Lisa Neher: Braun

„So groß wie ein Fußballfeld.“ Ein Vergleich, den wohl jeder versteht, in einer Gesellschaft, in der ein Sport sich sogar auf das Kaufverhalten der Menschen im Supermarkt ausübt. Stell dir vor, es ist Weltmeisterschaft: Du hast zu viel von deinem Deutschlanddosenbier getrunken und musst auf die Toilette mit Deutschlandklositz, wo du deine Tchibo- Deutschlandunterwäsche ausziehst und deinen Hintern mit Deutschlandtoilettenpapier abwischst. Wenn es um Limited-Editions geht, ist jeder Fan. Denn es gibt Deutschlandbeutel, Deutschlandschnürsenkel, Deutschlandsüßigkeiten, Deutschlandzahnbürsten, Deutschlandshampoo, Deutschlanddeodorants, Deutschlandtaschentücher, Deutschlandkondome, Deutschlandkippen, Deutsch-land-spül-ma-schi- nen-tabs. Verbrauchen Druckereien mehr M Y und K, wenn irgendeine Meisterschaft ist? In dieser Saison würde ich gerne in die Farbschläuche der Druckmaschinen beißen wie ein Marder. Dann würden die drei Farben auf den Boden auslaufen und unten am Boden eine Pfütze bilden. Die wäre dann braun, braun braun. So wie alle Farben, die man als Kind im Wasserfarbmalkasten – welch ausgefallen kreative idee – mischen wollte, braun wurden. Und was wäre dann übrig? Alles, Bedruckbare würde Cyan. Cyan oh du Retterin des Friedens und der Freude. Klar wie ein blauer Himmel wäre dann alles ganz plötzlich. Und die Welt wäre eine bessere.

Lisa Neher: Graun

Das ist Friederike. Friederike liegt in ihrem Bett seit genau einem Tag und einer Nacht. Doch ihrer aktuellen Wahrnehmung zufolge, liegt sie dort seit 4224 Stunden, also genau seit gestern Abend, also genau seit der Mann Schluss gemacht hat. Sie hat nicht geschlafen, nur gelegen, gewartet, geschwitzt, bis der Morgen kommt und mit dem Morgen die Sonne, die sie sowieso nicht in ihr Zimmer lassen würde. Die Sonne würde außen auf die Fensterscheibe brennen – denn es ist Juli – und innen von einer blickdichten Jalousie abgeschirmt werden. Auf diese Weise bleibt es in Rikes Zimmer dunkel am Tag. Das eine dunkel, das andere hell, das eine hell, das andere dunkel.
Der Radiowecker klingelt. 8:30 Uhr also. Bis jetzt hatte sie keine Ahnung gehabt, wie spät es ist. Sie hatte vergessen, den Alarm auszustellen. Normalerweise würde ihr Tag jetzt beginnen. Normal.
Das Radio faselt was von Jackpot knacken, Smashhits und Rekordtemperaturen. Von allem nur das Beste. Rike liegt da, hört sich den Superlativscheiß an und macht nix. Nicht den Radio aus, nicht die Kaffeemaschine an, sich nicht auf den Weg in die Arbeit. Sie bleibt. Der Mann ist gegangen. Der Mann. Im Radio spricht auch ein Mann, seine Stimme erinnert Rike an Männer und daran, dass ihrer weg ist. „Guuuten Morgen, heute bekommen wir also den wärmsten Tag dieser suuuper sommerlichen Juliwoche. Kein Wind, kein Wetter, da passiert heute rein gar nichts, also raus aus den…“ Rike hört sich an, wo die Höchstwerte liegen und friert. Sie denkt an letztes Jahr, da war auch schonmal Juli, aber der war irgendwie ein besserer
Juli
Die Luft stand zwischen den tanzenden Leuten, die im silbernen Strobolicht aussahen wie gegen Lampenglas prasselnde Nachtfalter. Die dicke Luft: Das milchige Glas. Rike ließ den Blick durch den Raum gleiten. In der Erinnerung ist vieles verschwommen, aber ein Gesicht steht da gefährlich und klar an der Bar, die ihr ein paar Stunden später zum Verhängnis werden sollte. Der Mann war groß und dunkel war die Atmosphäre, die ihn umgab. Hatte was Magnetisches. Wann habe ich das letzte mal meine Comfortzone verlassen? Hatte Rike sich gefragt und der Wein in ihrer Blutbahn hatte geantwortet, das sei schon viel zu lange her gewesen, es würde mal wieder Zeit werden. Sich sexuell immer nur des eigenen Freundeskreises zu bedienen, weil das eben einfach ist, sollte jetzt sowieso mal ein Ende haben. Also hat Rike ihre Taschen nach etwas Beschriftbarem durchsucht und eine Streichholzschachtel gefunden. Klingt nach dem Anfang eines Independentfilms für Hipsterteenies. Man konnte es scheiße kitschig finden, oder mutig speziell – irgendeine Reaktion im Extrem – aber man würde im Gedächtnis bleiben und das fand Rike gut. Sie schob die Schachtel auf, leerte den Inhalt auf den Boden und schrieb ihre Telefonnummer ins Innere, dann steckte sie die Kartonteile wieder zusammen. „Anyway the wind blows doesn’t really matter to me“, stand auf dem Schächtelchen, silberne Folierung auf dunkelblauem Grund. Dann ging sie zur Bar. Übergabe.
Rike drückt auf den Homebutton ihres Handys, nichts passiert. Akku leer. Rike leer und sie schmeißt ihr Telefon zurück in die Tiefen ihres Bettzeugs. Letzten Juli war da diese Nachricht auf dem Bildschirm. Ein Bild von Streichhölzern – so drapiert, dass das Wort HI zu lesen war. „Unbekannt hat ein Foto gesendet“, also der Mann, aber unbekannt ist er jetzt auch. Wieder. Alles was er am Ende gesagt hat, war so fremd. Die ganze Zeit war Rike überzeugt gewesen, dass seine Anziehungskraft sie ins Licht saugen würde, stattdessen hat er sie ins Nichts katapultiert mit allem was er von sich gegeben hat, mit allem was er nicht gegeben hat. Erfüllt von der Idee, endlich jemanden gefunden zu haben, den sie umkreisen kann wie ein Mond. Die Liebe die Sonne, um die sich das große Ganze dreht. Rike die blasse Kugel, die sich um den Jemand dreht. Und sie würde die Liebe reflektieren und dem Jemand Licht spenden in der Nacht. Bullshit. Der Beweis dafür, dass Kitsch der Ghostwriter von Frank Sinatra ist. Fly me to the moon. Frank hat sich auch von Nancy getrennt und die wurde 101 Jahre alt, er nur 82 – stand mal in irgendeiner Kulturzeitschrift. Das ist doch was. Trost zum Festhalten. Rike krallt ihre Finger ins Laken, zieht sich die Decke über den Kopf, geblendet von den Gedanken, die in ihr rattern wie die Walzen der Spielautomaten im
August
Rike und der Mann standen inmitten der fensterlosen Spielothek und während es um sie herum Diamanten und Früchte ins Halbdunkel hagelte, schien draußen die Sonne (430°C). Irgendwer musste ihnen zwei Getränke hingestellt haben, aber sonst befand sich niemand in diesem voll klimatisierten Unort ( -170°C). Der Mann erzählte ihr von Ländern, die er bereist, von Musik, die er gehört und von der Frau, die ihm das Herz gebrochen hat. Toll, dieser Mann. So offen, so klug, so verletzlich, das konnte Rike ganz deutlich sehen und sich daneben. Sein nicht enden wollendes Gespräch wurde untermalt von prasselnd glitzernden Glockenspielsoundeffekten, unklar, ob es die Automatenmusik, oder die Vertonung der Situation war. Die Zeit drehte sich schneller als die Slots der Geldmaschinen. Der Mann hatte schon 250€ verspielt, aber für Rike war das alles Spaß, Abenteuer, ein lustiger Witz. So wie auch seine Schönheit sich über den Rest der Welt lustig zu machen schien.

Lisa Neher: Life is a rollercoaster

In der Popmusik der Neuzeit werden Leben und Liebe oft mit Abenteuerspielplatz verglichen. Schon Ronan Keating wusste: „Life is a Rollercoaster you just gotta ride it.“ Oder Kimya Dawson singt: „My Rollercoaster’s got the biggest ups and downs – as long as we keep moving it is unbelievable“. Sie sind allgegenwärtig, die Ups, die Downs – aber manchmal fühlt sich das ganze weniger wie eine gaudigen Achterbahn an, sondern vielmehr nach „Riding Solo“. Nach schäbigem Geräteturnen. Betrachten wir als Beispiel mal eine Wippe. Schon mal jemanden beobachtet, der einsam auf einem dieser frustrierenden, nach Zweisamkeit schreienden Pärchengeräten saß? Lächerlich, wie das aussieht. Hilflos. Man könnte auch denken: Er oder sie will nur da sitzen. Die Wippe zweckentfremden, blockieren, damit kein Team der Welt dort Spaß haben kann. Ich stelle mir vor, auf so einem Spielplatz zu sein und beobachte mich selbst, wie ich auf dieser Wippe sitze – allein – und mal jammere, mal ganz zufrieden aussehe.
Das denke ich, wenn ich jammere: Toll, niemand ist da, der mit mir spielen will. Oder niemand ist da, mit dem ich spielen kann. Vorhin hat zwar Martin aus der 5a gefragt, aber der hat ein gebrochenes Bein, wie soll denn der wippen können? Ist doch viel zu gefährlich, soll er in drei Wochen wieder kommen, wenn sein juckender, stinkender Gips weg ist, er ihn sorgfältig in einen gläsernen Schrein verstaut hat und wenn man 50 Cent in ein Kästchen wirft, geht das Licht an. Dann sieht man all die Unterschriften darauf, die ihn bis an sein Lebtagsende daran erinnern werden, wie beliebt er in seiner Jugend war, so überhaupt nicht allein und Get Well Soon und HDL.
Das denke ich, wenn ich zufrieden aussehe: Ist das nicht schön, draußen in der Natur, die Gänseblümchen, die meine nackten Zehen kitzeln hahaha, die Sonne scheint und oh da fliegt eine Hummel, die erste dieses Sommers (und der ist noch nicht alt). Fliegt viel zu schwer für die Luft, die sie trägt, viel zu schwer, so wie ich für dieses Spielzeug auf dem ich sitze aber das macht mir gar nichts aus, denn das Milcheis in meiner Hand – das zwanzigste dieses Sommers (und der ist noch nicht alt) ist köstlich und eins will ich sowieso nicht und zwar: Wippen.
Denn vorausgesetzt da käme jetzt jemand an, ein Freund vielleicht und mit dem wippt man dann so durch die Gegend: Dieses ständige Aufschlagen auf verformtem Kautschuk – meist einem ausrangierten Autoreifen – der an der Unterseite des Wippensitzes befestigt ist, um die Stöße abzufedern. Autsch. Man spürt jeden einzelnen Aufprall in der Wirbelsäule. Die waren auch nie das, was sie mal hätten sein sollen, die Reifen. Früher war alles besser, als sie noch zu einem Auto gehörten, als Quartett an einer Karosserie und nicht einsam und halb im Boden versunken. Sie sind verantwortlich für den Schmerz, der mir vom Steißbein hoch bis ins Genick schießt, während mein Gesäß hart ummantelt wird von einer verkrusteten, ausgeblichenen roten Plastikschüssel, die obendrein noch viel zu klein ist für meinen weißen Milcheisarsch. Aber ich hätte jemanden zum Spielen.
Aber was, wenns doch kein Freund ist, der da kommt? Ich erzähle euch was dann passiert: An einem dieser Sommersonnennachmittage, an denen man sich versehentlich mit einem „gemeinen“ Kind eingelassen hat. Nichtsahnend und voller Vertrauen – nur das gemeine Kind, die Gravitation und ich – wippen wir so, dass unsere Sorgen gen Himmel katapultiert werden und STOPP Mitten in der Luft bleibe ich stehen. Werde stehen gelassen. „Haha!“ schreit das gemeine Kind. Es hat sich mit der Schwerkraft verbündet. Rien ne va plus, nichts geht mehr. Mit der Gummikappe seiner schmutzigen Converse-Sneakers hat es sich unter dem Gummireifen festgekrallt. Gummi zu Gummi, Staub zu Staub. Ich hänge in eineinhalb Metern Höhe und bin auf erstaunlich freie Art gefangen. Wer braucht schon Boden unter den Füßen? Ich kann die Welt von oben sehen und werde das noch eine ganze Weile können, denn gemeine Kinder sind geduldige Kinder. Ich hab jemanden
zum Spielen.
You’ve really got me flying tonight You almost got us punched in a fight But, baby you know The one thing I gotta know
We found love So don’t fight it Life is a rollercoaster Just gotta ride it

Lisa Neher: Sick of this flat

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass meine Wohnung mich krank macht. Ich weiß nicht wie dieses Gefühl sich ausgebreitet hat, vielleicht zusammen mit dem Schimmelfleck unter dem Fenster direkt neben meinem Bett. Vielleicht ist der Schuld daran. Er hat sich im Verborgenen verteilt wie ein Ausschlag auf meiner sonst kalkfarben weißen Wand. Gestern habe ich ihn entdeckt. Direkt neben der Heizung, die eigentlich nur Attrappe ist.
Daran könnte es auch liegen – in meinem Zimmer ist es chronisch kalt. Der Vermieter ist mehr kreativ als handwerklich veranlagt, denn ihm fallen stets neue Ausreden für die nicht angeschlossene Zentralheizung ein. Außerdem wohnt unter uns keiner, dessen aufsteigende Wärme wir nachhaltig mitbenutzen könnten, das heißt der Boden ist dementsprechend: Auch kalt.
Vielleicht ist es aber auch mein Mitbewohner, der mich krank macht. Ich nenne uns Geschwister, wir erzählen uns alles, ich trage seine Jacken und wir uns gegenseitig. Doch seit einigen Wochen reden wir kaum noch. Das einzige was ich von ihm höre ist die Musik, die sich spät am Abend aus seinen Boxen durch die durchlässigen und somit nutzlosen Wände in mein Zimmer drückt. Jetzt ist es seine Songauswahl, die mir von seinen Gefühlen erzählt. Und seine geschlossene Tür. Er braucht Zeit für sich, ich weiß. Und die Grippe hat ihn auch.
Trotzdem ist mein Kopf voller Gedanken, während ich versuche meine Freundschaft mit einer Kulanz zu betanken, die nur Eltern eines Teenagers kennen müssen, wenn dieser um 00:03 Uhr immer noch nicht zuhause ist und dann am Tag darauf schweigsam und nach Schnaps stinkend im Sonntagsbraten rumstochert.


Lisa Neher

Als Kurt Cobain 1994 den Stab im Staffellauf des Lebens weiterreichte, stieg die Einwohnerzahl eines kleinen Allgäuer Dorfs von circa 83 auf circa 84 Menschen. Dort, mit Löwenzahnfeldern in den Ohren und Kuhglocken zwischen den Zehen, wuchs Lisa Neher auf – wohlbehütet wie das Smartphone einer Vierzehnjährigen. Orte wie dieser, die vom öffentlichen Verkehrsmittel namens Bus nur zwei mal wochentäglich angesteuert werden (7:00 Uhr früh und 13:30 Uhr mittags), fördern die Kreativität und außerdem das Interesse für Literatur und Musik ungemein. Zumindest bei L.N. – also zog sie 2014 nach Nürnberg, um Kommunikationsdesign zu studieren, im Musikverein tätig zu sein und Bücher in der Buchhandlung Jakob an die richtigen Menschen zu verteilen.


Lisa Neher bei EBMD: