Daphne Elfenbein: Das Märchen vom Waldbaden

Es war einmal eine Elfe. Die lebte auf einem Baum. Der Baum stand mitten im Wald der im Sommer herrlich nach Zedernholz roch und im Winter nach  dem feinen Moder gefallener Nadeln.  Die Vögel begannen im März ihr Konzert und im Herbst zogen sie in lärmenden Schwärmen über die Wälder  hinweg.  

Gerne ließ sich die Elfe an sonnigen Tagen in einer Astgabel zum Mittagsschlaf nieder. Dabei ließen die Schatten der Äste im Wind Sonnenflecken auf  ihrem Gesichtchen tanzen. Den Winter durchschlief sie meist in einem hohlen  Stamm, der an einem Bach stand. Erst wenn es kalt wurde, verschwand sein  liebliches Gluckern und Plätschern unter starrendem Eis. Doch wenn die ersten  Rinnsale sich wieder lösten und die Vögel zurückkehrten, putzte die Elfe ihre  Flügel und flog übermütige Kreise und Schleifen um Blumen und Bäume herum. 

Da kam eines Tages ein großer alter Elch und sprach: Kleine Elfe. Komm in die  große Stadt. Dort wartet ein wunderbares Leben auf dich. Du kannst arbeiten  und Geld verdienen und wohnst in einem schönen Haus und am Wochenende  gehst du ins Kino. Schau. Ich selbst arbeite schon lange bei einer Bank und habe  Geld auf dem Konto für das ich mir alles kaufen kann: Elchkühe, Zähne, Häute,  Wassertränken aller Art, und im Winter gibt`s heiße Kastanien. Gibt es auch  Elfen in der Stadt?, fragte die Elfe und zirbelte mit den Flügeln. Sehr wohl, sagte  der Elch: Viele interessante Elfen. Du wirst staunen. Ach ich weiß nicht recht,  murmelte die Elfe, und wippte im Takt ihres Herzschlags davon.  

Des Nachts konnte die Elfe nicht schlafen. Zu schön klang das Leben, das der  Elch ihr vorgemalt hatte. Und hatte sie selbst nicht längst genug von dem ein samen Leben im Wald? Es wurde Herbst. Es wurde Winter. Und immerzu dach te die Elfe an die Worte des alten Elchs. Arbeit,  

Geld, Kino, viele aufregende Elfen… Es war an einem Novembertag, an dem sie ausgiebig ihre Flügel putzte, Nüsse und Honigwaben sammelte und zum hohlen Baum trug zur Vorbereitung auf den Winterschlaf. Doch diesmal war der Baum besetzt. Ein dicker fetter Dachs machte sich breit in ihrem Winterdomizil. Hau ab, grunzte der nur und drehte ihr sein Hinterteil zu. Jetzt reicht`s mir aber, sagte die Elfe und schmiss ihre Sachen hin. Denn mit dem Dachs wollte sich keiner im ganzen Wald anlegen. Ich geh in die Stadt, rief sie, jawohl! Und schon packte die Elfe ihr Bündelchen und flog mit ihren frisch geputzten Flügeln in die Stadt.  

Als sie klein war, hatten ihre Eltern sie oft mit dorthin genommen. Damals hatte  sie ihren Elfengeschwistern alle alle Reklameschilder vorgelesen, an denen sie  vorbei geflogen waren. Die Elfe konnte nämlich lesen. Und nun war die Elfe  schon groß und flog ganz allein in die Stadt. Als Erstes ging sie zur Bank. Die lag direkt neben der Börse: Bitte, ich möchte Herrn Elch sprechen, sagte sie zu der  Frau am Schalter, die sie verwirrt anschaute. Dann drehte sie sich um und rief  zu ihren Kolleginnen: Schaut mal! Eine Elfe! Eine Elfe! Die Anderen eilten herbei  und riefen: Ja dass es so etwas noch gibt. Aus dem Wald, rief eine. Was? Gibt es  noch Wald?, fragte eine. Und da kam auch schon der Herr Elch im feinen Anzug  aus dem Backoffice: Ja guten Tag liebe Elfe. Ich freue mich, dass du zur Vernunft  gekommen und in die Stadt gekommen bist. Endlich, rief er und breitete die  Arme aus. Die Elfe flatterte auf seine Schultern. Zeigst du mir wohl, wo mein  Baum ist?, und Ihre Flügel summten. 

Und so kam die Elfe in die Stadt.  Der Herr Elch zeigte ihr einen unbewohnten Dachsbau in einem Mietshaus, einen Laden, in dem es Honig und Nüsse in Gläsern und Plastiktüten gab und ein Büro, wo sie jeden Tag hingehen musste zum Geldverdienen. Letzteres leuchtete ihr zwar nicht so ganz ein. Doch der Elch versicherte ihr, das habe schon alles seine Richtigkeit. Jeder müsse sich nützlich machen. Aha, meinte die Elfe und nickte vage.  

Und so zog sie ein in einer kleinen Betonschachtel und ging täglich ins Büro.  Eines Tages aber lief ihr der Dachs über den Weg. Tollpatschig strollte er über  die Straße und ein Mercedes machte eine Vollbremsung direkt vor seinem fet ten Hinterteil, das jetzt noch fetter geworden war. Die Elfe blieb stehen: Was  machst du denn hier? Nu nä, grunzte der Dachs, das mit dem Wald war nicht  mehr so mein Ding. Man wird älter… außerdem hab ich einen Job bei der Börse  bekommen. Die Elfe legte das Köpfchen schräg an den Flügel und überlegte: Ja,  eigentlich… das mit dem Wald war auch für mich nicht mehr so… 

Und so nahm das neue Leben seinen Lauf. Sie fuhr U-Bahn. Sie fuhr im Bus. Sie  kaufte hinter großen Glasscheiben allerhand ein, und am Samstag ging sie ins  Kino. Alle anderen Tage flog sie in einem Büro herum und trug auf ihren dünnen  Ärmchen Papierstapel hierhin und dorthin. Sie tippte schwarze Buchstaben auf  einen weißen Bildschirm, von dem ihr die Augen brannten. Sie lernte, dass ihre  Arbeitskollegen alle so taten, als seien sie keine Elfen. Denn sie waren nie zum  Spielen aufgelegt. Immer guckten sie ernst und streng und schüttelten missbilli gend den Kopf, wenn die Elfe jubelte, weil draußen Blütenstaub in unsichtbaren  Wolken durch den Äther stob.  

Es ging nicht lange und die Elfe wurde krank. Sehr krank. Immer war sie müde. Und nie hatte sie Lust zu irgendwas. Sie fing an komische Sachen zu machen: dass sie immerzu gegen die Wand flog in ihrem Zimmer oder Nächte lang mit hohem Flügelschlag an der Decke neben der Lampe hing wie ein gefangener Nachtfalter. Es wurde so schlimm, dass sie sterben wollte. Der Herr Elch sagte, nimm eine Aspirin, und geh zum Arzt. Der Arzt betastete Panzer und Flügel der Elfe und befand: Eigentlich bist du ganz gesund. Das ist bestimmt psychosomatisch 

Ich gehe zurück in den Wald, sagte die Elfe zu einer Nachbarelfe. Das ist mir alles zu komisch hier. Ich will nach Haus. Es war schon  wieder Frühling geworden und sie vermisste so sehr das Gluckern des Baches beim hohlen Baum, den Duft der Schneeschmelze und der ersten Veilchen. Be stimmt ist mein Baum jetzt wieder frei, dachte sie, packte ihr Bündel und flog  zurück in den Wald.  

Aber ach! Der ganze Wald war gerodet. Ihr Baum war nicht mehr da.  

Der Bach war begradigt und verlief unter der Erde. Sie musste das Ohr fest an die Erde pressen, um ihn zu hören. Der hohle Baum fehlte gänzlich. Die Erde war aufgeschürft wie eine einzige große Wunde. Oh weh! Rief sie, wo ist mein Wald? Wo soll ich jetzt hin? Im Torkelflug landete sie wieder vor der Haustür ihres Mietshauses. Ja hast du denn nicht die Zeitung gelesen?, fragte der Elch. Es ist doch allgemein bekannt, dass die  Bank den Wald roden lässt. 

Es ist eben der Stress, das Wetter, die Jahreszeit, sagte der Doktor, der am  nächsten Tag ihr rasendes Herzchen abhörte. Dann setzte er sich hinter seinen  Schreibtisch und holte den Rezeptblock aus der Schublade. Ich verschreibe dir  Waldbaden, sagte er.  

Waldbaden? Fragte die Elfe und schüttelte den Kopf.  

Du weißt nicht was Waldbaden ist?, fragte der Arzt, du bist doch eine Elfe. Ja ja, meinte die Elfe, und ließ den Kopf hängen.  

Waldbaden beruhigt, sagte der Doktor. Und Ruhe ist, was du jetzt brauchst.  Dann gab er ihr noch eine CD mit Vogelstimmen. Da, die musst du jetzt jeden  Abend zum Einschlafen hören. 

„Waldbaden ist gut gegen Krankheiten aller Art“, stand in dem Prospekt der Krankenversicherung. Die zahlte von nun an für das regelmäßige Waldbaden. Dazu musste sie lange im Zug fahren. Dann stand sie auf einem Parkplatz in einer großen Gruppe von Elfen auf Krücken, an Rädern, hustend, bleich wie der Tod. Die Elfe selbst war nur noch Haut und Knochen, winzig und blass mit durchsichtigen Flügeln. Der Waldtherapeut schnallte ihr einen Rucksack auf den Rücken. Ein Experte hielt den Neuankömmlingen einen Vortrag: Dieser Badewald gehört der Elch-Bank und ist zertifiziert wegen seines hohen Gehalts an Zedernöl. Hier liegt im Übrigen auch der Ursprung der Elfen! Am Bach könnt ihr das heilsame Plätschern des  Wassers hören. Aber ihr müsst immer auf den auf den vorgezeichneten Wegen bleiben…

Martin Knepper: Der trunkene Hausrat

Ein reicher Mann ist einmal ausgegangen, er wollt mit anderen Reichen speisen,  gerade, wie es die feinen Leute immer tun. Da aber haben die Dinge in seinem  Hause sich gedacht, dass sie sich’s auch einmal wollten gut gehen lassen. Und es  war ein Schrank unter ihnen, der hat den Bauch voll des Branntweins gehabt,  den tät er den anderen kredenzen. Und sind sie alle lustig worden und immer  wilder in ihrem Übermute; der alte Stiefelknecht tät sich auf die Chaiselongue legen, das Geschirr hat munter auf dem Tische geklappert und ein Hifthorn und  eine Tanzgeige, die haben ihnen dazu aufgespielt, die waren froh, dass sie sich  hören lassen durften; denn es hätt sie ihr Herr nur zum Zierrate an die Wand  gehängt, denn er war kein Musikus und pflag viel lieber dem Klingen der Taler  zu lauschen tagein, tagaus. Doch wie sie alle sind immer trunkener worden, ist  ein Streit aufgekommen, es war ein alter Stiefel wohl eifersüchtig auf einen  jungen Käs geworden, der hat mit seiner Bürste getanzt. Und hast du nicht  gesehen, gab ein böses Wort das andere, das Tintenfass hat mit dem Brotkorb das  Raufen angefangen, da traten dann auch Kerze und Schirm hinzu, und  schließlich hat die ganze Gesellschaft, die eben noch so munter miteinander ist  gewesen, einander Wims und Knuff gegeben. Und als unser lieber Herr Jesus,  der an seinem Kreuze an der Wand gehangen, ein begütigendes Wort spricht, hat  ihn der Wandschirm gepackt und in den Ofen geworfen, denn der Wandschirm  war aus dem fernen Nippon und achtete der anderen Götter nicht. Und noch  manch andres hat sein Leben ausgehaucht in dieser Rauferei, der Feuerhaken tät  ein ganzes Regiment von Tellern erschlagen, ein altes Buch ward in der  Waschschüssel ersäuft und gleich vieles mehr. Unter all dem kommt der reiche  Herr nach Hause und mag es gar nicht fassen, was er sieht, spricht „Weh!“ und  „Ach!“, und da er einen Schritt in die Stube macht, fällt er über ein sterbendes  Schemelchen, schlägt unglücklich mit dem Kopfe auf eine ohnmächtige Bain  Marie und war selbst hinüber. Und weil er ein alter Hagestolz gewesen ist, hat er  keine Kinder gehabt, und was noch zu gebrauchen von seinem Hausrate, das  ward in alle Welt verkauft. Manche haben’s besser funden, andere schlechter, just  wie es so geht in der Welt. Das Hifthorn aber ist zu einem Jägersmann  gekommen und fürderhin alle Tage an der guten Luft gewesen, war fröhlich  allzeit und hat nimmer der alten Tanzgeige und des Heilands im Ofen gedacht.

Zeha Schmidtke: Das Märchen von der Ameise und der Grille und ihrem gemeinsamen Feierabendpilz

Eine Grille hatte den ganzen Sommer über musiziert, während die  Ameise für den Winter Getreide sammelte.  

In Wahrheit nun taten es beide längst schon im Gefühl des zeitlos  Immergleichen. Zu jeder Zeit und an allen Orten waren sie verfügbar für  Königin und Publikum. Die Ameise durfte ihre Königin sogar duzen und  fuhr mit ihr auf teambildende Erlebniswochenenden. Die Grille fiedelte  auf den Bällen ihrer vermögenden Fans lustig zum Buffet. Selbst wenn sie  insgeheim so manches mal dem Ganzen schrecklich müde waren:  Solange sie gebraucht wurden, konnten sie nicht untergehen im  Mahlstrom des Weltengewimmels. So war ihr Glaube, und er stand fest. 

Da aber kam ein Virus in die Welt, angsteinflößend unbekannt. Bilder von  Toten und atemlos Kranken machten die Runde, und Sorge fuhr in alle  Glieder. Das Leben blieb fortan daheim. Die belebten Plätze waren’s  nimmermehr. Selbst im Ameisenhaufen wimmelte jede nurmehr noch für  sich, allein in ihrer kleinsten Zelle. Und das Rad des Alltags, das niemals  stillgestanden hatte, kam so schnell zur Ruh, dass jede Kreatur sich  ungläubig die Augen rieb. Hatte es nicht immer geheißen, dass sein  Schwung auch die Welt in Drehung hielt? Zum ersten Mal herrschte die  Stille, und sie summte in den Ohren, als wären alle Nashornkäfer zugleich  auf Paarungsflug. 

„Nun also“, sprachen Grille und Ameise gemeinsam, „ein Neues ist ja  stets auch Chance. Lasst uns fürs Erste Vorräte ausgeben; wir sind hier ja  beileibe nicht arm.“ Als nun aber die Säcke zu den Wartenden gebracht  wurden, da blieb’s doch wieder recht beim Alten: Wer vorher schon sehr  viel besaß hatte, erhielt nun viel zum Ausgleich. Wer vorher aber wenig  hatte, dem wurde nun noch weniger zuteil. „So hat es für alle einen  Verzicht“, erklärten die Ameisen von der Ebene Verteilung, „und so sind  wir es auch gewohnt. Wir wollen ja schließlich, dass es weitergeht.“  

Da kam über die kleinste unter all den Grillen ein bergegroßer Zorn. Sie  hatte stets allein musiziert, in den allerkleinsten Ackerfurchen, wo immer  man sie nur ließ, doch stets im Sinn für alle. Und alle wussten das, dessen  war sie gewiss. Doch nun hatte man ihr aus dem Vorrat grad mal einen  freudlosen Klumpen Hartz zum Mümmeln zugedacht. „Ging Euch Euer  freundloses Tun im Takte meiner Melodien nicht geschmeidiger von der  Hand?“, fragte sie mit bitterer Zunge. „Und habt Ihr Euch nicht meine  Verse vorgetragen, wenn Ihr von Liebe spracht? Und wenn mein Lied  dann lief und ohne jeden Cent, spracht Ihr dann nicht: `Sie spielen unser  Lied´?“ „Jawohl“, riefen da alle Grillen zum ersten Mal im Chor, „wir  füllen Eure freie Zeit rund um die Bullshit-Jobs mit Poesie und Rausch.  Mit Hoffnung, Sehnsucht, Lebenssinn. Wenn wir nicht wären, hättet Ihr  längst vergessen, dass es das Streben nach dem Schöneren gibt. Wo hat  es noch Momente, die nicht zweckgebunden sind? Nur in der Kunst und  nicht in Eurem Alltagsleben! Und ist Euch das so wenig wert? Wollt Ihr all  das schlicht verlieren? Es wird ein böses Ende nehmen, wo es den  Freigeist bräuchte und doch die Krämerseele federführt.“ 

Diese Worte aber weckten in der mittelmäßigsten der Ameisen eine  unbezähmbar speiende Glutwut: „Warum denn sollen wir Eure Künste  höher preisen, als Ihr es selber tut? Ihr stellt Euch doch auf jedes Brett  und unter jedes Licht, wenn man Euch nur ein Publikum verspricht. Und  als das Virus kam, habt Ihr da nicht höchstselbst all Eure Kunst gleich  online preisgegeben, bevor man auch nur Lockdown sagen konnte?“ –  „Und gab es Elend vielleicht früher nicht?!“, führten es die anderen  Ameisen eifrig weiter. „Gab’s vorher keine, unter Euch und unter uns, die  still und heimlich längst schon nur am Krümel Hartze nagten? Habt Ihr die  aufgefangen? In ebendieser Solidarität, nach der Ihr jetzt krakeelt, da es  nun auch die Lauten von Euch trifft? Freilich, der Mensch ist so, dass ihm  erst eignes Elend als unerträglich scheint. Doch sagt Ihr ja, dass ihn die  Kunst verändern kann. Wo sieht man das bei Euch? Was ist denn die  Lobpreisung Eurer hehren Kunst noch anderes als Preisen heiliger  Ablassware? Spirituelle Krämerseelen, die Ihr seid, habt Ihr an dieser Welt  genau so mitgewirkt.“  

Wild fuchtelten Insektenbeinchen durch die Luft und vor den starren  Augenpaaren. Ameisenpiss schoss durch die Luft, man hörte  

Grillenzangen schnappen, und Kampfeshass nahm schnell Gestalt. An  Mindestabstand dachte niemand mehr.  

Da trat ein seltsam Wesen zwischen sie in ihre Mitte, von platter Art in der  Gestalt und sprach über das heiße Schwirren: „Hört, hört. Ihr kennt mich  gut. Mein Name ist in aller Munde. Ich bin die Wanze Systemrele und  ohne Neigung zu einer Partei. Drum lasst ihr mich im Ring hier richten.  Wer auch immer siegreich sein wird – mir ist es recht. Auch der verloren  Arme ist mir gleich. Für meine Arbeit will ich nichts. Es reicht mir, dass Ihr  aufeinander schlagt. Denn so erkennt Ihr an, dass es auch weiterhin so  bleibt. Und ich mich laben kann, was Wanzen nunmal tun, hurra, die  Runde Eins.“ 

Und dann, schon gar so kurz vor Zwölf, dass es niemand mehr glauben  könnte, wenn das hier nicht ein Märchen wär, da kam Moral in die  Geschicht’ und zwar vom Grunde her. Der Boden öffnet sich und spricht:  „Das, was Ihr Boden nennt, auf dem ihr kraucht, bin alles ich. Ich bin der  Pilz, der größte, ält’ste Organismus hier, ich muss jetzt schließlich  sprechen. Weil Ihr nun nicht erkennen könnt, dass Euer Unterschied  Ergänzung heißt. Dass es das Spiel und seine Wartung braucht. Das  Daheim und das Wolkenkuckucksheim. Die Wild- und die Geborgenheit.  Ameisengrillen in der Welt, mit ernstem Spaß. Sonst wird das nix.  

Nun hatte ihr ja so viel Zeit, Ihr Evolutionierten, dass es heißt: Es ist schon  nix geworden. Mein fungizider Vorschlag also, gutes Ende, das noch  kommen kann: Ihr macht nun einfach alle weiter. Oder auch nicht.  Macht’s, wie Ihr wollt. Und ich wachs langsam drüber. Und füge uns  zusammen. Zu der Gemeinsamkeit, die Ihr alleine nicht schafftet. Das tut  nicht weh und kostet nichts. Sagt: Hasta la bovista. Oder sagt nichts und  wartet ab. Das nehm ich auch als Ja.“ 

Und seitdem ist es also so. Wir machen weiter oder nicht. Und Pilz gibt  uns die Sporen. Denn jener Virus, vom dem hier zu sprechen war, das ist  nicht dieser aus dem Hier und Jetzt. Nein, die Geschichte ist schon eine  Weile her, wie jedes Märchen. Und heut ist längst schon mittendrin im  Einigwerden. Du kannst den Hautpilz gern noch einmal niedersalben,  auch am Fuß. Auf die paar Tage kommt’s nicht an. So gibt es dann zum  guten Schluß, zum Feierabend Pilz für Dich, für mich, für jede, jeden. Und  wenn wir nicht gestorben sind, sind wir dann endlich einig alle eins. 

Gordie Lachance: Im Nebel oder Mit 17 hat man noch Träume

Ich bin bei dir und bin glücklich.  
Das Gedicht über deinem Bett sagt, dass kein Mensch den anderen sieht und jeder allein ist. Ich kenn dieses Gedicht fast auswendig, so oft habe ich es gelesen.
Jetzt lese ich es zum ersten Mal, ohne mich dabei einsam und ungesehen zu fühlen.
Weil du mich siehst. 

Meine Mutter ruft an und sagt, dass ich heimkommen soll, weil mein Vater „wieder spinnt“. 
Ich will bei dir bleiben, verdammt. Aber „spinnen“ kann Mord und Totschlag bedeuten. Glaub ich. 

Du sollst mich nicht für ein Muttersöhnchen halten. Ich versuche, einen coolen Abgang hinzulegen. Ich gebe dir einen pseudo-ironischen Handkuss. Bescheuert. Dann renn ich nach Hause, im Glauben, meine Mutter retten zu müssen.
Als ich heimkomme, ist gar nix los. Meine Eltern gehen sich nur aus dem Weg, sonst nix. Arschlöcher.

Ich telefoniere mit dir und irgendwie ist es komisch. Du sagst, dass du mich wieder anrufst und legst auf.

Du rufst nicht an und ich ruf dich nicht an, weil du gesagt hast, dass du mich anrufst und ich mich nicht aufdrängen will. 

Ich möchte irgendwas für dich sein.

An einem Sonntagabend sitz ich mit meiner Mutter vorm Fernseher. Es war den ganzen Tag friedlich, weil mein Vater Notarztdienst hatte und deshalb kaum zu Hause war. Jetzt kommt er heim. 

Er sagt, dass man deine Leiche gefunden hat. Dass du dich in den Tod gestürzt hast.

Sowas kommt vom Kiffen, sagt mein Vater. 

Sowas kommt von Menschen wie dir, schrei ich ihn an.

Am Ende bin ich nur sich selbst.

Felix Benjamin: Ausländer

In der zweiten Klasse laufe ich neben meinem Freund Tino die Straße entlang. Wir haben uns gerade das Sams im Theater angeschaut. Auf der anderen Straßenseite sehen wir zwei Jungs in unserem Alter, die sich in einer uns fremden Sprache anschreien und anfangen, aufeinander einzuschlagen. 

„Ich dachte, Ausländer halten immer zusammen,“ sagt Tino. Ich antworte: „Warum? George Bush und Saddam Hussein kämpfen doch auch gegeneinander.“

Raphael Stratz: Geschichte einer Selbstbefreiung

Eigentlich hatte P. es nicht tun wollen. Viel zu lange hatte er sich gesträubt, sich dem Gedanken widersetzt. Was hatte er nicht alles getan, um ihn aus seinem Kopf zu bekommen? Er hatte sich selbst verboten ihn zu denken, hatte sich seinem unveränderbar scheinenden Schicksal gefügt. Er hatte alles über sich ergehen lassen, all die Demütigungen hingenommen und sich nebenbei selbst verboten, den Gedanken der Befreiung und des echten Lebens in seinen Kopf hineinzulassen.

Nächtelang war P. wachgelegen. Nicht im Stande zu schlafen, da ihm seine Träume nicht gehorchen wollten und immer wieder dasselbe nach oben spülten. Wenn er dann schweißgebadet aufwachte, oft schreiend, und keinen Ausweg erkennen konnte, wusste er im Grunde seines Herzens, dass er es irgendwann würde tun müssen. 

Und doch hatte er es so lange geschafft, sich zu widersetzen.

Zu behaupten, er hätte ihn töten wollen, wäre nicht nur eine Lüge, es wäre eine Kränkung ohnegleichen gegenüber P. gewesen. Er hatte diesen Mann geliebt. Er war alles, was seinem Leben einen Sinn gegeben hatte. Er war abhängig von ihm gewesen. Und genau diese Abhängigkeit war das Problem. Er hatte ihn entmenschlicht. Hatte ihn von allen anderen abgeschirmt und nicht zugelassen, dass sie ihn sahen. Wenn er nicht gehorchte, hatte er ihn eingesperrt, bis er wieder handzahm war.

Es war kein Leben gewesen, das er mit ihm gehabt hatte. Es war schlicht und ergreifend die Hölle und das war ihnen eigentlich beiden klar gewesen, darüber war P. sich sicher. Auch wenn andere das vielleicht nicht erkannten, aber der Meister der Hölle war ein sympathischer älterer Herr mit Schnauzbart und runder Brille.

Seinen Plan, ihn umzubringen, hatte er gefasst, als er ihn wieder einmal in der viel zu engen Kiste eingeschlossen hatte, die sich nur von außen öffnen ließ. Wie jedes Mal hatte er panisch um sich geschlagen, hatte versucht, irgendwie zu entkommen und der allumfassenden, kompakten Dunkelheit zu entrinnen. Genützt hatte es wie immer gar nichts, aber dieses Mal war plötzlich alles anders. 

Als er sich hin und her warf, entgegen jeglicher Vernunft versuchte, sein Gefängnis aufzubekommen, obwohl sein Mechanismus das gar nicht zuließ, stieß er sich den Musikantenknochen an. Dieser Schmerz, der ihn daraufhin durchzuckte, ließ ihn sich zusammenkrümmen. Er hielt sich den schmerzenden Ellenbogen und atmete tief durch. Das war es, was ihn zur Besinnung kommen ließ. 

Er lag zusammengekrümmt auf der Seite und machte sich seine Situation zum ersten Mal seit Jahren überhaupt bewusst. Warum tat er sich das an? Warum ließ er zu, dass dieser Mann ihn behandelte, als wäre er sein Eigentum? Warum wehrte er sich nicht, wenn andere ihn wie Luft behandelten? Und überhaupt: Warum griff niemand ein? 

In diesem Moment hatte er erkannt, dass nur er selbst sich aus dieser Lage befreien konnte, für alle anderen war er unsichtbar. Er hatte ganz still in der Kiste gelegen und nachgedacht.

Ihn umzubringen war ihm selbstverständlich in den Sinn gekommen, alles andere wäre eine Lüge.

Doch hatte er sich diesen Gedanken nicht zu denken getraut. Wegzulaufen war auch keine Option. Wo sollte er denn hin? Erstens würde er keinen anderen Ort finden, an den er konnte und zweitens würde ihm niemand glauben, das wusste er.

Die einzige Möglichkeit, die er hatte, schien die zu sein, sich selbst das Leben zu nehmen. Doch das kam für ihn nicht in Frage. Er hing am Leben als solchem. Also blieb ihm nur, seinen Peiniger zu töten.

Wie er es anstellen würde wusste er nicht genau. Zumindest am Anfang nicht. Doch er tüftelte sich einen Ablauf aus. Zuerst musste er ihn bewegungsunfähig machen. Besser noch: Bewusstlos. Wenn er das schaffte, wäre es ein Leichtes, den Rest zu erledigen. Wer sich nicht wehren konnte, war ein leichtes Opfer. Er überlegte sich verschiedene Wege, wie er ihn würde ausschalten können. Ihm mit irgendeinem harten Gegenstand eins überzuziehen, sodass er die Besinnung verlor, war zwar verlockend, jedoch konnte er sich selbst gut genug einschätzen, um zu wissen, dass ihm dafür schlicht die Kraft fehlte. Und ihm eins aufzubraten und damit nicht den gewünschten Effekt zu erzielen würde sich mit Sicherheit noch negativer auf sein Leben auswirken als gar nichts zu tun.

Er dachte auch über anderes nach. Er könnte dafür sorgen, dass er die Treppe hinunterfiel. Allerdings war auch das mit Unwägbarkeiten verbunden, die ihm zu riskant erschienen. Wenn er blöd aufkam und direkt tot war, wäre er zwar frei, doch das Gefühl der Rache, nach dem er inzwischen ehrlicherweise immer mehr gierte, würde sich sicherlich nicht einstellen. 

So kam er schließlich zu dem Ergebnis, dass die beste Variante wohl die wäre, die er für sich selbst als erste im Kopf gehabt hatte, bevor er diesen Gedanken verwarf. Gift war zumindest als Anfang eine gute Option. Er tüftelte verschiedene Möglichkeiten aus, wie er ihm dieses zuführen konnte. Eine Möglichkeit wäre gewesen, es ihm in sein Bier zu mischen. Das trank er regelmäßig und viel zu viel. Es hätte auch kein Problem dargestellt, es unbemerkt hineinzubekommen, da er oft angetrunkene Flaschen offen in den Kühlschrank stellte, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu leeren. Das Problem bestand vielmehr darin, dass er keinen Zugang zu einem Stoff hatte, der sich dabei adäquat einsetzen ließ. Zwar gab es in der Werkstatt immer mehr als genug Stoffe, die eine giftige oder zumindest sedierende Wirkung hatten, doch diese hätte er alle herausgeschmeckt. Vermutlich hätte er den Geschmack nicht zuordnen können und das Bier für verdorben gehalten, aber die gewünschte Wirkung wäre auf diesem Weg eben nicht erzielt worden. Ihm kam auch der Gedanke, einfach Schnaps unter das Bier zu mischen, aber hier wäre der Effekt wohl entweder derselbe gewesen oder er hätte es zwar nicht bemerkt, aber dann wohl auch nicht ausreichend getrunken, um ordentlich weg zu sein.

Als ihm eine Lösung einfiel, war diese zwar nicht besonders elegant, aber so einfach, dass er sich selbst darüber wunderte, weshalb ihm dieser Einfall nicht schon viel früher gekommen war. Er musste ihn nur erwischen, wenn er eingeschlafen war. Ein gewisser Rausch konnte dabei nicht schaden, aber zwingend notwendig war er auch nicht.

Trotzdem wartete er einen Abend ab, an dem er noch etwas mehr trank als gewöhnlich.

Geduld war eine Tugend, die er sich mit den Jahren zwangsläufig hatte aneignen müssen. Wenn er in der Kiste eingeschlossen war, war sie seine einzige Rettung. Wenn er nichts zu essen bekam, war Geduld das einzige, das ihn aufrecht hielt. Und wenn wieder einmal andere Menschen bei ihnen waren, die ihn gar nicht erst wahrnahmen, oder die vielmehr so taten, übte er sich ebenfalls in Geduld, bis sie wieder fort waren. 

Der Abend, an dem er schließlich zur Tat schreiten konnte, kam früher als gedacht, doch wäre er auch jahrelang zu warten im Stande gewesen. Es war ein Sommerabend im August. Er war den Tag über alleine gewesen, zwar nicht in der Kiste, aber dennoch eingesperrt im Haus. Beinahe wäre er schon im Staub liegend eingeschlafen, als er ihn hereinkommen hörte. Er war wohl mit seinen Freunden beim Kegeln oder Kartenspielen gewesen, auf alle Fälle hatte er getrunken. Auf der Treppe hielt er zweimal inne, um tief durchzuatmen, einmal stolperte er an den Stufen. Dass er in dieser Verfassung war, erleichterte die Sache ungemein. P. fasste den Entschluss, es jetzt zu tun, sofort und ohne sich weiter große Gedanken darüber zu machen. 

Er würde es jetzt versuchen und sollte es misslingen, war die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass er sich am nächsten Morgen entweder gar nicht mehr daran erinnerte oder es schlicht für einen bösen Traum hielt. 

Er setzte sich auf und wartete ab, bis das Gepolter oben verstummt war. Als Ruhe einkehrte, schlich er sich so leise er konnte in sein Schlafzimmer, um die Lage zu überprüfen. Tatsächlich hatte er sich einfach ausgezogen und war auf sein Bett gefallen. Die Zähne hatte er sich zuvor offenkundig ebenso wenig geputzt, wie er irgendeine andere Form der Hygiene betrieben hatte. Das war widerlich, doch passte es in diesem Moment zu ihm und P. sollte es egal sein. Ein sauberer Toter war so viel wert wie ein ungewaschener, es kam darauf an, dass er am Ende nicht mehr leben würde. 

Er schlich sich wieder aus dem Zimmer und nach unten, wo er den Lumpen hervorholte. Er hatte ihn bereits vor einiger Zeit aus dem Abfalleimer gezogen und gut versteckt, sodass er ihn griffbereit hatte, sobald sich eine Gelegenheit bot. Wie er ihn präparieren würde, hatte er sich ebenfalls im Voraus überlegt. Da er nicht genau wusste, welche der Substanzen, die ihm zur Verfügung standen, am wirksamsten wären, um ihn wirksam auszuschalten, hatte er sich entschlossen, eine gute Mischung herzustellen und einfach alles zu verwenden. Damit hatte er einigermaßene Sicherheit, dass das richtige dabei war.

Er tunkte den Lappen in Leim, Lack, Alkohol, Farbe und andere Gefäße, deren Inhalt er nicht benennen konnte, die aber nicht rochen, als seien sie sonderlich gesund. Dabei achtete er stets darauf, dass die verschiedenen Stoffe nur die untere Hälfte des Lumpens bedeckten, sodass er ihn noch immer ordentlich halten konnte, ohne etwas davon an die Finger zu bekommen.

Damit ausgerüstet schlich sich P. zurück in das Schlafzimmer, wo sein Peiniger sich unruhig in seinem Bett herumwälzte. Er legte ihm den Lappen ohne Umschweife auf das Gesicht und stahl sich wieder hinaus. Was jetzt kam, war der schwierigste Teil. Er begab sich in die Werkstatt, wo er das Rollbrett, auf dem schwere Gegenstände durch die Gegend geschoben werden konnten, an sich nahm. Er schleppte es zurück in das Schlafzimmer, wo er ihn betrachtete.

Er war nur einige Minuten fortgewesen, doch das Herumwälzen hatte sich inzwischen gänzlich eingestellt. Nun lag der Mann, der ihn seit Jahren als seinen Gefangenen hielt, der ihn wie sein Eigentum behandelte und ihm sein Leben diktierte, reglos da. 

P. war erstaunt darüber, mit welcher Gleichgültigkeit ihn dieser Anblick erfüllte. Er hatte im Voraus befürchtet, dass ihn große Traurigkeit überfallen würde, wenn es auf das Ende zuging, war allerdings davon ausgegangen, dass er viel wahrscheinlicher von Erleichterung beflügelt wäre. Doch in diesem Moment war da einfach nur eine große Leere. 

Er atmete tief durch und kam zu der Einsicht, dass dies damit zu tun haben mochte, dass er noch nicht fertig war. Es gab noch einiges zu tun und außerdem konnte er sich auch noch nicht sicher sein, dass es wirklich schon vorbei war.

Noch einmal ging er zurück in die Werkstatt. Von der Werkbank nahm er sich die akkubetriebene Stichsäge und schleppte sie an das Bett. Was nun kam, war nicht schön, doch es musste sein. So, wie dieser Mann sein Leben zerlegt hatte, würde er nun ihn zerlegen.

Diesen Vorgang zu beschreiben, würde niemandem helfen, allenfalls wirre Geister könnten sich daran erfreuen. Wir springen daher zu dem Zeitpunkt, an dem P. diese Arbeit abgeschlossen hatte.

Tatsächlich ging die Sonne bereits wieder auf, als er alles vollendet hatte. Ohne Pause hatte er gearbeitet und Knochen für Knochen zersägt und die abgetrennten Teile im Anschluss auf das Rollbrett geladen. Immer, wenn dieses voll war, hatte er es zur Treppe geschoben und hinunterpoltern lassen. Das war zwar laut, jedoch befand sich niemand in der Nähe, dem es hätte auffallen können. Als er mit allem fertig war, hatte er die Einzelteile in der Kiste verstaut, in die selbst immer gesperrt worden war.

Nun war er frei und mit dem Sonnenaufgang kam auch die Erleichterung, die er sich so sehr erhofft hatte. Er war wieder richtiggehend fröhlich. 

Zum ersten Mal seit vielen Jahren hüpfte P. ausgelassen durch die Gegend und schmetterte einen selbsterdachten Reim: 

„Die Kommode ist schon ein Gewinn
Meister E., der liegt zerteilt darin!“

Uschi Heidinger: Tinkerbell in New York

Mit ihren 20 Jahren sitzt Tinkerbell angegurtet im Flugzeug, schwebend über New York. Gleich soll nun die Maschine landen. In Gedanken ist sie bereits bei ihrer besten Freundin, mit der sie zusammen eine kleine Wohnung tief unten in dieser Großstadt besitzt. Lyra wollte sie eigentlich abholen. Ob sie daran gedacht hatte?

Auf dem Nachhauseflug, von Paris herüber, konnte sich Tinkerbell gut mit ihrem etwa gleichaltrigen Reisenachbarn unterhalten. Er sah nett aus, mit seinem offenen Gesicht und den kurzen lockigen, dunklen Haaren. Sein Blick besitzt etwas Vertrauen Erweckendes, dass sie veranlasste, sich mit ihm zu befassen.

Als sie die Landung gut hinter sich gebracht, beginnt im Innenraum reges Treiben. Jeder will möglichst schnell sein Handgepäck mit sich nehmen, um sein jeweiliges Ziel zu erreichen.

So eilt auch Tinkerbell in die große Halle und vergisst doch, sich nach deem Namen ihres so netten Begleiters zu erkundigen. Freudig entdeckt sie in der Halle Lyra, die heute sehr fesch gekleidet, den Abholtermin der Freundin doch nicht vergessen. Lyra besitzt einen Kleinwagen, während Tinkerbell noch nicht die Prüfung für einen Führerschein in Angriff genommen.

Beide betreten den Flur ihrer gemeinsamen 3 Zimmerwohnung. Jede der Beiden bewohnt hier, am Central Park ein Zimmer, der dritte Raum dient als gemeinsames Wohnzimmer. Eine geräumige Küche lädt zum kochen, sitzen und klönen ein. Der gesamte Bereich beider ist hübsch gestaltet und trägt jeweils die spezielle Note der Einzelnen. Hier fühlen sie sich wohl. Auch eine große Terrasse, auf der viele Pflanzen wachsen, schließt sich der Küche an.

Tinkerbell erkundigt sich bei ihrer Mitbewohnerin, wozu diese heute so elegant gekleidet sei? „Nun, Du wirst nicht mehr daran gedacht haben, aber heute Abend ist mein erster großer Abend. In der Osloer Galerie. Wirst Du mich begleiten, damit ich seelische Unterstützung habe?“ „Da fragst Du noch? Natürlich werde ich dir Schützenhilfe leisten.“

„Tinkerbell, bevor wir los düsen, wollte ich mich noch nach Deinem Rückflug erkundigen. Hast Du immer noch Flugangst?“ Tinkerbell antwortet ihr: „Du wirst es mir nicht glauben, aber neben mir saß ein so himmlisch netter und interessanter junger Mann, dass ich kaum zum Angst haben gekommen bin. Leider vergaß ich, mich nach seinem Namen und der Adresse zu erkundigen. Aber er dachte auch nicht daran. Ich weiß nur, dass er auch in New York lebt und irgendetwas mit Theater zu tun hat. Wie soll ich ihn nur wieder finden in dieser großen Stadt?“ Geplagt von schweren Seufzern ruht sie auf dem Sofa des gemeinsamen Wohnzimmers.

Lyra fährt kurze Zeit später, nach Ankunft der Freundin weiter und parkt das Auto in einer Seitenstraße der Ausstellungsräume. Hier wird sie dringend von ihren Helfern gebraucht, um die Bilder während der Vernissage gut präsentieren zu können. Tinkerbell wird später mit einem Taxi nachfolgen.

Viele interessierte Gäste besuchen heute am 4. Juli, dem Nationalfeiertag der USA, die Galerie. Bei dieser Präsentation geht es für Lyra um mehr, als nur um einzelne Gemälde zu verkaufen. Hier dreht es sich auch darum, sich einen Namen in der Kunstszene zu machen. Aber ob das von Erfolg gekrönt sein kann, wird man doch erst am nächsten Tag in der Zeitung lesen können.

Eine Menge an Besuchern belagern Lyra. Tinkerbell kann unmöglich zu ihr durchdringen. So beobachtet sie aus den Augenwinkeln das Verhalten einzelner Kunstliebhaber. Die Bilder sind für die Freundin nicht neu. Sie kennt viele davon und hat auch schon für einige Modell gestanden. Wenn es sich nicht um ihre beste Freundin handeln würde, sie wäre längst nach Hause gegangen. Sie findet das ganze ein wenig affig. Tinkerbell, die selbst momentan noch eine Schreinerlehre absolviert.

Aber irgendwann wird es ihr doch zu viel. Sie spürt den Flug noch in den Knochen, winkt Lyra kurz zu und so verlässt sie die Ausstellung, indem sie die enorme Glasflügeltüre leise hinter sich schließt. Sie winkt eine Taxe heran. Zu Hause fällt sie todmüde endlich in ihr ersehntes Bett. Mit einem letzten Gedanken an ihren so gut aussehenden Flugbegleiter schläft sie endlich ein.

Tinkerbell erwacht am nächsten Morgen. Sie findet bereits in der Küche frischen Kaffee und Brötchen vor. Nimmt Platz.

Vor ihr liegt ein Zettel mit einer Nummer.

Lyra kommt aus dem Bad. Tinkerbell zu Lyra: „Was ist das denn für eine Telefonnummer?“ „Dreimal darfst du raten!“

Tinkerbell bekommt große Augen. „Nee, echt?“ Freudig öffnet sie ihr erstes Brötchen. „Wie bist Du denn an die geraten?“ Lyra: „Wenn Du nicht schon so bald gestern von der Ausstellung heimgegangen wärst, hättest du ihn selbst getroffen. Er war vergangenen Abend derjenige, der ein Bild mit Deinem Portrait von mir kaufte.“

Theobald Fuchs: Geist

Draußen brodelwarm, graue Wolkenflocken wie Asche nach Norden zu, die Hauswände gerötet vom tiefen Licht. Dann der Tisch, mit Bestimmtheit von jemand anderem gekauft, nicht von dem Typen, der jetzt und hier daran sitzt. Außerdem: eine besudelte weiße Tasse, ein Topfuntersetzer aus Kork, ein kahler dünner Ast, der sich hinter dem Mann in der Fensterscheibe hektisch schwarz verzweigt.

Seuchenstimmung in der Luft, als ob sich drei Straßen weiter ein Sumpf erstreckte, mit Augen im Schlamm lauernd, mit Händen, die Bäume unter brackiges Wasser ziehen.

»Nein«, sagt der Typ, »die Flasche bleibt zu.« Seine Stimme lässt keinen Raum für Zweifel an seiner Entschlossenheit. Zweifel brauchen Platz, so wie Kinder, sie können nicht gedeihen, wenn sie in einer Spalte zwischen zwei Grabsteinen aufwachsen sollen.

Die Frau, die Arme verschränkt, drückt ihren Hintern noch fester an die Arbeitsplatte, es sieht aus, als würde sie das Körperende, in das der Rücken schwungvoll ausläuft, tief einkerben wollen, um darin eine noch schickere Leimholzplatte zu befestigen. Sie verdreht die Augen. »Oh Mann!«, schnaubt sie. »Du wirst echt wie diese Leute… «

»Und du vergisst jedes mal wieder, was passiert, wenn… oder nicht?«

Der Typ kratzt sich den ungewaschen glitzernden Kopf und zündet sich eine Zigarette an, aber so, als ob er zum ersten Mal im Leben rauchen würde. Er wirft einen zweifelnden Blick auf den glimmenden Stengel und pustet zweidreivier Mal in die Glut.

»Na gut«, sagt die Frau und lenkt ihre Aufmerksamkeit zu mir wie den Suchstrahl eines Regenradars. Ich stehe immer noch in der Tür zur Küche, habe weder Mantel noch Fellmütze abgelegt, von meinem Spazierstock flattert feuchtes Laub.
»Tschüss!« Sie klatscht mir einen auffordernden Blick in die Fresse. Ich soll gehen. Sofort.

Doch so leicht gebe ich mich nicht zufrieden: »Nun aber mal halt. Ihr habt das Ding auf eBay gestellt, ich habe die Versteigerung gewonnen, ich habe das Geld bei mir und bin hier, um mein neues Eigentum abzuholen.«

»Tschüss!« sagt sie noch einmal. »Du weißt wohl nicht, dass du nicht so aussiehst, wie einer, der mit dem Ding umgehen kann?«

Jetzt bin ich ernsthaft beleidigt. Wenn ich etwas nicht leiden kann, dass mir jemand etwas nicht zutraut. Schließlich kann ich doch alles, nicht wahr? Ich schalte hoch auf Aggro.

»Wisst ihr, dass eine Wohnung auch immer ein auf links gestülpter Kopf ist? Ich sehe mich hier um und weiß genau, wie ihr so tickt. Nicht schlimm, gar nicht. Aber ihr könnt euch nicht vor mir verstecken.«

Die zwei schauen sich an, besprechen sich mit den Augen. Sie sind wie verändert, als hätten sie etwas verstanden, das wichtig ist für sie – mich jedoch nicht das geringste angeht.

»Nein« Der rauchende Mann bewegt sich zum ersten Mal, seitdem ich hier stehe, er bricht aus seiner Versteinerung, lehnt sich zurück, kratzt sich am Bauch. »Nein«, wiederholt er, »nimm das Scheißteil mit. Unter einer Bedingung: die Flasche bleibt zu. Dauerhaft. O.k.?«

Ich lächele freundlich.

»O.k.«, sage ich. »Geht klar. Ich interessiere mich sowieso nicht für Geister…«

Nachtrag:
Ein paar Jahre später sitze ich dann selbst in einer Küche, an der Anrichte lehnt eine Frau, die jener Frau täuschend ähnlich sieht, die mir damals die Flasche nicht überlassen wollte. Ich fühle mich ungewaschen, hocke im Unterhemd vor einer schmutzigen Tasse und rauche. Im Türstock steht ein Typ, der behauptet, die Flasche auf eBay ersteigert zu haben…

Katja Schraml: Mad mades Mangel_Material

„Ich bin satt vor der Zeit
und hungre nach ihr.
Was soll nur werden?“

Ingeborg Bachmann, Aus: Entfremdung

Vor der Tür stand das Kind <ungefragt>: Es bliebe jetzt hier – bei mir <unwiderruflich>, und ging an mir vorbei, sich an den Tisch zu setzen, der <unbefleckt ungedeckt> mittig das Zentrum uns bietet für das Gespräch, dem ich ausgewichen so lang, dass ihm bang, ich hätt alles verg_essen. Versessen ists drauf, dass ich mich für 1 heile Weile zu ihm geselle, ins Helle der Morgenröte, die <henceforth fencenorth> an uns vorbeiziehen, unaufhaltsam gewaltsam uns in ihr Licht tauchen wird. Dem komm ich nicht aus. Das Kind sucht mich aus. Und fragt immerzu: Was willst du?

Ich bleibe vorm Schlosstor, der geschlossenen Tür, von der ich nie weiß, wer sie zugesperrt zugespeert. (Was liegt in meiner Hand?) Wo sind die Schlüssel? Gabs nicht 1 Ausweg? 1 Hinterausgang? An Küche Kind Kühlschrank vorbei über den Balkon <mit BeDacht> die Belletage <mit Bewegung> hinunter auf den blanken Beton <Bruchlandung> … Ginge das nicht? (Im Traum hat das Haus stets >7 Räume, um uns als Labyrinth das Gefängnis zu bieten, in dem wir gefangen verfangen, über Treppen+Klippen hochrauf/\tiefrunter, klettern+klimmen kostet uns Kraft – ob mans wohl schafft?)

Was tust du da?, fragt das Kind gegenwärtig, während ich im Vergangen gewesen <verwesen>. Wen/was erwarten wir denn? (Was soll denn noch kommen?)

Du hast es gewusst. Wir stecken fest im Verlust. Verlustierung nicht möglich. Justieren den Schmerz, mein Herz, da fühlen wir hin, weil wir ihn kennen und wissen, wo wir ihn finden: der Zugang ist niedrigschwellig. Frag nicht warum. Um uns zu weiden am Leiden, ganz bescheiden beschneiden. Nur kein niederer Neid!

Wie kommt man dazu, 1 Verlust zu empfinden, wo nie was war? 1 fremden Besitz als 1 eigenes Fehlen diagnostizieren + reparieren ekrasieren mit Verzicht+Vernicht? Als ob kein Hab+Gut <Gut_Haben> zureichend zulänglich <zugänglich>. Über die Lücken bauen wir Belobigungsbrücken: public press release <what a relief!>, die sollen uns genügen zum selber Belügen. 7 Tage lang. Dann fällt uns ein, es fehlt uns noch 1 Verbot.

Auch dich sah ich schon im Traum, vor unserem Haus, anschreiend+beschimpfend: mich!? Wieso nur, mein Kind? Ich aber <ich?!> blieb see_lenruhig, riss mich zusammen, um dich zu besänftigen + zu beschwören: Wir wollen doch alle dasselbe. <With all your respect!> Alle Wörter mit FR: freifriedfröhfreundliche Freude <ja_wohl, frappierend!>. Da erhoben sich die 3 Löw_innen, die sich im Schein der Sonne träge im Staub der Straße gewälzt. (Wo kommen die her? Wo brachen die aus?) Dann stürmten sie auf uns los. Da liefst du zu mir, hängtest dich ein, bliebst an meiner Seite, so rannten wir: durch den Garten ins Haus (in die Küche!) hinein – und schlossen die Tür. Sicher waren wir. 

So sitzt du nun da. Still stumm + starr. Stierst <unentwegt unbewegt> auf leere Teller. Ich bin dein Bedarfshalt. Abers gibt nichts bei mir. Ich weiß. Ich bin 1 recht schlechte Gastgebende, seit ich das Wirtshaus _V/verließ. (Und wars auch schon vorher.) Bei mir muss 1 Kind hungern. (Von der Alten zu schweigen, die unten im Keller verschmachtet, seit wir das Brot auf die Dächer tragen zum Reak_tanz, du weißt, das war Schwer_T.) Natürlich tut es mir Leid. (1 Grund mehr für den Schuldberg, den wir Ge_du_ld_ich anhäufen, statt zu entwerten.) Ich kann nichts dafür. Es ist unerwünscht. (Du.)

Du krallst dich fest an mir wie im Traum, allein kannst du nicht überleben, unreifes Wesen. Du hasSt ja nur mich <Paradies_Parasit>. Du lachst mich aus, wer hält da wen? Und ich seh meine Hände um deine geklammert, die lassen nicht los. Und ich dachte, ich hätt dich längst Weg_gelaufen geschrieBen. Dabei fülle ich alles in dich hinein. <Pschtpscht!> Du bist mir der SchamSchuldSchimpfSchande_SpotT. Heut bist du mir fremd + morgen gut. Übermorgen übe ich Nach_Sicht.

Ich komm nicht zurecht mit Wunsch+Bedürfnis. Es ist alles 1. Hat der Leib 1 Bedarf, versteht der Magen nur 1 Sprache <un petit appétit>. Was ist mein Begehr? In uns lebt 1 dicke Frau, die möchte heraus, will ersichtlich <Hang+Drang> herausquellen. Sag mir, mein Kind, succidaneus: Wenn der Körper das Gefühl 1 Mangels selbst_ständig in Hunger übersetzt, was macht dann satt? <Transponiere!> 

Das Kind sucht mein Auge <insinuiert!>, es weiß, seinem Blick geb ich nach. <You know, I fall for you.> Aber noch weich ich aus. Auf meinem Schoß ist kein Platz. Ich suche die Töpfe und koche dem Kind etwas <süß warm + brei>. Gegen die Kälte der Mauern, das Grauen des Himmels, den Schatten der Schweigeinsamkeit. Ich schenk 1 Glas Wein aus, Port nur zur Stärkung, fülle 2 Schüsseln <soupçonnös> über den Rand. Teile Besteck aus, 2 Schöpfer als Löffel, danke mir selber für Speis+Trank. Dann seh ich dich an. 

Wir sch_reiben uns auf, bis wir (uns) nicht mehr (hören) können. Kippen das Ich ins Wir, um uns zu schützen. Trenne mich von dir, um euch zu täuschen. Es bleibt alles wies war. Ich darf nicht sein. Du ja. (Noch 1 Snack?)

Dem Kind aber schmeckt mein Mahl nicht. Wortlos stehts auf und geht hinaus. Durch die verschlossene Tür. Hab ich dich verdrängt? Sine_kure, ich werd dich schon schaukeln!

Und ich esse alles alleine auf, löffle in die Teller die Leere hinein, wie ichs gelernt. Aber wir werden am Leben nicht satt. Draußen das Land versinkt im Dämmer, das Licht scheint wohl nicht, abers war schon SchLimmer. Es macht mir schon nichts mehr aus. (Also nicht mehr viel.) 

Unten steht wieder das Kind und winkt, versinkt in der Dunkelheit. Sch_ade.

Natürlich vermisse ich dich jetzt.

Margret Bernreuther: geist

Jeden Morgen wenn ich die Wohnung verlasse entdecke ich unten auf der Ablage bei den Briefkästen neue Figürchen oder andere Haushaltsgegenstände.
Oft sind es kitschige aber nicht besonders hochwertige Porzelanfiguren. Manchmal ein Gewürzglasrondell, gestern stand ein Kochbuch zur Anleitung für fettreduzierte Ernährung dort.

All diese Gegenstände sind sehr bunt zusammengewürfetlt. So war neulich auch mal ein aufwendig bestickter Fächer in einer mit Stoff bezogen Schachtel dort zu finden. Auf dem Fächer zwei Pandabären die unter einem blühenden Kirschbaum spielen. Die Kiste mit goldenen und roten Stoff besponnen. Auf den ersten Blick, insgesamt ein hübsches Ding, aber trotzdem konnte die Verpackung und Gestaltung dieses Fächers, dennoch nicht die mangelnde Wertigkeit der Sache verbergen.
Es wirkte bei genaueren hinschauen eher wie ein Gegenstand aus einem günstigen Souvenirladen der gar einem AsiaShop aus der Innenstadt, bei dem neben der Tütensuppe und den Gewürzsossen, das ein oder andere Handwerkszeug verscherbelt wird.

So wie all die Dinge die dort stehen keinen kostspieligen, aber im ganzen doch vielleicht ideellen Wert darstellen. 

Hinunterstellen tut sie unser Nachbar. Da bin ich mir sehr sicher. Ich habe ihn zwar noch nie direkt dabei erwischt. Aber da wir ansonsten ein sehr junges Haus haben, bin ich mir sicher, daß die Gegenstände aus seiner Wohnung stammen.
Herr Schag wohnt im Stock über uns. Er ist über 80 Jahre alt und ist derjenige der schon immer hier gewohnt hat. Unzählige WGs und junge Menschen hat er schon ein und ausziehen erlebt.
Die früher noch regelmäßigen Hoffeste hat er immer wohlwollend vom Balkon aus mit erlebt, konnte sich aber trotz mehrmaligen einladen, nie dazu aufraffen zu uns hinunter zu kommen.

Zusammen mit seiner Frau standen sie dann also manchmal für längere Zeit am Balkon und schauten sich an, was da so alles los war in unserem Hof.
Noch nie gab es auch eine Beschwerde wenn eine Feier länger dauerte, oder gar das aufräumen am nächsten Tag allen beteiligten sehr schwer fiel und es sich bis in die kommende Woche hineinzog, das alles wieder an Ort und Stelle war.

Mit der Zeit und mit den Jahren lies aber auch die Anteilnahme vom Balkon aus immer stärker nach.
Seiner Frau ging es nicht mehr so gut. Sie wurde dement und ihr gemeinsames Konstrukt fing an zu bröckeln. Wir im Haus hatten schon einiges an Erfahrung mit dementen Bewohnerinnen.
In der Wohnung nebenan wohnte eine italienische Nona, die trotz hochgradiger Demenz noch bis ins hohe Alter in Schlappen auf ihrer Vespa zum einkaufen gefahren ist. Manchmal hat sie sich verfahren und dann gab es wieder große Sorge und die Kinder haben sie mit uns zusammen gesucht.
Irgendwann wurde den Kindern klar, daß sie ihre Mutter nicht mehr in unserer Verantwortung lassen können. Und sie ist, vermutlich zum sterben nach Italien gebracht worden.

Frau Schag die freundliche Nachbarin, ereilte kein so schönes Schicksal. Ihr Mann versuchte es eine zeitlang damit, sie einzusperren. Aber nachdem sie auch in der Wohnung dann Dinge nicht mehr so hinterlassen hat, wie er es gewohnt war und man sich nicht mehr darauf verlassen konnte, dass sie das Essen richtig kocht und überhaupt die Dnige tut, wozu man doch so eine Frau hat, hat Herr Schag sie ins Altenheim gebracht. Ich verwende seine Worte.
Ich weiß nicht wieviel Liebe da jemals im Spiel war. Und auffällig fand ich es schon immer, das wir noch nie eines der 3. Kinder bei uns im Haus angetroffen haben.

Dieses alte Pärchen, deren Leben nach Erzählungen von Frau Schag nur aus Arbeit bestand. Ich kann nicht beurteilen, ob sie glücklich waren oder nicht. Und noch weniger kann ich die Dinge beurteilen die Herr Schaag nun langsam aus der Wohnung räumt.
Für ihn anscheinend wertlose Dinge, die seiner Frau gehören.
Sie wird nicht wieder zurück kommen und er hat keine Verwendung dafür. Aber direkt in die Mülltonne werfen möchte er sie auch nicht. Dafür hängt vielleicht der Geist seiner Frau zu sehr an diesen Dingen.
So machen sie vielleicht nochmal eine Zwischenstation. In einer der WG’s. Oder so wie bei uns. Der kleine Fächer mit den spielenden Pandabären.

Würde Herr Schaag in anstatt ihn zu verschenken, seiner Frau ins Altenheim mitbringen, würde sie sich vielleicht an die Reise nach China erinnern, die sie vermutlich nie gemacht haben.