Simon Borowiak: Flughafen Nizza

Flughafen Nizza.
Sitze ich und warte
in meinen Anziehsachen.

Daneben sitzt und wartet
münchener Familie
in ihren Anziehsachen.

Der Situierten Sohn stakt auf und ab.
Mustert mich, als wär ich Dreck.
Bei jedem auf und ab
mustert er mich Dreck.

Da hat er recht:
Von seinem Büffel-Seiden-Kaschmirmantel
könnte ich zwei Jahre leben.

Dann Aufruf.
Einstieg.
Mein Onkel hat es gut mit mir gemeint:
Erste Klasse, erste Reihe, erster Platz.

Danach steigt ein
der Rest der Welt.

Der Seidenraupenbüffelsohn
muss weitergehen, zweite Klasse.
Und das auch noch an mir vorbei.

Gesichtszug wie ein grad mit Wucht
entgleister ICE.

Kurz gleiche Höhe,
Tuchfühlung,
fast aneinander schabend:
Der Kaschmir und
die Jeans von kik.

Er: Fassungslos und voll von Wut.
Ich: Voll das Herz,
voll von Verachtung,
voll schmutziger Verachtung.

So tief
lassen uns Reiche sinken.

Bastian Kienitz: Bücherwürmer

MAN SAGT, Bücherwürmer seien eine aussterbende Spezies
da es in naher Zukunft keine Bücher mehr gäbe & sich diese
Gattung also ihrem natürlichen Habitat entzogen in kürzester
Zeit laut evolutionärem Grundgedanken nicht neu orientieren
könnte & der Klimawechsel somit schwer beschädigt oder zumindest mit einer starken Aversion gegenüber unnatürlichen
Ausweichreservaten z.B. technologischen Gütern & somit
Gehalt also dem eigentlichen Inhalt nicht mehr folgen können,
Punkt.

Christian Knieps: Überwindung der Kritik

Letztens las ich einen Artikel über Post-Kritik, in dem es augenscheinlich nicht um eine substanzielle Kritik an der Post geht, auch nicht ums gute Prosten, denn dafür fehlt nicht absichtlich ein Buchstabe, wohl auch nicht ums kritische Posten von Müll im Netz, sondern um einen neuen Zugang zu einem Text – für Menschen gemacht, die glauben, dass man über multiple Metaebenen zu einer anderen Erkenntnis gelangen kann, wenn man sich dem Text nur anders, in einer Realität, die leicht um einen µ verschoben ist, nähert. Wie weit sind wir bei einem solchen Postulat in einem Spielfeld, das einige der versiertesten Diktatoren unserer Zeit perfektioniert haben? Und wie würde man auf das Ergebnis einer post-kritischen Betrachtung kritisch reagieren? Mit einer post-post-kritischen Haltung? Wie viele Posts (wohlweislich keine Posts im Internet) braucht man eigentlich, bis die Kritik nur noch einen minimalen Teil des Ganzen ausmacht? Vier, fünf, sechs Iterationen? Wie wäre es, wenn wir dann nicht einfach sagen, dass wir die Kritik überwinden? So einfach! Einfach so! So!

Also stellen wir uns mal eine Welt vor, in der jeder als Quasi-Diktator seiner eigenen Umwelt einfach Sachen sagen kann, die automatisch wahr sind, weil niemand da ist, der Bock hat, über die ganzen Post-Iterationen irgendeine Form der Kritik zu üben. Warum auch? Während man in Management-Seminaren lernt, dass man immer weiter fragen soll, bis man an die Kernursache des Problems gelangt, so ist hier der Weg der Verwässerung eines jeden Arguments vorgezeichnet. Der Posten des Post-hoch-x Kritikministers der eigenen Realität ist längst vergeben, und wozu braucht es noch Adlaten und Ja-Sager, wenn alles in dem Moment zur Wahrheit reift, wann es ausgesprochen wird? Würde der Populismus eine solche Entwicklung überstehen? Oder wäre es dann ein post-hoch-x-kritischer Populismus? Nun ja, hier schaltet sich wohl der letzte Überrest nach der postapokalyptischen Kritikvernichtung ein: Was wäre dieser Zustand eigentlich anderes als der heutige? Sind dann leider schon alle Posten vergeben? Mist, wie immer bin ich zu spät dran! Bleibt nur noch die Chance, mein eigener Post-hoch-x-Kritikminister meiner eigenen Meinung zu werden. Wenig Renommee, aber wenigstens nicht nichts! Eat this, Post-Kritik! Prost!

Bastian Kienitz: NORMAL

Blankosonett

ist es normal, wenn du an Kanten stößt
die sich an Kanten stoßen, hinter denen
die Gleichung allenfalls Wert Null beträgt
um jede Abweichung von vornherein

den einen Längengrad fernab zu schieben
bestimmst du zunächst eine feste Zahl
und zollst dem Raum die Winkelperspektive
die dich viel weiter, tiefer fallen lässt

komm! hüpf mit mir in den Kaninchenbau
und folge A) the white light, rabbit
in seinen Unterschlupf, dem Spiegelsaal

wo wir uns in der Anderwelt befinden
da ist dein Stigma allenfalls normal
um bei der Norm des Gleichgewichts zu bleiben…

Carsten Stephan: Unterwegs mit Eichendorff

„Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit?

Hörst du nicht die Bäume rauschen
Draußen durch die stille Rund’?

Hörst du nun den Frühling laden,
Waldhorn gehn im grünen Wald?

Hörst du tief die feuchten Hügel
Schlagen an die Felsenwand?“

„All das kann ich gar nicht hören.
Also: halt doch mal die Klappe!“

blumenleere: prost blitz (auf dass er dich erschlagen moege!)

aeuszere & veraeuszere dich, in altvertrauter waehrung, dem eigentlich schon laengst vor deiner geburt abgelaufenen & ergo, dementsprechend, zu keinem sinnvollen verzehr mehr empfohlenen, widerlichen senf deiner profilneurotischen meinungen, welche allzu gerne saemtliche der sich dir & dabei auch nur irgendwie den mindesten widerstand bildend, also deine illustre – welch ein trauriger hohn! – aufmerksamkeit ausreichend auf sich ziehend entgegenstemmenden reibungspunkte deiner begegnungen mit moeglichen & unmoeglichen entitaeten schmierig hinabtriefen muss, damit du wochen spaeter noch, skrupellos darauf aufbauend, laut schwadronierend schier denselben erbaermlichen wust an dumpf muffelndem nonsens jedweder persona, die es selbstverstaendlich nie wirklich interessieren kann – es sei denn, sie waere total verbloedet oder in dich verliebt & dadurch sowieso beides – wiederum via ihre ohren gen ihre allein deshalb bemitleidenswerten hirnwindungen krakeelen darfst – & zugleich kaempfst du rigoros hasserfuellt gegen deinesgleichen, willst du ja auf gar keinen fall deinen hoechstens aufs groeszenwahnsinnigste herbeihalluzinierten monopolstatus hinsichtlich dessen, berechtigte kritik (sic!) ausueben zu duerfen gefaehrden … & gemeinsam, ihr vertrottelten narren des geiferschaeumend tollwuetig hinaus ueber sich galoppierenden egozentrismus, bildet ihr das armselige fundament unserer uns zu traenen des abscheus ruehrenden aktuellen, nur scheinbar diversitaet – tatsaechlich phantasielos oede, viel zu enge graubraune uniformen – zurschaustellenden kulturlandschaft …

Simon Borowiak: Lieblos

Ich sehꞌ etwas,
was Du nicht siehst.

Ich fühlꞌ etwas,
was Du nicht fühlst.

Ich hörꞌ etwas,
was Du nicht hörst.

Wann merkst Du endlich,
dass Du störst?

Du schaust mich an
wie hundert Kühe.

Ich stehe vor Dir
wie ein Schwein.

Du gibst Dir redlicher als redlich
Mühe,

und ich will doch nur
bei der Andren sein.

Ella:r Gülden: Größer

Sie haben mir eine kleine sichere Zone übrig gelassen, in der ich mich frei bewegen kann. Für mich selbst ist es ein recht großes Gelände, doch ich kenne es in- und auswendig. An Grenzen stoße ich dabei nicht, zu groß ist auch meine Angst. Und die eigentliche Welt ist für mich ohnehin nicht mehr bereisbar, in ihrer Gänze unzugänglich. Ihre Größe ist für mich nicht zu bewältigen, ich lebe im Kleinen. Immer noch und nöcher. Nein, kleiner wird’s hier wahrscheinlich nicht mehr. Es gibt ein paar von ihnen, die auf mich achten, auch wenn sie mich kaum mehr sehen können. Die mich ein klein wenig teilhaben lassen an dem zu großen, zu weiten Orbit. Denn dort spielt sich ja das hauptsächliche Leben ab. Also das aller anderen. Naja, vielleicht nicht gar aller anderen, doch es ist nichts darüber bekannt. Mir jedenfalls nicht, in meinem mickrigen Raum hier, der mir gerade groß genug ist. Sie portionieren Neuigkeiten über ihre Erkenntnisse, Errungenschaften und die großen Vorgänge in kleinstmögliche Informationshappen, damit ich sie konsumieren kann. Grob gesagt nutze ich eine Verkleinerungslupe für die aus ihrer Sicht mikroskopisch minimierten Ausschnitte aus zeitungsähnlichen Schriftstücken. Es ist grundlegend beängstigend, aber manchmal auch unterhaltsam für mich, wie unfassbar gigantesk sich die Welt entwickelt hat, die vor längerer Zeit auch noch ein Stück weit meine, ja unsere war. Warum das so geschah? Das weiß noch niemand von ihnen. Es gibt Theorien, die meistens exorbitant sind, sich also auf Prozesse außerhalb dieser Welt, im alles umfassenden All beziehen. Es fällt mir schwer, mich auf diese Ansätze einzulassen, Biochemie, Physik und all das war noch nie meine Stärke. Von erhöhten Wachstumshormondosen in neuen Züchtungen von Nutztieren, über gentechnisch veränderte Ultra-Nährpflanzen bis hin zur Entdeckung brandneuer, widerstandsfähigerer Baustoffe, war vieles wissenschaftlich erklärbar. Doch es gab immer noch verschwörungsideologische Ausreißer, Paarungen von hiesigen Menschen mit Hyperwesen und Schlimmeres. Das postfaktische Zeitalter hatte diese größer gewachsene Weltbevölkerung zwar eigentlich bereits hinter sich gelassen, aber Sensationsgier und übersinnliche Glaubenssätze fanden nach wie vor genug Anhängerynnen. Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen.

Carsten Stephan: Narren

Runde Köpfe, spitze Zungen,
Stiller Weltschmerz, lautes Lachen.
Ab und zu kommt eine Nachricht
Und es zeigt sich wer beleidigt.

Dünner Bizeps, dicke Lippe,
Werk mit Absicht, ohne Wirkung.
Ab und zu kommt eine Klage
Und es plündert wer das Konto.

Sanfte Augen, scharfe Blicke,
Narrenfreiheit, Idealismus.
Ab und zu kommt eine Kugel
Und es greinen falsche Freunde.