich alles schlagartig. Zwei Beamte suchten mich unter einem Vorwand in meiner Wohnung auf. Sie verhafteten mich wegen Beschädigung des Grundwassers (Eine haltlose Anschuldigung). Wenig später auf der Wache, wurde ich in den Keller geführt und wurde Zeuge eines unglaublichen Vorgangs. Zeitlich war er allerdings eher platzsparend.

Anschliessend bekam ich eine gediegene Schaufel mit einem glänzenden Blatt in die Hand gedrückt. Die Bodenplatten waren zur Seite geschafft worden und ich konnte sofort mit weiterer Grabungsarbeit beginnen. Danach feierten wir ein kleines Fest (bei dem wir lebhaft anstiessen, später auch tanzten).

Den Morgen danach bereute ich bitterlich, aber schon Mittags war ich erneut guter Dinge.  Das mit dem Berg liess ich allerdings danach sein, zumal ich mit Schulze einen frohgemuten Partner für zündende Experimente gefunden hatte. Fransigs setzten später noch Honigschöns Nanotherapeutischen Allesentferner in Umlauf und verbrannten damit eine Menge Geld.

Der Mäuseberg verfiel in Folge und musste künstlich gestützt werden.

Nicolai Hagedorn: Ostern

Da erzählt mir doch die mir bis dato vollkommen unbekannte dm- Kassiererin gerade folgende Geschichte: „Ich sollte neulich meinem 6-jährigen Sohn eine Ostergeschichte erzählen und da hab ich dann irgendwas mit Jesus erzählt, der den Kindern sagt, dass nach dem Tod noch nicht Ende ist und so, und da fragte der Kleine nach der Geschichte, ob man dann also nach dem Tod im zweiten Level ist.“

Andreas Lugauer: Max Goldt liest ›zwischen den Jahren‹

Dass Max Goldt, der – man verzeihe mir den eigentlich unpassenden, aber zum Zwecke der Alliteration verwendeten Ausdruck Doyen – der Doyen der Digression, ›zwischen den Jahren‹ im Nürnberger Hubertussaal liest, das ist mittlerweile zur süßen Gewohnheit geworden wie der alljährliche grippale Infekt nach den Weihnachtsfeiertagen.

›Zwischen den Jahren‹, das sagen die Leute, weil ihnen als »Jahr« nur die Zeit ehrlicher Hände Arbeit gilt, was recht hübsch auch durch das Gegensatzpaar »unter der Woche« für die Werk- und »Wochenende« für die arbeitsfreien Tage Sams- und Sonntag illustriert wird. Denn ›zwischen den Jahren‹, da arbeiten normale Leute nicht, sondern geben sich der Erholung, der Muße, dem Skispringen und Biathlon sowie den Verwandten hin. »Biathlon«, mag jetzt jemand einwenden, »läuft doch zwischen den Jahren gar nicht!«, hat damit allerdings unrecht. Zwar findet, soweit hat der Einwender recht, zwischen Weihnachten und Neujahr kein Biathlonwettkampf statt, sehr wohl aber um den Dreikönigstag – und dieser erst beschließt die Zeit ›zwischen den Jahren‹. Wer was auf sich hält, nimmt sich nämlich bis zum Dreikönigstag frei – wenn dieser auf einen Mittwoch fällt, auch noch den darauffolgenden Donners- und Freitag – und startet dann erst ins neue »Jahr«.

Normale Menschen arbeiten ›zwischen den Jahren‹ erst recht nicht an den Feiertagen. Ihnen sind Leute suspekt, die etwa Heiligabend oder die Silvesternacht nicht ›im Kreise ihrer Lieben‹ respektive unter zum letzteren Anlass von der Kette gelassenen ›Feierbiestern‹ verbringen, sondern in Krankenhäusern, Pflege- und Kinderheimen, Polizeistationen, Gefängnissen oder Atomkraftwerken Dienst tun. Wenngleich nicht derart suspekt wie Leute, die an solchen Tagen die ebenfalls aufrechterhaltenen telefonischen Seelsorgedienste in Anspruch nehmen und trotz gemieteter Wohnung und Telefonanschluss, dem nicht die schuldenbedingte Abschaltung droht, in sozialer Hinsicht als obdachlos gelten können. 

»Ob die, die zu solchen Zeiten arbeiten müssen, wenigstens um Mitternacht mit einem Gläschen Sekt anstoßen dürfen?«, fragen sich die Leute besorgt und denken »Gläschen«, weil man zu besonderen Anlässen eben kein ganzes profanes Glas hinunterkippt, wie man es im Alltag macht, wenn man sich am Wasserhahn eines einschenkt und vor lauter Durscht, den einem Heim- und Hand- und Tagwerk verursachen, in einem Zug, der freilich aus mehreren Zügen besteht, unter hör- und sehbarem Schlucken austrinkt und sich anschließend die nassgewordenen Lippen abwischen und hart ausstoßend »’aaaaahh…!« sagen muß.

Ich könnte mich jetzt freilich noch darüber mokieren, daß die Leute in solchen Zeiten auch, obwohl sie das während des »Jahres« höchstens zu Ostern, bei Beerdigungen oder Hochzeiten tun, in die Kirche rumpeln oder Dinner for One …; aber das sollen die Schmöcke tun, wie die Leut’ es ebenfalls tun und halten sollen, wie sie munter, froh und fröhlich wollen. Ich stattdessen male mir nun aus, was Max Goldt dieses Jahr wohl tragen wird. Bei einem der letzten Nürnberger Auftritte nämlich erschien er in quadratisch geschnittenem, groß und grün kariertem Flanellhemd und schwarzbraun längsgestreiften, schlafanzugähnlichen Hosen. Aus Frankfurter Kreisen erfuhr ich, dass er bei der kürzlich dort stattgehabten Lesung wie üblich in unauffällig, in Hemd, Jackett und normaler Hose, auftrat. Aber dort las er auch nicht ›zwischen den Jahren‹.

Immanuel Reinschlüssel: Anconella

Scheppernd schleppt sich das stumpfgefahrene Triebwerk durch die hügelige Landschaft, die im Schein der ersten Sonnenstrahlen nur Konturen preisgibt. Ich höre die Lok ächzen und schnauben, während ich mich inmitten eines einzelnen verwaisten Waggons von ihr durch Täler und Hügel ziehen lasse, mein Schicksal in ihre staubigen Kolben lege. Im Gepäcknetz über mir wackeln meine Habseligkeiten und Mitbringsel hin und her, Geschenke für deine Großeltern, dunkle, ehrliche Schokolade, selbstgerührter Eierlikör, dazu ein Osterbrot aus der Backstube meiner Mutter. Dieser Feiertag, der für sie und ihr Land der höchste im ganzen Jahr ist und mir nichts bedeutet außer einem langen Wochenende und dem sicheren Übergang in die warme Jahreszeit, ausgerechnet er wird über uns entscheiden.

Niederlegung oder Auferstehung, so nah beieinander, einst drei Tage, für uns wohl nur drei Herzschläge voneinander entfernt.

Bis Bologna glitt ich in einem Hochgeschwindigkeitszug durch Voralpen, Tunnel und schwarze Nacht, eine surreale Reise ohne Anhaltspunkt für Raum und Zeit, eine konstante Überforderung der Sinne, die natürlich keinen Schlaf fanden im Angesicht der bevorstehenden, vielleicht letzten Begegnung mit dir. Der Umstieg im leergefegten Bologna Centrale, der sich in gespenstische Stille hüllte als kenne er das Ziel meiner Reise, ein letztes Lufthohlen. Ich hätte umdrehen können in diesem Moment, zum letzten Mal auf meiner Reise, hätte mich auf eine Bank setzen, das Osterbrot brechen und den Eierlikör entsiegeln können, auf den Zug zurück in den Nordnorden, das uferlose der beiden Monacos wartend. Und dann einfach einsteigen und alle Erinnerungen an dich für immer in den tiefsten Brunnen meines Geistes stecken, eine Felsplatte darauflegen und pfeifend nach vorne gehen können.

Doch im wahren Leben gibt es kein zurück und keine Felsplatten für Erinnerungen, sondern nur Niederlegungen und Auferstehung, getrennt durch Phasen heimtückischer Stille.

Also hinein in den schiefen Waggon, als einziger Mensch der Welt zu dieser unchristlichen Zeit an diesem christlichsten aller Tage. Hinein in den Anstieg zur letzten Etappe, hinauf nach Anconella, hinunter ins Reich des Zerberus oder den Himmel auf Erden. Langsam, beinahe unmerklich rollte der Zug aus dem Bahnhof und rumpelte durch das schlafende Bologna, diese letzte Schönheit vor dem Mezzogiorno.

Die Sonne steigt mühsam auf. Wie gerne würde ich den Sonnenaufgang bewundern, dem du seit vielen Wochen wohl genau so jeden Tag beigewohnt hast, die Uhrzeiten deiner WhatsApp-Nachrichten gaben mehr über deine Schlafgewohnheiten preis als deine Nachrichten selbst, nachdem du zu deinen Großeltern gegangen bist, oder sollte ich sagen geflohen. Zurück zum Ursprung, zu dem deine Familie bei allen großen Anlässen zurückkehrt. Die kleine Kapelle sah jeden Bund fürs Leben entstehen, den deine Familie je schloss, und ihr Taufbecken machte euch alle Teil der großen Ganzen, jedes dritte Kreuz auf dem kleinen Friedhof trägt die Namen deiner Ahnen.

Natürlich musstest du nach Anconella, ich hätte es auch ohne deine Nachrichten gewusst. Hier beginnt es und hier endet es, hier kommen Niederlegung und Auferstehung seit Jahrhunderten zusammen, warum sollten ausgerechnet wir die Ausnahme sein? Du musstest an diesen Ort, um dein Herz ganz spüren zu können, diesen unersättlichen Sammler, für den ein einzelner Mann nie mehr als eine Aktennotiz sein konnte, bevor es auf mein Herz traf, das weder Sammler noch Jäger, sondern einfach nur Muskel ist.

Ein Muskel, der seit dem deutschen Monaco verknotet in meiner Brust liegt wie das Osterbrot in seinem Papiermantel im Gepäcknetz über mir. Ein Muskel, der auf seine Bestimmung wartet, die sich auf dem oleanderbewachsenen Bahnsteig von Anconella offenbaren wird, wenn deine stumme Karfreitagsmesse Niederlegung oder Auferstehung predigen wird.

Joe Wentrup: Alles fällt auf einen Tag

Wenn die Sonne am tiefsten ihre Bahn zieht und am frühesten erlischt, dann gedenken wir den Tod des Sonnengottes, des Mitras, von Rom – flüchtig mit Bibelversen übertapeziert – dereinst als neues Produkt präsentiert: als Jesus, beauftragt, das Reich unter seinem milden Blick zu stärken.

Doch halt – gedenken wir an diesem Tag nicht der GEBURT des Sonnenkindes? Auch dies trifft zu, denn auf den kürzesten Tag folgt immer auch ein längerer – Mitras erwacht zu neuem Leben. Doch noch ist dieses schwach und unbedeutend, noch wird es kälter, der Frost überzieht das Land, die Welt verharrt in Totenstarre.

Erschöpft kroch Jesus aus dem Schützen und starb im Steinbock – umgeben von elf weiteren Zeichen: seinen Jüngern. Am Himmel regiert nun die Dunkelheit, die Schwarze Sonne: Sie ist Saturn, der schwächste mit bloßem Auge sichtbare Planet – auch Satan genannt. Es ist die Zeit der Unterwelt, der Dämonen und des Jenseits.

Erst im Februar gewinnt Mitras langsam seine Macht zurück, die Menschen schöpfen Mut und beginnen hinter Teufelsmasken alles Zwielichtige zu verhöhnen und zu verscheuchen, im ekstatischen Treiben des Karnevals. Doch noch hat Jesus, Ra, die Sonne, Mitras, seinen Thron nicht bestiegen.

Bis zur Tag- und Nachtgleiche wird es dauern, daß der Göttliche seinen Platz einnimmt. Doch erst muss er nun den pietätvoll verschobenen Tod der Wintersonnenwende sterben und wie das winterliche Zentralgestirn sodann drei Tage scheinbar tot verharren – bevor er schließlich prächtig strahlend aufersteht!

Die Menschen sind erlöst; Weihnachten und Ostern auf einen Tag gefallen! Baalsfeuer brennen, gleich Hase und Kaninchen rammelt man zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttin Ostara – ihr Name sagt es: im Osten geht die Sonne auf – und reicht ihr und auch den Seinen als Gabe mehr oder minder lebensspendende Eier:

  • Ein gelbes, besonders süßes, das die Zahnärzte gelegt haben.
  • Ein rotes, mit dem Versprechen, dem Proletariat die Kontrolle über die Produktionsmittel zu verschaffen (wobei es sich – wie sollte es schon anders sein – umgekehrt verhält).
  • Ein grünes, ebenso verdreht gelegtes – aber immer eilfertig darauf bedacht, kein Nestbeschmutzer zu sein.
  • Ein violettes, welches eigentlich verdient hätte das rote zu sein, wäre da nicht der Beigeschmack von Zweitakt-Abgas und Norm-Eierkarton.
  • Ein schwarzes, unter Protest gereicht, da ich hier das Christentum entlarve (als würden sie das nicht die ganze Zeit selber tun).
  • Und schließlich ein blaues mit braunem Inhalt – welcher gewiss keine Schokolade ist.

Ich wünsche allen ein frohes Sonnenfest!

Robert Segel: Stiller

Stille.
Immer wieder diese Stille, atemlos und unschuldig.

Eine kalte Nacht, selbst in dieser Region.
Eine beschwerliche, eine trostlose Nacht.
Und immer wieder diese Stille.
Eine einzelne Kerze, die schummriges, rußiges Licht spendet.
Eine Kerze, die keine Wärme spenden kann.
Dazu abgekämpfte, raue Männer, die keinen Schutz vor dem harten Wind suchen, sondern das Neugeborene sehen wollen.
Männer, die seltsame Geschichten aus einsamen Nächten am Feuer murmeln.
Und dazwischen, wenn die Mutter den Blick auf das Kind freigibt, immer wieder diese Stille.
Vor dem Neugeborenen werden die zermürbten Männer, die so laut sein können, immer wieder plötzlich still.
Absolut still.
Ihre Tiere, die sie mitgebracht haben, rühren sich kaum.
Die Welt um sie herum wird still, man hört nicht einmal mehr den harten Regen fallen. Und selbst die Eltern werden still, nur die Mutter spricht ab und zu ein paar leise Worte zu ihrem Kind, so als wäre diese Stille zu intensiv für sie.
So stehen sie alle, Mensch, Tier und Welt, um das kleine, rotwangige Bündel herum, das in ihrer Mitte im warmen Stroh liegt und könnten ihre Aufmerksamkeit, atemlos und unschuldig, nicht von ihm lassen, selbst wenn sie es wollten.
Dieser kurze, unendliche Moment scheint zu intensiv für alle von ihnen.
Eine Stille, wie sie die Welt damals brauchte.
Eine Stille, wie sie die Welt auch heute noch braucht.
Eine Stille, wie sie die Welt auch morgen noch brauchen wird.

Die Kondenswölkchen vor ihren geschlossenen Mündern werden seltener.
Dabei hatte man sich das ganz anders vorgestellt.
Jeder, der die alten Schriften lesen kann und
jeder, der jemanden, der die alten Schriften lesen kann, zuhören kann, hatte sich diesen Menschen, den Grund dieser intensiven Stille, ganz anders vorgestellt.
Viel mächtiger.
Viel auffälliger.
Viel lauter.
Stattdessen immer wieder diese Stille.
Stattdessen frierende, ängstliche Eltern.
Stattdessen ein kleiner Verschlag, der die kalte Nacht nicht ganz aussperren kann.

Einige hatten in den alten Schriften von einem König gelesen.
Von einem König, der prunkvoll über alle Landstriche herrschen solle,
der die korrupten Machthaber vertreiben solle,
der endlich Frieden und Sicherheit bringen solle.

Stattdessen dieser kurze, unendliche Moment, so leise, wie ihn die Welt bis an das Ende ihrer Zeit benötigen wird.
Stattdessen ein kleines, rotwangiges Bündel im Stroh, das selbst Frieden und Sicherheit nötig hat.
Stattdessen atemlose, sprachlose Menschen an seiner Seite, die es so viel besser wissen in diesem Augenblick als die alten Schriften, obwohl keiner von ihnen lesen kann.

Denn vor ihnen liegt die Erkenntnis, dass kein König kommt, dass ein unschuldiges, stilles Neugeborenes kommt. Und sie wissen nicht, wie sie das so selbstverständlich erkennen können, doch sie spüren es.
Ihr Gespür dafür ist so intensiv an diesem Abend, dass sie ihre eigentliche Aufgabe vernachlässigen, fast jeder von ihnen, die Mutter nicht.
So intensiv, dass sie wildfremde, dunkle Männer ganz nah an ihren größten Schatz lassen.
Sie alle spüren, dass er es ist, eingewickelt in alte Decken, gegen die Kälte,
er, von dem in alten Schriften seit langem gesprochen wird.
Sie alle spüren, dass er es ist, der zum größten Schatz aller Menschen werden soll und werden wird.
Sie alle spüren, ganz ohne Anflug von Mitleid, dass er nicht mächtig ist, dass er nicht auffällig ist, dass er nicht laut ist, jetzt noch nicht.

Jedem von ihnen geht im Laufe dieses Abends derselbe Gedanke durch den Kopf – ob die alten Schriften veraltet seien, da ein König hier ganz und gar unpassend wäre.
Denn Machthaber sind zu laut,
Machthaber haben eigene Ziele,
Machthaber interessieren sich nicht für Leute, die in kalten Nächten Tiere hüten oder in windigen Holzbaracken gebären müssen.

Doch vor ihnen liegt die Erkenntnis, dass nicht die alten Schriften veraltet sind,
sondern der Begriff des „Königs“.
Ein wahrer König vermag es, eine Stille zu erzeugen, wie sie die Welt bis zum Ende ihrer Zeit benötigen wird.
Ein wahrer König hat keine eigenen Ziele und kommt genau zu den Leuten, die in kalten Nächten Tiere hüten oder in windigen Holzbaracken gebären müssen.
Ein wahrer König hat keine Macht, er gibt sie an die einfachen Leute weiter, an die, die sich Macht nicht zutrauen.
Und so erleben an diesem Abend die wenigen Menschen, die das Glück, oder vielmehr die Bestimmung haben, das Neugeborene kennen lernen zu dürfen, diese intensive Stille als ein göttliches Geschenk,
als Abkehr von allem, was das Leben erschwert und den Blick trübt für das, auf was es wirklich ankommt.

Die rauen, zermürbten Männer wenden sich schließlich ab, viel zu bald und viel zu plötzlich in ihrer Erinnerung, und gehen ihrer alten Aufgabe nach, die sie so vernachlässigt haben, ohne es zu bereuen. Sie wenden sich schließlich ab, nicht ohne warme Herzen und ungewohnt sanftes Lächeln auf schmutzigen Lippen.
Sie wissen nun, dass es in ihrer Welt auch Stille geben kann, intensive, wertvolle, geschenkte Stille, die den Blick freigibt für das, auf was es wirklich ankommt.
Sie werden ihre Erkenntnis mit allen Menschen teilen, denen sie noch begegnen werden, mit sanftem Lächeln auf schmutzigen Lippen.
Sie werden es nie bereuen.

Zurück, in einem kleinen Verschlag, der die kalte Dunkelheit nicht ganz aussperren kann,
bleibt die noch junge Familie,
frierend, aber hoffnungsfroh.