Juliane Kling: Mit Opa beim Friseur

Mein Großvater ist ein sehr galanter Mann. Obwohl er erst seit Kurzem auf seinen Gehstock verzichten darf, zögert er niemals, einer älteren Dame in der Straßenbahn seinen Sitzplatz anzubieten. Wenn wir gemeinsam durch die Innenstadt flanieren, und ja, bei meinem Opa muss man ganz grundsätzlich von einem Flanieren sprechen, tippt er sich bei jeder Begegnung mit einem Freund oder einer früheren Bekanntschaft lächelnd an den Hut. Mein Opa ist kein Mann großer Worte, außer er hat in leutseliger Runde ein Glas trockenen Rotwein zu viel getrunken, doch selbst in diesem Fall behält er stets die Contenance. Ich kann mich an keinen Moment in meinem Leben erinnern, in dem sich mein Großvater einem anderen Menschen gegenüber unhöflich oder gar rücksichtslos verhalten hat. Man könnte nun misstrauisch anmerken, dass dieser ausgesuchten Liebenswürdigkeit ein möglicherweise opportunistisches Kalkül zugrunde liegen könnte, aber die Zuvorkommenheit meines Opas entbehrt jeder strategischen Zweckmäßigkeit. Im Gegenteil, sie ist ein geradezu unabdingbarer Teil seiner Persönlichkeit ebenso wie der beharrlich lichter werdende, perfekt gelegte Seitenscheitel unter seinem Hut. Seit ich meinen Großvater kenne, und das sind immerhin einunddreißig Jahre, hat sich sein Haarschnitt bis auf meine kaum nennenswerten Versuche, ihn mit Technozöpfen und grellbunten Seepferdchenspangen aufzuwerten, kein bisschen verändert. Denn falls es nicht gerade um Handys oder Smartphones geht, von denen er inzwischen fünf besitzt und bei jedem neuen Gerät ein wenig leiser ins Telefon donnert, dass hier der Opa aus Kassel spricht, mag mein Opa keine Veränderungen. Ich glaube, das habe ich von ihm. Wir mögen es, wenn wir uns auf Dinge verlassen können. Auf die Straßenbahn zum Beispiel oder den guten Merlot von Edeka. Oder auf die Friseurin meiner verstorbenen Oma, bei der Opa sofort einen Termin für mich ausgemacht hat, als ich ihn angerufen habe und gesagt habe, Opa, es brennt. Im Kopf und im Herzen und wir müssen ganz schnell irgendetwas dagegen tun. Mein Großvater hat nicht lange gefackelt, hat sich in die Straßenbahn gesetzt und der Friseurin von seinem Enkelkind erzählt, das Veränderungen hasst und trotzdem eine haben will. Selbstverständlich war er so respektvoll, keine Gründe für meinen plötzlichen Wagemut zu nennen. Selbstverständlich war er so aufmerksam, meine grimmige Antwort auf die Frage der Friseurin, ob ich vielleicht Strähnchen haben wolle, nicht wahrheitsgetreu an sie weiterzutragen. Als ich mich später noch einmal vorsichtig erkundigt habe, wie er und die Friseurin nun miteinander verblieben seien, meinte mein Opa, dass er gleich zum Salon aufbrechen werde, damit ich auf seinem Handy mit der Friseurin telefonieren könne, denn er habe festgestellt, dass die Damen im Laden viel zu selten ans Telefon gingen und unter diesen Umständen würde ich meine Wünsche niemals anständig vorbringen können. Wie ich bereits sagte, er ist sehr zuvorkommend. Nichtsdestotrotz sah ich mich gezwungen, ihm diesen hilfsbereiten, aber völlig absurden Plan lauthals auszureden, da ich ohnehin schon die Vermutung hatte, dass die Friseurin mich für eine depressive Sechzehnjährige hielt. Schlussendlich sind wir zwei Tage vor dem Termin gemeinsam hingefahren, ich habe meine Haare gezeigt und die Sache mit der Friseurin persönlich geklärt. Schlussendlich sitze ich jetzt hier im Friseursalon und starre aus einem riesigen schwarzen Wella-Umhang in mein müdes, blasses Gesicht. Es ist noch früh am Morgen und ich bin mit der Friseurin allein im Laden. Mein Großvater wird mich in ein paar Stunden abholen kommen, um die Rechnung zu begleichen und mich anschließend zum Mittagstisch im Rathaus einzuladen. Natürlich tut er das, denn wenn mein Opa etwas macht, dann macht er es hundertprozentig. Die Friseurin hat meine langen dunklen Locken so stark ausgekämmt, dass sie weit und schwer über meiner Brust liegen. Wir gucken uns im Spiegel an. Sie fragt, wieviel sie vor der Blondierung noch abschneiden soll, und ich zeige ziellos auf meine Schultern. Wirklich so viel?, hakt sie nach, und ich antworte eine Spur zu nachdrücklich, dass es ja bloß Haare sind, obwohl wir beide ahnen, dass es nicht bloß Haare sind. Sie hat nur einen Blick auf mich werfen müssen, um zu wissen, dass ich keine depressive Sechzehnjährige bin. Sie hat meine Augen und die tiefen Ringe darunter gesehen und gewusst, was zu tun ist. Die Friseurin hebt die Schere in die Luft und schaut mich aufmunternd an. Bist du bereit? Ich nicke tapfer und sie setzt den ersten Schnitt. Dein Opa ist ein großartiger Mann, schwärmt sie, während ihre Hände emsig meinen Kopf bearbeiten. Wie galant und aufmerksam er mit deiner Oma umgegangen ist, wenn die beiden zusammen hier waren. Das ganze Team war hingerissen. Sie waren ein wundervolles Paar. Es muss furchtbar sein, einem Menschen, den man so bedingungslos liebt, für immer Lebewohl sagen zu müssen. Sie hält kurz inne und blickt zu mir in den Spiegel. Das ist es, erwidere ich und schließe die Augen, um meine Haare nicht fallen zu sehen.

Juliane Kling

Juliane Kling hat Germanistik, Literatur und Medien studiert. Ihre Doktorarbeit hat sie über Film und Natur geschrieben, denn beides gehört zu ihren Lieblingsthemen. Außerdem mag sie Kinderbücher, Erwachsenenbücher, Abenteuer und Wein. Sie kommt aus Nürnberg und bezeichnet sich gerne als Burgkind, weil das ziemlich verwegen klingt. Genauso wie ihr zweiter Name Helga, auf den sie sehr stolz ist.


Juliane Kling bei EBMD:

Juliane Kling: Der Film noir

Mord und Gesetzlosigkeit, Schatten und Verlorenheit. Fern vom Licht, zwischen Nebel, Dunst und Finsternis, ragt der Höllenschlund der Großstadt. Dort im Regen treffen sie sich, die Figuren aus dem Film noir, finden sich wieder in diesen dunkelsten Ecken der menschlichen Existenz, wo sie schließlich doch nichts anderes erwartet als Verderben.
Film noir, der „schwarze Film“, was ist das für ein Genre, das – wenn man es überhaupt so nennen kann – die Filmgeschichte seit Jahrzehnten durchzieht und einige der bemerkenswertesten Werke der internationalen Filmkultur hervorgebracht hat?
Mit dem Ausdruck Film noir wird im Wesentlichen ein stilistisches Phänomen des amerikanischen Films der 40er und 50er Jahre benannt. Eingeführt wurde der Begriff 1946 durch die französische Rezeption der düsteren amerikanischen Kriminalfilme aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Großteil der klassischen Film noirs – angefangen mit John Hustons Die Spur des Falken von 1941 – sind Thriller, Detektiv- oder Gangsterfilme, wobei genreübergreifende Definitionen auch Western, Horrorfilme und Melodramen einschließen. In diesem Fall lässt sich der Film noir weniger als zeitlich begrenzte Bewegung begreifen, sondern eher als Sammelbezeichnung für alle Filme, die sich der Gestaltungsmittel und Motive des Film noirs bedienen, wodurch sich das Phänomen von den 30er Jahren bis in die Gegenwart ausdehnt.
Die frühen Werke des Film noirs stammen aus einer Zeit der politischen Instabilität. Die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs und die latente Bedrohung des Kalten Krieges erzeugen eine bedrückende Atmosphäre der Trauer, Wut und des Zynismus. Viele Figuren des traditionellen Film noirs wie etwa Murder, My Sweet oder Double Indemnity (beide 1944) verkörpern die kollektive Identitätskrise einer Gesellschaft, die bis in ihre Grundfesten erschüttert ist: Da ist der desillusionierte Ermittler, dessen eigenwillige Methoden sich oft selbst am Rande der Kriminalität bewegen. Oder die mysteriöse Femme fatale, die ihm als schicksalhafte Bedrohung zur Seite gestellt wird.
Ganz egal, ob man den Film noir als Genre, Bewegung oder Stilrichtung betrachtet, der Katalog seiner ästhetischen und narrativen Merkmale bleibt stets der gleiche. Nebelverhangene Städte, dunkle Spelunken und regennasse Straßen gepaart mit einem über allem schwebenden, beklemmenden Pessimismus prägen die Bildwelten des Film noirs. Wortkarge, verbitterte Charaktere winden sich durch labyrinthische Erzählmuster mit zahlreichen Rückblenden. Unterstützt wird die komplexe zeitliche Ordnung durch das Voice-over des Protagonisten, dessen Blick auf die Welt häufig durch eine subjektive Kamera vermittelt wird. Starke Hell- Dunkel-Kontraste und auffällige Schattenspiele komplettieren den visuellen Stil der Film noirs. Die Handlungen kreisen um Gewalt, Korruption und Verrat, wobei weniger die Aufklärung der jeweiligen Verbrechen, sondern vielmehr die einzelnen Figuren im Mittelpunkt stehen. Es sind ihre moralischen Zwickmühlen, ihre existenziellen Krisen und kaputten Beziehungen, die die eigentlichen Themen des Film noirs begründen. Seine düsteren Geschichten brachen mit den Erzählkonventionen des klassischen Hollywoodkinos und entwickelten sich über die Jahrzehnte hinweg zu einem Kulturphänomen, das neben seiner ganz speziellen Ästhetik vor allem eine Weltanschauung markiert. Der Nihilismus und Zynismus des Film noirs bilden die Quintessenz einer Bewegung, die den Filmmarkt bis heute durchdringt. Nach Prototypen wie Laura, Dark Passage oder Der dritte Mann signalisiert Orson Wells Im Zeichen des Bösen von 1958 daher längst nicht das Ende des Film noirs. Seine gebrochenen Charaktere und Verfahrensweisen leben weiter in Filmen wie Taxi Driver, Blue Velvet und Sieben, sie begegnen uns erneut in Blade Runner, Sin City oder The Dark Knight.
Film noir – das impliziert unabwendbar Stil und Stimmung, aber zuallererst eine besondere Sichtweise auf die Welt, eine pessimistische, zynische oder nihilistische Sichtweise,“ schreibt Norbert Grob in seinem Standartwerk Filmgenres – Film noir aus dem Reclam Verlag von 2008. Die Weltsicht, von der er spricht, ist kein Genre, sondern ein Ausdruck. Ein Ausdruck, der über die Leinwand hinaus nachwirkt und den Film noir zu einer Erfahrung macht, die so vielschichtig und rätselhaft ist wie er selbst.
 
Literaturquellen zum Noir-Text:

  • Grob, Norbert (Hrsg.): Film Genres – Film Noir. Reclam Verlag 2008.
  • Koebner, Thomas (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Films. Reclam Verlag 2011.