Arabella Block: Märchenqueens

Dornröschen

Wann baute Dornröschen die Mauer?
Wo hatte sie die stacheligen Rosen her,
die sie pflanzte,
und stieß sie die Schaufel dafür in die Erde,
schwitzend und gebückt,
voller Vorfreude auf den Schlaf,
den ungestörten Schlaf,
den sie sich redlich verdient hat?
Hat sie den Wecker gestellt?
Und als sie die Augen öffnete, waren da
all ihre Pläne aufgegangen?
Sagte sie „Setz dich da hin und halt still“
zu dem Prinzen und klebte ihm
fröhliche Pflaster auf die zerschrammte Haut,
zufrieden mit dem, was sie ertastete?
Ein Königreich für den ersten Gedanken, 
der ihr durch den Kopf ging.

Schneeweißchen & Rosenrot

glückliche Kindheit,
lässige Mutter 
und als Haustier einen Bären,
größer als der von der Losbude.
der Zwerg kriegt sein Fett weg.
dazu gibt’s nen Schatz
und am Ende pro Nase
einen Märchenprinz gratis.
Blöde Schnepfen.

Rotkäppchen

30, Single, backe gern Kuchen 
und schätze
hier und da ein gutes Glas Wein.
Meine Lieblingsfarbe ist rot.
Such naturverbundenen Ihn
für ausgedehnte Wandertouren und mehr.
Wenn du schöne Augen hast und kräftige Hände
und ein Lächeln mit strahlenden Zähnen,
dann schreib mir.
Das Kennwort ist:
Jagdschein.

Schneewittchen

Das lustvoll Gegessene wieder ausspucken.
Sich modisch gürten, dass einem die Luft wegbleibt.
Im Glassarg zum Bild erstarren
als Männertrophäe – ja,
Schneewittchen ist ein hoffnungsloser Fall.
Wie typisch die Lösung:
Nicht der Faustschlag eines Riesen,
Nicht der Schlachtruf eines Einhorns,
Nicht der Schwerthieb eines Prinzen 
löst den Bann, nein, es ist: 
das Stolpern eines Zwergs.
Das muss wohl den meisten genügen.

Harald Kappel: frische Wichtel

die Kirche
geisselt die Unzucht
die welken Engel
verbreiten das Laster
auf der Flaniermeile
ist ein Strich gezogen
die Wasser fliessen rückwärts
in ihren Quell

der Kardinal 
ein fetter Bläser
lebt seinen goldenen Traum
unter der Soutane
pulsiert das Aspergill 
harzt der Weihrauch
Oblaten sind getrüffelt
im Katalog
hat man
den Priesterkalender
im Internat
frische Wichtel bestellt

das Bussgeld ist witzig
die Oblaten flambiert
der Weihrauch entleert
die Verdauung intakt
Testikel werden pochiert
die Engel
verbreiten das Laster
der Kardinal
auf der Flaniermeile
zieht 
keinen Strich

Harald Kappel: abgeschenkt

das Neonlicht
flackert
in der Dunkelheit
in meinem Dorf
winden sich die Lenden
am Euter

der Spucknapf
ist fett
und einsam
am Lagerfeuer
wird er zur Butter
für Steckrüben

am Arsch der Welt
zählt nur
das Ritual 
rote Lippen 
sind ein Skandal
nass
zeigen sie
die Wirklichkeit
ungefragt 

das Neonlicht 
flackert
am Arsch der Welt
zählen nur
Geschenke

Lea Schlenker: Das Liebesgedicht einer Frau, die zu Weihnachten keine Geschenke macht

Die Autowaschanlage ist heute geschlossen 
Ich sehe nur von weitem aus Möwen  
die sich auf dem Parkplatz versammelt haben 
Wir sind nicht mehr in Bern 
Hier kennt uns überhaupt niemand mehr 
Alle unsere Freunde die morgen wieder arbeiten 
In einem Kaufhaus oder in einer Kanzlei oder in einem Radiostudio
Die werden nächste Woche alle tot sein 

Mein Dichter, mein Hochstapler,  
Lieber bin ich dumm als brillant wie du 
lieber bin ich glücklich als weinend wie du 
mein dilettantischer Schwerenöter 
Du sitzt auf deinem Stuhl als verhandelst du mit Kleinkriminellen
verteilst Küsse als würdest du auf Holzkohlen gehen.  

Wenn du mich dann hochhebst und ich versuche zu fliegen  
den Mond holen will und die Sterne stehlen  
und auf dem intergalaktischen Schwarzmarkt verkaufe 
siehst du aus wie ein Kind, und ich wie eine Erwachsene.  

Die Autowaschanlage ist heute geschlossen 
Ich sehe nur von weitem aus Möwen  
die sich auf dem Parkplatz versammelt haben 
Wir können uns in einem leeren Kino verstecken 
Mit meinem Schwager der durch den Saal ruft 
Wenn das Popcorn etwas mehr Salz dran hätte würde ich vielleicht wiederkommen 

Gelächter von der Frau an der Kasse von La vie claire 
Mit dem hellblauen Haarband und dem silbernen Nasenring  
Gelächter von dem Pizzabäcker 
Der seit Jahrzehnten Pizza mit Emmentaler Käse für Touristen bäckt
Gelächter von dem grauen Ehepaar 
Das auf dem Weg zum Aussichtspunkt vom Weg abkommt und verhungert
Das könnten wir zwei sein 
Wenn wir nur einmal so mutig wären

Erasmus zu Rövershagen: Der Geburtstagsvogel

Der Vogel ist schon von Geburt
einmal hier und einmal furt.
Tut ein schöner Vogel sein.
Find manchmal: muss wohl so sein.

Manchmal hört man’s nur von fern:
er trällert. Und das tut er gern.
Er weiß sehr wohl, wovon er singt,
wodurch auch Wissen zu uns dringt.

Sein Geist, sein Wesen, wer wills missen?
Schön, ihn hier am Tisch zu wissen.
Drum, Freunde, lasst euch nicht beirrn,
steht auf, stoßt an zum Gratuliern.

Erasmus zu Rövershagen: Der Büchervogel

Der Büchervogel liest ein Buch
Und stellt es in Regale.
Tut ein schöner Vogel sein
Und es viele Male.

Büchervogel, singe laut,
Sing das Lied der Schreiber!
Ein Rohrspatz ist der Vogel nicht,
der Dummkopf ist ein Kleiber.

Erasmus zu Rövershagen: Ein gannz Jahrhundert oder ein Jahrtausend auch: Millennium

(kein Sonett)

In die Tonne damit am Ende
Damit das Blatt sich dann zum guten wende
Und all die Scheiße unterm Hut
Den Menschen werd gerecht und gut.

Obzwar ich schon dreiviertel
Von dir gar nicht angesehen
War doch das keine Viertel
Im Grund ganz gut und schön.

Bis dann zu dieser Zeitenwende
Auch das Jahrtausend ging zu Ende
Und trotz der Scheiße blieb ich hier
Am Ende lags vielleicht am Bier

Wenn ich nur eine Weile bleiben könnte
Mein ganzes Leben schenkt ich dir.

Uschi Heidinger: Soziale Gestalt

Was ist denn mit sozialer Gestalt?
Hauptsache die werden reich alt
und gar den Boden nach unten verlier’n
Ich könnte jedem von denen da oben
am liebsten eine schmier’n

Da steigt mir der Ärger hoch
und wutentbrannt denk‘ ich,
das wieder mal fand,
was Geld zu Geld sich auf Banken häuft
und was macht der Arme ohne Geld?
Er säuft.

In Frust zu verarmen und wissen,
es wird nie so sein,
Wünsche mir zur erfüllen.
Mann/Frau findet sich drein.
Aber freiwillig niemals aufgeben ihr Ziel,
dass jeder Mensch gleich wert so viel.