Katrin Rauch: Ville abbandonate


Wir sind in einer dicken, dunklen Suppe aus Wasser, Seife und mäßigen Schmerzen eingelegt. Sie hat exakt unserer Körpertemperatur. Wir spüren nicht, wie sie alle unsere Zwischenräume ausfüllt, wie sie jedes einzelne Haar umschließt zum Beispiel. Wie schon immer kommen uns unsere Haare in diesem Schwebezustand vor wie Seetang, ohne, dass wir wüssten, wie Seetang wirklich aussieht. Wir haben Seetang nie in echt gesehen, yet here we are, floating in a soup of soap and seaweed.


Wir haben uns eingelegt in Wasser, Seife und mäßige Schmerzen, nachdem uns von innen her gegen die Hypodermis gepresst wurde, gegen das subkutane Fettgewebe, das wir doch loswerden sollten, seit wir elf sind, und das uns auch diesmal wieder vor dem Aufplatzen bewahrt hat. Gemeinsam mit dem viszeralen hätten wir es doch schon längst los sein sollen, jede Form von Ausmaß, das wir einnehmen, hätten wir los werden sollen in Wahrheit, nichts ist wichtiger, als weniger zu werden. Yet here we are, breit as ever, so viel Suppe verdrängend wie nur irgend wesensmöglich.


Wir wollten verschwinden. Zu etwas gemacht, das sich auflösen will, wollten wir verschwinden. Mit dem Hintergrund verschmelzen wie eine in Tapete gehüllte Tür und als solche uns gegenseitig einen unbemerkten Abgang ermöglichen. Wir wollten eine Tapetentür sein, aber keine solche mit einer auf camp-liker Höhe angebrachten Türschnalle durch die größtenteils unangenehme Männer treten. Im Fernsehen haben wir das gesehen und das wollen wir nicht sein, wir wollen eine Tapetentür in einem verfallenen Landsitz irgendwo in Italien sein, in einer Villa, einem tesoro abbandonato.


Wir wollten kaputt und verwüstet sein, abgeschält und zerfleddert, verkohlt und schimmelig, wurmzerfressene Klaviertasten, Stühle, die nun Schaukelpferde sind, abgeplatzer Putz, Artefakte, die kein lebender Mensch vermisst. Wir wollen seit 200 Jahren tote Menschen sein, gezeichnet, in goldenen Rahmen, über die von uns oder unseren Erben zurückgelassenen Gegenstände wachend, Pokale, Bücher, Schreibmaschinen.

Ich frage mich nicht, wer diese Menschen waren, ich sammle nur Material.


Und dann kommt einer und fotografiert dich und stellt dich, verlassenen Schatz, ins Internet mit Hashtags, denn du bist abbandoned, deserted, discarded for the whole world to see. Precious junk for grime lords and decay lovers. Manchmal bist du für den Algo sogar paranormal und musst menschenunmögliche Kraft aufwenden, um dich und die in deinen verfallenden Mauern eingeschriebene Hospitalität nicht zu vergessen, um nicht als Gespenst aus den verrottenden Bettlaken zu springen, samt der Axt, die du unter der Matratze versteckst und auf alles loszugehen, was die blinden Spiegel nicht mehr zu vervielfältigen imstande sind.
Der hält seine Kamera auf dich und dreht später digital die Sättigung hoch, dabei wollten wir doch blass und bleich werden.


Dann hasst du wieder alles, deine Contentwerdung, deine Aus- und Darstellung, das clickbaity Thumbnail auf deiner Stirn, die Captions und Hashtags, die dir eine Fratze aufmalen, zum Stattfinden gezwungen, zum sich verhalten, zum eine Meinung haben, bestenfalls gefestigt, festgefahren, zumindest eindeutig. Nachdenken müssen und nachdenken hassen, crash out gehen daran, dass sich deine zerebrale Matschpampe mit etwas anderem beschäftigen muss als mit Input. Du musst Output produzieren, Schreiben, du musst Du-Texte schreiben und dabei Texte hassen, die an ein Du gerichtet sind, das eigentlich Ich ist, das eigentlich eine Allgemeingültigkeit ausdrücken soll, also auch diesen Text, du musst deinen Text hassen, natürlich hasst du deinen Text, hast du überhaupt geschrieben, wenn du deinen Text nicht hasst? Und diese Risse überall, natürlich immer diese Risse. Ich hasse Risse. Sie sind genauso überstrapaziert wie ich.


Wir wollten doch einfach nur in Ruhe existieren gelassen werden. Auf unserem kaputten ausladenden Treppenaufgang ganz unten verweilen und heulen bis wir aufhören zu atmen. Abblättern wollten wir, zerfallen und uns auflösen zu einer Suppe in Vantablack in einer freistehenden Badewanne am Ende des Ganges, um später im Garten unter die Zypressen geleert zu werden.


Stattdessen stellt uns so ein Typ auf diese Höllenplattform und 50 Tausend Follower*innen konsumieren uns in ihre zerebrale Matschpampe hinein, um nicht darüber nachdenken zu müssen, dass auch sie tesori abbandonati sind, die zur Auflösung in Conten freigegeben wurden.


Ich frage mich, warum hier alles in Trümmern und Chaos liegt, als hätte jemand das Haus geschüttelt, wenn die Leute doch einfach gegangen sind und ich frage mich, ob, wer auch immer da gegangen ist, dabei auch die schwarzen Flecken hinterlassen hat.


Man hat uns zu etwas gemacht, das sich auflösen soll und uns dann vor den Vorhang gezerrt, unsere Gruft ausgehoben und uns Namen gegeben, die wir dann geändert haben. Wir haben unsere Muskeln, Sehnen und Gelenke aufgetrennt und sie so zusammengenäht, dass sie sich beim ersten Waschen nicht direkt wieder verziehen. So können wir jetzt in Seifenwasser liegen und es verdrängen, vielleicht dabei sogar das letzte Crashout verdauen, die liegen immer so schwer auf dem Magen. Unsere Haut hängen wir zum Trockenen auf


Ich hab eigentlich wirklich keinen Bock mich mit meiner Demontage zu beschäftigen, damit wer und was mich wann in Schutt und Asche legt. Ich will mich nicht mit den verhassten Rissen befassen müssen, damit sie erst zu verstecken, um sie irgendwann zu kleben. Ich will dauernd ausrasten, weil ich nicht länger Ausrasten müssen will. Ich will nicht aus Ausrasten müssen bestehen müssen.
Ich will mehr sein, als das, was mir passiert.

Christian Knieps: Es ist (nur) noch Suppe da

Der Brückentag hatte das Büro in eine eigentümliche Zwischenwelt verwandelt, in der weder gearbeitet noch wirklich frei gemacht wurde, sondern einige wenige Aufrechte ihre Anwesenheit durch geöffnete Tabellen und demonstrativ langsames Tippen rechtfertigten, während die Infrastruktur des Unternehmens bereits vollständig vor dem freien Vortag kapituliert hatte. Als Marco gegen halb eins mit jener kultivierten Gelassenheit, die er sich über Jahre aus Espresso, Hemden ohne sichtbare Marken und bewusstem Abstand zu allem entwickelt hatte, was nach einem Snack klang, zur Kantine ging, erwartete ihn ein Schild, dessen Tonfall beleidigend freundlich darauf hinwies, dass wegen des Brückentags geschlossen sei. Die zweite Kantine in einem anderen Unternehmen war ebenfalls geschlossen, die kleine Salatbar im Nebengebäude verriegelt, und selbst der Kühlschrank mit den überteuerten Wraps stand leer da wie eine Installation über den Niedergang Europas. Er blieb einen Moment stehen und empfand nicht nur Hunger – es war eine tiefe Kränkung –, denn Hunger war etwas Körperliches und damit Schnödes für jeden, während Kränkung kultivierter wirkte und insgesamt besser zu ihm passte.
Mit kontrollierter Würde ging er in die Büroküche, in der Hoffnung auf eine vergessene Packung Haferkekse oder wenigstens einen Apfel mit glaubwürdigem Herkunftssiegel, und dort sah er sie: Hinten links neben dem Wasserkocher stand eine einzelne Dose chinesischer Instantnudelsuppe. Sie hatte keine Marke, die ihm etwas sagte, keine Bilder, die Vertrauen erzeugten, sondern lediglich eine sehr glücklich gezeichnete Garnele und ungefähr siebenundzwanzig Zeilen Zutatenliste in Schriftgrößen, die normalerweise nur auf Mikrochips oder Beipackzetteln für Nebenwirkungen verwendet wurden. Er betrachtete die Dose mit jener Mischung aus Überlegenheit und Faszination, mit der Menschen auf Reality-TV oder Spielautomaten schauen, und dachte sofort: Das würde ich niemals essen! Dann aber schlich ein Gedanke durch den Frontallappen: Hypothetisch gesehen wäre es interessant zu wissen, wie Menschen das zubereiten und wie das funktioniert – dann stellte er den Wasserkocher an. Während das Wasser erhitzte, lauschte er in den Flur, obwohl kaum jemand da war, und stellte sich mit wachsendem Unbehagen vor, wie plötzlich ein Kollege hereinkommen und ihn dabei beobachten könnte, wie er kochendes Wasser in eine anonyme Nudeldose gießt, als hätte er unterwegs seine gesamte, über Jahre aufgebaute und gepflegte Persönlichkeit verloren. Dabei beschäftigte ihn nicht einmal der Gedanke, dass die Suppe jemand anderem gehören könnte, denn Diebstahl ließ sich erklären, Hunger ebenfalls, aber freiwilliger Konsum einer solchen Suppe hätte einen Makel seines Charakters offenbart, von dem er nicht wusste, ob er ihn sich selbst verzeihen könnte. Deshalb vermied er es auch konsequent, die Zutatenliste zu lesen, weil jeder Blick darauf entweder seine Entscheidung zerstören oder – noch schlimmer – sie legitimieren könnte.
Als die vorgeschriebenen Minuten vergangen waren, trug er den dampfenden Becher mit einer Haltung zurück an den Arbeitsplatz, die möglichst nach „chemisches Experiment“ aussehen sollte und keinesfalls nach einem – seinem Mittagessen. Er setzte sich, rührte vorsichtig um und betrachtete das Ergebnis kritisch – es roch überraschend gut. Nicht gut im Sinne von gut, sagte er sich sofort, gut im Sinne von intensiv, direkt, unanständig, wie schwülstige Popmusik oder kalorienbombardierte Hotelbuffets. Er traute sich, fühlte sich wie Neil Armstrong vor der Mondlandung, tauchte ein und nahm den ersten Löffel – sofort passierte etwas Schreckliches: Die Suppe schmeckte hervorragend. Nicht objektiv hervorragend, nicht Michelin-Stern-hervorragend – sie war auf eine Weise hervorragend, die seine gesamte Selbstwahrnehmung beleidigte, weil sie warm, salzig, scharf, künstlich und dennoch vollkommen zufriedenstellend war. Mit jedem weiteren Löffel wurde sein Schuldgefühl größer, weil er nicht nur etwas aß, das er in seinen Grundfesten verachtete – er genoss die Suppe wie ein Mensch ohne jede kulturelle Verteidigungslinie.
Als der Becher leer war, schob er ihn diskret tief in den Müll und hob dafür sogar alten Inhalt mit einem Taschentuch an, wischte den Schreibtisch ab und schwor sich mit ernster Entschlossenheit, dass dies ein einmaliger Ausrutscher gewesen sei, geboren aus Umständen, einer akuten, nicht-kontrollierbaren Schwäche und natürlich den geschlossenen Kantinen. Doch als er später den Rechner herunterfuhr und an den Einkauf für den Abend und das kommende Wochenende dachte, erschien irgendwo in seinem Inneren bereits eine kleine, leise Stimme, die sich fragte, in welchem Regal im Supermarkt seines Vertrauens solche Suppen normalerweise standen – erbärmlich, auf ganzer Linie!

Ferenc Liebig: Die Sprossen einer Leiter

Existieren, das ist mutig in der heutigen Zeit, existieren, ohne die Augen zu verschließen, das könne nicht jeder, die meisten schaffen das nicht, die, die es nicht schaffen, versuchen sich abzulenken, in der Ablenkung geschieht das Nichtexistieren. Ein befreundeter Dichter sagte, ich hätte gerne einen Körper aus Buchstaben. Ich fragte ihn, ob er bestimmte Buchstaben bevorzuge. Natürlich, A,T, C und G. It’s in my DNA. Er überschlug sich vor Lachen. Das wäre so gut. Das müsse er aufschreiben. TAG C. CAT G. Er fabrizierte neue Wörter. Ich sagte, er sehe so glücklich aus. Ich fragte, ob ich ihm einen Spiegel bringen soll. Das brauche ich nicht, rief er, als würde er auf einer Bühne stehen. GAG. TAT. Neue Metaphern braucht das Land. AGATA. GATACA. Er würde einen Vulkan finden. Der Vulkan würde ausbrechen. Der Vulkan wäre ein Körper, dem man verzeiht, weil er so todtraurig ausschaut. Der Vulkan wäre ein Wald, nur ohne Bäume, damit ohne Blätter, ohne Harz, ohne das Geraschel von Tieren, ohne Moos, in das man einsinkt, nur ein Wald, der existiert, weil man ihn Wald nennt. Das Wort wäre wichtiger als die Bedeutung, ruft er ins Publikum. Was macht einen Wald zum Wald. Vier Buchstaben, klagt er und während er klagt, wirft er sich auf den Boden. Es existiert über vier Buchstaben. Vier Buchstaben lassen den Wald existieren. Nicht der Specht, nicht das Wildschwein, nicht die Eiche, nicht der Pfifferling, nicht das tote Geäst, nicht der Unrat, den die Dümmsten in den Wald karren, als wäre der Wald eine Sammelstelle für Sperrmüll, nicht das Laub, nicht der Zapfen, nicht der erdige Geruch. Ich schrieb in einem Gedicht, ich würde Kreise ziehen, zum Meridian werden. Ich strich die Zeile. Nun existiert sie hier, weil sie existieren will. Sie braucht nur zu existieren. Sie muss sich nicht überdenken. Einfach nur sein. Sie kann sich darüber glücklich schätzen. Wie auch der Wald existiert, wenn das Wort aufgeschrieben wird. Wald. Da bist du nun. Vier Buchstaben und du wirst zu einer Assoziation, zu einer Verkettung, zu einem Baumhaus, zu Nieselregen, zu Borkenkäfern, Dornen, Zecken, krustiger Rinde, Wurzelgeflecht, Stein, Bärlauch, Windröschen, blauschimmernden Blüten, Himbeeren, Knacken, Lichtung, Bärenfalle. Der befreundete Dichter unterbricht meine Gedanken mit einer Axt. Wir bräuchten Holz für ein Feuer, denn im Wald würde es kalt werden und das Feuer hält das Ungeziefer ab. ATTACCE. Das müsste er aufschreiben, er wäre das Ungeziefer, das in eine Flamme geworfen wird, dessen Chitinpanzer in den Flammen knistert. Ein festgesaugtes Insekt, das sich nicht abschütteln lässt, das unter die Haut wandert. AGAGAGAGAGA. Rot ist im Gefieder. Blutroter Ahorn. TAGACAT. Wir könnten uns abkürzen. Er hieße ab jetzt A. und ich C. oder er G. und ich A. Im Wald abkürzen. Verirren. Wie Teig geknetet werden. Bis der Waldgeist den Teig in den Ofen schiebt und Brot aus uns macht. Das ist mutig. Zu Brot zu werden. Zu metamorphosieren. Um als Brot in Öl getunkt zu werden. GAT. Man müsse hören und sehen, immer beides hören und beides sehen. Das wäre die Lösung auf eine Antwort. Im Wald hören und sehen. Den Wald hören und sehen. Den Wald von seiner Nichtexistenz ausklammern. Mein Dichterfreund holt ein Jagdgewehr. Zum Feuer gehöre Braten. Wohlduftender Braten. Krosse Haut, die zwischen den Zähnen knistert. Weiches Fleisch, das vom Knochen abfällt. Er richtet die Flinte auf mich. Du gefällst mir, sagt er. Er sagt, es ist mutig zu existieren. In einer Zeit wie dieser.

Christian Knieps: Der weiße Hirsch

In einer Nacht ohne Mond, in der der Himmel wie ein verschlossenes Auge über den Hügeln lag und selbst die Sterne sich zurückgezogen zu haben schienen, stand der Junge am Rand des Waldes, noch zu jung, um seine Furcht zu benennen, aber bereits alt genug, um zu spüren, dass das Schweigen um ihn herum nicht leer war, sondern wartend, gespannt und mit einer Bedeutung aufgeladen, die sich ihm erst später vollständig erschließen würde.
Der Wald, der ihm tagsüber vertraut gewesen war wie ein grob gewebter Mantel aus Moos, Rinde und Vogelrufen, hatte sich verwandelt in einen atmenden Körper, dessen Herzschlag er nicht hörte, sondern in den Knien fühlte, während die Dunkelheit zwischen den Stämmen dichter wurde und die Welt hinter ihm, das Haus, das Feuer, die Stimmen, in eine andere Zeit zurückfiel, als hätte sie für diesen Augenblick aufgehört, Anspruch auf ihn zu erheben.
Dann trat der weiße Hirsch aus dem Dickicht, nicht hastig oder vorsichtig, sondern mit einer Ruhe, die der Bewegung jedes einzelnen Muskels eine Würde verlieh, als sei dieser Schritt nicht zufällig, sondern Teil eines lange vorbereiteten Zeichens, und sein Fell schimmerte nicht, weil Licht es traf, sondern weil es selbst Licht trug, ein stilles, inneres Leuchten, das den Wald nicht erhellte, sondern ihn verständlich machte.
Der Junge wusste in diesem Moment, ohne Worte, ohne Lehre und Vergleich, dass dies kein Tier war, wie er andere Tiere gekannt hatte, keine Beute, kein Geist der Jagd, sondern etwas Älteres, etwas, das nicht erschien, um gesehen zu werden, sondern um zu sehen, und dessen Blick ihn nicht musterte, sondern abwog, als prüfe er nicht den Körper des Jungen, sondern die Richtung seines noch ungelebten Lebens.
In den Geschichten der Alten, die der Junge nur halb gehört und nie ganz geglaubt hatte, war vom weißen Hirsch gesprochen worden als vom Boten der Anderswelt, als vom Grenzgänger zwischen Zeiten, als vom Tier, das Könige prüfte und Kinder auswählte, und nun verstand er, dass diese Geschichten nicht dazu gedacht gewesen waren, geglaubt zu werden, sondern dazu, eines Tages erkannt zu werden, wenn die Stunde dafür gekommen war.
Der Hirsch senkte den Kopf nicht zum Gruß und hob ihn nicht zur Warnung, sondern verharrte, und in dieser Bewegungslosigkeit lag eine Einladung, die keine Wahl ließ, weil sie nicht forderte, sondern offenbarte, dass der Weg, den der Junge bisher gegangen war, nur der Vorhof gewesen war zu einem Pfad, der erst jetzt sichtbar wurde, schmal, unbeleuchtet, aber unumkehrbar.
Als der Hirsch sich schließlich wandte und zwischen die Bäume schritt, folgte der Junge ihm nicht sofort mit den Füßen, sondern mit einem inneren Nachvollzug, mit einem plötzlichen Verstehen, dass Zukunft nicht etwas war, das auf ihn wartete, sondern etwas, das ihm entgegenkam, in Gestalt dieses Tieres, das älter war als Namen und jünger als jede Entscheidung, die er noch treffen würde.
Der Wald öffnete sich nicht, er veränderte lediglich seine Ordnung, und wo zuvor Chaos gewesen war, entstand eine Linie, ein unsichtbarer Faden, dem der Hirsch folgte und den der Junge, ohne ihn sehen zu können, spürte wie eine Spannung in der Brust, als hätte jemand eine Saite in ihm angeschlagen, deren Ton erst Jahre später hörbar werden würde.
In dieser mondlosen Nacht, in der kein Licht die Richtung vorgab und kein Schatten als Warnung diente, lernte der Junge, dass Führung nicht immer präsent ist, dass Macht nicht beginnt mit dem Beherrschen anderer, sondern mit dem Erkennen eines Rufes, der so leise ist, dass man ihn nur hört, wenn man bereit ist, alles andere zum Schweigen zu bringen.
Der Hirsch blieb an einer Lichtung stehen, die im Dunkel kaum als solche zu erkennen war, und dort, wo sich Himmel und Erde berührten, ohne sichtbar zu sein, drehte er den Kopf noch einmal zurück, nicht um den Jungen zu prüfen, sondern um ihm zu bestätigen, dass er gesehen worden war und dass dieses Gesehenwerden eine Verpflichtung war, keine Auszeichnung.
Was der Hirsch dem Jungen zeigte, war kein Bild der Zukunft, kein Reich, kein Thron, kein Schlachtfeld, sondern eine Richtung, eine Ausrichtung des Inneren, die bedeutete, Verantwortung zu tragen für das, was zwischen den Welten liegt, für das Unsichtbare ebenso wie für das Offensichtliche, für die Übergänge, an denen andere zögern oder scheitern würden.
Der Junge verstand, dass Macht nicht als Besitz zu ihm kommen würde, sondern als Last, als Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, die ihn von den Seinen entfernen und zugleich tiefer mit ihnen verbinden würden, und dass der weiße Hirsch nicht zurückkehren würde, um ihn daran zu erinnern, weil Erinnerung selbst Teil dieser Macht war.
Als der Hirsch schließlich im Wald verschwand, nicht plötzlich, sondern so, als löse er sich Schicht um Schicht aus der Welt, blieb keine Leere zurück, sondern eine Verdichtung, ein Gefühl von Bedeutung, das den Jungen nicht erdrückte, sondern aufrichtete, als hätte sich seine Wirbelsäule an eine unsichtbare Ordnung angepasst.
Er kehrte in dieser Nacht nicht verändert zurück, zumindest nicht in einer Weise, die andere hätten benennen können, doch etwas in seinem Blick hatte sich verschoben, ein Wissen war eingezogen, das nicht nach außen drängte, sondern wartete, geduldig, lauernd, wie der Wald selbst, der nichts vergisst und alles wiedererkennt.
Viele Jahre später, wenn Entscheidungen an ihm hingen wie schwere Früchte, wenn Menschen in ihm mehr sahen, als er sich selbst zugestand, und wenn er an Weggabelungen stand, an denen kein Rat half, würde er an diese mondlose Nacht denken und an den weißen Hirsch, nicht als Erinnerung, sondern als fortdauernde Bewegung, als Weg, der ihm einst gezeigt worden war und den er, Schritt für Schritt, weiterging, ohne ihn je ganz zu verstehen, aber immer in dem Wissen, dass er ihn nicht selbst gewählt hatte, sondern von ihm gewählt worden war.

Andreas Prucker: Wald

April, April. Schon verstecke ich die Eier im Wald.
Wer bin ich und Warum?
Der Soldatenosterhase als neuer Kanzler und bewertungstechnisch bin ich nur noch im politischen
Wald für neue Armut, wie für Euch bestellt.
Ja Bitteschön und Dankeschön.
Seien Sie herzlichst dafür eingestellt, dass wir kein schwimmen in Bäder mehr ermöglichen,
da wir es bevorzugen ein wildes Seebaden zu erlauben, was uns Wahlerfolge garantieren wird,
da ja neuerdings Gehirn fressende Amöben als Klimawandel-Beigabe im Wasser,
hier dies unerwartete Wahlhelfertum nutzvoll einsetzen werden.
Sehen Sie mich als ein neuen politischen Systemsprenger an,
der im psychopathischen Verhalten seine Grundkenntnisse erworben hat,
um hier im Parteien-bürokratischen Wald Dinge so zu gestalten,
dass wir alle neuerdings Regierungsbewegungstechniken besser verstehen.
Nach dem Motto: Eier für Alle macht freier im Wald.
(Einsatz einer Megaphon-stimme)
Das Gerede von immer zu erwartender Armut, als politische Lösung für einen neuen Wohlstand
macht die Leute handlungsunfähig, da diese Schizophrenie in ihrer eigentlichen Aussage jedwede
Kreativität und Impulsförderung zu neuen Wachstum zerstört. Dadurch kommen nur falsche
Entscheidungen zustande, die alles weitere verschlimmern werden. Wir führen Euch zurück ins
MA-O-AM. MA-O-am. MA-o-AM.
(Und das Volk schreit:)
Relaxed fit. Relaxed fit. Relaxed fit.
Ja, es lebe

Christian Knieps: Der Letzte, der entkam

Es begann nicht mit einem Trick, auch nicht mit einer Kiste, und vor allem nicht mit einem Schloss, das nachgab – es begann mit einem Zittern, das keiner sah, mit einem Blick in den Spiegel, der nicht zurückschaute, und mit dem dumpfen Gefühl, dass das, was alle Welt bewunderte, vielleicht nur die Hülle war für etwas, das sich langsam zersetzte, Tag für Tag, in der Stille nach dem Applaus.
Er war der Mann, der sich aus allem befreite – und keiner fragte, was ihn dazu brachte, sich überhaupt fesseln zu lassen. Harry Houdini, geboren als Erik Weisz, wanderte nicht nur aus der Alten Welt in die Neue, sondern auch aus der Welt des Sichtbaren in eine Welt, die nur er kannte, eine Welt aus Luftmangel, Adrenalin, aus dem ständigen Drang, sich zu übertreffen, sich selbst zu schlagen, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Angst – Angst davor, dass niemand merkt, wie sehr er selbst daran zweifelte, ob das, was er sah, was er fühlte, was er vorführte, je wahr gewesen war.
Denn jedes Mal, wenn er in Ketten lag, jede Sekunde, in der das Wasser über ihm zusammenschlug, war nicht nur ein Kampf gegen den Tod, sondern gegen das Verstummen in ihm – gegen diese eine Stimme, die nie schrie, sondern immer nur flüsterte, mit sanfter Grausamkeit: Du bist nicht genug! Du warst nicht genug! Du wirst nie genug sein!
Und so ließ er sich einsperren, wieder und wieder, nicht weil er glaubte, dass es ein Entkommen gab, sondern weil das Entkommen ihm für einen Moment ein Echo schenkte – das Echo der Menge, das Rauschen des Applauses, dieses süße, kurzlebige Beben, das seinen Körper durchfuhr wie eine Droge, die keine Euphorie schenkte, sondern Erleichterung – für Sekunden, nicht mehr, denn schon im nächsten Atemzug wusste er, dass es nicht reichte.
Er war süchtig, ja, aber nicht nach Ruhm – süchtig nach dem Augenblick vor dem Verschwinden, nach dem Moment, in dem das Schloss klickte und die Welt stillstand, süchtig nach der Grenze zwischen Sein und Nichtsein, wo das Bewusstsein dünner wurde als Papier, wo alles in ihm zitterte, vibrierte, schwankte – wo er, für den Bruchteil einer Ewigkeit, nicht Künstler war, nicht der Sohn eines Sohnes eines Sohnes, kein Betrüger im eigentlichen Sinne, nicht Prophet, sondern einfach nur: da.
Doch sobald das Licht zurückkam oder der Sauerstoff und der Jubel dem Staunen der Menschen wichen, fiel es wieder auf ihn zurück, das Gewicht der Selbstinszenierung, die Einsamkeit desjenigen, der keine Rolle mehr spielen kann, weil er längst zur Rolle geworden ist – und so wurde jedes neue Kunststück ein Fluch, jede neue Sensation ein Beweis, dass der letzte Applaus schon wieder verklungen war.
Er sprach von Wahrheit, jagte wagemutig Scharlatane, zerriss die Schleier des Spiritismus, als könnte er sich selbst beweisen, dass es jenseits des Sichtbaren nichts gab – nichts außer dem, was man sich erarbeitet hatte, gespiegelter Zentimeter für Zentimeter, eingesogener Atemzug für Atemzug – und vielleicht tat er es, weil er selbst längst nicht mehr wusste, ob er real war, ob es ihn außerhalb der Bühne gab, außerhalb des Fluchs, sich jeden Tag wieder aus sich selbst befreien zu müssen.
Denn da war etwas in ihm, das nicht verschwand – eine Ahnung, dass all die Zuschauer nicht wegen der Flucht kamen, sondern wegen des Leids, das er nie zeigte, aber das durch seine Adern brannte wie der kalte Griff der Handschellen – sie wollten sehen, wie weit ein Mensch sich treiben lassen kann, wie tief er tauchen muss, bevor nichts mehr zurückkehrt.
Und so ging er immer weiter, baute Kammern, die fast tödlich waren, ließ sich kopfüber aus Fenstern hängen, kletterte in versiegelte Särge, als wolle er die Grenze herausfordern, den Tod verhöhnen, nur um heimlich zu hoffen, er möge endlich kommen, still, ohne Applaus, ohne Erklärung – ein letzter Trick, ohne Rückweg.
Als der Schlag dann aber in seiner finalen Form kam, war er müde. Vielleicht hätte er ihn abwehren können, vielleicht war es Zufall, vielleicht auch nicht – in Wahrheit hatte er den Kampf schon lange begonnen, lange vor dem ersten Trick, lange vor der ersten Bühne, dort, wo der Junge mit den leeren Taschen stand und spürte, dass er nur dann gesehen wurde, wenn er verschwand.
Er starb nicht, weil er scheiterte – er starb, weil er zu lange glaubte, dass es genügte, sich zu befreien, solange das Publikum zusah. Doch niemand befreit sich aus sich selbst – diese Form der Kunst ist den Illusionisten nicht gegeben.
—
Doch das ist vielleicht das Dunkelste an seiner Geschichte: dass ein Mann, der dem Tod unzählige Male die Tür vor der Nase zuschlug, am Ende daran zerbrach, dass niemand sah, wie sehr er jeden Tag ertrank – nicht im Wasser, sondern in sich.
Er war der Letzte, der entkam – und der Erste, der wusste, dass Flucht keine Rettung ist, sondern nur eine andere Form von einer Kette, die irgendwann spannen würde, sodass er zwangsläufig stolpern musste.

Janika Wehmann: Unglück

Warum heißt Unglück „kein Glück“, Unschlitt aber nicht „kein Schlitt“, sondern Talg/Tierfett? Könnte man das Bedeutungsprinzip nicht tauschen? Ich benenne dich, Unschlitt, um in „nicht vegan“ und dafür gibst du mir mein Glück zurück? Nein, ein unzumutbares Angebot? Na gut.

Das Unglück kann man auch anders umschreiben: Strafe, Pech, Chaos. Das klingt leider immer noch leidvoll, negativ und unglücklich.

Wie wäre es hiermit: das Unglück im Sinne von besonderen Umständen, Kraft der Natur, Leben im Moment.

Dann ist ein Unglück, wenn es lebensweltbezogenen Unterricht auf der Straße gibt (weil das Klassenzimmer wegen eines Wasserschadens nicht betreten werden darf).

Dann sind majestätische und glitzernde Wellen ein Unglück (weil sie von einem Tsunami ausgelöst wurden).

Dann ist das aufmerksame Betrachten des Löwenzahns, der sich aus dem Asphalt bahnt, ein Unglück (weil man zu spät merkt, dass einem gerade ein abgeschossenes Raketenteil auf den Kopf fällt).

Alles halb so schlimm also? Mit der Macht der Worte das Unheil unsichtbar machen? Wir wissen ja, was es in der Sprache nicht gibt, das gibt es auch im echten Leben nicht.

Ach herrje, vor lauter Sinnieren habe ich das Glas umgeworfen und das Wasser hat sich über meinen Unglückstext ergossen. So ein Malheur. Das kam ungeheuer unerwartet. Denn die (ungelungene) Pointe bleibt nun ungelesen. So ein Glück

Matt S. Bakausky: Fett

Diese Geschichte ist mit Fett geschrieben. Sie handelt von Vergänglichkeit und zersetzt sich mit der Zeit von selbst. Ich bin ein Stück Fett. Ich mache Dinge die ein Stück Fett tut. Faul in der Ecke sitzen und verranzen. Ich hinterlasse Fettflecken wo hin ich auch gehe. Ich schäme mich kein Meter weit für meine Existenz. Ich bin keine Kunst, ich kann weg. Ich bin manchmal traurig, dass nicht mehr aus mir geworden ist. Vorallem wenn die Leute kommentieren: Schaut euch mal dieses eklige Stück Fett an. Aber was soll’s traurig hin; traurig her. Es ändert nichts an meinem innersten Sein. Ich werde verranzen. Einfach so. Das ist unser Schicksal in der Fett-Familie. Man könnte sagen es ist uns in die Wiege gelegt. Nichts bleibt für immer und so weiter und so weiter. Tschüss, tschau und gute Nacht!

Andreas Prucker: Luxus oder Fluxus

Bodega = bin oft dumm ein großer Arsch.
Ich muss ja nur noch mich ernähren.
Oh Mensch und Gewalt, im Index deiner Gefühle.
Trägst nun High Heels für Statuserweiterungen
und bist befreiter vom evolutionären Programm.
Nur dein Schubladendenken raubt dir dieses freie sein,
da wir uns ja alle selbst darin sprachlich bewusst hinein zwängen,
wie man als Mensch mit Luxusproblemen zu sein hat.
Sozial diffamierend und in Spenden Gewalt kaschierend.
Was man an humaner Selbsternährung halt so braucht.
Ich habe jetzt ein Punkt für ein genaues auftreten erreicht
und politisch geistig glaube ich falsch gewählt,
königliches fatalistisches rettet mich.
Doch leider.
Bin oft dumm ein großer Arsch.