Benjamin Weissinger: Pflaumen

Musikalienhandel, später Nachmittag kurz vor Ladenschluss

„Guten Tag!“
„Guten Tag! Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Och… ich schau mich erstmal ein bisschen um“
„Gerne ūüôā wir schlie√üen zwar um 18 Uhr, aber ein paar Minuten haben sie ja noch ūüôā „
„Oh. Dann…komme ich doch lieber gleich zur Sache. Schauen Sie mal hier, was ich in meiner Tasche habe“
„…was ist das? Pflaumen!?“
„Eine Dose eingelegte Pflaumen. Sie fragen sich jetzt sicher, was ich damit in einem Musikladen m√∂chte.“
„Ja, da bin ich gespannt.“
„Und zwar w√ľrde ich da 50 Euro f√ľr haben wollen. Aber wir k√∂nnen auch noch handeln.“
„Ich glaube ich verstehe nicht. Also wir…. „
„45!“
„Nein, also wir kaufen hier generell nichts an. Also noch nicht mal Instrumente oder Noten. Aber Konserven garnicht.“
„[wird ernst]…na gut, 40.“
„Ehm…es tut mir wirklich leid, aber ich kaufe ihnen diese Dose Pflaumen definitiv nicht ab!“
„… und das ist ihr letztes Wort?!“
„Ja, leider. Wir schlie√üen jetzt auch.“
„[guckt auf die Uhr]…wir haben 17:57…drei Minuten habe ich noch“
„Das ist richtig, aber wenn sie…“
„Schauen sie mal. Ich √∂ffne die Dose mit einem Dosen√∂ffner, den ich dabei habe“
„Nein, bitte…“
„Warten sie es ab!“
„Hier drinnen bitte nicht essen.“
„Da, jetzt ist sie auf. Haben sie eine Tuba?“
„Tuba?! Gro√üer Gott, bitte nicht. Jetzt wei√ü ich, wer sie sind. Wir dachten auf der Berufsschule immer, sie seien eine urban legend. Aber es gibt sie wirklich.“
„Hihihi. Und da hinten sehe ich auch schon die wundersch√∂ne Tuba. Sie h√§tten mir die Dose abkaufen k√∂nnen, aber jetzt wird die Tuba mit leckeren Pflaumen gef√ľllt.“
„[rennt um die Pflaumenperson herum und stellt sich sch√ľtzend vor die Tuba] Nein, das d√ľrfen sie nicht!!!! Ich rufe die Polizei!!!“
„Das k√∂nnen sie gerne machen. Aber die Pflaumen kommen in die Tuba [setzt zum Wurf an]“

„Aaaaaaaaah“
„Oh Gott, Schatz, was ist los?!“
„Schei√üe. Ich hatte wieder den Traum mit der Tuba und dem Kunden mit den Pflaumen“
„H√§. Das ist doch erst heute abend passiert. Wieso hast du denn dann schon mehrmals davon getr√§umt“
„Ich hab heute Nacht schon mehrmals das gleiche getr√§umt, die ersten Male hast du nicht mitbekommen.“
„Hach Mensch. War es denn so schlimm?“
„Es war diese Hilflosigkeit. Ich konnte nichts machen, st√ľrzte ihm noch entgegen. Aber er muss eine unglaubliche √úbung im Werfen von Pflaumendosen in Tubas haben. Voll rein.“
„Das ist nicht deine Schuld. Du konntest nichts machen.“
„Doch. Ich h√§tte mich sofort an die Geschichten √ľber den Verr√ľckten erinnern k√∂nnen, als er mit der Pflaumendose anfing. Aber erst als er Tuba sagte, klingelte es.“
„Ja, aber was h√§ttest du machen k√∂nnen. Ihn angreifen und sie ihm abnehmen? Wer wei√ü, wie gef√§hrlich der ist.“
„Ja, aber trotzdem…“
„Vergiss die Sache jetzt. Du wei√üt doch, der letzte Kunde ist immer der schlimmste. Morgen wird bestimmt ein ruhiger Tag. Und jetzt schlaf weiter.“
„Ich kann das Ger√§usch nicht vergessen. Dieses Scheppern von Metall auf Metall und dann dieses Glotterger√§usch der raussuppenden eingelegten Pflaumen. Und wie er dann zu spielen begann, als w√§re nichts geschehen.“
„Er hat auf der Tuba mit den Pflaumen drin gespielt?!?“
„Nein, auf einer unser Violinen. Die Havanaise. Recht gut sogar.“
„Und wann hast du ihn dann endlich rausgeschmissen?!“
„Gar nicht. Mir wurde alles zuviel, hab einfach den Laden hinter ihm abgeschlossen und bin nach Hause gerannt.“
„Er ist noch im Laden?????“
„Nein, er hat mit einer Pauke die Schaufensterscheibe eingeworfen und ist mir wie ein Irrer hinterher…“
„Oh Gott, und dann? Hast du ihn abgeh√§ngt?“
„Ja, er war ziemlich schlecht zu Fu√ü“
„Gott sei Dank. Was f√ľr ein schei√ü Albtraum.“
„Und das alles morgen dem Chef erkl√§ren. Aber es hilft alles nichts, ich versuch noch ein paar St√ľndchen zu schlafen“
„Ja, genau, mach das. Ich mach uns mal ein bisschen das Fenster auf Kipp, frische Luft tut immer gut.“
(Von unten von der Straße hört man leise die Havanaise)

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