Zeha Schmidtke: Das Märchen von der Ameise und der Grille und ihrem gemeinsamen Feierabendpilz

Eine Grille hatte den ganzen Sommer über musiziert, während die Ameise für den Winter Getreide sammelte.

In Wahrheit nun taten es beide längst schon im Gefühl des zeitlos Immergleichen. Zu jeder Zeit und an allen Orten waren sie verfügbar für Königin und Publikum. Die Ameise durfte ihre Königin sogar duzen und fuhr mit ihr auf teambildende Erlebniswochenenden. Die Grille fiedelte auf den Bällen ihrer vermögenden Fans lustig zum Buffet. Selbst wenn sie insgeheim so manches Mal alledem schrecklich müde waren: Solange sie gebraucht wurden, konnten sie nicht untergehen im Mahlstrom des Weltengewimmels. So war ihr Glaube, und er stand fest.

Da aber kam ein Virus in die Welt, angsteinflößend unbekannt. Bilder von Toten und atemlos Kranken machten die Runde, und Sorge fuhr in alle Glieder. Das Leben blieb fortan daheim. Die belebten Plätze waren’s nimmermehr. Selbst im Ameisenhaufen wimmelte jede nurmehr noch für sich, allein in ihrer kleinsten Zelle. Und das Rad des Alltags, das niemals stillgestanden hatte, kam so schnell zur Ruh, dass jede Kreatur sich ungläubig die Augen rieb. Hatte es nicht immer geheißen, dass sein Schwung auch die Welt in Drehung hielt? Zum ersten Mal herrschte die Stille, und sie summte in den Ohren, als wären alle Nashornkäfer zugleich auf Paarungsflug.

„Nun also“, sprachen Grille und Ameise gemeinsam, „ein Neues ist ja stets auch Chance. Lasst uns fürs Erste Vorräte ausgeben; wir sind hier ja beileibe nicht arm.“ Als nun aber die Säcke zu den Wartenden gebracht wurden, da blieb’s doch wieder recht beim Alten: Wer vorher schon sehr viel besaß hatte, erhielt nun viel zum Ausgleich. Wer vorher aber wenig hatte, dem wurde nun noch weniger zuteil. „So hat es für alle einen Verzicht“, erklärten die Ameisen von der Ebene Verteilung, „und so sind wir es auch gewohnt. Wir wollen ja schließlich, dass es weitergeht.“ Da kam über die kleinste unter den Grillen ein bergegroßer Zorn. Sie hatte stets allein musiziert, in den allerkleinsten Ackerfurchen, wo immer man sie nur ließ, doch stets im Geiste für alle. Und alle wussten das, dessen war sie gewiss. Doch nun hatte man ihr aus dem Vorrat grad mal einen freudlosen Klumpen Hartz zum Mümmeln zugedacht. „Ging Euch Euer täglich Tun im Takte meiner Melodien nicht leichter von der Hand?“, fragte sie mit bitterer Zunge. „Und habt Ihr Euch nicht meine Verse vorgetragen, wenn Ihr von Liebe spracht? Und wenn mein Lied dann lief und ohne jeden Cent, spracht Ihr dann nicht: Sie spielen unser Lied?“ „Jawohl“, riefen da alle Grillen zum ersten Mal gemeinsam, „wir füllen Eure freie Zeit rund um die Bullshit-Jobs mit Poesie und Rausch. Mit Hoffnung, Sehnsucht, Lebenssinn. Wenn wir nicht wären, hättet Ihr längst vergessen, dass es das Streben nach dem Schöneren gibt. Wo hat es noch Momente, die nicht zweckgebunden sind? Nur in der Kunst und nicht in Eurem Alltagsleben! Und ist Euch das so wenig wert? Wollt Ihr all das schlicht verlieren? Es wird ein böses Ende nehmen, wo es den Freigeist bräuchte und doch die Krämerseele federführt.“

Diese Worte aber weckten in der mittelmäßigsten der Ameisen eine unbezähmbar speiende Glutwut: „Warum denn sollen wir Eure Künste höher preisen, als Ihr es selber tut? Ihr stellt Euch doch auf jedes Brett und unter jedes Licht, wenn man Euch nur ein Publikum verspricht. Und als das Virus kam, habt Ihr da nicht höchstselbst all Eure Kunst gleich online preisgegeben, bevor man auch nur Lockdown sagen konnte?“ – „Und gab es Elend vielleicht früher nicht?!“, führten es die anderen Ameisen eifrig weiter. „Gab’s vorher keine, unter Euch und unter uns, die still und heimlich längst schon nur am Krümel Hartze nagten? Habt Ihr die aufgefangen? In ebendieser Solidarität, nach der Ihr jetzt krakeelt, da es nun auch die Lauten von Euch trifft? Freilich, der Mensch ist so, dass ihm erst eignes Elend als unerträglich scheint. Doch sagt Ihr ja, dass ihn die Kunst verändern kann. Wo sieht man das bei Euch? Was ist denn die Lobpreisung Eurer hehren Kunst noch anderes als Preisen heiliger Ablassware? Spirituelle Krämerseelen, die Ihr seid, habt Ihr an dieser Welt genau so mitgewirkt.“      

Wild fuchtelten Insektenbeinchen durch die Luft und vor den starren Augenpaaren. Ameisenpiss schoss durch die Luft, man hörte Grillenzangen schnappen, und Kampfeshass nahm schnell Gestalt. An Mindestabstand dachte niemand mehr.

Da trat ein seltsam Wesen zwischen sie in ihre Mitte, von platter Art in der Gestalt und sprach über das heiße Schwirren: „Hört, hört. Ihr kennt mich gut. Mein Name ist in aller Munde. Ich bin die Wanze Systemrele und ohne Neigung zu einer Partei. Drum lasst Ihr mich im Ring hier richten. Für meine Arbeit will ich nichts. Es reicht mir, dass Ihr aufeinander schlagt. Denn so erkennt Ihr an, dass es auch weiterhin so bleibt. Und ich mich an Euch laben kann, was Wanzen nunmal tun, hurra, die Runde Eins.“ Und dann, schon gar so kurz vor Zwölf, dass es niemand mehr glauben könnte, wenn das hier nicht ein Märchen wär, da kam Moral in die Geschicht’ – und zwar vom Grunde her. Der Boden öffnet sich und spricht: „Das, was Ihr Boden nennt, auf dem ihr kraucht, bin alles ich. Ich bin der Pilz, der größte, ält’ste Organismus hier, ich muss jetzt schließlich sprechen. Weil Ihr nun nicht erkennen könnt, dass Euer Unterschied Ergänzung heißt. Dass es das Spiel und seine Wartung braucht. Das Daheim und das Wolkenkuckucksheim. Die Wild- und die Geborgenheit. Ameisengrillen in der Welt, mit ernstem Spaß. Sonst wird das nix.

Nun hatte ihr ja so viel Zeit, Ihr Evolutionierten, dass es heißt: Es ist schon nix geworden. Mein fungizider Vorschlag also, gutes Ende, das noch kommen kann: Ihr macht nun einfach alle weiter. Oder auch nicht. Macht’s, wie Ihr wollt. Und ich wachse gemächlich drüber. Und füge uns zusammen. Zu der Gemeinsamkeit, die Ihr alleine nicht schafftet. Das tut nicht weh und kostet nichts.“

Und seitdem ist es also so. Wir machen weiter oder nicht. Und Pilz gibt uns die Sporen. Denn jener Virus, vom dem hier zu sprechen war, das ist nicht dieser aus dem Hier und Jetzt. Nein, die Geschichte ist schon eine Weile her, wie jedes Märchen. Und heut ist längst schon mittendrin im Einigwerden. Du kannst den Hautpilz gern noch einmal niedersalben, auch am Fuß. Auf die paar Tage kommt’s nicht an.

So gibt es dann zum guten Schluß, zum Feierabend Pilz für Dich, mich, jede, jeden. Und wenn wir nicht gestorben sind, sind wir dann endlich alle einig eins.

Fabian Lenthe: Hank & Sylvie

Es gab keinen Grund für sie mich zu verschonen, auch nicht nach all den Jahren, in denen wir uns immer wieder das Leben retteten. Ich trank zu viel und nachdem sie den letzten Fall alleine lösen musste, konnte ich zum ersten Mal einen leicht verächtlichen Unterton in ihrer Stimme hören. Ich wusste nicht ob sie es ernst meint oder einfach nur erschöpft war aber ich wusste, dass sich unser Verhältnis geändert hatte. Ich gab ihr, wie immer, am Ende jeder Woche ihren Scheck, als sie eines Abends in mein Büro kam, um ihn sich abzuholen.
„Na, wie sieht´s aus?“
„Hi Sylvie, willst du was trinken?“
„Ist das eine Frage?“
Ich goss uns zwei doppelte Scotchs ein und stellte einen vor ihr auf den Tisch.
„Setz dich.“
„Danke.“
„Hier, dein Scheck, deswegen bist du doch gekommen.“
„Bin ich, ja. Es gäbe da allerdings noch etwas anderes über das ich mir dir sprechen wollte.“
Wir tranken gleichzeitig und sahen uns dabei in die Augen. Ihr Blick war klar und fokussiert.
„Was gibt es?“
„Wie lange arbeiten wir jetzt schon zusammen?“
„Sylvie, was soll das?“
„Es sind genau zwölf Jahre, Hank!“
„Kann sein, ja. Ich weiß nicht. Auf was willst du hinaus?“
Sie kramt eine schmale Packung Zigaretten aus ihrer Tasche, nimmt eine davon heraus und zündet sie sich an.
„Du wirst langsamer, Hank.“
„Was willst du damit sagen?“
„Du weißt sehr genau was ich damit sagen will. Das letzte Mal, als wir zusammen einen Fall lösten, wäre ich fast verblutet, weil du nicht schnell genug reagiert hast.“
„HEY, ich hab dir verdammt nochmal gesagt du sollst auf mich warten bevor du die Tür eintrittst, laut meiner Information sollte der Typ gar nicht zu Hause sein.“
„Das war er aber und ich hab die beschissene Kugel abbekommen.“
„Sylvie, verdammt, ich…“
Sylvie schnitt mir mit einer scharfen Handbewegung den Satz ab.
„Nein Hank, wenn du ihn nicht verfolgt hättest und mich liegen gelassen, wäre ich nicht halb verblutet. Du hast mein Leben riskiert obwohl du es hättest retten sollen. Wir haben uns geschworen den anderen niemals im Stich zu lassen, egal wie ausweglos die Situation ist.“
„Sylvie, es tut mir leid, ich habe mich hinreißen lassen, wir waren eine Ewigkeit hinter diesem Kerl her und er war zum Greifen nah, ich dachte, ich würde ihn,….versteh doch.“
„Hank, verdammt, du hast mich liegen gelassen!“
Ich griff nach meinem Glas und sank immer tiefer in den Sessel. Sie hatte mit allem Recht was sie sagte und ich hatte ihren Vorwürfen nichts entgegenzusetzten. Das Telefon im Vorraum klingelte.
„Sylvie, entschuldige mich bitte, ich bin gleich wieder da.“
Als ich den Hörer abnahm, sagte mir eine schluchzende Frauenstimme einen Namen und das jemand verschwunden sei.
„Hallo, bin ich hier richtig bei Hank & Sylvie Detective Agency?“
„Das sind Sie, ja. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Sie erzählte mir, dass Ihr Mann seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen war und die Polizei nichts unternehmen wolle. Sie rieten ihr einfach abzuwarten und das Abendessen zu kochen, er hätte sicher großen Hunger, wenn er nach Hause käme. Ich versuchte sie ernst zu nehmen und behielt dabei die Tür des Büros im Auge. Durch das blickdichte Fenster in der Tür konnte ich Sylvies Silhouette erkennen. Sie war aufgestanden und lief im Zimmer herum.
„Ok, hören Sie, wir werden uns darum kümmern. Kommen Sie morgen früh einfach vorbei und bringen Sie bitte ein Foto mit.“
Ich legte auf und ging zurück ins Büro. Sylvie sah bezaubernd aus. Sie saß mit einem Bein angewinkelt auf meinem Schreibtisch und das gedimmte Licht ließ ihr blondes Haar schimmern.
„Ein neuer Auftrag, Hank?“
„Ihr Mann ist seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen, sie..?
„Lass mich raten, sie hat die Bullen angerufen aber die wollten nichts machen, stimmt´s?“
Sie stand auf und drehte sich zu mir um, hob ihr Glas und prostete mir zu.
„Hank, ich wollte dich nicht kränken aber ich musste es dir einfach sagen. Seitdem ich fast gestorben wäre hatten wir kein Wort mehr darüber gesprochen und ich wollte einfach nur, dass zwischen uns..“
„Alles Okay, Sylvie. Es war mein Fehler und ich verzeihe dir.“
Wir stießen an und tranken in einem Zug aus.
„Also gut, Misses Schneider kommt mor…“
„Alles in Ordnung, Hank?“
„Nein, ich, mir ist so…“
Mir wurde schlecht und schwindlig, ein stechender Schmerz durchzog meine Gedärme und verbreitete sich im ganzen Körper. Ich fing an zu schwitzen und hielt mich an der Kante des Schreibtisches fest. Ich konnte mich nicht bewegen und meine Arme und Beine begannen langsam taub zu werden.
„Was ist denn Hank, geht es dir nicht gut?“
„Sylvie, ich…ruf den Notarzt!“
„Wirklich Hank, ich soll den Notarzt rufen? Ich weiß nicht, vielleicht bleib ich auch einfach hier sitzen und sehe dir zu wie du abkratzt, wie wär´s damit, sag doch was.“
„Sylvie, BITTE“
„NEIN HANK! DU BIST EIN MIESES STÜCK SCHEISSE UND HAST DEN TOD VERDIENT, VERRECKEN SOLLST DU, DU MISTKERL, VERRECKE!“
Ich versuchte mich mit letzter Kraft aus dem Sessel zu stemmen aber ich fühlte keinen Muskel mehr in den Beinen und fiel zu Boden.
Ich vernahm ein unregelmäßiges, dumpfes Vibrieren, das all meine Aufmerksamkeit forderte.
„Hey Hank, aufwachen, wach auf, du alter Mistkerl! Da hast du mal wieder verdammtes Glück gehabt, wie immer, was?“
Ich öffnete langsam meine Augen.
„John?“
„Natürlich John, erkennst du meine Stimme denn nicht? Enttäusch mich nicht Hank, wie lange kennen wir uns schon, wie oft kamst du halbtot hier an und ich hab dich wieder zusammengeflickt?!“
„Was ist passiert?“
„Gift, du wurdest vergiftet Hank. Schwere Intoxikation. Wir mussten dir deinen verdammten Magen auspumpen. Aber du hattest Glück, ein bisschen mehr und du wärst diesmal wirklich gestorben.“
„Sylvie.“
„Nein Hank, Sylvie ist nicht hier, Misses Schneider hat dich gefunden und den Notarzt gerufen. Sie sagte sie sei an dem Abend, an dem sie bei dir angerufen hatte, noch vorbeigekommen.“
„Misses Schneider? Wo ist Sylvie?“
„Ruh dich aus Hank, es wird sich alles aufklären, bestimmt.“
 


 

Hank: Dieter Radke
Sylvie: Lisa Neher

Regie: Lukas Münich
Schnitt: Andreas Weber

Raphael Stratz: Wie wir uns einander passend machen

Ein einzelner Staubfussel kann viel verursachen. Gerät er in einen Rauchmelder, so schlägt dieser unter Umständen falschen Alarm, woraufhin große Fertigungshallen geräumt werden müssen, die Produktion für etwa zwanzig Minuten zum erliegen kommt und wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe entstehen. Außerdem können die produzierten Waren deshalb nicht rechtzeitig geliefert werden, was einen Handelskrieg mit Paraguay auslöst und letztlich zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Kanada und Dänemark führt.
Ein einzelner Staubfussel könnte auch, sollte er nicht ordnungsgemäß entfernt worden sein, in einem Operationssaal landen. Dort gelangt er an das Besteck der zuständigen Ärztin und verbleibt schließlich im Körper des zu operierenden. Da der arme Mensch aber eine Augentransplantation erhält und sich das kleine Stück Schmutz gar ungünstig hinter seinen neuen Sehapparat klemmt, muss dieser nun für den Rest seines Lebens die Welt wie durch ein beschlagenes Fernglas betrachten.
In meinem Fall fiel der Fussel auf mein Mobiltelefon. Er entschloss sich, dies zu tun, als ich gerade im Wartebereich eines großen deutschen Bahnhofes saß und auf eben jenem Mobiltelefon mit einer Datingapp spielte. Mir war nicht ganz klar, woher er gekommen sein mochte, befand ich mich doch in einem riesigen Saal mit etwa dreißig Meter hohen Decken. Doch vielleicht hatte er einfach einen der vorbeihastenden als Transportmittel genutzt, um auf meinem Telefon Platz nehmen zu können.
Kurz betrachtete ich meinen ungebetenen Gast, entschloss mich dann, meine gute Kinderstube zu ignorieren und wischte ihn beiseite. Dies war der Moment, in dem Miriam in mein Leben trat.
Sie hatte sich unter dem Schmutz befunden. Genauer gesagt: Sie war innerhalb meines Mobiltelefons gewesen und hatte mich durch dessen Bildschirm hindurch angeblickt. Als ich nun den Staub beiseite wischte, signalisierte ich der Datingapp, dass sie mir rein optisch und aufgrund der spärlich angegebenen Informationen interessant erschiene. Es stellte sich heraus, dass Miriam mich, als ich sie meinerseits durch den Bildschirm ihres Gerätes hindurch angrinste, ebenfalls für attraktiv befunden hatte. Dies wurde mir auch umgehend angezeigt. Ich freute mich ein wenig über diesen unverhofften Zufall, hatte ich doch gar nicht beabsichtigt, sie gar so offensiv zu bestätigen und nur ein Stückchen Staub hinfortwischen wollen. Dann beließ ich es aber dabei, hatte ich ja nur ein Stückchen Staub hinfortwischen wollen und mich mit ihrem Profil gar nicht auseinander gesetzt.
Wäre sie tatsächlich interessant, so dachte ich mir, würde sie mir schon eine Nachricht schreiben, in der sie mir dies zeigte.
Sie schrieb mir tatsächlich, einen Tag später:
„Schreibst du mir auch irgendwann?“
Die Nachricht als Solche überraschte mich. War sie es doch, die mir in diesem Moment schrieb und natürlich würde ich ihr auf diese Nachricht antworten. Wir wären hier wieder bei meiner guten Kinderstube.
„Ja.“ Antwortete ich also wahrheitsgemäß.
Ihr schien meine knappe, präzise Art nicht sonderlich zu imponieren, doch irgendetwas daran musste es ihr angetan haben. Sie schien es nun nämlich als eine Art Herausforderung zu sehen, mir mehr zu entlocken. Sie durchlöcherte mich mit allerhand Fragen, die ich ihr selbstverständlich wahrheitsgemäß beantwortete und erfuhr auch einiges über sie.
Wir schrieben in der folgenden Zeit sehr viel mit einander. Miriam hatte ohne Zweifel auch mich neugierig auf sie gemacht. Ich erfuhr, was sie beschäftigte, sie womit ich meine Zeit verbrachte und mein Geld verdiente, ich von ihrer Familie und Träumen.
Nach einigen Wochen fragte sie mich, ob ich nicht denke, dass es langsam aber sicher an der Zeit wäre, sie auf ein Date einzuladen.
Warum sie nicht einfach mich einlüde, fragte ich zurück.
Weil das so ginge, dass der Mann die Frau einlädt und nicht umgekehrt, erklärte sie mir. Ob ich ein Feminist sei, wollte sie wissen.
Ich erklärte ihr daraufhin, dass ich sehr wohl ein solcher bin, es aber ganz unabhängig davon einfach erwachsen von ihr fände, wenn die Frage nach einem Date von ihr käme, wenn sie sich eines wünschte. Sie lies sich davon nicht beeindrucken und bestand weiterhin darauf, wenn dann hätte ich sie einzuladen.
Dies tat ich einige Zeit später, als mir danach war. Wir trafen uns, verstanden uns prächtig und vereinbarten, uns wieder zu sehen. In der darauf folgenden Zeit hatten wir viele Treffen, wir waren einander sehr sympathisch und unsere Gespräche wurden zunehmend intimer.
Als wir eines Abends nach einem sehr romantischen Date mit anschließendem Spaziergang vor der Tür ihres Wohnhauses angekommen waren, fragte sie mich, ob ich sie nun nicht endlich einmal küssen wolle. Ich fragte sie, weshalb sie mich denn nicht einfach selbst küsste, woraufhin sie erwiderte, ich sei der Mann, weshalb unser erster Kuss zwangsläufig von mir ausgehen müsse.
Ich dachte in diesem Augenblick nicht viel nach und küsste sie auf den Mund, was ich kurz darauf bereute. Ich bereute es nicht des Kusses wegen. Dieser war für sich genommen absolut akzeptabel und nichts wofür man sich hätte schämen müssen. Ich bereute es, weil ich ihr durch diesen Kuss in ihrem Denken, er müsse von mir kommen, Recht gab.  Allerdings wischte ich diesen Gedanken beiseite, als mir aufging, dass es sich nun ohnehin nicht mehr rückgängig machen ließ. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass sie nun, da wir uns noch einmal näher gekommen waren, künftig sicher emanzipierter, zumindest mir gegenüber auftreten konnte.
Ich täuschte mich.
Miriam und ich entwickelten in den darauf folgenden Monaten eine Beziehung mit einer etwas merkwürdigen Dynamik. Sie hielt an ihren insgesamt doch recht traditionellen Rollenbildern fest, die besagten, jede Initiative habe von mir – als Mann – auszugehen. Währenddessen wünschte ich mir eine aufgeklärte, emanzipierte und feministische Frau an meiner Seite. Ich hatte nie den Anspruch an sie, eine Vorkämpferin für Frauenrechte zu sein und chauvinistischen Mannsbildern öffentlich die Stirn zu bieten. Dennoch wäre es mir zu wissen lieb gewesen, dass sie ihren eigenen Kopf hatte und ihren Willen auch klar definieren und durchsetzen konnte.
Im Prinzip war dies auch der Fall. Sie hatte ihre Vorstellungen davon, wie Dinge zu laufen hatten, aber das waren andere als die meinen.
Sie war der Meinung, ein Mann hätte die Frau in einer Liebesbeziehung zu führen und dies nach einem speziellen, althergebrachten Schema. Dieses betraf das gesamte Leben: Ich sollte entscheiden, wohin wir Essen gingen, wenn wir dann im Restaurant saßen, musste ich die Rechnung bezahlen. Saßen wir vor dem Fernseher, so sollte ich das Programm auswählen und dann die Fernbedienung in Beschlag nehmen. Es war auch der Fall, wenn wir mit einander schliefen, aber das geht niemanden etwas an.
Sie bräuchte einen Mann, der zeige, wo es langgeht, erklärte Miriam mir immer wieder.
Ich machte ihr daraufhin jedes Mal klar, wie wichtig es mir war, dass meine Partnerin selbst weiß, was sie will.
Aber das wisse sie doch ganz genau, entgegnete sie daraufhin immer wieder: Einen Mann, der zeige, wo es langgeht.
Wir waren etwa sechs Monate ein Paar, als mir aufging, dass wir uns missverstanden. Wir waren genau das, wir jeweils brauchten:
Ich zeigte an, wo es lang geht, indem ich von ihr forderte, mir zu sagen, was sie wollte.
Sie hatte ihren eigenen Willen, den sie mir dann erklärte.
Ich wiederum zeigte dann wieder an, wo es langging, indem ich das von uns beiden diskutierte Ergebnis zu meinem Willen machte und diesen durchsetzte.
Letztlich bekamen wir beide, was wir wollten. Zumindest in unseren Köpfen. Mir ist natürlich klar, dass das keinesfalls optimal ist, aber ich finde mich damit ab. Inzwischen sind wir seit beinahe drei Jahren zusammen und ich rechne damit, dass Miriam mir demnächst nahelegt, ich möge ihr einen Heiratsantrag machen. Wie ich darauf reagieren werde, weiß ich noch nicht. Vermutlich werde ich kein vernünftiges Argument dagegen finden.
Es ist erstaunlich, was ein einzelner Staubfussel auslösen kann.