Theobald Fuchs – Haarflugzeug

Es war einer jener Träume, die sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis einprägten. Der Traum war so eindrücklich und gefühlsdurchsaftet, dass ich heute noch, zwanzig Jahre später, das Bild verlustfrei vor meinem inneren Auge dekomprimieren kann. Das Bild vom Haarflugzeug. Die beiden Flügel dieser Maschine sind komplett von Haaren bedeckt. Dickes, weiches, ungefähr schulterlanges Haar, das als Antrieb dient. Der Pilot kann das Fell in eine wellig-windende Bewegung versetzen, ähnlich wie das Wogen eines Kornfeldes oder einer jener Wiesen, wie es sie früher gab, als seltener gemäht wurde und das Gras höher wachsen durfte als erlaubt war, wenn der Wind mit dicken Backen darüber pustete. Nur dass in meinem Traum die wiegende Bewegung aus dem Inneren der Haare kommt und den Wind erzeugt, der das Flugzeug vorwärts treibt.

Der Rest des Flugzeugs ist unwahrscheinlich filigran gebaut, aus unsäglich dünnen Röhrchen, wie Getreidehalme aus Molybdänstahl, Niob oder einem vergleichbaren Zaubermetall. Der Pilot kauert in einer Glaskugel, die zwischen den Flügeln hängt, er trägt eine altmodische Ledermontur mit Lederhelm und monströser Fliegerbrille, aus deren Gläsern man Suppe löffeln könnte.

Irgendwo müsste ich noch eine Zeichnung von dem Flugzeug haben, die ich damals anfertigte, unmittelbar nachdem ich erwacht war. Erst wollte ich danach suchen, doch dann änderte ich meine Meinung. Bis ich mich durch die Stapel von losen Papieren, Notizbüchern und Kladden gewühlt und die Zeichnung mit viel Glück gefunden hätte, würden Wochen vergehen. Es ist eine der schönsten Seiten des Schreibens, dass man sich nicht an die Regeln der Wirklichkeit halten muss. Ich muss die Zeichnung nicht finden, um behaupten zu können, dass es sie gibt. Vielleicht lüge ich auch und habe sogar nach dem Fetzen Papier gesucht und ihn gefunden, aber nichts zwingt mich, das hier hinzuschreiben.

Ich frage mich natürlich, warum das Flugzeug so filigran war, und warum ich dachte, ein Büschel Haare auf dem Flügel genügte, um sich leichtenst in die Luft zu erheben. Dabei war es kein Kindertraum, keine Kindheitsidee. Als ich noch klein war, sah die Welt ganz anders aus, voller riesiger Dinge. Riesige Möbel, riesige Menschen, riesige Häuser, riesige Flugzeuge. Und alle Menschen hatten schrecklich lange Haare, so lange, dass man sich aus einem einzelnen Haar und den vier Beinen des Küchentisches eine Flechthütte basteln konnte.

Doch dann wuchs ich und wurde selbst größer, während die Dinge kleiner wurden. Irgendwann musste ich nicht mehr aufs Sofa klettern, sondern ließ mich einfach darauf nieder. Irgendwann schwebte die Türklinke nicht mehr hoch über meinem Kopf, sondern ließ sich mit der lässig ausgestreckten Hand hinunterdrücken. Sogar das Auto war irgendwann ein Ding, das auch ich steuern durfte, weil ich übers Lenkrad schauen konnte.

Nicht lange danach jedoch wurden die Dinge wieder größer, und zwar in Wirklichkeit. Die Häuser, die Flugzeuge, die Möbel – alles wurde immer größer und wird auch heute noch jeden Tag größer. Die Teller und Tassen im Gasthaus sind jetzt größer, die Jacken und Hosen sind größer, die Menschen selbst werden immer dicker und größer. So wie die Autos, die Fernsehapparate, die Katzen, die Turnschuhe, die Brillengestelle. Das ist der Kapitalismus, der muss ständig wachsen, sonst geht es ihm schlecht.

Für mich ist der Kapitalismus wie ein kleiner Hund, den du in dein Haus aufnimmst. Du fütterst den keinen süßen Kerl sorgfältig und liebevoll und er wächst und gedeiht, aber dann will er nicht mehr aufhören zu wachsen. Er wird größer und größer bis er das ganze Haus vom Keller bis unters Dach ausfüllt. So fest ist er da hinein gequetscht, dass da in keiner Spalte mehr Luft ist, kein leerer Winkel, kein heimlicher Hohlraum mehr übrig bleibt. Die Augen des Hundes drückt es aus den beiden Fenstern im ersten Stock, sie quellen aus den Fenstern und aus dem Kopf hinaus, dann explodiert der Hund. So ist der Kapitalismus. Er kann nicht aufhören zu wachsen, bis er explodiert. Das Haus ist danach natürlich kaputt.

Nur Haare, die müssten irgendwann aufhören zu wachsen. Weil sie nicht explodieren können. Sie sterben einfach und schweben ganz sanft auf die Erde.

Paulina Czienskowski: Haare

Bis alle Spuren beseitigt waren, vergingen Jahre. In jeder Öffnung, jedem Spalt, jeder Ritze, die sich in ihrer Wohnung befand, kam wieder und wieder irgendetwas zum Vorschein. Immer war da was, das sie mit dem Damals in Verbindung brachten. Und wenn es nur ein Haar war.

Dabei hatte genau das ja alles erst losgetreten. Haare. Nicht seine oder ihre, also nicht direkt. Es waren die eines fremden Menschen, die er in einer Truhe seiner Vergangenheit aufbewahrte und die sie heimlich durchwühlt hatte. Eine pechschwarze, dicke Strähne, die sie da entdeckte, an einem Ende mit der Flamme eines Feuerzeugs zusammengeschweißt.

Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sie sich im Kampf gegen ihre Neugier ergab und ihn dürstend fragte, wessen Strähne das sei. Zwischen Zeigefinger und Daumen hielt sie sie in die Höhe, wie das lang gesuchte Indiz in einem Mordfall, der nun endlich aufgeklärt werden würde.

Er zögerte keinen Moment, riss ihr die Haare aus der Hand. „Und wo bewahrst du die Strähnen von mir auf?“, fragte sie. Man hörte, wie sehr sie sich anstrengte, ruhig zu klingen. In ihrer Stimme doch ein Haufen Entrüstung, die sie nur schwer verbergen konnte. Er gab ihr keine Antwort darauf, sagte nur, ohne sie dabei anzusehen: „Es gibt Dinge, die will man für immer für sich behalten.“

Die Laute waberten im Zimmer umher und legten sich auf ihre Synapsen, ohne von dort wieder zu verschwinden. Es schellte in ihrem Kopf, laut. Dieser fiese Alarm begann sie, ohne Rücksicht und Ankündigung in den Wahnsinn zu treiben.

Für jeden Tag, den sie nebeneinander aufwachten, tat sie von nun an eins seiner Haare in ein Weckglas und fügte noch eines von sich hinzu. Der Beweis für sie und ihn, sagte sie sich im Stillen. Für ihre gemeinsame Zeit, die sie miteinander teilten, die – so wollte sie es glauben – nicht bloß ein Arrangement aus Kompromissen war, sondern voller Wahrhaftigkeit, das auch er eines Tages für genau so wertvoll empfinden würde, um es für immer für sich zu behalten.

Er bemerkte nichts davon. Dabei war es ja genau das, was sie wollte. Also stellte sie das Glas irgendwann neben das gemeinsame Bett, direkt auf den Nachtisch, so dass man es nicht mehr nicht entdecken konnte. Aber es blieb dabei. Er schien blind geworden.

Und so wanderte das Weckglas durch die Wohnung. Mal stand es im Wohnzimmer, deplatziert auf dem Boden, dass man drüber stolperte, wenn man nicht aufpasste. Mal im Regal auf Augenhöhe zwischen den frischen Handtüchern im Badezimmer. Keine Chance. Er sagte nichts.

Es war nachts, als sie, wie so häufig in dieser Zeit, wach lag. Wie von Dämonen getrieben, saß sie wie dann immer kerzengrade im Bett. Diesmal hielt sie es nicht mehr aus und stand auf.

Auf Zehenspitzen schleichend kam sie zurück zum Bett, in ihrer zitterigen Hand eine Schere. Da so mitten in der Dunkelheit, die nur durch das müde Licht einer Laterne unter dem Fenster gebrochen wurde, hockte sie nun neben ihm auf der Matratze und schnitt ihm zaghaft die Haarspitzen.

Sein störrisches Haar machte bei jedem Schnitt ein sattes Geräusch. Sie versuchte, die Schere so langsam auf und zu zu bewegen, dass das schleifende Hin und Her der Schneideblätter im seichten Brummen des Kühlschranks aus der Küche nebenan unterging.

Mit der rechten Hand schnitt sie ihm nun über Minuten Stück für Stück Millimeter seines Haars. Ihre andere Hand hielt sie währenddessen geöffnet, um jene Beweise aufzufangen. Damit fertig, befüllte sie das Glas behutsam mit den zarten Stoppeln.

Mit der Zeit wurde es voller und doch fiel ihm noch immer nichts auf. Auch nicht, dass seine Haare von Nacht zu Nacht kürzer wurden. Zumindest nach einigen Wochen hätte er sich doch mal wundern müssen, dachte sie, wieso sich seine Kopfbehaarung irgendwie zu verändern schien. Jeden Morgen, als sie aufwachten, blieb sie noch einen Moment länger liegen als er, um ihn durch den Spalt ihrer Augen heimlich zu beobachten.

Manchmal war sie sich sicher, dass er, das Laken glatt streichend, verräterische Haarreste, die nachts versehentlich durch ihre Finger geglitten waren, entdecken würde. Und doch: nicht eine Reaktion.

Also begann sie, das Gebiet auszuweiten und machte sich an seinen Bein- und Brusthaaren zu schaffen. Ganz anders als auf seinem Kopf waren diese lockig. Es war gar nicht leicht, diese krausen Fäden mit der Schere zu erwischen. Viel mühseliger, weil nicht so ergiebig – immerhin war die Körperbehaarung deutlich spärlicher als die auf seinem Schädel. Und doch war es jedes Mal genug für eine nächtliche Beute, was sie da erwischte.

Als die übrig gebliebenen Stoppeln zu kurz für die Schere wurden, kam der Nassrasierer. Mit Akribie zog sie die Klingen jede Nacht über seine Haut, von der die obersten Schichten von Zeit zu Zeit mit runterkamen. Es grenzte fast an ein Wunder, dass er auch davon nicht aufwachte und tagsüber kein Wort über seine wund geschälte Haut verlor.

Manchmal stellte sie sich vor, wie man ihn nachts schreien hören würde. Sah ihn zusammengekauert und verkrampft vor Angst auf der äußerten Bettkante hocken, seinen nackten, blutig rasierten Körper balancierend, bis auf die Unterhose alles frei, dann

rückwärts auf den Boden fallend wie geschossenes Wild. Wie er ihr bettelnd entgegen schrie, wie sehr er sie doch liebe.

Doch da war nichts. Auch nicht als sie ihm den Kopf kahl rasierte, die Augenbrauen gleich mit. Ein letztes Aufbäumen, bevor sie endgültig sein konnte. Dachte sie. Nichts. Bloß wortloses Nebeneinander auch danach.

Es kam der Moment, in dem sie mit den gerade gewechselten Klingen abrutschte und ihm ins Beinfleisch schnitt. Sie erschrak, ein kleines bisschen jedenfalls, erstarrte für einige Sekunden. Als er noch immer keine Regung zeigte, leuchtete sie mit einer Taschenlampe auf die Stelle.

Da quoll das Blut aus den feinen Schlitzen. Sie tupfte und tupfte, dass ja kein Blut auf das Laken ging. Vielleicht lag es an seinem beruhigten Gemüt in der Nacht, dass der Fluss nicht lange brauchte, um aufzuhören. So konnte sie schon kurz darauf seelenruhig weiter an seinem Bein umher schaben.

Eines nachts, sie hatte ja längst nicht mehr damit gerechnet, war es endlich so weit: Er fragte sie tatsächlich, was sie da mache. Gerade als sie das Glas geschlossen und neben sich auf den Nachttisch gestellt hatte, hörte sie ihn, als er räuspernd diese Frage stellte.

Nachdem er sich wiederholt hatte, sie hatte ihn darum gebeten, so getan, als hätte sie seine Worte nicht richtig verstanden, um es in ihren Ohren regelrecht zelebrieren zu können, antwortete sie bloß einsilbig, „manches will man für immer für sich behalten“.

Dann ging sie ins Badezimmer, um ihre Utensilien wie gewöhnlich zu verstauen. Sie setzte sich auf den Rand der Badewanne und wartete einen Moment. Doch was passierte, war wieder bloß nichts. Als sie wenige Minuten später zurück ins Bett kam, schlief er.

Bis der Wecker klingelte, lag sie mit offenen Augen neben ihm, ihr Blick starr gegen die Decke gerichtet. In etwa so vergingen Tage und Monate, in denen sie mit leeren Augen in der Gegend umhersah, irgendwann auch durch ihn hindurch. Tage und Monate, in denen sich weiter nichts ereignete.

Das Weckglas hatte sich längst auch in ihre Sehgewohnheit gefräst. So stand es seither unberührt auf einem kleinen Tischchen im Flur zwischen Briefen, Quittungen, Büchern, ausrangiert. Krams halt, den beide beim Eintreten in die Wohnung gewissermaßen achtlos dort ablegten.

Immer wieder lichtete sich so der Haufen, um sich dann wieder fast unbemerkt zu füllen und so weiter. Ebbe und Flut. Behutsame Stille bei Flut. Rums machte es jedes Mal im Mülleimer, wenn auf dem Tischchen Ebbe eintraf. Das Glas blieb immer.

Ruhiger, immer ruhiger wurde es. War es Taubheit, die sich ausgebreitet hatte? Jedenfalls konnte sie wieder schlafen. Sie hatte aufgegeben.

Und dann wuchs in ihr doch irgendwann wieder die immer größere Sehnsucht nach Aufmerksamkeit – im Stillen. Wieder da diese Unruhe, der bekloppte Mechanismus, der sie mit der Zeit erneut bis ans Äußerste trieb. Eines nachts, fast im Wahn, als sie wieder den Rasierer ansetzte.

Der nächste Morgen. Beide kahl geschoren, schauten sie einander endlich wieder an. Ihre und seine Haare in einem Bündel hatte er auf den Tisch zwischen ihnen gelegt, an dem Ende mit der Flamme eines Feuerzeugs zusammengeschweißt.

Juliane Kling: Mit Opa beim Friseur

Mein Großvater ist ein sehr galanter Mann. Obwohl er erst seit Kurzem auf seinen Gehstock verzichten darf, zögert er niemals, einer älteren Dame in der Straßenbahn seinen Sitzplatz anzubieten. Wenn wir gemeinsam durch die Innenstadt flanieren, und ja, bei meinem Opa muss man ganz grundsätzlich von einem Flanieren sprechen, tippt er sich bei jeder Begegnung mit einem Freund oder einer früheren Bekanntschaft lächelnd an den Hut. Mein Opa ist kein Mann großer Worte, außer er hat in leutseliger Runde ein Glas trockenen Rotwein zu viel getrunken, doch selbst in diesem Fall behält er stets die Contenance. Ich kann mich an keinen Moment in meinem Leben erinnern, in dem sich mein Großvater einem anderen Menschen gegenüber unhöflich oder gar rücksichtslos verhalten hat. Man könnte nun misstrauisch anmerken, dass dieser ausgesuchten Liebenswürdigkeit ein möglicherweise opportunistisches Kalkül zugrunde liegen könnte, aber die Zuvorkommenheit meines Opas entbehrt jeder strategischen Zweckmäßigkeit. Im Gegenteil, sie ist ein geradezu unabdingbarer Teil seiner Persönlichkeit ebenso wie der beharrlich lichter werdende, perfekt gelegte Seitenscheitel unter seinem Hut. Seit ich meinen Großvater kenne, und das sind immerhin einunddreißig Jahre, hat sich sein Haarschnitt bis auf meine kaum nennenswerten Versuche, ihn mit Technozöpfen und grellbunten Seepferdchenspangen aufzuwerten, kein bisschen verändert. Denn falls es nicht gerade um Handys oder Smartphones geht, von denen er inzwischen fünf besitzt und bei jedem neuen Gerät ein wenig leiser ins Telefon donnert, dass hier der Opa aus Kassel spricht, mag mein Opa keine Veränderungen. Ich glaube, das habe ich von ihm. Wir mögen es, wenn wir uns auf Dinge verlassen können. Auf die Straßenbahn zum Beispiel oder den guten Merlot von Edeka. Oder auf die Friseurin meiner verstorbenen Oma, bei der Opa sofort einen Termin für mich ausgemacht hat, als ich ihn angerufen habe und gesagt habe, Opa, es brennt. Im Kopf und im Herzen und wir müssen ganz schnell irgendetwas dagegen tun. Mein Großvater hat nicht lange gefackelt, hat sich in die Straßenbahn gesetzt und der Friseurin von seinem Enkelkind erzählt, das Veränderungen hasst und trotzdem eine haben will. Selbstverständlich war er so respektvoll, keine Gründe für meinen plötzlichen Wagemut zu nennen. Selbstverständlich war er so aufmerksam, meine grimmige Antwort auf die Frage der Friseurin, ob ich vielleicht Strähnchen haben wolle, nicht wahrheitsgetreu an sie weiterzutragen. Als ich mich später noch einmal vorsichtig erkundigt habe, wie er und die Friseurin nun miteinander verblieben seien, meinte mein Opa, dass er gleich zum Salon aufbrechen werde, damit ich auf seinem Handy mit der Friseurin telefonieren könne, denn er habe festgestellt, dass die Damen im Laden viel zu selten ans Telefon gingen und unter diesen Umständen würde ich meine Wünsche niemals anständig vorbringen können. Wie ich bereits sagte, er ist sehr zuvorkommend. Nichtsdestotrotz sah ich mich gezwungen, ihm diesen hilfsbereiten, aber völlig absurden Plan lauthals auszureden, da ich ohnehin schon die Vermutung hatte, dass die Friseurin mich für eine depressive Sechzehnjährige hielt. Schlussendlich sind wir zwei Tage vor dem Termin gemeinsam hingefahren, ich habe meine Haare gezeigt und die Sache mit der Friseurin persönlich geklärt. Schlussendlich sitze ich jetzt hier im Friseursalon und starre aus einem riesigen schwarzen Wella-Umhang in mein müdes, blasses Gesicht. Es ist noch früh am Morgen und ich bin mit der Friseurin allein im Laden. Mein Großvater wird mich in ein paar Stunden abholen kommen, um die Rechnung zu begleichen und mich anschließend zum Mittagstisch im Rathaus einzuladen. Natürlich tut er das, denn wenn mein Opa etwas macht, dann macht er es hundertprozentig. Die Friseurin hat meine langen dunklen Locken so stark ausgekämmt, dass sie weit und schwer über meiner Brust liegen. Wir gucken uns im Spiegel an. Sie fragt, wieviel sie vor der Blondierung noch abschneiden soll, und ich zeige ziellos auf meine Schultern. Wirklich so viel?, hakt sie nach, und ich antworte eine Spur zu nachdrücklich, dass es ja bloß Haare sind, obwohl wir beide ahnen, dass es nicht bloß Haare sind. Sie hat nur einen Blick auf mich werfen müssen, um zu wissen, dass ich keine depressive Sechzehnjährige bin. Sie hat meine Augen und die tiefen Ringe darunter gesehen und gewusst, was zu tun ist. Die Friseurin hebt die Schere in die Luft und schaut mich aufmunternd an. Bist du bereit? Ich nicke tapfer und sie setzt den ersten Schnitt. Dein Opa ist ein großartiger Mann, schwärmt sie, während ihre Hände emsig meinen Kopf bearbeiten. Wie galant und aufmerksam er mit deiner Oma umgegangen ist, wenn die beiden zusammen hier waren. Das ganze Team war hingerissen. Sie waren ein wundervolles Paar. Es muss furchtbar sein, einem Menschen, den man so bedingungslos liebt, für immer Lebewohl sagen zu müssen. Sie hält kurz inne und blickt zu mir in den Spiegel. Das ist es, erwidere ich und schließe die Augen, um meine Haare nicht fallen zu sehen.

Verena Schmidt: HAARE

In einem Benimmregelwerk aus dem Jahre 1954 folgt in alphabetischer Reihenfolge gleich auf den Buchstaben G. wie „Gruß unter geschiedenen Eheleuten und deren Angehörigen“ der Buchstabe H.wie „Haare ordnen“ (Chiffre) siehe Make Up, beginnend mit der Dame, die Lippenstift, Puder und andere Schönheitsmittel an bestimmten Orten, oder zu bestimmten Gelegenheiten tunlichst zu unterlassen, oder tunlichst zu tun hat.

Es steht eindeutig geschrieben: „Wenn Sie das Bedürfnis haben, ihr Erscheinungsbild wieder zurecht zu machen, dann zücken Sie nicht vor  allen Leuten – etwa im Restaurant – Ihren Taschenspiegel, um dann mit Lippenstift, Puder oder Ähnlichem nachzuhelfen.
Chiffre Entschuldigen Sie sich und ziehen Sie sich in den Chiffre Waschraum zurück.

Dasselbe gilt für das Ordnen Ihrer Haare. Sie dürfen sich niemals bei Tisch kämmen und sollten es sogar vermeiden mit Ihren Händen den Sitz Ihres Haares zu prüfen.

Selbstverständlich müssen sich auch Herren zurückziehen, wenn sie an ihrer Frisur oder an ihrer Krawatte etwas richten wollen.Chriffre siehe Toilettefehler.

Gleich folgend die Regeln zu dem Buchstaben

M:
-Mandarinen Chiffre siehe Obst
-Marillen Chriffre siehe Obst
-Marmelade Chriffe siehe Butter, Honig, Senf

Womit nun meinerseits auch genügend Senf zum Thema Haare abgegeben wurde.

Benjamin Weissinger: Magie

Wahrscheinlich keine neue Idee, aber mir behagt gerade sehr die Vorstellung einer Kleinkunstbühne, auf der ein Hobbyzauberer (evtl Elias Hauck oder Paula Irmschler) steht, die/der das relativ spärliche Publikum fragt, ob jemand zufällig einen 50- oder 100-Euro-Schein habe, er wolle einen Trick machen. Daraufhin etwas Bewegung, Murmeln. Ein Vorwitziger ruft: „aber nicht verschwinden lassen.“ Ein paar Lacher, auch der Zauberer lächelt. „Nun?“

„Na gut“, sagt jemand aufstehend und zieht sein Portemonaie. „Oh, ich fürchte, ich habe keinen. Nur einen Zwanziger, geht das auch?“

„Mnee, oder sonst geht auch die Kreditkarte.“

„Wie, die Kreditkarte“

„Ja, ich mach dann was mit der Kreditkarte“

„Hä? Nee, das wird mir jetzt ein bisschen zu komisch“

“ 😐 „

Theobald O.J. Fuchs: Magie

Wir fahren alle Schritt, Kinder winken freundlichen Fahrern zu, freundliche Fahrer lächeln, die Sonne scheint, alle haben Lust auf ein Eis.
Zauberhafte Raststättenwelt. Vier Euro für einen Espresso sind nicht zu viel verlangt, in der Kapelle kann man so herrlich zur Ruhe kommen. Gymnastik ist wichtig, keine Minute davon ist vergeudete Zeit.
Die schöne Plastikrutsche, voll bunt, toll für die Kinder. Schade dass sie nicht ins Auto passt.
Niemand ist zu laut, niemand zu schnell, wir stehen gerne an, hier ist auch kein Bargeld notwendig. Hier macht das Leben eine Pause, legt sogar die Hektik die Füße hoch. Wir alle machen jetzt eine schöne Pause.
Ein schwarzer Opa macht die Klos sauber, er hat das große Los gezogen, global gesehen. Ich krieg einen exklusiven Sanifair-Bon, mit dem ich tolle Angebote kaufen kann. Die gibt’s nur hier, exklusiv für uns, die Pisser, die beim Pissen Werbung auf einem kleinen Monitor über der Pissmuschel schauen dürfen, alles wohlverdient. Nur 70 Cent fürs Pissen, davon bekomme ich sogar 50 wieder zurück, geil!
Ein Teller Nudeln, ein kleines Bier für die Großen, für das Kind ein Deutschlandtier aus Stoff.
Alle sind glücklich, auch die Menschen, die hier arbeiten dürfen, weil strukturschwache Gegend. Nur Windräder außen ringsherum, und als extra Plus dürfen die Angestellten auf einem Waldweg zur Raststätte fahren. Einfach rein, Unbefugte verboten. Was für ein Privileg!
Deswegen lächeln sie alle und sind hellwach beim Bedienen, beim Mich-bedienen, früh um halb vier neben der Autobahn. Davon haben sie früher alle geträumt und jetzt ist es wahr geworden.
So wie wenn die Fee wem einen Wunsch erfüllt. Irgendwie magisch und so.

Daphne Elfenbein: Das Dachzimmer

Chimäre der Chimären
Alles ist Chimäre
(Salvador Dali)

Vielleicht ist heute wirklich der vierte September, wie sie im Radio behaupten. Es ist Sonntag. Ein weiterer Tag wäre überflüssig. Im Rundfunk: Meinung und Bericht. Ich sitze im Dachzimmer, verschränke die Hände am Hinterkopf, überdenke alles. Von der Wohnküche im Erdgeschoss tönt Murmeln herauf, der sonntägliche Frühstückstisch, Kinderstimmen, Porzellan, Mundwerke wie Wasserläufe, selbst noch im Schlaf… 

Unten auf der Straße ein Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit, sodass die Fensterscheiben scheppern. Ich blättere im großen Buch, das seit Generationen unverrückbar auf demselben Tisch liegt, in demselben Dachzimmer, das meine Oma schon als junges Mädchen bewohnt hatte, und lese: 

E i n L a s t w a g e n d o n n e r t e d u r c h i h r H e r z ,
d a s z u c k e n d a u f d e r W a a g e l a g . . .  

Ich kippe den Stuhl, auf dem ich sitze, ein wenig und klemme die Knie unter die Tischkante, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Es gelingt mir, dabei die Hände nicht vom Kopf nehmen zu müssen. Zufällig starre ich auf das große zerspleißte Loch, umringt von zahllosen kleinen, scharf umrissenen Löchern in den himmelblauen Holzpaneelen über dem Kopfende des Bettes und… 

…betrat einen eng umschlossenen Raum, voll von Mosaiken, Kreuzen, Schnörkeln, unter türkis emaillierten Türmen und goldenen Kuppeln. Es gab keine Fenster. Die Mauern verschwanden hinter den Bildern. Durch ein Auge in der mosaizierten Kuppel fiel ein Strahlenbündel von Licht ins dämmrige Innere. Menschen in langen Gewändern standen dicht an dicht und wiegten sich zu monotonen Gesängen, die aus Lautsprechern drangen. Ein schwerer Teppich mit eingewebten Bildern teilte die Apsis vom runden Kirchenraum, das Allerheiligste zu verbergen. Was war das Allerheiligste? Als ein Messdiener den Vorhang durchschritt, erhaschte ich einen Blick auf die wächserne Leiche Christi in einem gläsernen Sarg. Ich zuckte zusammen und sah zur Decke, als der Messdiener mich strafend anblickte. Ich wich seinem Blick aus, doch aus der Kuppel starrte, puppenhaft und strafend, Madonna mit dem Kind auf mich herab. 

Ein süßlicher Geruch entschärfte nun meinen Verstand. Die Gesichter der Ikonen begannen ihr heimtückisches Minenspiel im flackernden Licht zahlloser Kerzen. Der Schweißgeruch der Anwesenden erschien mir plötzlich als etwas magisches, das ich aufsog wie auch den allgegenwärtigen schleppenden Gesang. Er drang mir ins Mark und trieb einen Keil zwischen Skepsis und Seele. Die Pflanzenornamente an den Wänden streckten ihre Schlangenarme aus, dickflüssig rann mir das dunkle Karmesin und Preußischblau durch den halbgeöffneten Mund die Kehle hinab. Durchströmt von wohligem Gefangensein sah ich zur Kuppel, die golden glänzte, und durch eine winzige Öffnung darin drang ein Lichtstrahl, die einzige  Verbindung nach draußen. Diese Welt da draußen, Geschüttelt von gepresstem Lachen und Weinen begann ich, mich mit den anderen zu wiegen im Rhythmus des kehligen Singsangs in einer holprigen, alles verheißenden Sprache. Ich hörte einzelne Stimmen heraus, die sich teilten, vereinten und wieder teilten… Melodiefetzen traten hervor, zunächst als fremdartige Nebengeräusche, die sich störend in den Chor mischten. Jede Stimme bekam einen Begleiter, eine Spiegelung, eine Umkehrung, ein Echo, einen Kommentator, Einflüsterer, Saboteur… 

Mir wurde heiß. Der Raum dehnte sich aus, wenn ich den Atem einsog, fiel in sich zusammen, wenn ich den Atem ausstieß, die Stimmen verlangsamten sich mit dem Atem, der Atem verlangsamte sich mit den Stimmen, teilten sich in weitere Einzelstimmen, waren nicht mehr Melodie, nur noch ein Gewirr von kreatürlichem Wimmern, Greinen, Seufzen, gestammelten Gebeten, sie teilten sich erneut, es kamen hinzu, viel lauter noch, Blöken, Gemecker, wiederhallendes Krächzen, Gackern, Brüllen. Motoren beschleunigten ihre Drehzahl, Sirenen gellten durch riesige Räume, Glockengeläut, ein fahrender Zug… 

Ich presste vergeblich die Hände auf Augen und Ohren, zerrissen vom Chaos prasselnder Feuer, stürzender Fluten, brechender Erdmassen, Sturmgebrüll. Ich spürte heftigen Hunger, Angst, ein bebendes Verlangen. Ich sah mich die Arme heben und etwas rufen. Die Lautsprecher verstummten und ich sah in das runzlige Gesicht des Priesters, der vor mir stehen geblieben war und mich aus leeren Augen anstarrte. 

Vielleicht ist heute wirklich der vierte September, wie sie im Radio behaupten. Jedenfalls schalte ich das Gerät endlich ab und wende ein weiteres Blatt in meinem Buch: 

Es erscheint eine geografische Karte Italiens, daneben eine Sanduhr. Sie hat einen Sprung, weil sie einmal meinen Händen entglitten und auf den Boden aufgeschlagen ist. Die Zeit rinnt in feuchten Klumpen durch den Sprung im Glas. Stellenweise bleibt das schwere Pendel stehen. Es stinkt nach Aas, obwohl ich weiß, das Tier ist nie ganz tot zu kriegen. Denn meine Hände umklammern noch immer seinen zuckenden Hals. Über dem Arno geht die Sonne auf, ein roter Luftballon mit Lunge und Herz über der Ponte Alle Grazie. Florenz! Die Häuserzeilen an den Uferpromenaden sind in eisiges Rosa gespannt. Weiter südlich, in Apulien, plätschert das Meer ums schläfrige dürre Land. 

In unserem Dorf läuten die Kirchenglocken. Von Fern ein Martinshorn. Ich sitze im Dachzimmer und sehe aus dem Fenster. Septembersonne übergießt Garten, Straße und Dächer mit fahlem, gleichgültigem Licht. Die Familie im Haus gegenüber ist jetzt erwacht. Ich sehe sie rennen zwischen Haus und Garten, Garten und Straße. „Die Haustür schlägt zu, wieder und wieder mit demselben Quietschen, das mit einem hohen Ton beginnt und in einem tiefen Ton endet. Vielmehr mündet das abschüssige Quietschen der Tür unserer Nachbarn im rhythmisch wiederkehrenden Paukenschlag des heftig ins Schloss fallenden Flügels, dessen Klinke wieder und wieder achtlos losgelassen wird von einem gehetzten Wesen.“ Sie rennen… wie jeden Tag rennen sie, zwischen Haus und Garten, Garten und Straße, sie tragen schwere Gegenstände, schleppen sie von da nach dort, Pakete, Bilder, Waffen, oft kurz vor dem Zusammenbrechen unter der Last, die größer ist, als ihr Körper. Die Jungen werfen Uhren in die Luft und schießen sie ab. Die Mädchen öffnen zum werweißwievielten mal den Taubenschlag. Für Sekunden entsteht aufgescheuchtes Flattern. Der Himmel verdunkelt sich. Der Großvater gräbt das werweißwievielte Loch im Garten. Die Mutter zerschlägt Porzellan. Wie so oft schmettert Teller um Teller auf die Steinfliesen des Küchenbodens, stößt Flüche aus mit schriller, sich überschlagender Stimme. Neue Pakete werden gebracht, werden durchs Treppenhaus geschleppt und ausgepackt. Ich seh`s von meinem Dachzimmer. Durch alle Fenster hindurch seh ich sie rennen, wie wahnsinnig rennen sie, bis sie umfallen vor Erschöpfung, bis sie einschlafen vor Erschöpfung, hinsinken auf den Boden ihrer Kinderzimmer, ein von Scherben und Stunden übersätes Feld. 

Ein roter Luftballon entsteigt nun dem Horizont meines Buches. Als habe er auf diesen Augenblick gewartet. Ein Luftballon mit Herz und Atmung, ein zynischer Parasit, selbstherrlich grinsend pendelt er durchs geöffnete Fenster hinaus und nähert sich den spielenden Nachbarkindern, denen sein lustiges Schaukeln gefällt. Sie zeigen und rufen: „Seht! Ein roter Luftballon!“ Er ruft zurück: „Bin ein weißes Riesenpferd, bin eine grüne Wolke. Kommt und seht wie ich euch atme.“ 

Und wir machen sich auf aus unseren Kinderzimmern, noch ehe wir ihn angefasst haben. Aus meinem Dachzimmer beobachte ich, wie wir unsere Spielsachen zusammenraffen, wie die Sanduhr einen weiteren Sprung erhält, die Sekunden auf den Tisch rinnen und von dort wie ein überfließender Brunnen auf den Boden, wie angeleimt sitze ich da und sehe diesem schrecklichen Schauspiel zu und lese: 

„ D i e S t r a ß e n i n z w i s c h e n v o l l v o n F l ü c h t l i n g e n . . . “ 

Und eine Seite weiter 

„ . . . g e l a n g t m a n i n d i e t i e f e r e n S c h i c h t e n d e s S e l b s t ,
w i e w e n n m a n e i n e Z w i e b e l h ä u t e t . . . “ 

Und eine Seite weiter: 

„ B i s z u m w e i ß e n r a d i u m h a l t i g e n K e r n “ 

Ich muss aufhören, denn ein künstliches Tränenpaar schießt mir in die Augen. 

Plötzlich scharfes Pferdegetrappel. Ich fahre hoch und stehe am Fenster. Ein rasender Galopp, wie aus den Wolken, auch spüre ich den Lufthauch der heranrollenden Wellen am Ufer, wenn ein Schiff vorüberfährt, doch die Wolkenseen am Himmel sind glatt wie zuvor und ich lese: 

„ V o n d e r W a h r h e i t s c h o n i m m e r w o r t r e i c h v e r s c h o n t g e b l i e b e n “

. Unten in der Wohnküche spielt jemand Cello. 

Es muss lange vor dem Einschlagen der Granatsplitter und MP-Kugeln in die hellblauen Holzpaneelen am Kopfende des Bettes gewesen sein. Oma hatte sich immer gegen Vorschläge gewehrt, den Schaden auszubessern, obgleich die hellblaue Farbe inzwischen aufs Kopfkissen blättert. Jedenfalls sitze ich im Dachzimmer, seit Generationen sitze ich da an Omas abgeschabtem Tisch, verschränke die Hände am Hinterkopf, überdenke alles. Von der Wohnküche im Erdgeschoss dringt Gemurmel zu mir herauf. Alltägliches Wortgeplänkel um Essen, Trinken Geburtstagsfeste und die Müllabfuhr, eintönig wie das Zirpen und Schaben die Zikaden im Olivenhain bei Massa Marittima, von wo aus man das Meer sieht im Mittagsdunst … gelegentlich von klapperndem Porzellan unterbrochen, dem Aufdrehen eines Wasserhahns, ohne Bedeutung. Jemand streicht die Saiten eines Cellos, ohne Bedeutung, irgendeine Melodie, mit Schlafpausen und Höhepunkten ist euer Murmeln monotoner Chor zur Begleitung meines Spiels… 

Das weiße Riesenpferd prescht wolkenstiebend durchs geöffnete Fenster herein. Ich springe auf, strecke ihm, „endlich! Endlich!“ rufend, die Arme entgegen, schon fasst meine rechte Hand die warmen Nüstern, da löst es sich auf. Der Himmel strahlt gleichgültig und hinter den Dächern steigt die Sonne bergab, begeistert über sich selbst. Lange stehe ich noch und starre, die Arme ausgestreckt. Dann verlasse ich langsam und zerstreut das Dachzimmer, stehe im Flur und hoffe: 

„ V i e l l e i c h t l ä s s t e s s i c h l e u g n e n “ 

Doch irgendwann mussten sie mich entdecken. Und nun scheint es so weit zu sein. Sie treten zu mehreren an mich heran, umringen mich im Kreis und zeigen mit Fingern auf mich, eine einzige Frage in ihren streng blickenden Augen. Sekundenlang herrscht klirrendes Schweigen, sekundenlang. Ich sehe errötend zu Boden und murmle einen Satz aus meinem Buch: 

„ D i e S y m p a t h i e , d i e i c h i h n e n e n t g e g e n b r a c h t e , w a r s t e t s v e r f r ü h t “ 

…und zucke zusammen, als sie dasselbe spiegelbildlich wiederholen: 

„ T h ü r f r e v s t e t s r a w , e t c h a r b n e g e g t n e c h u e c h i e i d , e i h t a p m y s e i d “

Ich schlage die Tür zu und stehe wieder im Dachzimmer, heftig atmend, nicht wissend, woran mein Blick sich festhalten soll. Durchs geöffnete Fenster dringt der säuerliche Geruch faulender Äpfel und über den Dächern liegt schon ein rötlicher Schimmer. Es ist nicht aufzuhalten. Ich beuge mich über das große Buch, presse die Lippen zusammen, schließe die Augen: 

„ D i e S t r a ß e n n o c h i m m e r v o l l v o n F l ü c h t l i n g e n , K a m p f f l i e g e r ü b e r z i t t e r n d e n H ä u s e r n . S i r e n e n a l a r m . K i r c h e n g l o c k e n . M P – S a l v e n , s p l i t t e r n d e F e n s t e r , D e t o n a t i o n e n , S c h r e i e , F e u e r , e i n r e g e n n a s s e r S t r a ß e n g r a b e n , e i n e S c h w a n g e r e , e r s c h l a g e n , e i n V a t e r , s e i n e n S o h n e r s c h i e ß e n d , e i n v e r z e r r t e s G e s i c h t , Z ü g e v o n G e f a n g e n e n , V e r w u n d e t e n , S i e g e r n , d i e S a n d u h r , u n e r s c h ö p f l i c h r i e s e l n d , t r o t z S p r ü n g e n . . . “ 

Ich hole den schwarzen Mantel aus dem Schrank für den Kirchgang wie gewohnt. Mein Verhängnis ist, dass ich mich nicht entschließen kann zu gehen, denn was jetzt im Fensterausschnitt meines Buches passiert… 

Eure Stimmen aus der Wohnküche im ersten Stock sind nicht mehr zu hören. Sie sind da, ich weiß es, doch sie dringen nicht mehr an mein Ohr. Also schließe ich die Vorhänge, leis, um niemand zu stören, öffne die Schublade unter dem Buch und schraube den Schalldämpfer auf den kurzen Lauf. Schwer liegt die Waffe in meiner feuchten Hand. Ich rieche das Metall und trete auf den Flur. Da stehen sie noch immer im Kreis wie die Soldaten, so stehen sie, tragen lange schwarze Mäntel, alle dieselben, sie tragen dieselben Kleider, sitzen immer zusammen am Küchentisch, trinken dieselben Getränke, sagen dieselben Sätze, denken die gleichen Gedanken, tragen dieselben Gesichter, mein Gesicht tragen sie, und jetzt stehen ihnen Schweißperlen auf den Stirnen. Ich schlucke, sie schlucken auch. Ein schreckliches brandendes Vakuum verschließt mein Gehör. Das Dachzimmer verliert seine Bedeutung. Mitten ins Nichts hinein ächzt etwas. Ein Knacken, Springen und Splittern. Die Fremden verlieren ihre Gesichter in spinnenartigen Sprüngen, die von einem Loch in der Mitte ausgehen. Arme senken sich, mein Arm sinkt. Ein schwerer Gegenstand schlägt zu Boden, rutscht über die Dielen, bleibt liegen. Die Holzplanken des Dachzimmers legen sich an meinen Rücken, grade, kühl, hart und schweigend… 

Wassertropfen fallen stetig, fallen ins Emailwaschbecken, rollen über die Spiegelscherben, tropfen… über Jahre hinweg noch das Klirren nach dem Schuss, ein Echo, weiß und kalt, das nie verhallt, auch das Ticken einer Uhr, bis in den Tod, der die Zeit zurücklässt, auch wenn der Staub niedersinkt am Abend des vierten September, von schräg einfallendem Licht sichtbar gemacht. Die Sonne geht unter. Die Sonne geht auf, dümpelt über den Himmelsspiegel, die beiden Apfelbäume im Fensterausschnitt werfen ihre Blätter ab, biegen sich im Novembersturm, ächzen unter der Last des Eisregens, tagen glitzernde Schneehauben, richtet sich wieder auf und sprießen. Bald biegen sie sich wieder unter der Last der Früchte. Es wird wieder Herbst im Fenster. Dürre Blätter und Blüten segeln abwechselnd durch die gerahmte Öffnung auf die Holzdielen, häufen sich dort Jahr um Jahr. Oft blähen sich die Vorhänge. Der Stoff schleift an der Wand, oft neigen sich die beiden Baumkronen herein, das Blühen, Reifen und Faulen der Äpfel Jahr für Jahr, auch die Gerüche kehren wieder, Gras, Fäulnis, Schnee, oder ist es der Gestank des Gerippes, das sich sauber und weiß aus dem gasenden Fleisch schält, entlaubt und hölzern wie der Dielenboden, der jetzt unter einer fingerdicken Schicht von Staub und Laub liegt. Die Waffe liegt noch, wo sie hingefallen ist, halb verdeckt. Draußen starren jetzt die Gerippe zweier Bäume. Im Frühjahr des nächsten Augenblicks verschwinden auch sie vor dem wechselnden Himmel, rasend schnell sinken sie in sich zusammen unter dem Kreischen einer Motorsäge und unten aus der Wohnküche dringt wieder euer Murmeln durchs Treppenhaus zu mir ins Dachzimmer herauf. Die sonntägliche Tischrunde, ein Zirpen und Schaben, gelegentlich von klapperndem Porzellan unterbrochen oder dem Aufdrehen eines Wasserhahns, endlos wie eine Pumpe, selbst noch im Schlaf…

Theobald O.J. Fuchs: Ekstase

Wir standen unter dem großen Thermometer, das einer Siegessäule gleichend wie in jeder anderen Stadt auf der Erde mitten auf dem Marktplatz errichtet war.
Ein Raunen ging durch die Menge, als der Bürgermeister endlich anfing, rückwärts zu
zählen. Die Menschen hatten stundenlang, tagelang geduldig in der schattenlosen Hitze ausgeharrt, splitternackt, schweißüberströmt, Tücher und Schirme über die Köpfe haltend.
»Zehn, neun, acht«, klirrte die Stimme aus dem blechernen Trichter.
Die Spannung wurde unerträglich, der Menschengestank gerann zu Flocken wie Milch wenn du Zitronensaft hinein tropfst. Sogar die Mücken, die wie eine graue Wolke über dem Platz schwebten, schienen den Atem anzuhalten.
»Drei, zwei, eins…«
Dann war es soweit. Die rote Flüssigkeit, die in dem gläsernen Zylinder mehrere
Stockwerke hoch stand, fing an zu flimmern.
Die obere Kante, die auf der Skala bis zur 55-Gradmarke reichte, wackelte. Dann sank zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Temperatur.
Der Trick, den sich die Wissenschaftler in letzter Sekunde ausgedacht hatten, funktionierte: die Welt war gerettet.
Wir brüllen und tanzten, schrien, lachten, sprangen und weinten.
Freude grenzenlos, Ekstase total.
Nach einer Viertelstunde sagte dann der erste: »Mir wird’s langsam zu kalt.«

Andreas Lugauer: Schme(c)kstase

Schme(c)kstase – erstaunlich, dass uns die Lebensmittelreklame noch nicht mit diesem Begriff traktiert hat. Wie man es auch in die Internetsuchmaschine eingibt – ob mit k oder mit ck 

–, es werden keinerlei Treffer angezeigt. Dabei wäre es ein so schönes Kofferwort, beziehungsweise, wie sich die Werbedeppen frech bei der Linguistik abgeschaut haben: ein so schönes Portmanteau aus »schmeck« und »Ekstase«. Wie zielgruppenpassgenau könnte man der Multiplexkinogesellschaft entgegenjodeln:

»Schme(c)kstase – schlemm’ Dich in Verzückung!«,

oder schamlos nicht nur vorne, sondern auch hinten den religiösen Ausnahmezustand zitierend schalmeien:

»Schme(c)kstase – die Geschmacksoffenbarung!«,

oder die Leute auf die übliche Tour granatendumm bombardieren mit:

»Schme(c)kstase – erlebe die Schme(c)ksplosion auf der Zunge!«

Wobei es, die Internetsuchmaschine präsentiert es stolz, die »Schmecksplosion« leider schon gibt oder gab oder was, wenngleich nur als Kinderkochsendung im Kinderkanal KiKA. Anders als die Schme(c)kstase wäre die Schmecksplosion für Lebensmittelreklame jedoch auch kaum empfehlenswert, assoziiert doch die eine oder andere womöglich mit Explosionen im Mundraum gleich Mord-, wo nicht Terroranschläge; was der Armen nicht einmal bewusst sein müsste, sie dennoch zum Konkurrenzprodukt greifen ließe.

Dass es die Schme(c)kstase noch nicht gibt, es ist eigentlich ein kleiner Grund zur Freude. Denn womit werden einigermaßen empfindsame Gemüter von der Reklameindustrie nicht alles gemartert: Zu den Verursachern neuerlicher Höhe- beziehungsweise Tiefpunkte zählen die Berliner Umweltinitiative »Trenntstadt Berlin« und der Eisteefabrikant Lipton.

Die Initiative »Trenntstadt Berlin« kümmert sich um, das heißt, richtiger: wirbt für Mülltrennung und warf dafür die Aufforderung »trennt« sowie die ganze »Trendstadt Berlin« in den Müllverbrennungsofen, um aus dem lavazähen Gewalke ganz unten die Verschmelzschmarrung »Trenntstadt Berlin« herauszuharkeln. Man möchte, mit einer solchen Spottgeburt von Wortupcycelung konfrontiert, sofort im Garten zum Fleiß seinen Stapel alter Autoreifen verbrennen oder – dem Internetmeme »Throwing Your Old Car Batteries into the Ocean« folgend – seine alten Autobatterien ins Meer schmeißen.

Jetzt mag eins einwenden und erwidern und einwerfeln: »Jamei, dann ist das halt ein gewollt-gewitzigter Name – aber die Kampagne als solche ist doch prima, also was soll’s!« Woraufhin man dann den Facebookauftritt der Kampagne aufsucht und sich recht bald folgendem Bild gegenübersieht: Ein hipper Kerl im lilafarbenen T-Shirt sitzt Zeitung lesend – er liest freilich die »TrenntZeitung« – auf einem Abort. Seine Jeans ist, dem Anlass angemessen, heruntergelassen, seinen Schritt verdeckt die Zeitung, die weiße Unterhose aber blitzt unter dem untersten T-Shirtrand hervor – erst daran merkt man, dass der heruntergelassenen Hose keine wiederum Unterhose aufliegt. Ein Bildbeschiss, von dem jedoch der große Haufen leerer Klopapierrollen links neben dem Protagonisten abzulenken trachtet – der Haufen türmt sich nämlich bis zur Höhe der Brustwarzen des Defäkierenden (ein gutes Wort für Kot ist übrigens Dejekt – denkt daran, wenn ihr am Kassettenrekorder wieder auf »Eject« respektive »eject« drückt), und stellenweise ragt er, der Klopapierrollenhaufen, auch empor zu des – pardon my french, aber jetzt wird alliteriert: empor zu des Scheißers Schultern. Rechts unten im Bild wurde ein Textkasten affichiert. (»affichieren« habe ich in anderem Zusammenhang bei Adorno gelesen und bedeutet ›ein Plakat ankleben, befestigen‹.) In dem Textkasten steht wortspielelnd-gewitzt: »Wir brauchen ein neues Rollenverhalten.« Haha, wegen Klorollen und des Dejektors Verbrauch hehe. Und weiters steht die Aufforderung: »Trenne Papier und Pappe in der Papiertonne.« Freunde, scheltet mich einen Barbaren, aber ich sage: Es ist den Zellstoffverwertern wurscht, ob Papier und Pappe in der Papiertonne getrennt, beieinander, nebeneinander oder sogar durcheinander liegen. Und sakrament, lest’s euch halt euren Schamott halt noch einmal durch, bevor ihr ihn plakateweise in der Gegend herumaffichiert. Und sage niemand, es sei ja gar nicht so gemeint gewesen oder immerhin nur fast oder wie.

Der Eisteefabrikant Lipton hinwiederum macht sich schuldig, indem er auf die Plastikbanderole seiner 1,5-Liter-PET-Flaschen neuerdings »Aufdrehen & Loserleben!« draufdruckt. Ob es bei der Firma jemandem aufgefallen ist, dass mit dem notabene und verkehrterweise großgeschriebenen »Loserleben« auch das Loser-Leben dortsteht – es ist vor der Tatsache, dass die Reklameindustrie allen Ernstes bei der gleißenden Granatenidiotie »los-erleben« angekommen ist, fast auch schon wieder wurscht. Von welcher Seite man es auch betrachtet: Mich erfüllt das nur mit heißer Trauer und stummer Wut.