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Eisenbart und Meisendraht ist das Literaturvermittlungsmagazin für geschundene Seelen. Jeden Monat wird ein neues Thema von unserem Schriftsteller*innenpool beackert und hernach in Radiowellen (Z) transformiert, in den Pod geschmissen und hier im Internet kybernetisch in den space gepresst.
Diese Seite ist gut, denn sie bietet eine einwandfreie Möglichkeit, in allen Beiträgen herumzustöbern, die im Rahmen von EB&MD veröffentlicht worden sind.

Aktuelle Themen

zu den Themen

#0016 – Tort a Tort II
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, die ihr euch nächtens in die Lobby des Schauspielhauses hineingeschwankt habt. Und was wird
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#0015 – Tort a Tort I
Jajaja hoch sollen sie leben und so weiter, blablabla. Alle feiern Eisis und Meisis einjähriges Ätherjubiläum. Und wer darf nicht
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#0014 – Held*innen
Zähnenfletschende Sphinx! Auf in den Kampf! Unsere Radiomusketiere Eisi und Meisi haben diesen Monat die Pferde gesattelt und reiten mittenmang
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Neue Beiträge

Beiträge Sachtext

Katja Engelhardt: Troye Sivan und der Sex in der Popmusik

Das angebliche Erfolgsrezept von Popmusik ist ihr universeller Charakter. Demnach ist ein Popsong dann erfolgreich, wenn sich besonders viele Menschen mit ihm identifizieren können. Daraus folgt: Texte von Popmusik sollten die Hörer nicht ausschließen. Im Idealfall ist das love interest bei Liebessongs immer ein „you“ – also ein „du“, kann dann prima Mann oder Frau sein und die Herzen aller Hörer beginnen ganz schrecklich aufgeregt zu pochen, weil sie gerade ihre Romanze in der Schablone Liebessong aufgehen sehen.
Es ist also nicht allzu unlogisch, dass es so wenige queere Lyrics in Popsongs gibt. Immerhin müsste der Künstler oder die Künstlerin erstens überhaupt Lust darauf haben, die eigene Vorliebe zu thematisieren – und hätte Elton John das zu Beginn seiner Karriere gewollt? eher nicht. Zweitens müssten die Künstler*innen sich das trauen. Und drittens: Würden sie theoretisch auf eine Gruppe von Hörern verzichten. Nach den Gesetzen des allround universellen Pop. Zumindest wird die Beziehung zwischen Interpreten, lyrischem Ich und Konsumenten erschwert.
Troye Sivan hat dieses merkwürdige Konstrukt herausgefordert. Und das wirklich sehr schlau: Queer und kompatibel.
Eine der Singles zu seinem Album „Bloom“ ist der gleichnamige Song – Bloom. In dem es um Analsex geht. Und die war Radiomaterial. Troye Sivan ist offen schwul, mit dem Wissen im Hinterkopf geht als also auf jeden Fall um Analsex von zwei Männern miteinander. Aber verpackt in Codes. Troye Sivan will jemandem seinen „Garten zeigen“, da soll Gas in den Motor fließen, die Fontänen sprudeln, alles dabei. Und der Titel Bloom, also blühen, ist das sich öffnen, was dafür notwendig ist. Und weil Troye Sivan singt, er blühe nur für seinen Counterpart, wissen wir gleich sehr viel mehr über sein Sexleben als ich nach jahrelangem Fan Girling über das von Britney Spears. Einfach so.
Weil „Bloom“ eben in Codes erzählt wird und mit viel Popdrama und Melodie ummantelt ist, checkt man nicht so schnell, dass es um Analsex geht. Und genau das erhöht natürlich auch die Chance, im Mainstream-Radio zu landen.
In anderen Songs streut Troye Sivan sehr gezielt immer wieder männliche Pronomen ein und lässt uns wirklich nie daran zweifeln, dass er auf Männer steht: „My boy like a queen“ im Song „Lucky Strike“ – den Song „Animal“ nennt er sogar selbst eine Ode „an den boy, den er liebt“. Das heißt auch wenn im Radio jegliche Queerness überhört wird, klären diese männlichen Personalpronomen in den anderen Songs auf dem Album restlos auf.
Bei allem gesellschaftspolitischem Mut, kommt trotzdem nie das Gefühl auf, dass Troye Sivan schockieren wollen würde. Er will niemanden überzeugen. Das hier ist kein Agit Pop. Troye Sivan tut einfach nur das, was weirder Weise oft viel radikaler ist: Er ist ehrlich. Männliche Pronomen und Zuschreibungen fallen bei ihm nämlich meistens dann, wenn es um Sex geht und, nun ja, da ist ja nun mal ein Unterschied, ein physischer. Würde der verschwiegen, dann wäre der Text eines offen schwulen Mannes nur weniger authentisch. Überhaupt: Die Regel des universellen Pop scheint schlecht gealtert zu sein. Taylor Swift ist sehr erfolgreich und verweist in ihren Texten ständig auf ihr Privatleben, das ist auf die Fans zugeschnittene Gossip Verwertung und funktioniert 1a. Dabei können sich die allerwenigstens damit identifizieren eine bildschöne weiße blonde Frau zu sein, die von anderen Promis in tweets kritisiert wird. Pop muss nicht universell sein, indem er immer schön vage und uneindeutig getextet ist. Die verbindende Kraft von Pop sollte 2019 nicht sein, dass alle alles hineininterpretieren können.
Vielmehr sollten Popsongs so individuell wie möglich sein, aber so gut gemacht, dass wir alle verstehen und mitfühlen können, egal von wem der Song kommt. Damit wir uns alle über diese Geschichten besser kennenlernen und vermeintliche Gräben zwischen uns überwinden. Dann erfüllt Pop sein Potential zu verbinden nämlich wirklich – nicht als Klebstoff innerhalb einer Gruppe, sondern zwischen uns allen.
 

Beiträge Lyrik

Nino Berry: Der Soldat

er zieht die sneaker an zum kiosk kippen kaufen
und kauft kippen und n pack präservative
aus gewohnheit gegen tripper
vielen ank sagt er wie immer der kassierer lacht wie immer
und er schlendert so wie immer heim ins fensterlose zimmer
jepp ich bin back motherfuxxer denkt er bei sich
während der fernseher läuft und er geschnetzeltes isst,
von gestern abend wo alles eben war wies immer war
er kam heim schuhe aus füße rauf und sie war da
er denkt scharf nach
what the fuck is passiert
er steht auf kollabiert und schlägt auf.
als er da liegt direkt neben seiner frau bauch an bauch
sehen sie beide aus wie traurige clowns.
er war soldat sein fronteinsatz war hart
aber beendet wobeis ein happy end wohl so nicht gab
sein kamerad erlag nem streckschuss
sein konvoi der zerbrach durch einen bombenanschlag
wo fast sein ganzes team verstarb.
seitdem fehlt ihm ein arm,
zum glück wars nich sein schwanz
ey für diesen joke gabs lacher und soziale akzeptanz
von untergeben, vorgesetzten, der familie und dem arzt
und weisste was… das wichsen schaffte er mit links… yeah…
gegen die schmerzen gabs morphin
später nahm er heroin
er war lethargisch depressiv
ausserdem trank er zuviel da traf er sie
und zeigt ihr seine ordensammlung aus dem krieg…
sie mochte ihn er war zwar oft sehr aggressiv
doch unter der sehr rauhen schale war er eigentlich ganz lieb
das meinte sie sie weinte viel
und wenn er tobt sperrt sie sich ein und leidet still.
sie war verschlossen er benommen
von visionen und traumata seine aura war zerschossen ey
millionen tiefe krater wirkten nach –
mit jedem tag trug er mehr dazu bei dass sie vor ihm erschrak.
es gab momente da benahm er sich entspannt
aber dann griff er sie an
als wäre sie ein kombattant und er im kampf…
und einma geschah es er sah sie als roughneck
und brach ihr den hals auf dem teppich des schlachtfelds…
vergingen tage oder wochen
sein blick is wie üblich verschwommen
er erwacht auf dem boden und er dreht den gashahn auf
und er setzt sich auf die couch
will eine rauchen aber leider hatter grad keine zu haus.
er zieht die sneaker an geht raus zum kiosk
kauft sich kippen und n pack präservative aus gewohnheit gegen tripper
dann daheim schlüssel raus türe auf kippe an türe zu…
und es macht boom.


Lyrik:


Lyrics:

Beiträge Lyrik

Hoteltiere: GOLDENE ZEITEN

die andern bin ich
nimzo-indisch
wie gut dass niemand weiß
ich mache liebe mit schafen
am hafen

auf offener straße sing ich mit
mit der gebotenen schärfe
alles is neu
ich land im heu
schönes bayern drei zwei viaaa!!!

das sin die goldenen zeiten
und die wolln dir begleiten
das sin die goldenen zeiten

das änderte nichts
danke für jetzt und
wie gut dass niemand weiß
die janzen görlies beschlafen
die braven

auf offener straße sing ich mit
mit der gebotenen schärfe
alles is neu
ich land im heu
schönes bayern drei zwei viaaa!!!

das sin die goldenen zeiten
und die wolln dir begleiten
das sin die goldenen zeiten

          wer ist die andern?
die andern bin ich
wer ist die andern?
die andern bin ich
wer ist die andern?
die andern bin ich

          wer ist die andern?

i’m calling calling calling you
i’m calling calling calling you
i’m calling calling calling
i

schönes bayern drei zwei viaaa!!!

das sin die goldenen zeiten
und die wolln dir begleiten
das sin die goldenen zeiten


Lyrik (gelesen von Bernadette Rauscher):


lyrics:

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Sarah Grodd: Agathe Bauer und der afrikanische Regen

Hach ja, „Africa“ von Toto.
Tief im kollektiven Gedächtnis gleich mehrerer Generationen verankert. DER Grund für eine heisere Stimme am Morgen nach einer eskalativen Party. Sobald der erste Beat einsetzt, kann jeder den Songtext aus dem tiefsten Inneren hervorkramen. Absolute oder zumindest relative Textsicherheit wie aus dem Effeff. Und spätestens beim Refrain lässt sich auch der Letzte im Raum vom inbrünstigen und durchaus misstönigen Mitgrölen des Nebenmannes mitreißen. „I bless the rains down in Africa.“ Welch ein lyrisches und zutiefst eingängiges Stück Musikgeschichte. Ja, ein regelrechter Party Hype hat sich in den letzten Jahren um diesen 80s Smasher neu entfacht. Konkret: 1982. In diesem Jahr hat der Song das Licht der Musikwelt erblickt. 1982, also drei Jahre vor Live Aid, DEM legendären Wohltätigkeitskonzert zugunsten Afrikas. Hat David Paich, der Kopf von Toto, da etwa drei Jahre vor Live Aid einen musikalischen Stein der Wohltätigkeit ins Rollen gebracht? Weit gefehlt. Dass in „Africa“ der afrikanische Regen gesegnet wird, zieht irgendwie unbemerkt vorbei. Oder zumindest wird der Text nur äußerst selten hinterfragt. Ob das damals in der Generation unserer Eltern noch anders war? Hat der Bedeutungsverlust der Worte vielleicht erst mit dem Generationenwechsel eingesetzt?
Wir schreiben 2019. Aus heutiger Zeit hat Paich maximal halbherzig die gesellschaftliche Kritikkeule geschwungen. Paich : ein weißer Mann, der versucht, einen Song über Afrika zu schreiben, selbst zu dem Zeitpunkt aber noch nie dort war. Der all seine Inspirationen aus einer UNICEF Werbung im Fernsehen und aus Erzählungen eines Freundes zieht. Skurril. Und natürlich dreht s ich der Song nicht nur um den afrikanischen Regen. Nein, auch die tiefe Liebe zu einer Frau wird selbstverständlich thematisiert. Ein zauberhaftes Potpourri wirrer Erzählstränge.
Aber zurück zum afrikanischen Regen. Und zur eskalativen Party. Zurück zur heutigen Zeit. Jeder DJ, der etwas auf sich hält, hat „Africa“ in seinem auserlesenem Musikrepertoire. Und jeder DJ, der noch mehr auf sich hält, stimmt diesen Song akkurat auf den Pegel seiner Tanzgemeinde ab. Irgendwann am Abend ist es dann sowe it: die alkoholische Grundlage wurde gelegt, die ersten Töne von „Africa“ erklingen, die Whoo-Girls stürmen auf die Tanzfläche und Stimmung und Pegel erreichen gleichzeitig ihren Peak. Danach: glückseliges Kollektivtaumeln. Angekratzte Stimmbänder. Bierdurchtränkte Shirts. Spuckefetzen des Nebenmannes im eigenen Gesicht. Mitgesungen hat hier jeder, aber wen kratzt da eigentlich die Textbedeutung bei „Africa“? Und überhaupt, welche Rolle spielt schon die Lyrik in der Musik?
Das hier sollte eigentlich eine Hommage an musikalische Lyrik werden. Eine Hymne auf Lyrics. Ein Appell an jeden Einzelnen, doch mal wieder mehr auf die Texte der Lieblingssongs zu achten. Doch was passiert, wenn sich die Bedeutung eines Songs durch das aufmerksame Hören des Textes plötzlich ändert? Wenn man sich dann nicht mehr sicher ist, ob „Africa“ damals eine politische Message hatte oder einfach nur ein richtig guter Partysong ist. Oder wenn etwa im Schnulzen-Klassiker „Every Breath You Take“ von The Police aus der Erzählung eines liebestollen Mannes plötzlich ein verstörendes Bild eines Stalkers wird.
Vielleicht ist es doch ganz sinnvoll, wenn Künstler ihre Songtexte eben nicht erklären; den Interpretationsspielraum ganz bewusst offen lassen. Wenn man sich nicht zu viele Gedanken über die Lyrics macht, stattdessen einfach die Melodie genießt und Fantasieworte mitsummt. Spätestens auf der nächsten Party kommt der Punkt, an dem du dich selbst fragen kannst, wie textsicher du bist. Wie textsicher du sein willst. Dann kann Snaps Klassiker „I´ve Got The Power“ auch ganz schnell zu „Agathe Bauer“ mutieren. Oder statt bei Eurythmics´ „Sweet Dreams Are Made Of This“ auch mal „Sweet Dreams Are Made Of Cheese“ verstanden werden. Und weißt du was? Das ist vollkommen okay.

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Linus Volkmann über The Thermals': The Sword in my Hands

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Franz Walser: Den Wald verlassen

Die Struktur ist lose, offen, die Dramaturgie entspricht den Konzepten des epischen Theaters – direkte Publikumsansprache, die Dialoge sollen weniger eine Geschichte transportieren als Meinungen vermitteln und den Zuschauer zum Nachdenken und Reflektieren bringen – bin ich dieser Henry oder diese Verena?

Akt 1

Die Figuren werden Szene für Szene vorgestellt. Sie transportieren keine Geschichte, sondern entsprechen gesellschaftlichen Rollenvorstellungen.

Szene 1
Christian betritt die halbherzig als Wald dekorierte Bühne. Er wendet sich an das Publikum, stellt fest, dass er sich hier in einem Wald befindet, bleibt ruhig und sachlich, er findet es hier zwar sehr schön, jetzt reicht es ihm aber, er wird sich nun auf die Suche nach einem Weg aus dem Wald heraus machen. Er geht ab.

Szene 2
Verena betritt die Bühne, sie wirkt panisch, verstört, schreit mehr, als dass sie redet, halb in Richtung Publikum, dieser verdammte Wald macht ihr Angst, sie will hier sofort raus. Sie geht ab.

Szene 3
Henry betritt die Bühne. Er wendet sich mit großer, fast gönnerhafter Geste an das Publikum, der Mann hat offensichtlich was zu sagen. Er erklärt detailreich, dass dies ein Wald ist, was dies für ein Wald ist, dass er Immobilienmakler ist, was an diesem Job so spannend ist, und übrigens ist er hier aus freien Stücken und bereit, jedem gerne zu zeigen, wie man aus diesem Wald wieder herauskommt. Er kennt sich aus. Er geht jetzt noch ein bisschen spazieren, man soll ihn einfach rufen, wenn man eine Frage hat. Er geht ab.

Szene 4
Eine Gruppe von 5-8 Leuten läuft über die Bühne, ihre Blicke sind auf Handys und Landkarten gerichtet. Sie ignorieren das Publikum, man hört allerdings, dass sie schwer damit beschäftigt sind, heraus zu finden, wer geographisch am besten bewandert ist. Einige diskutieren auch, ob es effektiver wäre, das GPS auf nur einem Handy zu aktivieren. Sie gehen ab.

Szene 5
Anna betritt die Bühne. Sie entschuldigt sich für die Verspätung, für das Chaos, für die Dunkelheit (es ist überraschend hell für einen Wald, aber das ändert nichts für Anna), für ihre leichte Verwirrtheit, außerdem würde sie hier gerne raus, das tut ihr auch Leid, weil eigentlich wollte sie ja kommen, aber jetzt möchte sie gerne wieder gehen, blöderweise weiß sie den Weg aus dem Wald nicht, dafür bittet sie auch um Verzeihung, und dafür, dass sie jetzt weiter muss. Sie geht ab.

Akt 2

Die Figuren treffen sich, ihre Handlungen, die durch ihre Rollen geprägt werden, überschneiden sich und sorgen für Konfliktsituationen. Die zu vermittelnden Rollenbilder werden vertieft, indem die Reaktionen aufeinander gezeigt werden.

Szene 1
Verena und Anna kommen gemeinsam auf die Bühne, Verena schreit immer noch panisch. Es ist richtig anstrengend und Anna sagt ihr das auch, entschuldigt sich wortreich beim Publikum für das hysterische Geschrei, Verena schreit, dass sie die Klappe halten soll, dieser verdammte Wald! Sie gehen schreiend und sich entschuldigend ab.

Szene 2
Christian und Henry betreten die Bühne. Christian ist sichtlich genervt, Henry erklärt ihm gerade, warum die Tannen ihre Blätter nicht verlieren und dass es gar nicht Blätter heißt, sondern Nadeln. Christian will etwas sagen, aber Henry lässt ihn nicht zu Wort kommen, weil er Christian sagt, wenn Christian etwas sagen will, nur raus damit. Christian schaut kurz flehend ins Publikum, aber was soll er machen, besser als Henry kennt er den Weg aus dem Wald auch nicht. Sie gehen ab.

Szene 3
Die Gruppe kommt wieder auf die Bühne, es haben sich zwei kleine Grüppchen gebildet, sie wenden sich ans Publikum, deuten auf die jeweils andere Gruppe und beschuldigen sich gegenseitig, im Chor, der Inkompetenz. Sie gehen ab.

Akt 3

Der polarisierende Antagonist tritt alleine auf und beendet die „Vorstellungsrunde“. Es entwickelt sich so etwas wie eine Handlung oder Spannung, weil Henry alleine im Mittelpunkt steht, das Bühnenbild kontextualisiert und am Ende der Szene auf der Bühne bleibt.
Henry kommt auf die Bühne und erklärt wortreich, dass das gar kein Wald ist, sondern ein Spiegelbild der Gesellschaft und die Bäume sind die vielen Menschen, zwischen denen man sich nicht zurecht findet. Er hat Verständnis dafür, dass man das nicht sofort versteht. Nachdem das jetzt gesagt ist, kann man das Ganze jetzt abbrechen, meint er, ist ja alles nur ein Spiel und eine Bühne, hat ja Shakespeare schon gesagt. Anstatt abzugehen, setzt er sich auf den Boden und redet weiter, bleibt aber in der Waldmetapher und klärt das Publikum über Flora und Fauna des Waldes auf. Es wird dunkel.

Akt 4

Die anderen Figuren treten zu Henry und bauen die Handlung weiter aus; die Spannung, die in Akt 3 entsteht, wird kurz aufgenommen und dann fallen gelassen. Eine Publikumsansprache beendet das Stück und fordert die Zuschauer*innen indirekt dazu auf, die Rolle des Henry und dessen Wertvorstellungen in sich selbst zu suchen. Die Waldmetapher wird ironisiert, um das Publikum mit dessen Kopplung an den gesellschaftlichen Diskurs zu konfrontieren.
Henry sitzt immer noch am Boden und redet wie ein Wasserfall. Er hat alles verstanden, aber die anderen nicht. Fast niemand, eigentlich. Er versucht, alles zu erklären, scheinbar hat er nicht mehr viel Zeit. Die anderen Personen kommen auf die Bühne und umringen Henry. Sie hören ihm eine Weile zu, dann packen sie ihn – sanft, aber bestimmt – und tragen ihn, während er immer weiter redet, von der Bühne. Zurück bleibt nur Verena. Sie entschuldigt sich beim Publikum, es sei immer das selbe mit Henry, sie haben einfach noch keinen Weg gefunden, um mit ihm zurecht zu kommen, außer ihn am Ende des Stücks von der Bühne zu tragen. Es tut ihr leid, dass alles so kommen musste, aber das Stück ist jetzt leider vorbei, und ja, die Sache mit dem Wald und der Gesellschaft, da hatte Henry schon Recht. Aber das war ja auch offensichtlich.

Beiträge Lyrik

Christine Wiesel: Die 99 Zimmer

Lebenslänglich, Lebenstraum –
Albtraum

Funktionieren, Delegieren, Frustrieren.
Hohe Moral, verflossener Gral – Nachtmahl.
Von vorne, von hinten, oben – unten

Am Haaransatz gepackt und geschliffen.
Beiträge Lyrik

Christine Wiesel: Kurzschluss

Du machst Schluss sagt die Morgenluft oder die Wienerluft,

die den Prater mit der wilden Maus

von Hader und Braunschlag zugleich betupft.

So hüpft die Luft langsam zum Autobahnbegrenzungsdutt und sagt matt:

ich habe Durst meine liebe Lust.

Bleib mir vom Hals du alte Musch,

hole mir jetzt einen anderen Duft.

Beiträge Prosa

Anna Hofmann: Etwas

Immer wieder sehe ich auf den Tankstand und vergewissere mich, ob genügend Sprit bleibt. Seit eineinhalb Stunden lenke ich das Auto über eine völlig unbefahrene Straße, es verändert sich nichts an der Kulisse um die Windschutzscheibe. Bäume ziehen groß und dunkel an uns vorbei. Türme aus Samt oder aus Stahl, ich weiß es nicht. Ich versuche sie nicht anzusehen. Die Dunkelheit umschließt uns schon seit die Sonne unspektakulär und schnell irgendwo hinter uns untergegangen ist.
Er sitzt auf dem Rücksitz und ist eingeschlafen, kostbar liegt er ganz matt in seiner Schale. Ich sehe oft in den Rückspiegel, ob er noch da ist. Es kommt mir noch immer so vor, als könnte er einfach verschwinden.
Das Autoradio rauscht Störgeräusche in unsere Kapsel, ich suche nach einem Sender und tatsächlich schafft es einer und rastet ein. Klassik perlt leise auf den Beifahrersitz. Ich denke an Autofahrten mit meinen Eltern, an Klassik, die ihre Streitigkeiten untermalt. Ich saß immer auf dem linken Rücksitz und schaute aus dem Fenster. Dann stellte ich mir vor, taub zu werden. Es war nicht so einfach, aber wenn ich mir ausmalte, meine Ohren würden von innen zuwachsen, musste ich das Geschrei nicht mehr hören. Manchmal klappte es, dann war Ruhe. Am Ende schrie mein Vater sie immer an: Jetzt beruhige dich doch, verdammt nochmal!
Meine Augen werden müde, aber ich konzentriere mich auf den Lichtkegel vor mir: ein beständiges Immer an Straße und Bäumen. Wir müssten das Haus ungefähr in einer Stunde erreichen. Als Erstes trage ich ihn aus dem Auto und bringe ihn ins Haus, werde ihn ins Bett legen, dann noch einmal kurz rausgehen und die Taschen nach Innen tragen. So mache ich es. Und morgen früh holen wir dann zusammen im Dorf Brötchen. Es gibt nur einen Bäcker in der Ortschaft, aber die Frau hinter dem Tresen ist freundlich und freut sich immer uns zu sehen.
Aus dem Nichts kommt etwas von links. Ich kann nicht sagen, was passiert, ich weiß nicht, was es ist. Etwas Großes, dünnes. Blitzschnell bewegt es sich auf die Straße und ich drücke auf die Bremse, ich drücke sie ganz durch, und dann sehe ich zwei leuchtende Augen. Das Auto quietscht, es schlingert, ich beginne die Kontrolle zu verlieren. Dann knallt es. Es macht einen Ruck durchs ganze Auto, ich schreie, er wacht auf und stöhnt.
„Mama“, sagt er.
Und ich sage noch:
„Ja!“
da kommt das Auto zum Stehen und ich höre ihn atmen und mich atmen. Ich drehe mich um und frage panisch, ob ihm was weh tut.
„Bist du ok? Oh Gott, alles wird gut. Alles wird gut.“
Am Beifahrersitz stütze ich mich so ungelenk ab, als ich mich versuche zu ihm umzudrehen, dass etwas in meiner Schulter knackt und ich greife nach seiner Hand. Was ist passiert? Ich will die Zeit zurückdrehen. Nur ein paar Sekunden.
„Mama, was war das? Ich hab geträumt, …“
„Ist gut, alles ist ok! Wir können gleich weiter, ja?“
Mir wird schlecht. Ich steige aus und gehe ums Auto herum.
Alles ist ok.
Alles ist ok.
Ich öffne seine Tür, er sieht mich mit dem verwirrten Blick an, der mich am meisten schmerzt. Vorsichtig taste ich ihn ab, kein Blut. Er ist ok.
Alles ist gut.
„Mama, du hast da was im Gesicht“, sagt er und ich fasse mir an die Stirn. Ok, hier ist Blut, das muss warten. Ich küsse ihn auf den Kopf und sage:
„Schlaf ruhig weiter, ich bin gleich wieder da!“
Vorsichtig schließe ich die Autotür und drehe mich um. Ich ziehe mein Handy aus der Jackentasche und schalte die Lampe darauf ein. In kleinen Schritten laufe ich die drei Meter zu dem Etwas zurück und halte das Licht darauf. Das Etwas bewegt seine Lippen, es öffnet den Mund. Ich will sagen: Nein, sprich nicht. Es blutet am Bauch oder am Rücken, der Asphalt glänzt ein bisschen. Ach du Scheiße, denke ich.
Das Etwas wird vor meinen Augen zu einem Reh, es nimmt organische Gestalt an, es entwickelt sich zu einem Tier. Ein Tier, das ich angefahren habe. Was mache ich denn jetzt ? Ruft man in so einem Fall die Polizei? Den Tierarzt, Jäger oder Förster? Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es atmet, ich leuchte es erneut an und es blinzelt. Alles wird gut, sage ich und weiß in diesem Moment schon, dass das eine blöde Lüge ist. Für uns wird alles gut, für meinen Sohn wird das ein Schreck bleiben, für mich eine schlimme Nacht aber du, du wirst mir hier jetzt wegsterben und ich kann nichts dagegen tun. Plötzlich überkommt mich eine geballte Woge Schuld, ich fange an rotzend zu weinen und in der Zeit, in der ich mein Handylicht von ihm kurz abwende und es wieder darauf richte, bewegt es sich nicht mehr.
Mein Körper zittert. Ich warte darauf, dass etwas passiert, aber es bleibt dunkel und still. Ich stehe auf und sehe mich um, kein Auto ist weit und breit zu sehen. Aus dem Wagen höre ich ihn Mama rufen. Es ist ein fragender Laut, ein unsicheres Wimmern. Ich renne zu ihm und öffne die Wagentür. Er sieht mich verschlafen an und fragt:
„Was machst du?“
„Alles wird gut“, sage ich und beginne mich zu sortieren. Es gibt Dinge zu tun, denke ich.
Ich schalte das Handylicht aus und wähle die Telefonnummer der Polizei. Kurz danach meldet sich ein Mann mit erschöpfter Stimme, im Hintergrund hört man Telefone klingeln und ruhige Stimmen. Ich stelle mir vor, dass es dort warm ist und dass sie bestimmt Filterkaffee trinken und Sudokus ausfüllen. Jetzt muss ich sagen, warum ich anrufe.
Ich nenne ihm meinen Namen und die Landstraße, auf der sich mein Auto mit meinem Sohn befindet, auf der ich stehe und auf der dieses Reh liegt. Ich sage ihm, dass es mir leid tut und frage, was jetzt zu tun sei.
„Gibt es Verletzte?“, murmelt er.
„Ja, das Reh ist tot.“
„Nein, ob es Verletzte gibt? Sind Sie verletzt?“
„Uns geht es gut. Aber hören Sie, das Reh ist glaube ich gerade gestorben.“
„Dann stellen Sie ein Warndreieck auf und fahren Sie weiter. Wir schicken jemanden. Wenn Sie möchten, können Sie beantragen, dass man Ihnen ein neues Warndreieck zuschickt. Das Formular können Sie auf unserer Website downloaden.“
„Und das Reh? Was machen Sie mit ihm?“
Er schweigt und ich höre wieder Telefonläuten im Hintergrund, ein Kollege ruft einen anderen und ein Stuhl quietscht.
„Das können wir zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Wir schicken jemanden.“ sagt er noch einmal.
Ich will ihn fragen, was das bedeutet. Ich will wissen, wer das Reh holt und was mit ihm geschieht, aber er hat bereits aufgelegt.
Langsam gehe ich zurück zu dem Häufchen auf der Straße. Es liegt ganz still da und ich überlege, es wiederzubeatmen oder einen Krankenwagen zu rufen, aber es wird wohl zu spät sein, denke ich, es ist wohl zu spät. Ich atme tief Nachtluft ein und muss husten. Es wird ein Anfall, der sich zu einem erneuten Weinen zu entwickeln droht. Abrupt drehe ich mich zum Auto und öffne den Kofferraum. Das Warndreieck liegt da und sieht mich an
Ich habe dir doch gesagt, du würdest mich mal brauchen.
Als ich zurück laufe und versuche das Dreieck so aufzustellen, dass es vorbeifahrende Autofahrer früh genug bemerken und dann einen Bogen darum fahren können, überlege ich das Reh im Wald zu vergraben. Ich könnte versuchen es über die Leitplanke zu heben und wenigstens mit etwas Moos bedecken. Ich würde es schon schaffen, irgendwie. Ratlos sehe ich es mir an und schätze sein Gewicht.
Es gibt Dinge zu tun. Ich wende mich ab und laufe zurück zum Wagen. Langsam öffne ich die Fahrertür und setze mich. Als ich den Schlüssel in die Zündung stecke und den Wagen anlasse, leuchten die Lichter der Amatur auf, Klassik beginnt sich um uns auszubreiten. Er ist schon wieder eingeschlafen, als wir langsam beginnen die Landstraße weiter zu fahren. Ein Blick durch den Rückspiegel lässt nicht mehr erahnen, wo das Reh liegt. Ich hätte bei ihm bleiben sollen, denke ich.

Beiträge Prosa

Ruben Trawally: Ein Brief

Heute habe ich meinen Briefkasten geleert, und einen schönen Stapel Briefe seit gestern erhalten. Man muss wissen, ich schaue jeden Tag auf dem Weg zur Mülltonne am Briefkasten vorbei, um potentielle Friseurwerbung zu entsorgen. Aber Briefe, öffne ich gespannt. Doch was dann geschah, versetzte mich sofort in Aufgeregte Stimmung. Der Briefkasten quoll vor Goldenen, ja sogar eisernen Briefen über, die sich wie folgt lasen:

Guten Tag lieber Begünstigter
Sie erhalten diese Post von der Robert Bailey-Stiftung. Ich bin ein pensionierter Regierungsangestellter aus Harlem und ein Gewinner des Powerball Lottery Jackpot im Wert von $ 343,8 Millionen. Ich bin der größte Jackpot-Gewinner der New Yorker Lottogeschichte, United States of America. Ich habe diese Lotterie am 27. Oktober 2018 gewonnen, und ich möchte Ihnen mitteilen, dass Horst Seehofer in Verbindung mit Microsoft Ihre Postadresse auf mein Ersuchen hin übermittelt hat, dass Sie einen Spendenbetrag von 3.000.000,00 Mio. EUR erhalten.
Ich spende diesen Betrag in Höhe von 3 Millionen Euro an Sie, um den Wohltätigkeitshäusern und den Armen in Ihrer Gemeinschaft zu helfen, damit wir die Welt für alle zu einem besseren Ort machen können.

Bitte antworten Sie mir bald, damit wir weiter vorgehen können, damit die verantwortliche Bank Ihnen eine Geldautomatenkarte im Wert von 3 Mio. EUR erstellen kann, die Ihnen zusammen mit dieser Bankkarte geliefert wird den PIN-Code für den Zugriff auf die Spendengelder.

Freundliche Grüße,
Robert Bailey
* * * * * * * * * * * * * * * * *
Powerball Jackpot-Gewinner

Das erfreute mich.
Der zweite Brief, leicht mit dem Dosenöffner aufgebogen, klang aber bedrohlicher:

Kein Scherz: Das kosten neue Fenster wirklich!
Nutzen Sie schnellstmöglich unseren kostenlosen Fenster-Angebotsvergleich und profitieren Sie von staatlichen Zuschüssen und Fördermitteln von KfW und BAFA – Für den Guten Durchblick.

Oha, das wusste ich nicht.
Nummer Drei:

ieber Kunde von unsere Bank
Wir haben Ihr Abwasser aufgrund von Problemen vorübergehend gesperrt 
bei der überprüfung Ihrer Angaben.
Sie müssen Ihre Informationen überprüfen, um unseren Service weiterhin sicher nutzen zu können.
Bitte überprüfen Sie Ihre Kontodaten, indem Sie unten auf den Link drücken und uns ihre Daten und Pin zuschicken. Erst dann wird ihr Abfluss wieder freigegeben.

Ich mach das dann mal.

Beiträge Prosa

Lisa Neher: Braun

„So groß wie ein Fußballfeld.“ Ein Vergleich, den wohl jeder versteht, in einer Gesellschaft, in der ein Sport sich sogar auf das Kaufverhalten der Menschen im Supermarkt ausübt. Stell dir vor, es ist Weltmeisterschaft: Du hast zu viel von deinem Deutschlanddosenbier getrunken und musst auf die Toilette mit Deutschlandklositz, wo du deine Tchibo- Deutschlandunterwäsche ausziehst und deinen Hintern mit Deutschlandtoilettenpapier abwischst. Wenn es um Limited-Editions geht, ist jeder Fan. Denn es gibt Deutschlandbeutel, Deutschlandschnürsenkel, Deutschlandsüßigkeiten, Deutschlandzahnbürsten, Deutschlandshampoo, Deutschlanddeodorants, Deutschlandtaschentücher, Deutschlandkondome, Deutschlandkippen, Deutsch-land-spül-ma-schi- nen-tabs. Verbrauchen Druckereien mehr M Y und K, wenn irgendeine Meisterschaft ist? In dieser Saison würde ich gerne in die Farbschläuche der Druckmaschinen beißen wie ein Marder. Dann würden die drei Farben auf den Boden auslaufen und unten am Boden eine Pfütze bilden. Die wäre dann braun, braun braun. So wie alle Farben, die man als Kind im Wasserfarbmalkasten – welch ausgefallen kreative idee – mischen wollte, braun wurden. Und was wäre dann übrig? Alles, Bedruckbare würde Cyan. Cyan oh du Retterin des Friedens und der Freude. Klar wie ein blauer Himmel wäre dann alles ganz plötzlich. Und die Welt wäre eine bessere.

Beiträge Prosa

Lisa Neher: Graun

Das ist Friederike. Friederike liegt in ihrem Bett seit genau einem Tag und einer Nacht. Doch ihrer aktuellen Wahrnehmung zufolge, liegt sie dort seit 4224 Stunden, also genau seit gestern Abend, also genau seit der Mann Schluss gemacht hat. Sie hat nicht geschlafen, nur gelegen, gewartet, geschwitzt, bis der Morgen kommt und mit dem Morgen die Sonne, die sie sowieso nicht in ihr Zimmer lassen würde. Die Sonne würde außen auf die Fensterscheibe brennen – denn es ist Juli – und innen von einer blickdichten Jalousie abgeschirmt werden. Auf diese Weise bleibt es in Rikes Zimmer dunkel am Tag. Das eine dunkel, das andere hell, das eine hell, das andere dunkel.
Der Radiowecker klingelt. 8:30 Uhr also. Bis jetzt hatte sie keine Ahnung gehabt, wie spät es ist. Sie hatte vergessen, den Alarm auszustellen. Normalerweise würde ihr Tag jetzt beginnen. Normal.
Das Radio faselt was von Jackpot knacken, Smashhits und Rekordtemperaturen. Von allem nur das Beste. Rike liegt da, hört sich den Superlativscheiß an und macht nix. Nicht den Radio aus, nicht die Kaffeemaschine an, sich nicht auf den Weg in die Arbeit. Sie bleibt. Der Mann ist gegangen. Der Mann. Im Radio spricht auch ein Mann, seine Stimme erinnert Rike an Männer und daran, dass ihrer weg ist. „Guuuten Morgen, heute bekommen wir also den wärmsten Tag dieser suuuper sommerlichen Juliwoche. Kein Wind, kein Wetter, da passiert heute rein gar nichts, also raus aus den…“ Rike hört sich an, wo die Höchstwerte liegen und friert. Sie denkt an letztes Jahr, da war auch schonmal Juli, aber der war irgendwie ein besserer
Juli
Die Luft stand zwischen den tanzenden Leuten, die im silbernen Strobolicht aussahen wie gegen Lampenglas prasselnde Nachtfalter. Die dicke Luft: Das milchige Glas. Rike ließ den Blick durch den Raum gleiten. In der Erinnerung ist vieles verschwommen, aber ein Gesicht steht da gefährlich und klar an der Bar, die ihr ein paar Stunden später zum Verhängnis werden sollte. Der Mann war groß und dunkel war die Atmosphäre, die ihn umgab. Hatte was Magnetisches. Wann habe ich das letzte mal meine Comfortzone verlassen? Hatte Rike sich gefragt und der Wein in ihrer Blutbahn hatte geantwortet, das sei schon viel zu lange her gewesen, es würde mal wieder Zeit werden. Sich sexuell immer nur des eigenen Freundeskreises zu bedienen, weil das eben einfach ist, sollte jetzt sowieso mal ein Ende haben. Also hat Rike ihre Taschen nach etwas Beschriftbarem durchsucht und eine Streichholzschachtel gefunden. Klingt nach dem Anfang eines Independentfilms für Hipsterteenies. Man konnte es scheiße kitschig finden, oder mutig speziell – irgendeine Reaktion im Extrem – aber man würde im Gedächtnis bleiben und das fand Rike gut. Sie schob die Schachtel auf, leerte den Inhalt auf den Boden und schrieb ihre Telefonnummer ins Innere, dann steckte sie die Kartonteile wieder zusammen. „Anyway the wind blows doesn’t really matter to me“, stand auf dem Schächtelchen, silberne Folierung auf dunkelblauem Grund. Dann ging sie zur Bar. Übergabe.
Rike drückt auf den Homebutton ihres Handys, nichts passiert. Akku leer. Rike leer und sie schmeißt ihr Telefon zurück in die Tiefen ihres Bettzeugs. Letzten Juli war da diese Nachricht auf dem Bildschirm. Ein Bild von Streichhölzern – so drapiert, dass das Wort HI zu lesen war. „Unbekannt hat ein Foto gesendet“, also der Mann, aber unbekannt ist er jetzt auch. Wieder. Alles was er am Ende gesagt hat, war so fremd. Die ganze Zeit war Rike überzeugt gewesen, dass seine Anziehungskraft sie ins Licht saugen würde, stattdessen hat er sie ins Nichts katapultiert mit allem was er von sich gegeben hat, mit allem was er nicht gegeben hat. Erfüllt von der Idee, endlich jemanden gefunden zu haben, den sie umkreisen kann wie ein Mond. Die Liebe die Sonne, um die sich das große Ganze dreht. Rike die blasse Kugel, die sich um den Jemand dreht. Und sie würde die Liebe reflektieren und dem Jemand Licht spenden in der Nacht. Bullshit. Der Beweis dafür, dass Kitsch der Ghostwriter von Frank Sinatra ist. Fly me to the moon. Frank hat sich auch von Nancy getrennt und die wurde 101 Jahre alt, er nur 82 – stand mal in irgendeiner Kulturzeitschrift. Das ist doch was. Trost zum Festhalten. Rike krallt ihre Finger ins Laken, zieht sich die Decke über den Kopf, geblendet von den Gedanken, die in ihr rattern wie die Walzen der Spielautomaten im
August
Rike und der Mann standen inmitten der fensterlosen Spielothek und während es um sie herum Diamanten und Früchte ins Halbdunkel hagelte, schien draußen die Sonne (430°C). Irgendwer musste ihnen zwei Getränke hingestellt haben, aber sonst befand sich niemand in diesem voll klimatisierten Unort ( -170°C). Der Mann erzählte ihr von Ländern, die er bereist, von Musik, die er gehört und von der Frau, die ihm das Herz gebrochen hat. Toll, dieser Mann. So offen, so klug, so verletzlich, das konnte Rike ganz deutlich sehen und sich daneben. Sein nicht enden wollendes Gespräch wurde untermalt von prasselnd glitzernden Glockenspielsoundeffekten, unklar, ob es die Automatenmusik, oder die Vertonung der Situation war. Die Zeit drehte sich schneller als die Slots der Geldmaschinen. Der Mann hatte schon 250€ verspielt, aber für Rike war das alles Spaß, Abenteuer, ein lustiger Witz. So wie auch seine Schönheit sich über den Rest der Welt lustig zu machen schien.

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Carolin Wabra: Gisela und Heinz

Eine durchsichtiger Gefrierbeutel wird langsam ausgepackt. Wiederverwendbar, mit diesem Verschluss an den Enden den man wieder zusammendrücken kann. Zip nennt sich diese Technik habe ich in der Werbung gehört. Der Beutel ist ganz knittrig und schon etwas angelaufen. Wiederverwendbar. Heinz und Gisela achten auf so etwas. Haben sie immer schon. Nicht erst seit diese 16jährige Schwedin den Klimawandel prophezeit hat und der Bio-Strom nur noch 30 Cent die Kilowattstunde kostet. Nein, schon seit dem ersten gemeinsamen Ausflug in die Berge im Sommer 1982. Kurz bevor die Kinder kamen. „Toll. Umweltbewusst. So hätte ich sie gar nicht eingeschätzt“, denke ich mir, will mich schon räuspern und sie für diesen tollen Beutel loben, doch dann sehe ich Stullen in Alufolie. Doppelt gewickelt. Vermutlich also nur der Geiz der die wiederverwendbaren Beutel in die Taschen hat wandern lassen. Meine Bewunderung nimmt schnell ein jähes Ende. Widerliches Pack, denke ich mir.
Es ist halb zwölf im Zug von Nürnberg nach Berlin und Gisela und Heinz beginnen nun ein sehr frühes Mittagessen. Das zweite Frühstück, wie es so schön heißt. Eher unschön ist aber dass ich mir das ganze nun auch ansehen muss. Viel schlimmer den ganzen Auspack-Kau-Geruch-Prozess fast hautnah mitbekomme. Es gibt: 1 rohe Krakauer für Heinz. 1 käsebrot für gisela, 1 käsebrot für heinz, 2 hartgekochte eier. 1 Packung Haribo.
Genüsslich hat heinz soeben in die wurst hineingebissen, nicht in der mitte durchgebrochen sondern sich einfach herzhaft das obere Ende in den Mund gesteckt und seine dritten drauf knallen lassen. Es riecht nach wurst. jetzt riecht dieses ganze ruheabteil nach wurst! ist geruchsbelästigung nicht noch schlimer als lärm. schließlich habe ich kopfhörer in den ungeputzten ohren. mir wäre es lieber gisela würde heinz etwas erzählen. stattdessen riecht es nun nach geräucherten wurstwaren. heinz schmatzt laut. es knistert. jetzt wird die käsestulle aus der alufolie geschält. gisela hat ihre bereits ausgepackt und halb verschlungen während sie mit leerem blick in die brandenburgerische landschaft starrt. trostlos hier. trostlos auch die geschmierten stullen. zwei scheiben körnerbrot, so helldunkel. nicht wirklich gesund aber auch kein toast. irgendwas dazwischen. ich würde sie gerne fragen welches brot sie heute morgen geschmiert hat, denn es schaut sehr weich aus aber heinz hat jetzt schon die zweite krakauer im mund und ich werde langsam wütend. zurück zu den broten. zwei scheiben brot, butter, eine scheibe butterkäse. doch gerade als ich heinz und gisela betrauern wollte sehe ich aus giselas käsestulle eine scheibe schwarzwälderschinken unter dem butterkäse hervorlugen. sehr fein. gisela scheint eine frau von experimenteller küche zu sein. einfach mal den schwarzwälder unter den butterkäse gelegt. frech. ich frage mich ob eine saure gurke versteckt ist. würde gerne aufstehen, zu ihr rüber laufen und ihr das brot aus der hand klauen. es dann aufklappen und inmitten von speckrändern und käselöchern nach der gurke wühlen.
die dritte krakauer wandert im moment in den mund von heinz. ein speckfetzen bleibt an seiner lippe hängen, echsenglech schießt seiner zunge aus den kleinen lippen hervor und nimmt das weiße, seidene fädchen zurück in den dunklen rachenraum.
gisela trägt: dunkelblaue, rustikale schuhe aus wildleder, hellbeige schnürsenkel, eine dunkelblaue jeans, abgewetzt am oberschenkel, ein helllilaenes-weißes t-shirt, darüber eine schwarze dünne jacke aus lederimitiat, eckgie brille mit goldene rahmen und dunkelroten steinchen an den seiten, zwei silberfarbene ohrringe, kurzhaarschnitt, rotbraun gefärbt. wimperntusche
heinz trägt: schwarz-graue funktionsturnschuhe, graue schnürsenkel dunkelgraue jeans, einen karierten pullover in den farben blaugrau-hellbeige-hellbraun, schwarze ärmel, einen grau karierten schal, mit diesem klassichen knoten, einmal um den hals gelegt und die beiden offenen enden in die schlaufe geschoben die entsteht, eckige brille mit feindnen grauem rahmen und bügeln, keinen bart, kurz haarschnitt, grau-dunkelblond
nun wird das ei geköpft, mit einem beherzten griff auf die kleine tischplatte des ices geknallt. krrh macht das. ein ekliges geräusch. das brechen der harten schale matscht auf das weiche ei innere. heinz pullt jetzt. jeder kleiner schalensplitter fällt in die alufolie, kopfschütteln dabei. bin mir unklar ob die beiden nicht genervt sind von dem klappern der tastaturen meines laptops. es ist mir egal. es riecht hier nach wurst. und jetzt auch noch nach ei. ich fass es nicht. ruheabteil würde ich am liebsten schreien. aber ich bleibe natürlcih ruhig. schließlich bin ich wohlerzogen und weiblich. Und im ruheabteil.
gisela ist mittlerweile beim nachtisch angekommen. haribo colorado. mit einem kleinen gummi war die packung verschlossen. sie hat also bereits gestern oder heute morgen genascht. oder war es heinz?
mir wird schlecht. heinz hat soeben seinem ei in weniger als drei bissen dem garaus gemacht. ohne salz. ohne pfeffer. nun knuspert es weiter. die alutoflie wird zusammengerollt und in den gefrierbeutel zurück manövriert.
gisela blättert währendessen in der superillu. wo sind die colorado. es geht so schnell. mittagspause in weniger als 10min. die colorado sind wieder aufgetaucht. sind in heinzs blickfeld geraten. ein kurzer blick zu seiner gattin durch die zusammengezogenen augen. doch jetzt wird noch nicht zugegriffen, denn mittlerweile wurde das smartphone aus der tasche geholt und mit einem finger wild darauf herumgeschoben. tindert heinz?? ich meine deutlich eine wischbewegung ausgemacht zu haben. vermutlich humbug. natürlich humbug.
das handy wurde weggelegt. heinz hat nun die colorado packung in der hand und sucht sich seine lieblinge heraus. legt sie vor sich auf den tisch. die grünen frösche mag er scheinbar gerne. ich muss auf die toilette. im nachbarabteil wird die zeit gelesen. hier wäre ich gerne. in der intellektuellen blubberblase der ice fahrten. stattdessen vesperpause mit bärchen und mausi. die bildzeitung wird bei mir aufgeklappt. schumi mit familie auf mallorca. toll der schuhmacher. gehts ihm wieder gut? ich kann nur die schlagzeile lesen, heinz hält die zeitung mit seinen wurstfingern zu schräg und scheint auch sichtlich genervt zu sein, dass mein laptop eine tischhälfte belegt. wissen braucht platz.
ich würde gerne wissen, wie es michael geht.

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Theobald O.J. Fuchs: Waldlagebericht

Während die Lage bei den Räubern seit Jahren stabil ist, stellen die Jäger für Anlieger wie Forstwirte unvermindert ein ernstes Problem dar. Insbesondere zur Balzzeit im Frühjahr durchbrechen immer wieder einzelne Exemplare den Jägerschutzzaun und durchwühlen Schuppen, Garagen und Altglascontainer nach Schnapsresten und Baumaterialien für den rituellen Hochstand. Eine vertrauliche Studie des Ministeriums für Bildungsbürger, Illusionisten und Märchen prognostiziert, dass alleine in Süddeutschland jährlich ein Schaden von neun Festmillimetern entsteht. Eine beachtliche Menge Unterholz also.
Die Dunkelziffern sind hoch wie nie, weil sich viele Geschädigte aus Scham oder auf Grund von tödlichen Verletzungen weigern, bei der Polizei Meldung zu erstatten. Die Waldforschung steckt tiefer denn je in der demoskopischen Krise, so dass allen Anstrengungen zum Trotz bis heute nicht zuverlässig ermittelt wurde, wie viele Jäger genau sich in deutschen Forsten versteckt halten. Mehr als ein Drittel aller bayerischen Wälder sind schlechter erforscht als die Rückseite des Mondes, wie der Städte- und Gebrüder-Grimm-Tag alljährlich anprangert.
Die Population der Frauenmörder scheint sich hingegen auf einem niedrigen Niveau eingependelt zu haben. Stand vor 20 Jahren noch hinter jedem zweiten Baum ein Sexualstraftäter, der nach Einbruch der Dunkelheit auf alleine im Wald spazierende Frauen wartete, so dürfte es heute schätzungsweise nur hinter einem von zehn sein. Experten sind sich weitestgehend darin einig, dass sich die meisten  Sittlichkeitsverbrecher schlicht gegenseitig umbrachten. Irrtümlich freilich, wie das in überbevölkerten Habitaten des Öfteren vorkommt.
Als angespannt, wenn nicht kritisch gilt nach wie vor die Situation bei den Werwölfen. Zahlreiche Berichte über Schwarzschlachtungen wurden zwar bisher in keinem einzigen Fall offiziell bestätigt. Andererseits liegen die Zeugenaussagen verschiedener Rehe und Wildschweine vor, die nur knapp dem Angriff eines verwilderten Werwolfs entkommen konnten. Hierbei kann die Beurteilung der Lage nicht unabhängig vom Hexen-Vorkommen geschehen. Als natürliche Kulturfolger sind Untote, Wiedergänger und andere Teufelsbündprinzipiell im Umfeld von Hexen-Populationen zu finden, die wiederum schon vor Jahren von der UNESCO auf die rote Liste des aussterbenden Schauermärchenpersonals gesetzt wurden.
Doch es gibt auch gute Nachrichten: unabhängig voneinander ist es den Schutzverbänden im Sächsischen Ostzaubererzgebirge als auch im tiefen, tiefen Bayerischen Wald gelungen, Zigeuner-Sippen erfolgreich auszuwildern. Gerade bei den Sommertouristen ist die Beobachtung eines Lagers des »fahrenden Volkes« tief im Wald während der frühen Abendstunden, das sogenannte »gypsy watching« zur beliebten Attraktion avanciert. So gibt es mittlerweile diverse Anbieter, die mit Dämmertouren und garantierter Sichtung eines Stammeshäuptlings werben. Prospekte zeigen unscharfe, mit Restlichtverstärker geschossene Aufnahmen, auf denen jüngere Männchen und Weibchen in scheinbar grünlichen, vermutlich aber farbenfrohen Kostümen um ein Lagerfeuer tanzen. Vereinzelt werde selbst Wahrsagerei wieder in der freien Wildbahn beobachtet. Der sächsische Landesverband für Mittelalterpflege erklärte, dieser Erfolg sei ein ermutigendes Zeichen für die in nächster Zeit geplante Wiederansiedlung des gemeinen Gauklers, des trügerischen Quacksalbers, des Landsknechts sowie des nostalgischen Zonengrenzsoldaten.
Doch abgesehen von diesen sicherlich beachtlichen Fortschritten, herrscht insgesamt die Besorgnis vor, dass spätestens unsere Enkel keine Chance mehr haben werden, im Deutschen Wald ordentlich ausgeraubt, verhext oder erschossen zu werden. Es fehle, so der Sprecher des Landesverbandes, nach wie vor der politische Wille, ausreichend Kinder im finsteren Wald auszusetzen. Dies würde, wie auch in ähnlich gearteten Fällen, stets mit begrenzten personellen Ressourcen begründet. Alleine im Landesbezirk Oberpfalz, der für den bayerischen Wald diesseits der tschechischen Grenze verantwortlich ist, sind seit Jahren gut ein Dutzend Planstellen für böse Schwiegermütter unbesetzt, lediglich ein buckliger Eremit, ein Däumling und zwei Gnome sind für das gesamte Gebiet zuständig. Der Dämon »Nachwuchsmangel« schlägt auch hier gnadenlos zu. Die alte Weisheit, dass, was das Teufelchen nicht lernt, auch der Satan nimmermehr lernt, ist unverändert gültig. Als weitere Ursache nennen die Experten einstimmig den besorgniserregenden Rückgang verarmter Holzfällerfamilien mit Stiefmutterhintergrund.
Eine Stellungnahme des Bundesverbandes der Gehenkten zum Thema nachhaltiger Ansiedlung von Gespenstern lag bis Redaktionsschluss leider nicht vor. Die Geschäftsstelle des BdG ist derzeit wegen eines Trauerfalls vorübergehend nicht besetzt. Eventuell aber auch bis in alle Ewigkeit.

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Andreas Lugauer: Die Zerstörung der Martin Suter’schen Twitterlyrik

Wer einmal wirklich ~grauenvolle~ Lyrik lesen will, besuche den Twitter-Account des Schweizer Schriftstellers Martin Suter: twitter.com/martinsutercom. Suter, dem Publikum in erster Linie bekannt als Romancier, nicht aber als Lyriker, twittert dort ausschließlich und fast täglich Gedichte. Dies jedoch allem Anschein nach ohne besondere Qualitätsansprüche.
Nach ein wenig Durchgescrolle frage ich mich ernsthaft, ob Suter seine ›Gedichte‹ voller dichterischer Selbstüberzeugung twittert, oder ob ich einen oder gar mehrere Ironielayer nicht gette. Ein erstes Beispiel:
»Die US Präsidentenwahl
Hat der Welt den Nerv getötet.
Sogar der Mond ist vom Skandal
Deutlich sichtbar leicht errötet.«
Gemeint ist in diesem Gedicht vom 21. Januar 2019 der an diesem Datum aufgrund einer totalen Sonnenfinsternis rot erscheinende, sogenannte »Blutmond«. Dass der Mond mit dem Erröten fast genau zwei Jahre zu spät dran ist – Trump wurde am 20.01.2017 inauguriert – und dass sich seit Trumps Amtseinführung vier weitere Mondfinsternisse ergeben haben, ja mei, was soll’s, wenn’s uns halt grad so ein schönes Gedichtlein zum Twittern hergibt.
Zumal Suter ja jeden Mondschmarrn zu verarbeiten scheint, noch so einen, der monatlich auftritt wie etwa ein fast (!) voller Mond: Ich zitiere:
»Eine stille Winternacht,
Die Welt wie unbewohnt.
Und über diese Stille wacht
Ein fast voller Mond.«
Gehen wir einmal davon aus, dass es ihm ernst ist mit seinen ›Gedichten‹: Dann handelt sich nicht nur um Banalitäten ersten Ranges, die nur aufgrund der Reimwörter aneinandergeleimt werden können, sondern, was noch vorher wehtut, um Gedichte, die mindestens in jedem dritten Vers derart holpern, wie man es allerhöchstens Onkel Erwin bei Gelegenheitsgedichten zum Geburtstag oder ähnlichem nachsehen würde; zumindest dann, wenn man schon vier Bier getrunken hat. Ich zitiere Suter vom 19. Januar dieses Jahres:
»Ich bin auf einem weissen Berg.
So hoch liegt überall der Schnee,
Dass ich gar nicht darüber seh.
Bin wieder wie als Kind ein Zwerg.«
Martin Suter also, hoch oben aufm Berg, noch höher nur der Schnee, der ihn ringsum überragt, so dass er nicht mehr »darüber« sieht (der dritte Vers passt wieder nicht, quod erat demonstrandum). Wahrscheinlich hat ihm jemand eine Schneise durch die Schneemassen geschaufelt, durch die er jetzt durchlatscht. Weil wenn der Herr Dichter auf dem meterhoch eingeschneiten Berg umherwandeln will, soll er das natürlich tun können müssen. Wo kämen wir schließlich hin, wenn er, wie jeder andere Mensch auch, einfach vernünftigerweise im Tal bleiben müsste. Was, wenn ihm eine Winterwanderung wie diejenige Goethes auf den Brocken im Harz verwehrt bliebe, aus der immerhin dessen Gedicht »Harzreise im Winter« hervorging, das Goethes Dichterruhm ja wohl nunmal endgültig besiegelte? Nein, das kann niemand wollen, und deswegen schicken wir die Schneekatze hoch, metertiefe Schneisen zu pflügen. Und dass Suter sich darin dann fühlt nicht wie ein Halbgott, sondern wieder zwergenhaft wie ein Kind (richtig wäre hier: Kleinkind), damit muss er entweder selber klarkommen, oder er dreht selbst das noch ins Poetische rüber.
Anderntweets macht er sich manchmal Sorgen:
»Wenn wir uns bereits am Morgen
Schon auf den Abend freuen,
Mache ich mir manchmal Sorgen,
Dass wir es einst bereuen.
Denn viel länger wirkt das Leben,
Wenn wir von dem dazwischen,
Uns ein wenig Mühe geben,
Auch etwas zu erwischen.«
Von der grauenvoll stümperhaften Form abgesehen: Da macht er sich also manchmal, während er sich am Morgen so richtig schön auf den Abend freut, Sorgen, eben dies irgendwann mal zu bereuen. Freilich macht er sich dabei nicht immer Sorgen, oder hört gar einfach auf, sich am Morgen auf den Abend zu freuen. Denn so tief scheint die ›Erkenntnis‹ nicht zu rühren, dass das Leben »viel länger wirkt« (?!), wenn er sich den ganzen Tag über, von morgens bis abends, nur »ein wenig Mühe« gibt, »etwas« davon »zu erwischen«, dass es ihn beim Sich-Sorgen-Machen immer aus der Sorgenbahn trägt oder er es halt gleich ganz bleiben lässt und stattdessen versucht, was vom Leben – das sich verhuschelt-wuzelig zu entziehen scheint wie ein Eichhörnchen – zu erwischen.
Und worauf freut er sich eigentlich, unser Herr Dichter? Auf den Flug der Minerva etwa, die diesen laut Hegel bekanntlich erst abends startet? Ohne die Antwort apodiktisch vorwegnehmen zu wollen, stelle ich sachte zur Diskussion: Wohl kaum.
Jetzt mag natürlich jemand einwenden: »Freilich, hier mords rumkritisieren, aber selber wieder keinen geraden Vers zusammendichten können!« Dieser Vorwurf wäre zwar Quatsch, aber dennoch stehe ich nicht an, hier meine kleine Martin-Suter-Huldigung vorzutragen:
Lieber Martin Suter,
Hör bitte auf zu dichten,
Denn du bist kein Guter.
Es reicht halt nicht mit Reimen
Zeilen zusammenzuleimen.
Und von den Metren zum Beispiel
– Hier passt was mit Freistiel! –
Beherrscht du nicht mal die schlichten. [das reimt jetzt auf »dichten« im zweiten Vers!]
Drum sage bitte »auf Wiederschaun«,
Und produziere nicht mehr so einen Schaum.
Vielen Dank!
Dein Andreank

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Stefan Lienerth: Grauen

Morgenstund hat Gold im Mund, Morgengrauen hingegen hat keine Dritten weil es gesunde Zähne zum zubeißen braucht. Dann beißt es sich fest im Nacken und lässt den Tag über nicht mehr los. Mit dem Morgengrauenatem in deinem Nacken stehst du nackt neben der Dusche und frierst, weil das Wasser zu heiß ist, um drunter zu steigen.
Ab einer bestimmten Uhrzeit zählt es nicht mehr als Morgengrauen sondern wird zum Mittagsgrauen und Abendgrauen. Es graust dir schon vorm grauen Kaffee der aber sein muss sonst fällt das Grau auf. Fest im Nacken gepackt beißt es immer tiefer und durchdringt mit seinen spitzen Zähnen die Haut und spritzt durch seine Fänge grau in deine Nervenbahnen direkt zum Gehirn.
Du musst zur Arbeit und gehst durch ein graues Treppenhaus zu deinem grauen Opel (das ist die graueste aller Automarken). Du setzt dich an deinen Arbeitsplatz vor den Bildschirm der nur Graustufen anzeigt. Nennt man eigentlich schwarz-weiß, passt aber nicht. Blick aus dem Fenster – Graupelregen.
Du denkst dir ‚Könnte schlimmer sein‘ und dich durchfährt das nackte Grauen beim Blick auf die Uhr. Du hast von deinem acht Stunden Arbeitstag noch sieben Stunden und 59 Minuten übrig. Zum Mittagessen gibt es Brot mit ist-auch-egal.
Du weißt nicht mehr ob du Graubrot oder Vollkorn gekauft hast – es sieht sowieso gleich aus. Wieder Zuhause kommt dann auch deine Freundin irgendwann an, aber von dem Feuer der Liebe ist nur noch graue Asche übrig. Du würdest sie als eine eher unscheinbare Frau beschreiben.
Ein Mauerblümchen sozusagen, aber dir fällt dazu kein treffenderer Begriff ein. Du siehst ein Morgengrauen an ihrem Nacken hängen und fragst sie wie ihr Tag war. Du fragst dich bei dem Anblick ob es da einen Zusammenhang zu dem Grau in Grau gibt. Du gehst in die Küche und bist dir nicht sicher, ob Orangen nicht schon immer grau waren.
Das Küchenradio läuft aber es hat keinen Empfang und du hörst nur graues Rauschen.
Außerdem von wegen natürliches Licht, die Deckenlampe färbt alles eher Neonröhrengrau. Du ärgerst dich noch, dass du viel Geld für einen Fernseher mit besserer Farbtiefe ausgegeben hast. Kunst ist nur glorifizierte Bleistiftskizzen.
Wann du das letzte Mal einen Regenbogen gesehen hast weißt du auch nicht mehr, aber wie soll man das auch vor den Regenwolken erkennen sollen? Du bist ein bisschen überrascht so viele Gedanken an einem Tag zu haben, die meisten werden eigentlich abgesaugt. Also schnell ins Bett, Rollo runter, Licht aus, Tür zu.
Aber irgendwie wird es nicht so ganz dunkel.

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Matt S. Bakausky: Fetzen

Gut, nun sitze ich also in diesem dunklen Kasten fest.
Der Duft nach verbrannten Papier ist gar nicht mal so unangenehm, nur die stickige Luft ist störend.
Leise höre ich draußen die abgemagerten Ratten durch die Dunkelheit huschen.
Als kleines Kind ekelte ich mich immer, wenn ich diese dreckigen Viecher sah.
Mittlerweile weiß ich, dass sie zwar massenhaft Krankheiten übertragen, aber nicht die
widerlichste Spezies auf diesem Planeten sind.
Gegen diese Plage gibt es genauso kein Mittel wie gegen die Ratten.
Die Nagetiere sollen mit vergifteten Futter angelockt werden, doch sozial niedrig stehende Männchen werden als Vorkoster eingesetzt und somit die anderen Ratten gewarnt.
Der Tod eines Einzelnen ist gleichgültig. Wie bei der anderen Plage auch. Es gibt nun einmal so viele davon.
Aber hier gibt es nicht mal mehr jemanden, der versucht sie zu vergiften.
Hier gibt es niemanden, der überhaupt etwas versucht.
Die Ratten selbst finden nicht genug zum Fressen und ernähren sich größtenteils von den hier verbotenerweise abgelagerten Abfällen einer dieser Billig-Schönheitskliniken. Nasen. Haut.
Und vor allem Fett. Doch diese Schuppen locken mittlerweile so gut wie keine Touristen mehr in diese Gegend.
Also werden die Ratten zu knochigen Kriechern. Sie haben keine andere Wahl. Vielleicht haben sie auch nur die Seele dieser Plastikpuppenfabriken aufgefressen und leben ihren eigenen Schönheitswahn aus. Warum sollten sie sonst gerade hier leben?
Langsam beginne ich etwas zu frieren. Die Metallwände meiner Einzimmerluxusvilla sind komplett ausgekühlt.
Luft gibt es sicher noch genug für ein paar Tage. Redet man sich zumindest ein. Ein Retter unvorstellbar. Keine Menschenseele traut sich hier her. Zumindest nicht mehr. Es ist zu gefährlich.
Nicht so gefährlich wie draußen, eigentlich. Aber das merkt anscheinend niemand.
Mittlerweile durfte der Geruch nach verbrannten Büchern dem Geruch nach meinem Eigenurin weichen. Kein angenehmer Duft, aber angenehmer als der Duft der Leute, die früher als Touristen zu den Gesichtsmetzgern kamen. Eine Geruchs-Kakophonie aus Rosen-, Lavendel, Vanille und sonstigen Parfums. Widerlich.
Aber die stickige Luft hier riecht nach Wahrheit, Aufrichtigkeit und Bahnhofstoilette.
Plötzlich höre ich ein lautes Geräusch, welches dem einer Sirene gleicht. Langsam spüre ich wie ich diesen Ort verlasse. Die Dunkelheit, der Gestank, die Luft, meine Gedanken – alles verschwindet. Ich bin frei.

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Matt S. Bakausky: Weiß

Sie trug immer schwarze Kleidung.
Sie kletterte gut.
Sie meldete sich bei mir über Facebook und fragte ob meine Schwester auch da wäre.
Meine Schwester hat kein Internet.
Dann meldete sie sich wieder ab.
Ein paar Monate später die gleiche Nummer.
Wir waren zusammen im Urlaub mit dem Betreuten Wohnen für seelisch Kranke Menschen.
Im bayerischen Wald.
Klettern, Lagerfeuer, Abenteuer.
Sie war in einem Einzelzimmer, nicht weit von mir entfernt.
Sie war still und sehr intelligent, wenn man sie traf.
„Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag.“
Dietrich Bonhoeffer
Geboren 21.09.1985. Gestorben 16.04.2017.
Sie trug immer schwarze Kleidung.
Sie kletterte gut.
Sie fragte nach meiner Schwester bei Facebook.
Wir waren zusammen im Bayerischen Wald.
Einzelzimmer.
Still.
Intelligent.
Der Pfarrer im Betreuten Wohnen redete nicht hilfreiche Sachen.
Die Familie trauerte auf ihre Weise.
Wir zündeten Kerzen für sie an.
Bei der kirchlichen Trauerfeier wurde „I follow you“ von Lykke Li gespielt.
Am Werktag danach lief das Lied bei mir in der Arbeit im Radio.
Ich sah eine schwarze Krähe, als ich zum Rauchen runter ging.
Sie trug immer schwarze Kleidung.
Sie kletterte gut.
Still.
Intelligent.
Jung.
Jedes Mal wenn ich „I follow you“ im Radio höre, denke ich an sie.
Weiß, dass es ihr nun besser geht.
Dass sie das weiße Licht gefunden hat.

Beiträge Lyrik

Pauline Füg: zwei morgen wach

zwei morgen wach
und keine nacht dazwischen
nen morgen land zurückgelegt
wir wollten wach, wir wollten weg sein.
Und blieben doch an einem Ort

Seit der Sommer begonnen hatte, wohnten wir weiter draußen.
Vania trat in die Pedale, ich zögerte noch, wir sagten nichts.

Manchmal wichen wir ein paar Enten aus, ich legte mich immer falsch in die Kurve. Der Schotter wurde Schlamm und wir schlitterten durch engbezaunte Gassen, in denen sogar Dreirad fahren verboten war.

Mir fiel ein, dass man seine Kleidung im Dschungel nicht waschen soll, sie trocknet dann nicht mehr, wegen der Luftfeuchtigkeit, weißt du.

zwei morgen wach
und keine nacht dazwischen
nen morgen land zurückgelegt
wir wollten wach, wir wollten weg sein.
Und blieben doch an einem Ort

Jetzt waren wir schon so weit gekommen, raus aus den hohen Häusern, wir wohnten seit Wochen in einer seltsamen Art von Stille, aber ich war so wach und ich wollte so viel sehen und ich wusste nicht wo und wie.

Ich hatte schon geglaubt, die Zeit der Lampions war vorbei. Aber im einzigen ärmlichen Kastanienbaum hingen Lichter und ich konnte nicht wegsehen.

Ich konnte nicht wegsehen und suchte nach Fremden, die ebenso wach und irritiert waren wie ich.

Es wurde dunkel, die Belichtungszeit hatte sich verlängert.

zwei morgen wach
und keine nacht dazwischen
nen morgen land zurückgelegt
wir wollten wach, wir wollten weg sein.
Und blieben doch an einem Ort

Vania stieß mich an und ich schreckte auf, es erinnerte mich an unser Zucken beim Ton des Weckers, die Zeit, in der wir versucht hatten, uns einen Rhythmus anzugewöhnen, der uns bewerbungschreibentauglich und arbeitsmarktfähig machte.

Ich schloss beim Blinzeln das Lid länger als nötig und dachte daran, dass überall auf dem Mount Everest tote Bergsteiger lagen, an denen man vorbei muss auf dem Weg nach oben, die Ötzis von später, und man würde fast dankbar sein, dass es so teuer ist heutzutage, die Verunglückten zu bergen aus solcher Höhe. Aber das hat nichts mit irgendetwas zu tun, deswegen vergaß ich es die meiste Zeit.

zwei morgen wach
und keine nacht dazwischen
nen morgen land zurückgelegt
wir wollten wach, wir wollten weg sein.
Und blieben doch an einem Ort

zwei nächte wach und kein dazwischen
wir sind ja anfangs noch gerannt
ich wollte wach, ich wollte weg sein
ich wollte weg und ging verlorn.

Ich wollte so viel nicht hören, ich wollte nichts hören von Sätzen, die ich nicht glauben konnte, weil sie von Fremden gesprochen wurden, die nur halb so irritiert und wach waren, wie ich.

Wir schliefen und am nächsten Morgen wusste ich, wir hatten von nichts geträumt.

Vania starrte auf die braune Fadentapete, sie sagte: „Ein Brief kam von der Stadt. Übernächste Woche müssen wir raus.“

Ich nickte.

zwei morgen wach
und keine nacht dazwischen
nen morgen land zurückgelegt
wir wollten wach, wir wollten weg sein.
Und ich blieb doch an einem ort

zwei nächte wach und kein dazwischen
wir sind ja anfangs noch gerannt
ich wollte wach, du wolltest weg sein
du wolltest weg und gingst verlorn.
ich blieb und sah dir lange nach

in dem moment
verschwand die richtung
ich lag danach noch lange wach


Beiträge Prosa Romanausschnitt

Walter Hirschwieserl und Werner Lönsch: Ein Herz aus Zierkies

für Lotte, die dumme Sau (mein ehemaliges Zwergschwein, dass sich für mich opferte, obwohl ich eigentlich gar nicht in Gefahr war)
 

Prolog

Es war einer dieser regnerischen Oktobertage, an denen du schon beim Aufstehen merkst, dass es nur noch ein elender Dreckstag werden kann. Am Fenster klebte der Regen wie die Kaugummis auf den Straßen dieser stinkenden Stadt, in der die Träume zerplatzen wie Seifenblasen im warmen Sommerregen.
Doch von alledem hatte Gunther nichts mehr mitbekommen, denn er war tot. Doch wer konnte schon ahnen, dass es so kommt, wie es kam? Das Leben ist nun mal kein Kinderspiel, bei dem eines der Kinder kurzerhand die Regeln umschreiben und sich seine versifften Hände reiben kann. Hier ist es eben einfach vorbei, wenn deine Zeit gekommen ist.
Gunther O’Neilly war ein guter Mann. Kein besonders schlauer, Mann, aber ein Mann mit einem Herz aus Zierkies. Sein beiger Bürostuhl steht leer und einsam in der Ecke. Die Lamellen der Fenster werfen Strichermuster aus Schatten auf des Drehstuhls Polster. Gunther saß da immer drauf und hat “recherchiert”, jetzt gähnt seine Ecke. Das Büro wirkt so leer ohne ihn, so verdammt grau wie die ganze verdammte Scheißstadt.  Ich betrachtete die Tür. Da stand der Name meiner Detektei, aber spiegelverkehrt. Gunther war ja nie die hellste Kerze auf der Torte gewesen, aber das toppte alles. Er wollte nie einsehen, dass das Schild spiegelverkehrt war und spiegelverkehrt immer verkehrt ist, wie das Wort ja schon so schön verrät. aber ich hab es immernoch nicht umdrehen können. gunthers geist war in dieser türenscheibe irgendwie drinne. es wäre Frevel, das schild richtig herum zu hängen.
Was mach ich denn jetzt nur ohne meinen Partner? Ach ja: Kaffee. Die gelbliche Makadamiamilch brökelte in meine  ungespühlte aber dafür mit Kitschkacke bedruckte Tasse. Das dominant-schnippische Lächeln auf der Keramik grinste mich hämisch an, fast so als wolle mir die Tasse sagen: “Junger Mann, du bist alt genug selber zurechtzukommen! Auf gehts, Hamish, auf zum fröhlichen Jagen, die Verbrecher fangen sich doch nicht von alleine. Flieg Hamish, flieg flieg.”
Ich hob die Tasse hoch und warf sie gegen die Wand. Das schien mir das beste zu sein. Jetzt war da ein Fleck an der Wand. Ich glaube, ich muss die Wand neu streichen. Oder besser ganz einreißen. Ich musse etwas tun. Aber erstmal schön in den Nachdenksessel werfen und schlafen. Vielleicht würde dann alles besser werden, wie sonst auch immer.
 

Kapitel eins: Der Verschwundene Orgelmacher

Und dann stand sie in der Tür. Ihre langen, lockigen Haare erinnerten mich unweigerlich an meine Ersatzmilch aus fair angebauten Nusseutern. Sie sagte, sie sei Camilla und bräuchte meine Hilfe. Ich blickte sie langsam und lange an und fuhr mit meinem Kamm durch meine frisch geölten Haare. Eine lange Stille drückte sich in den leeren Raum zwischen uns. Mit einem Seufzer leerte ich mein Wiskeyglas mit einem Zug und fragte: ”eigentlich arbeite ich nicht ohne meinen Partner.” Dabei deute ich bedeutungsvoll mit einer Mischung aus Abscheu und Ekel auf das schwarz gerahmte Bild von Gunther. “Aber Herr Greenway, ich weiß, dass nur Sie für den Job in Frage kommen, bitte helfen sie mir!” Als sie das sagte, machte sie ganz große, feuchte Heringsaugen. Diese verdammten Frauen!  “Was gibt es den, meine Gute?”
“Mein Mann ist verschwunden. Er kam nach seiner “Arbeit” nicht mehr nach Hause. Ich und die Kinder haben mit dem Essen gewartet, bis es kalt war und haben es dann allein gegessen. Es war Kalt. Und zäh!” Ihre Stimme überschlug sich purzelbaumähnlich bei diesen verheißungsvollen Worten. Ich indes komponierte mir die Puzzleteile zusammen. “Beim örtlichen Discounter gibts gerade Mikrowellen zum Spottpreis.” Warf Hamish, der Detektiv, also ich, abwesend ein.  “Was macht ihr Mann denn eigentlich beruflich?” “Er ist Geschäftsmann. Oft auf Reisen” Da dachte ich mir meinen Teil dazu. Und ging weiter. Aber wohin? es gab doch keinen Ausweg aus dieser Situation. Wenn ich diesen Job ablehnte würde, würde würde würde ich zum Gespött meiner Selbst werden und mein Gewissen würde mich vom Selbstekel zerfressen lassen. ich musste also ja sagen. Kurz darauf starb ich. Innerlich. Es fühlte sich zumindest ein bisschen so an.
Ein neuer Tag in meinem trostlosen Leben hatte sich in Staub aufgelöst, wie ein trockener Furz eines Wüstenfuches am Morgen danach. Ich erwachte, wie ein erstochener Igel und mein Kopf hatte Höhenangst. Ich errinerte verblasst an den Auftrag vom Vortag. Wer war dieser Geschäftsmann und warum? Camilla hatte mir nur ein verpissgilbtes Foto ihres Gatten selig gegeben und seine Visitenkarte. Darauf stand: “Pete Hammingway, Orgelsbau und Kruzifixmanufaktur. Alles für die moderne Kürsche von heute.
Aha. Ein Geschäftsmann, der mit Orgeln handelte also. Meine erstes Ziel war also dieser vollidiot von Referent Forster aus der Holy-Melony-Gemeinde hier um die Ecke. Ich machte mich also auf in dieses Drecksloch, das die Menschen hier Kirche zu nennen pflegen, und mich ein bisschen umsehen.
Danach verließ ich die Kathedrale mit Tunnelblick. Hinterher fiel mir auf, dass ich dabei doch das Wichtigste vergessen hatte: Referent Forster. Deprimiert und niedergeschlagen schlich ich zurück.
Also nochmal ab in die Kathedrale und diesmal wirklich den Referent vorknöpfen, diesen fiesen Miesling. Irgendetwas hatte ich gegen Gottes Personal. Und das beste: es war völlig grundloser Hass, aber ich finde grundlosen Hass grundsätzlich schick. Foster war ein  flacher und langer Mensch mit grünlichem Teint, fast wie ein Frosch. Er hatte auch eine genausolange Zunge, die ihm beim Predigen und Fliegen Fangen aus der Zunge hing, wie ein verkochter Spaghetto. Er war jedenfalls ein verdammter Unsymphath, den nur die Omis leiden mochten, die sich jeden Sonntag ihren Segen, ihre Portion gebackene Erlösung und natürlich auch einen ordentlichen Schluck aus Christi Pulle in ihre entzündeten Rachen stopfen ließen.
Da saß ich also in Fosters Predigt. Er seierte irgendwas von Weinbergen und verlorenen Schäfchen.  Pah, was soll das denn bitte mit Gläubigkeit zu tun haben? Aber Zoophilie und Saufen schien ja zu Fosters Lieblingsthemen zu gehören. Hätten wir uns unter anderen Umständen kennen gelernt, hätten wir zumindest einige gemeinsame interessen zum Plaudern gehabt. Aber jetzt musste ich handeln. Er war mein einziger Verdächtigter bisher. Ich musste ihn mir aufknöpfen. nur wie? Die ganze Kirche war voller Knusperhexenomas, die sich schon den Mund wund sabberten in seliger Erwartung ob des Weines mit Furzwaffeln. Ein Luxusjob war das hier gewiss nicht. Aber was hat man schon davon, in ein vergoldetes Klo zu scheißen? Eben. Ich schlich mich also katzenartig die Stufen zur Kanzel hoch. Oben angekommen sprang ich auf Foster drauf und haute ich ihm eine Monstranz direkt in seine Maul  hinein. Ein schönes Gefühl, ihn so ohne Zähne wimmmernd auf dem Kanzelboden liegen zu sehen. Den Omas schien es auch ganz gut zu gefallen. Ich rief noch: “So Ladies, heut ist Selbstbedienung, holt euch eure heiligen Waffeln direkt am Altar ab.” Stehende Ovationen! Ich hatte leichtes Spiel. jetzt gab es kein Halten mehr. Während sich unten noch die Rentnerinnen um die Oblaten prügelten, wie mittelalte Mütter am Donnerstag beim örtlichen Discounter um Kinderhosen, holte ich meine Schreibtischlampe (Modell Moelma) aus meiner Manteltasche und knallte sie ihm sachte und bestimmt ins Fressbrett. “Kennen sie Pete Hemmingway?” “Nein” “Wieso?” “Ich bin furchtbar schlecht mit Namen.” ich haute ihm nochmal in sein Gesicht, das einen roten Sprühregen von sich gab. Dann richtete ich die Lampe direkt in seine sich langsam schwärzende Augen. “Was soll denn die Lampe?” fragte dieses Dreckschwein. Ich antwortete prompt und unverzüglich: “Sie blenden” “Dann wäre ein Leuchtmittel nicht schlecht oder?” schniefte er mit einer Mischung aus Frechheit und Unverschämtheit. Ich sah die leere Fassung der Lampe und wurde sehr wütend, schmiss das schwedische Schrottteil weg und haute dem Pfaffen nochmal, diesmal aber in die Rippen. Er spuckte Blut. Es war glaube ich rot. “Haben sie Hammingway getötet?” Er spuckte nebst Zähnen auch folgende Antwort aus, die mich wie Eiszapfen in mein kleines, verschrumpeltes Herz stachen: “Nein.” Ich ließ ab von ihm und reichte ihm meine Hand. “Ach so. Dann stehen sie doch auf!” Die Omas klatschten, ein paar fielen sogar in Ohnmacht, glaub ich. Ich ließ ihn noch seinen Segen lallen und die Omas und der Pfarrer verließen das Gotteshaus.
Nur eine kleine Figur blieb noch sitzen und wartete. Sie sah mich schon den ganzen Abend lang mit zwielichtigem Blick an, fast wie ein Dudelsack aus dem man nach dem  Getröte nun endlich die Luft abgelassen hatte. Ihr Gesicht hatte Falten und eine Art Karomuster. Ich machte mich auf zu gehen, doch als ich durch die Bankreihen schritt, packte sie mich erstaunlich eindringlich am Arm. “Junger Mann, ich glaube ich weiss Etwas, das sie interessieren könnte.” Sie stand auf und führte mich auf ihren Stöckelschuhen an den Altarbildern entlang. Mir wurde mulmig. Hatte die Spinatwachtel etwa ein Ass im Ärmel? Hatte sie etwas im Busch? und wenn ja, wieviel?
“Wissen sie eigentlich, wie alt das diese Kirche ist, Mister …” “Hamish. Nein das weiß ich nicht, Ma’am aber ich würde sagen, mindestens hundert wenn ich mir sie so recht ansehe” “Na, sie Schmeichler. Aber ich fragte nicht nach meinem Alter, das weiß ich selber.“ Sie schwebte mit mir an einem alten Bild vorbei. Es zeigte einen Mann, der weinend an einen Baum gefesselt war und dem Pfeile aus dem ganzen Körper ragten. Sein Blick richtete sich gegen den wolkenverhangenen Himmel und Vögel tummelten sich lustig in demselben. Was für kranke Fantasien diese Schweinepriester doch hatten. Da war das nebenan gelegene Hardcoresmstudio “Cleopatras Rache”, in dem ich gelegentlich verkehrte, der reinste Kindergarten. Es gab dort zwar auch Bäume, aber keine Vögel. “Nein Herr Hamish, diese Kathedrale ist ungefähr 84 Jahre und zehn Monate alt. Und das besondere an ihr ist, dass sie komplett aus TK ist.” “Hmmlecker, ich liebe ddie Eiskreme von Bifrost und das Gemüse von Frösta. So einfach, so genial! Am besten beides zusammen in die Friteuse hauen und …” Sie unterbrach mich unwirsch “Nein. Unsere Gemeinde hatten sie damals nach dem krieg aus Ermangelung an Alternativen mit eigenen Zungen aus dem Packeis geleckt.” “Hören sie Fräulein, ich bin nicht hier um eine Tourismusführung durch ihren gruseligen Eisladen zu bekommen”
Sie führte mich an die Register der Kirchenorgel hinan und trat auf die Tasten. ein schlimmer Ton füllte das Kirchenschiff wie ein Strom aus Fäkalien das Vorklärbecken der städtischen Kläranlage, wenn am Morgen die Stadt langsam erwacht und sich vor dem Arbeitsweg dem kollektiven Gang zum Abort hingibt. Ich mäanderte zu der alten Frau hin und trat ihr mit dem Ellenbogen zärtlich in die Rippen. Sie verstand. Eine Woge aus Lust durchzuckte sie, wie ein frisch geölter Ochse. Sie machte zweideutige Bewegungen und zog sich aus. Dann wurde ihr aber sehr schnell kalt und sie zog sich wieder an. Während ich ihr dabei gelangweilt zusah (das Ganze dauerte aufgrund diverser Gelenkentzündungen etwas länger und wurde von illustren Stöhnlauten untermauert) fiel mir das Schild an der Orgel auf. Hammingway, stand da in angefrorenen Lettern. Der Mann war also hier gewesen. Vor längerer Zeit zwar, aber er hatte hier seinen Nachnamen an die Orgel gekratzt. Aber warum? War es eine Warnung? Die Warnung davor, was mich hier erwartetete? Ich war ratlos und ließ den Fall fallen.
 


Sprecher: Felix Benjamin

Musik: Mark Maxwell – Angel Eyes
Mark Maxwell – Harlem Nocturne